Estelle

Wie wird man vom UK-Underground-Rapper zum Weltstar? Estelle macht es vor. Sympathisch, dynamisch, bodenständig und vor allem verdammt erfolgreich! Estelle ist einfach eine coole Braut. Im Theater in der Spielbank am Potsdamer Platz beantwortet sie uns vor ihrer Show und in bester Laune, alle meine Fragen und das Interview erscheint mehr wie Käffchen mit einer Freundin als alles andere!


 
 

rap.de:  Du bist jetzt schon das zweite Mal dieses Jahr in Berlin. Magst du die Fans hier mehr als woanders?

Estelle: Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich weiß es nicht weil ich das erste Mal hier bei der Live Demo performt habe und glaube, die Meisten dort waren einfach Live Demo Fans in erster Linie. Es waren viele sehr unterschiedliche Leute da, also nehme ich einfach mal an, dass viele Leute meine Musik mögen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist das überall der Fall. Das Publikum ist wild durchmischt mit Jung, Alt, einfach allen möglichen Leuten. Das habe ich “American Boy” zu verdanken. Ich liebe diesen Effekt und bin sehr dankbar dafür.

rap.de: Ich habe sogar mal während einer deiner Auftritte in einem Club in St. Tropez, Denzel Washington im Publikum entdeckt.

Estelle: Hell yeah! An diesem Abend habe ich mich verdammt berühmt gefühlt. Diese Show war der Hammer. Die wollten von mir, dass ich mit unfassbar hohen Schuhen, auf einer winzigen und ebenso hohen Bühne in diesem Club auftrete, was ich für eine schelchte Idee hielt, also bin ich einfach inmitten der Menge aufgetreten. Und dann erblicke ich Denzel Washington im Publikum! Er war einfach für mich als Jugendliche der einzige Erwachsene, der sexy war. So einer mit dem man seine ersten schmutzigen Gedanken hat und dann steht er plötzlich da und mag deine Musik. Shit, da habe ich mich echt berühmt gefühlt! (lacht)

 


rap.de: Was war das letzte Konzert, das du als Zuschauerin besucht hast?

 
Estelle: Raphael Saadiq. Dieser Mann hat soviele Hits, dass dir seine Performance einfach egal ist. Nicht, dass er nicht performt, ganz im Gegenteil, ich habe es geliebt, weil ich gemerkt habe, wie sehr er selber liebt, was er tut. Ich hatte vorher ein Shooting und bin von da aus direkt, ohne Umziehen, ohne gar nichts, zur Show gerast. Ich habe vielleicht die letzten 20 Minuten mitbekommen, aber die habe ich wirklich lauthals genossen. So laut, dass die Leute sich nach mir umdrehten und dann total verdutzt auf mich gezeigt haben, "guck mal, da ist Estelle. Können wir ein Foto mit dir machen?” – “Später, nach der Show, jetzt mache ich Party!” (lacht)

rap.de: Wer ist dein Lieblings-Live-Performer?

Estelle: Busta Rhymes all day! Du musst vor ihm den Hut ziehen. Ich bin Fan. Ich feiere ihn weil er einfach dope und witzig ist. Ich war da 16 Jahre alt und es war das erste Konzert auf dem ich war. Gute Entscheidung meinerseits. Er und Spliff Star haben ihr Ding hervorragend durchgezogen. Gute Vibes, Busta ist ein Biest.

rap.de: Als ich dieses Interview vorbereitet habe, bin ich auf ein Interview mit dir aus dem Jahr 2004 gestoßen, als gerade “1980” rauskam. Darin hast du dich darüber beschwert, dass die Leute dich als Rapperin ansehen. Heutzutage wissen die Wenigsten, dass du überhaupt rappen kannst. 

Estelle: Yeah und ich liebe es. Das ist mein Ding! Du kannst den Rapper in mir nicht wegnehmen, aber ich will als Sängerin angesehen werden. Als Kind wollte ich das gar nicht. Ich habe nie singen wollen. Schon gar nicht Sonntags in der Kirche oder in der Schule. Meine Mutter hat mich mal gefragt wieso? Ich fand mich einfach nicht so gut wie sie, sie war der Maßstab und ich klang anders also wollte ich nicht singen. Jetzt ist das so wie es ist, ich singe und rappe, also kommt alle klar! (lacht)

rap.de: Bist du besser im Rappen oder im Singen?

