Deutschlands Vergessene Kinder

Berlin Hellersdorf. Das ist schon fast Brandenburg, zumindest befindet sich die Stadtgrenze in unmittelbarer Nähe und danach kommt plattes Land oder das, was man den Berliner Speckgürtel nennt. Hier regiert der Plattenbau. Einstmals, damals in der DDR, bevorzugte Wohnungen, wegen fließend Warmwasser und Fernwärme, im Gegensatz zu Außentoilette und Kohleofen in Prenzlauer Berg und Mitte, ist der Bezirk heute eher problematisch. Die Arbeitslosigkeit steigt und mit ihr die soziale Verwahrlosung. Zwar ist der Bezirk noch nicht dort angelangt, wo ihn die Betreiber der ARCHE längst sehen und wütende, ehrbare Anwohner wehren sich gegen das Schmuddelimage, doch wer die Räume der christlichen Jugendeinrichtung betritt, der kann schon etwas mitbekommen von Langeweile, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit kurz vom sogenannten
Präkariat. Zwei Bücher hat Wolfgang Büscher in letzter Zeit zusammen mit der ARCHE herausgebracht und das Label Mellowvibes veröffentlichte den Sampler "Deutschlands vergessene Kinder", dessen Einnahmen als Spende an die ARCHE gehen sollen. Wir sprachen mit Wolfgang Büscher über Spenden, sexuell verwahrloste Jugendliche und wie man bis zu 600 Kinder am Tag durchfüttert. (Alle auf den Fotos abgebildeten Personen haben nichts mit den innerhalb des Interviews genannten Menschen und Schicksalen zu tun)

rap.de:
Was ist euer  aktueller Finanzbedarf?

Wolfgang Büscher: Also, so an die tausend Euro bezahlen wir am Tag fürs Essen und da ist das Personal immer noch nicht mit ein gerechnet, deshalb kann man davon ausgehen dass wir mit allem so bei 200.000 Euro im Jahr liegen, nur in Berlin. Wir haben noch eine Arche in Hamburg, in München und dann eben noch die Arche-Schule, das macht so drei Millionen Euro im Jahr. Gerade haben wir auch eine in Potsdam eröffnet, die laufenden Kosten finanzieren wir mit Günther Jauch zusammen. Als nächstes kommen Stuttgart, Düsseldorf, Frankfurt, Köln und Leipzig.

rap.de: Ein expandierendes Unternehmen sozusagen.

Wolfgang Büscher: Die Politik zieht sich ja immer stärker aus der Verantwortung zurück. Von Haus aus bin ich eigentlich Journalist und habe für verschiedene Agenturen gearbeitet, hatte aber noch nie so viel Ärger an der Backe wie jetzt mit der Arche. Wenn man berichtet, wie schlecht es vielen Kindern in Berlin geht, dann schafft man sich natürlich Todfeinde in der Politik, weil es ja kein Geld gibt, um was zu ändern.

rap.de: Warum ist dieses Geld nicht da?

Wolfgang Büscher: Weil es anders verteilt wird. Laut den offiziellen Zahlen leben 36 Prozent aller Kinder in Berlin von Hartz 4. Das muss man sich mal vorstellen! Und wenn man die Kinder mitrechnet, deren Eltern nur ein bisschen mehr verdienen, und denen es auch dreckig geht, dann lebt fast jedes zweite Kind in Berlin in gefühlter Armut.

rap.de: Aber ist das Problem, dass die Eltern keine Arbeit mehr bekommen?

Wolfgang Büscher: Die Frage, warum das so ist, stellt sich ja eigentlich gar nicht. Viele Eltern wollen nicht, viele Eltern können nicht, dann gibt es natürlich auch nicht Arbeit für jeden – aber das Problem sind die Kinder. Die Kinder können ja nichts dafür. Die Zahlen sind massiv angestiegen. Wir haben ja gerade auch ein Buch geschrieben, "Deutschlands Sexuelle Tragödie“ heißt das…

rap.de: Deswegen sind wir ja hier.

Wolfgang Büscher: Ach so, ich dachte eher wegen "Deutschlands Vergessene Kinder“. Egal.

rap.de: Na ja, "Deutschlands Sexuelle Tragödie“ ist für unser Zielpublikum interessanter.

Wolfgang Büscher: Als ich gestern hier war, waren einige Jugendliche da, die wir auch in dem Buch erwähnt haben, und die meinten, dass einer der Rapper, die kürzlich hier waren, auch so ein Porno-Rapper wäre. Unsere Kids kannten jeden Text, die haben oben bei mir gestanden und von der ersten bis zur letzten Zeile alles mitgesungen, auch schon mit 10,12 Jahren. Das, was unsere Kinder hier zum größten Teil hören, ist auf jeden Fall Rapmusik. Durch meinen Auftritt damals bei "Maischberger“ ist ja auch Ben vom Wildstylemag auf mich aufmerksam geworden. Der hat mich angerufen und gesagt „Mensch, wir wollen nicht, dass immer nur über Gangster- und Pornorap geschrieben wird, sondern auch mal über was anderes.“ So ist diese Idee zu "Deutschlands Vergessene Kinder“ eigentlich entstanden.

rap.de: Jetzt würde mich aber trotzdem interessieren, wo da der Ausweg ist. Wenn die Zahl der verarmten Kinder ständig wächst, dann muss ja etwas passieren, was dieses Anwachsen begünstigt.

Wolfgang Büscher: Wir sagen immer, dass man durch drei wesentliche Punkte diese Situation verändern kann. Erstens Bildung, zweitens Bildung und drittens Bildung. Was wir schaffen müssten, wären erheblich kleinere Klassen und mehr Lehrer, aber dafür ist kein Geld da. In unserer Arche-Schule hier ist die höchste Klassenstärke 20 Kinder und wir haben pro Klasse drei Pädagogen. Ein Pädagoge kümmert sich um die ganz normale Mittelstruktur, die ganz normale Klasse, und dann jeweils einer um die Schlechten und um die Guten. Das ist die einzige Chance, um raus zu kommen. So kann man allen Kindern gerecht werden, aber das kostet viel Geld. Banken und Autohersteller unterstützen uns, wir reden mit großen Konzernen, erstellen Konzepte und dadurch finanzieren wir neue Häuser. Dadurch haben wir eben das Geld und können auch unbürokratisch arbeiten.

rap.de: Ist das der Ausweg des modernen Sozialstaates?

Wolfgang Büscher: Ich finde schon, dass sich der Staat eigentlich nicht zurückziehen darf, aber er macht es.

rap.de: Ja gut, aber der Staat wiederum bei den großen Firmen, die auf den Kapitalmarkt auswandern, das Problem, dass er von denen nicht genug Steuergelder bekommt. Die großen Firmen sind natürlich eure Financiers, aber an sich ist das ein kleinerer Betrag von dem, was sie an Gewinnen abschöpfen. Auf der einen Seite finanzieren die Projekte wie euch, auf der anderen Seite streichen die Arbeitsplätze.

Wolfgang Büscher: Das ist sicherlich ein Problem, aber das kann ich ja nicht in allen Bereichen lösen. Neulich hat mir eine Politikerin der Linkspartei in einem Gespräch gesagt „Wenn wir an der Macht wären, würden wir es gesetzlich regeln lassen, dass jemand, der euch hilft, das von der Steuer absetzen kann. Wenn man eine Parteispende macht, geht das auch.“ Das ist im Prinzip schon ok, aber dann muss man ein Gesetz eben so schaffen, dass man keine Steuern hinterziehen kann.

rap.de: Das ist jetzt gar nicht mal das größte Problem. Großbanken versenken 18 Milliarden Euro und ihnen wird vom Staat geholfen.

Wolfgang Büscher: Das ist alles richtig und das zeigt ja auch, dass das Geld da ist, um den Leuten zu helfen, denen man auch helfen muss. Wenn man denen nicht hilft, werden die kriminell. Ich sehe ja, wie das hier in der Praxis läuft. Von meinen 80 Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, werden alle mit 15, 16 Vater oder Mutter. Wir haben hier einen sechzehnjährigen Jungen, von dem drei Mädchen schwanger sind, die 12, 13 und 15 sind. Dem ist das scheißegal, der ist jetzt nach der achten Klasse von der Hauptschule abgegangen. Wir müssen versuchen, dass wir wieder ein System in unsere Arbeit hineinbekommen. Wenn ich hier sehe, dass seit die SPD zusammen mit der kommunistischen Partei regiert, hier in Hellersdorf und Marzahn 60 Prozent aller Jugendeinrichtungen geschlossen wurden weil kein Geld mehr da ist… Da wird dann auch da keine Sozialpolitik geleistet und ich hatte ein langes Vier Augen-Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden von Berlin, Michael Müller. Der hat zu mir gesagt „So lange ihr die Linke dort ärgert, wo sie stark ist, dürfen wir mit euch nicht arbeiten.“ Das finde ich schon ein Armutszeugnis. Die Linken sind auch ein Selbstversorgungsverein geworden. Da geht es um eigene Karrieren, um eigene Mittel. Wir wissen nur, dass die 40 Prozent der Kinder, die in dieser Stadt von Hartz 4 leben, in ein paar Jahren 60 Prozent sind. Da wird das System irgendwann kippen, ganz einfach.

rap.de: Ja, aber andererseits brauchen die Menschen Arbeitsplätze und die schafft wiederum nicht die Politik, sondern die schaffen Unternehmen.

Wolfgang Büscher: Wir bewegen uns hier auf einer philosophischen Diskussionsebene. Ich meine, ich bin von Haus aus politischer Journalist…

rap.de: Also mehr FDP?

Wolfgang Büscher: Nein. Wenn du in einem solchen Laden wie hier lange arbeitest, dann wirfst du jegliches Parteidenken über Bord. Das sind alles Flachwichser! Ja, das kannst du gerne zitieren.

rap.de: (lautes Lachen) Das wird die Überschrift!

Wolfgang Büscher: Es ist so und man kann es auch nicht ändern. Wir haben hier alle Politiker im Haus gehabt: Wowereit, der SPD-Chef, der FDP-Chef, die Sozialsenatorin… Die waren alle hier, haben uns alle Hilfe versprochen und es war alles hohles Geblubber. Die sind nach Hause gegangen und haben nie wieder etwas von sich hören lassen. Als wir dann vor fünf Jahren damit anfingen, über Politik zu diskutieren und unsere Forderungen zu stellen, hat man uns alle Zuschüsse gekürzt und gehofft, dass wir kaputt gehen. Das ist aber nicht passiert und wir sind heute stärker denn je, eröffnen jedes Jahr drei, vier Häuser und die Arbeit dieser Häuser ist jeweils auf zehn Jahre gesichert. Wir haben mit jedem Unternehmen so einen Vertrag, dass das auf zehn Jahre gesichert ist. Ich finde es schlimm, dass Sozialarbeit heute auf diese Weise getragen werden muss, aber man kann es nur so lösen, weil sich die Politik nicht mit einbringen wird. Sie versuchen zwar, die Hand draufzuhalten, aber sie haben kein Geld mehr dafür und geben auch keins aus. Bei der Bankenkrise haben sie erkannt, dass sie helfen und Milliarden auf den Tisch legen müssen, bei der Sozialarbeit erkennen sie es nicht. Sozialhilfe ist ja grundsätzlich nichts schlechtes, aber wenn ein Staat 40 Prozent seiner Kinder nur davon leben und dadurch kaputt gehen lässt, ist das nicht richtig. Das bringt eine Katastrophe über ein Land und das sieht man ja auch. Die Leute wachsen ohne Werte auf, zuhause wird getrunken, das Geld wird für falsche Dinge ausgegeben, weil die Eltern es eben auch nicht anders gelernt haben. Die Kinder übernehmen das dann und werden das mit ihren eigenen Kindern genau so praktizieren.

rap.de: Glaubst du, dass ihr mit eurer Arche Schule die Struktur, in der die Kinder leben, soweit ändern könnt, dass sich das auch auf ihr weiteres Leben auswirkt? Aus ihren Familien kommen sie ja trotzdem nicht raus.