Estelle:  Ich mache beides gut. Weißt du, das Ding ist, als schwarze Sängerin erwartet jeder, dass du nach Kirche klingst, dass du so wie Whitney klingst aber wir haben nicht alle dieses Talent. Guck dir Diana Ross an. Sie ist nicht Kirche aber sie hat Riesenerfolge gefeiert. Die Leute können nicht erwarten, dass man rauskommt und trällert wie ein Gospel-Star. Ich klinge so wie ich klinge und ich kann das nur als Segen ansehen. Ich bleibe nicht auf einer Spur oder in einem Genre. Der andere Teil war meine Presse-Lady. Sie hat mich als Hip-Hop-Star verkauft und alle verwirrt, bis ich ihr gesagt habe, sie soll verdammt noch mal damit aufhören.

rap.de:  Jetzt bist du bei John Legend’s Homeschool-Records gesignt. Wie kam es dazu und den zahlreichen Kollabos mit amerikanischen Künstlern?

Estelle: Yes! Homeschool-Records in the building! Ich habe Kanye vor circa sechs Jahren auf dem Parkplatz einer Fast-Food-Kette in den Staaten getroffen und von da an ging alles nur bergauf. John und er sahen, wie ich in London struggelte obwohl “1980” ein Erfolg war und ich total viel veröffentlichte. Die meisten Labels haben einfach nicht kapiert, was ich mache und wenn meine Sachen dann raus kamen, haben sie sich an den Kopf gefasst und gesagt, "Mist, wir wussten nicht, dass es ganz so erfolgreich werden würde, Scheiße!“ Aber Kanye und John haben mich gesehen und mich verstanden. Wir haben uns gegenseitig gepusht und unterstützt bei Shows in London und in den Staaten. Sie sind ein Segen. Jedes mal, wenn ich darüber nachdenke, denke ich, dass Alles hätte doch niemand Anderem passieren können. Es war teils Schicksal, teils Glück, teils harte Arbeit. Die lassen dich arbeiten! Aber das Resultat ist unfassbar! Sogar Quincy Jones ruft dich an, weil er mit dir arbeiten will und ich will alles richtig machen, denn er ist einer meiner Idole. Ich bin nicht von meiner Arbeit besessen, auch wenn es als Künstler schwer ist, zufrieden mit seiner Arbeit zu sein. Sogar Kanye fragt mich, kleine Estelle, wie ich seine Arbeit finde. Aber nicht zufrieden zu sein ist gut, das heißt du bist offen und bereit dazuzulernen.

rap.de: Du bist vor kurzem nach NYC gezogen. Hast du die UK-Szene hinter dir gelassen?

Estelle: Ich bin nicht in England gesignt, sondern in den Staaten. Ich habe arbeits-technisch die perfekten Partner gefunden und muss nicht mehr hin- und herfliegen. Keiner ruft mich mehr zu den unmöglichsten Uhrzeiten an und ich kann solange im Studio bleiben, wie ich will. Es gab keine Gründe mehr in London zu bleiben. Das hat nichts mit der Szene zu tun! Es hat einfach nur mein Leben leichter gemacht! 

rap.de: Findest du aber nicht, dass europäische Künstler sich mehr untereinander unterstützen sollten?

Estelle: Doch, das sollten wir, aber gleichzeitig muss man auch verstehen, dass alles auf einem bestimmten Level passiert. Es hätte niemanden gegeben, der sich besser für "Amercian Boy“ geeignet hätte als Kanye. Für "Magnificent“ hat niemand besser gepasst als Kardinal Offishall!

rap.de: Was geht da eigentlich mit dir und Kardi? Er taucht in fast jedem deiner Videos auf!

Estelle: Kardi ist Familie, er ist mein Bruder, real talk. Er und ich haben uns von Anfang an blind verstanden, teils weil wir die gleiche Label-Situation hatten. Wir haben uns immer auf ichat Musik zugeschickt und weil wir beide viel reisen, sind diese Videodrehs manchmal eine Art Familientreffen. Alles auf Business-Ebene. (lacht).

rap.de: Wie kommt es, dass du nur mit männlichen Künstlern kollaborierst? Sind Frauen zu zickig? 

Estelle: Nein, ich würde sehr gerne mit anderen Frauen zusammenarbeiten, aber die haben keine Lust auf mich. Bis zu diesem Album, habe ich jede britische Künstlerin gefeaturt, die es gibt. Jetzt rufen sie nicht mehr zurück, wenn ich sie anrufe. Kein Beef, keine Absicht. Es passiert einfach nicht.

rap.de: Welchen Rat kannst du jungen Künstlern mit auf den Weg geben?

Estelle: Lasst euch nicht erzählen, wer ihr seid. Findet es selbst raus und sucht euch dann das passende Major Label. Heutzutage muss keiner mehr wirklich bei Majors gesignt sein, die meisten sind Indie. Lasst die Majors nicht mit euch spielen, lasst euch erst auf sie ein, wenn ihr bereit seid! Und checkt meine Videoblogs!

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