Wolfgang Büscher: Wir hier sind ja eine Ergänzung zur Familie. Was die Eltern nicht leisten können oder wollen, das machen wir. Wir können die Eltern nicht ändern, auch wenn die Politik immer sagt, man müsse die Eltern stärker einbinden. Das geht gar nicht, wenn die Eltern nicht wollen. Man muss versuchen anders zu helfen. Die Schulen müssen mehr Geld haben, damit sie ein Kind, was zum Beispiel im Fußball gut ist oder ein gutes musikalisches Gespür hat, mehr fördern können. Wenn Kinder ihre Stärken entdecken, dann sind sie auch in anderen Bereichen gut. Wir haben hier kürzlich mit einer Journalistin von der BILD-Zeitung einen Kindergipfel gemacht. Da war ein Junge dabei, der sich schon ewig lange ein Spiel für hundert Euro wünschte. Also habe ich das Geld vorgestreckt und sollte das von der BILD-Stiftung "Ein Herz Für Kinder“ wiederbekommen. Ich hatte aber leider wenig Zeit, um das zu kaufen, also habe ich das Geld der Mutter gegeben. Die hat das Geld dann für sich ausgegeben, das Kind hat nicht einen einzigen Cent davon gesehen. Selbst wenn man den Kindern das gekaufte Spiel vorbeibringt, muss man noch vorsichtig sein, damit die Eltern das nicht anschließend verramschen. Das hatten wir alles schon. Mittlerweile machen wir auch Weihnachtsgeschenke immer nur noch bezogen auf schulische Dinge, weil wir es echt schon hatten, das ein Junge ein elektrisches Auto geschenkt gekriegt hat und die Mutter das am nächsten Tag dann bei ebay reingestellt hat.

rap.de: Ist das fehlende Geld das Problem?

Wolfgang Büscher: Nein, wir sagen ja auch, dass eine Hartz 4-Erhöhung wenig bringt. Wenn Mehl jetzt natürlich um 60 Prozent teurer wird, dann muss man das berücksichtigen, aber auch ein höheres Kindergeld würde nichts bringen. Bei manchen ist das natürlich ok, aber bei vielen kommt das nicht an und deshalb fordern wir eine Grundsicherung für Kinder. Das bedeutet einfach, dass Kinder viele Dinge kostenlos bekommen und dazu gehört kostenloses Schulessen, kostenlose Bildung, kostenlose Mitgliedschaft in einem Fußballverein und so weiter. Kürzlich hat das Sozialamt aus Spandau angerufen, weil die einen Jungen da hatten, der unbedingt zur Feuerwehr wollte. Bei der Jugend-Feuerwehr muss man aber die Uniform und die Schuhe selber bezahlen, was 160 Euro kostet. Das haben die nicht gehabt und deshalb haben sie uns gefragt. Wir haben das dem Jungen also bezahlt und das Problem war gelöst, aber die Arche ist ja auch nicht überall. So eine Grundsicherung für Kinder muss es geben. Es gibt ja sogar eine UN-Charta, dass Kinder das Recht auf Gesundheit haben, das Recht darauf haben, etwas zu essen, ein Recht auf Bildung und eben auch das Recht, nicht missbraucht zu werden. Das haben wir oben auch auf einem Plakat stehen. Ein neunjähriger Junge hat uns einen Brief geschrieben in dem steht „Ich habe ein Recht darauf, dass Papa mich nicht missbraucht.“ und wenn das schon Neunjährige schreiben, dann ist das meiner Meinung nach eine recht harte Geschichte. Jedes dritte Kind hier bei uns erlebt zuhause sexuelle Gewalt, das schockt schon.

rap.de: Also wenn man das Buch dazu gelesen hat, vermittelt sich einem schon der Eindruck, dass Sexualität den Alltag bestimmt.

Wolfgang Büscher: Richtig. Sexualität ist wie eine Ersatzdroge, die kein Geld kostet. Wenn man jung und der Körper noch einigermaßen knackig ist, kann man den als Waffe einsetzen. Bei uns ist es so, dass viele Kinder schon mit neun, zehn, elf Jahren anfangen, ihre Sexualität auszuleben. Die erleben eben nicht nur aktive, sondern auch passive sexuelle Gewalt zuhause. Dass Kinder gezwungen sind, ihren Eltern beim Sex zuzugucken oder ihrer Mutter, wenn die einen neuen Lover hat. Dass der Papa vorm Internet sitzt, dass die Mutter mit dem Freund ihrer Tochter schläft, der 13 oder 14 ist – das sind alles Dinge, die gängig sind, die wir hier täglich erleben und es kommt immer wieder etwas, was das noch einmal toppt. Ich habe mein Büro in Mitte, im Haus der Bundespressekonferenz, und es kam ein Junge rein, dessen Geschichte ich auch im Buch beschrieben habe. Der brachte seinen sechzehnjährigen Kumpel mit, der meinte „Ich hätte dir für das Buch auch was erzählen können.“. Seine Freundin und deren Schwester sind Zwillinge, 15 und beide schwanger vom gleichen Jungen, der 14 ist. Ich meine, solche Dinge passieren eigentlich wirklich jeden Tag. Von den 83 Jungs und Mädels, die ich befragt habe, schützen sich zwei regelmäßig, die Mädchen ansonsten tauschen einfach immer die Pille. Die eine nimmt sie Montags, die andere Dienstags oder die nehmen sie immer nur vor dem Sex, wie eine Tablette praktisch. Die Jungs haben alle eine Gummiallergie, ich habe noch nie so viele Allergiker gesehen wie in der Arche. Ich wurde oft von Fernsehsendern gefragt, ob ich nicht mal Lust hätte, mit Frauenarzt zu diskutieren. Ich habe mich ein paar Mal mit dem getroffen, der ist ja auch so ein ganz netter Typ, unkompliziert und lustig, aber diese Pornotexte sind eben nicht zu unterschätzen, weil unsere Kinder danach leben.

 

rap.de: Aber die Frage ist doch, würden sie ohne diese Texte anders leben?

Wolfgang Büscher: Nein, das ist sicher richtig. Die Musik ist nur ein kleiner Multiplikator. Der Grund dafür, dass die Zahl dieser Kinder höher ist als früher, hängt sicher damit zusammen, dass man an solche Sachen einfach einfacher rankommt. Wenn ich mir früher einen Pornofilm ausleihen wollte, musste ich ja erst mal Hemmschwellen überwinden, allein dadurch, dass ich in so einen Videoladen rein musste. Heute gehe ich auf youporn.com, klicke an, dass ich 18 bin, und habe alle Formen der Sexualität vor mir. Mit Tieren, anal…

rap.de: Mit Tieren glaube ich nicht.

Wolfgang Büscher: Gut, aber das Problem ist ja, dass du das heute nur anklicken musst. Der Zugang für Kinder ist zu einfach und viele Kinder brauchen mit 12 auch noch kein Handy, mit dem sie ins Internet gehen können. Neulich hat mir ein Junge ein Handyvideo gezeigt, bei dem drei, vier Jungen Sex mit einem Mädchen hatten. Die waren alle so 14, 15 und dann hat er mich gefragt „Bin ich nicht gut?

rap.de: Wie? Er war da mit dabei?

Wolfgang Büscher:  Ja, die standen da alle mit ihren Zipfelchen und…

rap.de: Und das zeigt er dir?

Wolfgang Büscher: Ja, aber die wissen ja auch, dass ich kein pädagogischer Mitarbeiter bin. Ich bin ein offener Typ, gehe auf die Kinder zu, gehe auch oft zu Familien nach Hause um zu sehen, wie es da abgeht… Der auslösende Faktor ist einfach, dass viele Kinder mit fünf oder sechs Jahren schon zusammen mit ihren Eltern Pornos angucken. Die Eltern sagen dann, dass wäre nur Sex und natürlich, das haben wir wirklich ganz oft.

rap.de: Dass du den Kindern gegenüber nicht totalitär auftrittst, ist klar, aber wie reagierst du dann auf die Eltern?

Wolfgang Büscher: Gar nicht, weil ich bin kein Pädagoge. Ich war damals Kriegsberichterstatter und habe jemandem geholfen. Dadurch hat sich der Krieg verändert, denn ich war nicht mehr Beobachter sondern Beteiligter. Deshalb mische ich mich da absolut nicht ein, nur wenn mir ein Jugendlicher etwas erzählen würde, wo bei mir wirklich die Hutschnur hochgeht, dann würde ich einen der Pädagogen darauf aufmerksam machen. Aber wenn ein Jugendlicher mir, wie beim Buch, seine Lebensgeschichte erzählt hat, dann helfe ich dem nicht oder sage, was er tun soll. Auch wenn ich jemandem für irgendetwas Geld gebe, kläre ich das immer vorher mit den Pädagogen ab. Das ist schon ein enges Miteinander. Hier schreibt uns gerade das Jugendamt in einem Brief, ob wir einer Familie nicht helfen können. Der von der Stadt gestellte Hausmeister würde das nicht machen, weil die Ausländer sind. Hier in Hellersdorf haben wir auch hauptsächlich Kinder, die aus mehreren Generationen deutscher Familien stammen. Hier gibt es kaum Leute mit Migrantenhintergrund. Ich vertrete heute den Standpunkt, dass wir in Deutschland kein Migrantenproblem, sondern ein Bildungsproblem haben. Das gibt es sowohl bei den Migranten, als auch bei uns. Als das Buch fertig war, hat Spiegel TV den ersten Beitrag gebracht und da hat der Journalist einen 19-jährigen Jungen gefragt, woran es denn liegt, dass es ihm so beschissen geht. Da meinte der, es würde an den jüdischen Großbanken liegen. Der konnte das nicht begründen, das war einfach ein dumpfer Spruch. Das erleben wir hier sehr häufig, weil die Kinder sich auch einfach nicht bilden. Ich höre mir auch das Geblubber der ganzen Politiker nicht mehr an. Wenn die davon anfangen, dass man die Eltern stärker einbinden solle, lache ich mir doch einen Ast.

rap.de: Ist deine persönliche Hemmschwelle oder Frustrationsschwelle gesunken? Bist du resistenter geworden?

Wolfgang Büscher: Ja, mit Sicherheit. Ich schreibe jetzt auch deutlicher und bringe die Dinge auf den Punkt. Ich schreibe jetzt nicht mehr drum herum und arbeite mich nicht mehr vor, sondern steige direkt vorne ein. Die Geschichten, die die Kinder dir erzählen, werden immer schockierender und dadurch fängt man an, sie als normal anzusehen. Mal gibt es eine Vorladung wegen Kindesmissbrauch, dann schläft die Mutter mit dem Freund ihrer 15-jährigen Tochter. Das ist wirklich alles zu viel. Letztens kam eine Frau hier vorbei, die mir von ihrem 12-jährigen Nachbarskind erzählte, von der sie weiß, dass sie geschlagen wird und alles und als sie versucht hat zu helfen, sagte ihr das Jugendamt, sie solle sich nicht in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn mischen.

rap.de: Und dann kleben genau diese Leute Plakate überall hin mit der Aufschrift „Schaut nicht weg“.

Wolfgang Büscher: Und genau das ist ja das Problem. Die haben genug zu tun, da ist kein Geld mehr da und deshalb helfen wir jetzt selber. Die haben uns mal als Zeugen geladen bei einem Fall und wir dachten, wir verschieben das mal nach hinten, nur um zu sehen, wie die reagieren und seitens des Amtes gab es da kein Problem. Die wollten es auf Februar verschieben. Ich meine, wenn sie ernsthaft helfen wollten, dann würden die doch sagen, dass das nicht geht, weil es ein wichtiger Fall ist. Da war kein Beamter, der sagte, wir müssten sofort darüber reden oder dass wir uns da mal zusammensetzen sollten. Da war überhaupt kein wahres Interesse. Auf der Pressekonferenz aber waren sie dann da, ganz offiziell kommen sie dann da an, aber haben nichts zu sagen. Wir sind denen wirklich ein Dorn im Auge. In Hellersdorf gibt es sogar Bands, die richtige Hassparolen über mich singen. Das hängt aber damit zu sagen, dass viele Politiker meinen, wir ziehen Hellersdorf und Marzahn in ein schlechtes Licht und lassen es so aussehen, als würde es diese Probleme nur in diesen Bezirken geben. Wobei wir wissen, dass es diese Probleme gibt und zwar in allen Metropolen.

rap.de: Inwiefern ändert ihr denn tatsächlich Sachen? Oder lindert ihr mehr die schlimmste Not?

Wolfgang Büscher: Nein, wir hatten Kinder, die sind jetzt fest im Berufsleben, wir arbeiten eng mit Unternehmen zusammen und jeder, der hier einen Ausbildungsplatz will, kriegt auch einen. Wir haben gute Kontakte und wir schaffen das. Wir nutzen jede Gelegenheit, um über Armut zu reden, insbesondere Kinderarmut und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Es hat sich noch nicht viel verändert, aber wir sind auf dem Weg dahin. Wenn ich hier auch mit unseren Kindern rede, sind die auch heiß. Die wollen arbeiten. Letztens meinte auch wieder ein Politiker wie toll es doch sei, dass sie alle arbeiten und weg von Hartz IV wollen. Aber wie sollen die das denn machen, wenn die Bildung fehlt? Wenn die dann was brauchen, holen sie es sich. Kleinkriminalität ist kein Problem mehr für die.

rap.de: Glaubst du, es läuft auf eine Gesellschaft hinaus, die irgendwann mit Polizeigurt Arm und Reich trennt?

Wolfgang Büscher: Ja, natürlich. Irgendwann wird es hier so sein wie in Südafrika oder Nairobi, wo ich kürzlich erst war. Da sind die besseren Häuser mit Stacheldraht gesichert und das wird passieren. Es werden immer mehr Leute auf der Strecke bleiben, Kriminalität steigt, man wird für zehn Euro töten, wenn man nicht versucht es zu verändern und ich stehe immer noch dahinter, dass man es sehr wohl kann. Nur, wie soll man das schaffen, wenn man die Gruppe um die es geht so ausschließt? In den meisten Fällen werden die Jungs hier kriminell und die Mädchen prostituieren sich sehr jung oder die fangen an sich zu ritzen. Das ist wirklich ein Phänomen, dass viele hier ein Vorstrafenregister haben in einem sehr jungen Alter, aber wenn sie man kennt, dann weiß man, das sind alles ganz Nette.

rap.de: Oft hat man den Eindruck, die Leute lassen einen auch gar nicht an sich ran. Wie geht man damit um?

Wolfgang Büscher: Die Kinder versuchen natürlich auch sich zu schützen. Wenn wir ihnen zum Beispiel neue Schuhe schenken oder so, lassen viele von ihnen die in der Arche stehen, weil Mama das nicht wissen darf, weil die die Schuhe dann versetzen würde, um an das Geld zu kommen. Das muss man alles wissen und dann kriegt man den Dreh im Umgang mit den Kindern raus. Wir gehen auch an die Kinder ran, wenn die Eltern das nicht wollen. Also wir arbeiten da nicht im ungesetzlichen Bereich, es gibt aber Möglichkeiten.

rap.de: Seid ihr Soldaten Gottes im Krieg?

Wolfgang Büscher: Nein, nein. Ich selber komme aus einer ganz anderen Ecke, ich bin konfessionslos und ich hätte das hier auch nie gemacht, wenn ich wüsste, dass wäre ein fanatischer Christenverein. Hier arbeiten auch teilweise Atheisten, Katholiken und so weiter. Ich bin hierhin gekommen, nachdem ich eine zickige Popband betreut habe, die mir einfach zuviel und zu teuer waren. Es musste zum Beispiel immer der beste Friseur sein, das waren drei Mädchen. Dann habe ich die mal hierher gebracht, um ihnen mal zu zeigen, dass es im Leben auch anders sein kann, elend nämlich. Dabei habe ich dann den Pastor kennen gelernt und habe mich mit dem auch nach meinem Besuch noch ein paar Mal unterhalten. So bin ich dann Pressesprecher der Arche geworden. Wir sind ein absolut unpolitischer Verein, wir legen die Hände in die Wunde und sind alle ganz unterschiedliche Leute.

rap.de: Habt ihr was mit der Heilsarmee zu tun?

Wolfgang Büscher: Nein, das hat überhaupt nichts mit der Heilsarmee zu tun. Wir müssen uns auch unabhängig finanzieren und alles. Selbst Spiegelredakteure haben sich hier unter die Mitarbeiter geschlichen, um wahrheitsgetreue Geschichten zu schreiben. Wir kriegen auch kein Geld von irgendeiner Kirche oder irgendeinem Verein.

rap.de: Bis zu welchem Alter kann man Menschen erreichen?

Wolfgang Büscher: Man muss früh anfangen und ihnen Positives vorleben. Man muss ihnen zeigen, dass alles ehrlich gemeint ist und wir da sind, auch nach Feierabend. Man kann nicht sagen: „Es ist Freitag, 18:00 Uhr, ich kann nicht mehr helfen, komm am Montag nach 9 wieder“, dann wäre der Ofen schnell aus. Sorgentelefone sind zum Beispiel ab Freitagabend nicht mehr besetzt. Man muss ehrlich sein und man muss die Initiative ergreifen.Wir können keine Wunder bewirken, aber gute Jobs schaffen für Leute, die weniger gut in der Schule sind. Wir wollen uns mit Stiftungen und Institutionen zusammen tun, um Arbeitgeber zu finden, die bereit sind Azubis einzustellen, die ohne Abschluss von der Schule gegangen sind. Was hat ein Hauptschulabschluss mit meinen Fähigkeiten als Kfz-Mechaniker zu tun? Ich bin selber im schulischen Bereich komplett gescheitert und bin mit 16 von zu Hause nach Israel abgehauen und habe dort dann anderthalb Jahre gearbeitet. Bin dann zurück, habe den Wehrdienst verweigert und daraufhin zwei Jahre Gefängnis ohne Bewährung bekommen. Ich habe dann drei Monate abgesessen, habe danach eine Schriftsetzerlehre gemacht, wollte Journalist werden und bin dann einfach in damalige Kriegsgebiete wie Chile oder Argentinien oder nach Afrika gefahren um für Radiosender und Zeitungen zu schreiben. Als ich dann zurückgekommen bin, habe ich beim Kölner Stadtanzeiger angefangen, ohne jede journalistische Ausbildung. Heute schreibe ich Schulbücher, obwohl ich zwei Mal sitzen geblieben bin. Ich habe gerade ein Angebot bekommen, ein Schulbuch für den Biologie Unterricht zu schreiben, darüber wie wir uns Aufklärung vorstellen.

rap.de: Wie stellt ihr euch Aufklärung vor?

Wolfgang Büscher: Also nicht, indem man Kindern mit 12 Jahren Kondome in die Hand drückt. Das bringt nämlich nichts. Man muss ihnen viel mehr alternative Lebensformen aufzeigen und nicht, dass sich ab 11 Jahren alles um Sex dreht, sondern das auch die Beziehung eine Rolle spielt. Unsere Kinder wollen eigentlich vor allem eins: Ein spießiges und korrektes Leben führen, wie es die meisten Rapper auch tun. Die gehen abends raus, singen ein revolutionäres Lied, machen auf hart und gehen dann nach Hause zur Mami oder zur Frau und kuscheln. Sonntag schneiden sie die Hecken und mähen den Rasen. Unsere Kids gehen aber nach Hause und sagen: „Ey, hast du gehört was der gesungen hat? Vergewaltige ne Frau und so.“ Und dann rappen die den Text nach und das ist das Problem. Sie differenzieren nicht. Lady Bitch Ray war da für mich ein ganz typisches Beispiel. Sie war ein bisschen sauer, weil ich mich ab und zu ein bisschen mit ihr gefetzt habe und dann erzählt mir eine Kollegin, Lady Bitch Ray habe ihr nach einer Sendung erzählt, sie hätte erst einen Freund gehabt und mit dem war sie jahrelang zusammen. Und dann tut sie so, als ob sie ständig… Das ist das wirklich verlogene an der ganzen Geschichte. Wenn sie wenigstens so leben würde, dann wäre das ja noch was anderes.

rap.de: Da ist wohl die Realness abhanden gekommen.

Wolfgang Büscher: (lacht)  Wir haben ja jetzt Frauenarzt mit im Boot und ich dachte immer: Oh Gott, was muss der Typ für ein Arschloch sein. Jetzt arbeiten wir zusammen und ich stelle fest, der ist ein Supertyp und denkt gar nicht viel anders als ich. Der hat aber natürlich das Problem, dass wenn er jetzt etwas anders macht, ihm die Fans weglaufen und er keine CDs mehr verkauft.
 

rap.de: Es ist ja auch in Ordnung so zu leben. Jeder kann das – ab einem gewissen Alter – ja selbst entscheiden.

Wolfgang Büscher: Das ist richtig. Er hat das Problem ja auch erkannt, wenn er sagt „Meine Lieder sind nicht für 12jährige Kinder“ und da muss man dann auch vorsichtig sein. Die Kinder hier wünschen sich ja alle Beziehungen. Alle. Ich lebe anders als viele dieser Kids sich das wünschen. Ich meine, ich bin verheiratet, habe aber zum Beispiel keine Kinder. Wir gehen aber immer noch in Clubs tanzen, haben viele junge Bekannte und Freunde. Viele der Kids wollen ein viel spießigeres Leben, wünschen sich einen Hund, eine Frau beziehungsweise einen Mann, einen Job und ein relativ sicheres Leben, aber können das nicht führen.

rap.de: Aber das ist sicherlich das schwierigste überhaupt: Eine befriedigende Beziehung zu führen.

Wolfgang Büscher: Natürlich. Bei den meisten der Kinder hier ist es so, dass wenn sie sich mal mit der Freundin streiten, sie sich halt trennen und mit der nächsten schlafen.

rap.de: Das ist aber kein Problem dieser Schicht, sondern eine gesellschaftliches Problem.

Wolfgang Büscher: Ja, aber nur in emotional armen Bereichen. Wenn ich mit den richtigen Werten aufwachse, kann ich auch mit allen anderen Dingen umgehen.

rap.de: Wusstest du, dass die Scheidungsrate im Allgäu am höchsten ist?

Wolfgang Büscher: Das wusste ich nicht, aber ich sehe es ja im eigenen Bekanntenkreis. Wer ist da heute noch mit seiner ersten Frau zusammen?

rap.de: Aber das ist doch ein Problem.

Wolfgang Büscher: Da kann man sich aber nicht vor schützen. Es geht ja viel mehr darum, dass man mit gewissen Werten aufwachsen muss, um gewisse Lebensformen durchzuhalten und anzunehmen. Wenn ich nicht lerne, Konflikte in einer Beziehung auszutragen, dann geht eine Beziehung halt ganz schnell kaputt. Viele Kinder wachsen so ohne Werte auf, das kann man sich gar nicht vorstellen. Die leben wie in einer Parallelwelt zu unserer und verstehen dadurch uns nicht und wir sie nicht. Ich habe, wenn ich in Familien war, Dinge gesehen, die sollte es wirklich nicht geben. Neulich kam hier morgens um neun eine Frau rein, die war blutüberströmt, der ganze Körper eine Wunde. Und dann erzählte sie mir, dass sie einen neuen Freund hat, ihr Mann aber noch keine neue Wohnung. Also hat sie mit ihrem neuen Freund im Ehebett übernachtet und auch Sex gehabt, während ihr Mann vor der Tür auf der Couch schlief und das natürlich mitbekam. Der war auch noch Säufer und hat sie dann so zusammengeschlagen. Das war natürlich ungeschickt von ihr, natürlich gibt es ihrem Mann aber auch kein Recht, sie so zu schlagen.

rap.de: Warum macht sie das dann? Checkt sie das nicht?

Wolfgang Büscher: Nein, sie checkt es nicht. Genau das ist es.

rap.de: Du meinst sie denkt „Das ist ok, so wird’s gemacht, das ist normal“?

Wolfgang Büscher: Genau. Das erträgt halt kaum einer. Oder im Buch geht es ja auch darum, dass es Kinder gibt, die ihren Eltern beim Sex zugucken. Ok, dass das mal passiert ist was anderes, aber ich habe immer gedacht meine Mutter hat keinen Sex.

 

rap.de: Man will es auf jeden Fall nicht wissen. Findest du auch, dass der Dialog abbricht zwischen den Schichten?

Wolfgang Büscher: Das auf jeden Fall.

rap.de: Wie kann man das verhindern?

Wolfgang Büscher: Es muss immer Extreme geben und die hat es auch immer schon gegeben. Wir müssen aber darauf achten, dass die Extreme so klein wie möglich bleiben. Also das wir die so genannten unteren Bildungsschichten halt durch Bildung verändern. Das geht nur so. Das geht nur mit Bildung, Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Das ist die einzige Chance, damit wieder miteinander gesprochen wird. Wir reden ja hier auch von nicht stattfindender Bildung. Wenn wir unsere Jugendlichen hier fragen würden: „Wie heißt unsere Bundeskanzlerin?“ Die Hälfte würde wahrscheinlich sagen: „Keine Ahnung.

rap.de: Nun hat Bildung aber auch was mit Arbeit zu tun, mit Selbstdisziplin, mit morgens aufstehen und gilt als nicht cool. Und das ist doch auch ein Problem, dass Rapper sagen „Wer in die Schule geht, ist ein Eierkopf.“

Wolfgang Büscher: Und der Rapper selbst geht in die Schule, klar, das ist ein Problem. Also ich habe bei den Erfolgreichen noch keinen Doofen kennen gelernt. Frauenarzt weiß zum Beispiel sehr gut was er will und wo er hin will.

 

rap.de: Ist das Problem, das Rapper sich normalerweise dümmer darstellen als sie sind?

Wolfgang Büscher: Wenn sie dumm wären, hätten sie in der Regel keinen Erfolg. Sie würden ihre Konzerte verpassen und hätten einfach nicht die Disziplin, etwas durchzuhalten. Ben hat einigen Jugendlichen aus dem Rapworkshop angeboten auf seiner CD stattzufinden. Die sind dann drei Mal gekommen und dann war Schluss. Da hieß es dann: „Wie? Noch mal ins Studio? Noch mal einsingen? Nee, keinen Bock.“ Und dann bleiben sie zu Hause und kiffen. Wenn die was durchziehen würden, wäre das schon ein Erfolg.

rap.de: Ok. Und wie kriegt man die Leute dorthin?

Wolfgang Büscher: Der Schlüssel ist Bildung, ich kann es nur immer wieder sagen. Man muss sich darum kümmern, den Kindern außerhalb und unabhängig von ihrem Elternhaus Bildung zu vermitteln. Das muss auch unabhängig vom Einkommen der Eltern passieren. Die einzige Chance ist Bildung, mit Bildung kommt alles andere. Wenn ich die Intelligenz habe darüber zu reflektieren wie ich lebe, dann kann ich Dinge verändern und das geht nur mit Bildung und Schule. Das regt mich auch bei Rap immer wieder so auf, dass unsere Kinder das ungefiltert nachleben und nicht unterscheiden können, was ehrlich gemeint ist und was nicht.

rap.de: Wie stelle ich mir das praktisch vor? Unterrichtet ihr auch anders an der Arche Schule?

Wolfgang Büscher: Nein, wir unterrichten nicht anders, wir können uns nur intensiver mit den Kindern beschäftigen. Nehmen wir an, ich habe eine Klasse mit 35 Schülern, davon haben 10 keinen Bock und nur zwei sind wirklich motiviert, dann muss ich mich normalerweise ungefähr aufs Mittelfeld einstellen und alle sind genervt. Die Motivierten, weil sie unterfordert sind und die Schlechten, weil sie überfordert sind. Wenn ich jetzt aber einen Pädagogen habe, der sich nur um die schlechten Schüler kümmert, wird man auch nicht alle Probleme erreichen und lösen, aber in einer Klasse, in der man unter normalen Umständen nur zehn durchbekommen würde, halt 20 durchbekommt. Ich habe heute gehört, dass 60% der Hauptschüler keine Lehrstelle bekommen.

rap.de: Du hast es vorhin schon gesagt: Nur 7% der Leute die einen akademischen Abschluss machen, kommen aus Nicht Akademiker Familien. Das heißt, 93% haben schon akademisch vorgebildete Eltern.

Wolfgang Büscher: Und genauso ist auch die Kinderarmut vererbbar. Abgesehen davon, haben wir übrigens unheimlich viele Analphabeten in Deutschland. Viele Leute, die hier arbeiten, sind übrigen Väter und Mütter von Kindern, die sie selbst zur Arche gebracht haben. Wir versuchen also auch den Eltern, die Interesse haben, wieder einen Job zu geben. Hier arbeiten viele Betroffene, denen wir die Chance geben sich durch einen Job wieder im Arbeitsleben zu integrieren.

rap.de: Wie geht man mit Enttäuschungen um, wenn man Menschen mehrere Chancen gibt und sie die wiederholt versemmeln?

Wolfgang Büscher: Da muss man sich emotional abkapseln. Ich mache hier zum Beispiel auch keine Freundschaften. Das Mädchen, was da drüben sitzt, sagt zum Beispiel, sie war schon mit über 400 Jungs im Bett. Und die Mutter war mit ihr bei Stern TV und hat zum Beispiel auch erzählt, dass immer wenn sie Fahrrad fahren, sie das ohne Sattel machen. Das sind schon harte Sachen. Ab und zu bekommen die Kinder, wenn sie zum Beispiel ein Interview fürs Fernsehen oder so geben, von mir dann 10 oder 20 Euro und dass sie sich davon dann was zum Kiffen kaufen, ist mir schon klar, dass kann man aber auch nicht verhindern. Das Problem ist ja auch nicht, dass man mal am Joint zieht oder so, die Frage ist, ob man damit Leben kann, ohne es zu missbrauchen? Das gleiche Problem stellt sich beim Alkohol. Wenn ich mit Freunden in der Kneipe sitze, dann trinke ich natürlich kein Mineralwasser, sondern ein Bier und darauf würde ich auch nicht verzichten wollen. Aber dann dort 30 zu trinken, das ist ein Problem. Und wenn die Kids Partys feiern, dann fangen die mittags an und hören morgens auf.

rap.de: Das ist doch aber ein Gesellschaftsproblem. Nur das die einen das als Phase haben und die anderen nicht damit abschließen.

Wolfgang Büscher: Genau, das ist das Problem und der Unterschied. Wenn ich nach Hause gehe und gekifft habe und nach Hause gehe und die Eltern riechen das, dann bekommen sie zumindest einen Druck auferlegt. Ich habe das auch lange genug gemacht, bis ich mir gesagt habe ich gebe jetzt Gas, aber unsere Kinder bleiben halt hängen.

rap.de: Was wünscht du dir von Rappern?

Wolfgang Büscher: Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam aufzeigen, dass Hip Hop nicht nur Gangsterrap und Pornorap ist, obwohl ich weiß, dass die Medien das gerne so darstellen.

rap.de: Na gut, aber das ist es ja, was die Kinder hören wollen.
Wolfgang Büscher: Ich habe mir die CD, die wir gemacht haben, angehört und bin ja auch mit Musikern bei Radio Fritz gewesen und so weiter und es gibt einfach schon ein paar schöne Sachen. Taichi fand ich ganz gut, ich finde den Colos mit seiner Vergangenheit ganz spannend, der natürlich sagt „Was habt ihr hier für Luxusprobleme in eurer Wohlstandsgesellschaft?“ Ich kenne den Xavier Naidoo, der macht öfter mal was für die Arche. Ich war auch schon auf einem Bushido Konzert. Ich finde aber schade, wenn man die Einstellung, die sie vorher hatten so verharmlost. Also dass zum Beispiel bei diesem kostenlosen Konzert in der O2 World, Lehrer die sich als Bushido verkleiden, dann ihre ganze Klasse mitbringen dürfen. Die Leute die von zu Hause aus keine Maßregelungen kennen, bleiben auch dadurch auf der Strecke. Die Hip Hopper sind mit Sicherheit nicht das Wesentliche, aber einige bleiben auf der Strecke, weil sie zu Hause keinen Filter für diese Sachen haben. Du wirst vermutlich auch mit deinem 14-jährigen Sohn kein Wettsaufen machen, ich darf hier mit einem 16-jährigen Kind auch kein Bier trinken gehen, mit den 16jährigen Kindern von meinen Freunden darf ich das. Da war ich zum Beispiel neulich mit dem Sohn eines Freundes zwei Bier trinken und dann geht das, der Junge weiß, dass er das zu Hause noch nicht darf. Die Kinder von hier würden kein Ende finden und sich zehn Flaschen an den Hals setzen.

rap.de: Und die Eltern würden dazu auch nichts sagen.

Wolfgang Büscher: Genau, die würden dazu nichts sagen. Wir haben auch kein sexfeindliches Buch geschrieben und wir wollen auch bestimmt nicht den Finger heben, wir wollen nur damit sagen, dass viele Kinder sich irgendwann nicht mehr so berühren können, wie sie es gerne möchten, weil sie den Bereich nämlich gar nicht kennen.

rap.de: Danke für dieses Gespräch.

 

  

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