Casper/Prinz Pi

Prinz Pi und Casper fahren durch die Lande. Und weil diese beiden Künstler wahnsinnig volksnah sind und euch alle lieben, treten sie für umsonst auf, auf einem Bus. Die Veranstaltungsorte durftet ihr selbst wählen, ihr Ende findet die von Redbull gesponserte Tour am Donnerstag vor den Pforten des Splash. Für alle, die gerne dabeigewesen wären, es aber aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft haben, hat rap.de keine Kosten und Mühen gescheut und präsentiert euch hier den ultimativen Konzertbericht.

Haben wir Lust auf ein Konzert von Prinz Pi und Casper zu fahren? Klar, haben wir. Erstes Problem, das Konzert ist in Bielefeld. Zweites Problem, der unermessliche Reichtum der rap.de Redaktion reichte leider bisher noch nicht für einen Firmenwagen. Wer will, kann spenden. Also fahren wir mit dem Smart meines Kollegen. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 140 Km/h und dem Gefühl, dass man in einem Zweisitzer nicht selbst bestimmt, auf welcher Spur man fahren will, sondern Bernd in dem LKW neben einem, verließen wir Berlin. Berlin und sein wunderschönes Wetter.

Wenig später befanden wir uns in einem Sturm, bei dem man die Straße vor einem aufgrund der Regenmassen nur noch erahnen konnte. Alles nur für euch, für die Story. Ich sah die Schlagzeile schon vor mir: Journalisten auf dem Weg zu Prinz Pi in Donnerwetter verunglückt. Die Natur beliebt zu kalauern, wer die Anspielung verstanden hat, darf sie behalten.

 rap.de: Weißt du, wer gestern das Konzert an der Universität verboten hat?

Casper: Das war glaube ich der Dekan höchst selbst. Das Ding ist ja, dass die Leute von der Uni von der Sache bereits Wind bekommen hatten und angekündigt haben „Hier passiert gar nichts!“. Wir waren ja gerade erst angekommen und da standen die da schon. Es gibt jetzt auch irgendwie dieses Gruppierungsgesetz: sobald man  mehr als zu sechst ist, muss man ein Versammlungsrecht einholen. Ich glaube, das wird auch noch ein Nachspiel geben. Als wir da abgehauen sind, sah der Parkplatz ziemlich kacke aus. Aber die Leute von dem Forum fanden das schon richtig geil, die haben ja auch die ganze Zeit aus den Fenstern zugeguckt. Es war auch so krass, wo die Leute alle herkamen. Da war ein Typ aus Lübeck, mit dem wir auch immer abhängen. Der hat mir dann auf dem Rückweg auch geschrieben. Auf der Autobahn war Vollsperrung, drei Stunden im Stau gestanden, dann auch noch Batterie ausgefallen und dann noch zwei Stunden nach Hause gefahren. Der war um acht Uhr morgens zu Hause und hatte um Neun eine krass wichtige Uni-Prüfung. Das war sein dritter Versuch und wenn er das dieses Mal nicht schafft, wird er exmatrikuliert. Und trotzdem war der da. Ich hatte wirklich Mega-Respekt vor den Leuten, die da waren. Das waren bestimmt 150, 200. Ich hätte mir das nicht gegeben, mit dem Regen und so. Ich wäre abgehauen.

rap.de: Wirst du in Bielefeld eigentlich auf der Straße erkannt?

Casper: Ich glaube schon, dass ich öfter erkannt oder gesehen werde, weil ich öfters auch Mails bei MySpace kriege, aber so richtig angequatscht werde ich nicht. Bielefeld hat auch eine sehr große Hip Hop Szene. Ich würde Bielefeld in fast allen Belangen mit Berlin vergleichen, das ist wie so ein kleines Berlin eigentlich. Früher sind hier auch die ganzen BC-Leute zum Sprühen gewesen. Es gibt superviel Atzenrap-Kram, z.B. Hard Soul. Die sind richtig geil, die sollte man sich mal anhören. Es gibt sogar ein relativ großes Label in dem Genre, die heißen Harlem City. Die machen mehr so dieses Straßenrap-Ding und werden meine Musik glaube ich auch nicht hören. Dann gibt es noch viel so Backpacker-Rap, aber coole Sachen. Tunnelblick sind hier aus der Gegend, falls ihr das kennt, und Leute, die so Dipset-Snaga und Pillath-Punchline-Kram machen. Es gibt auf jeden Fall eine riesige Szene, aber ich glaube, die Leute, die meinen Kram hören, kommen nicht aus der Szene. Es ist auch richtig krass in Bielefeld, dass keiner dem Anderen was gönnt. Ich bin mit vielen Leuten cool, aber es ist schon so, dass sich das bei vielen geändert hat. Früher war das so „Ey, ich habe eine Radiosendung. Hast du nicht Lust zu kommen?“ und als es dann bei mir so losging, war plötzlich nichts mehr und auch keine Chance mehr, da reinzukommen. Auf der Release-Party  von "Hin Zur Sonne“ waren vielleicht vierhundert Zahlende, aber von der Hip Hop Szene war kaum einer da.

rap.de: Was für Leute sind da gekommen?

Casper: Viele echt so normale Rocker, die open minded sind. Dann ein ganz kleiner Bruchteil, die vielleicht schon Fan von mir waren, als ich noch bei meiner Metal Band war und es gibt halt auch viele Studenten, Alleshörer und, auch wenn das jetzt Klischee-bestätigend ist, so Emo- und Elektro-Leute. So MySpace-Hipster, sage ich mal.

rap.de: ist dir das ein bisschen peinlich?

Casper: Nö, ich bin ja eh so: wenn die Leute auf eine Casper-Show kommen, dann können die aussehen wie sie wollen, rumlaufen wie sie wollen, tanzen wie sie wollen, abgehen wie sie wollen und machen was sie wollen. Ich hätte auch ehrlich gesagt ein Problem damit, wenn ich irgendwo hinkomme und da sind nur Rocker oder nur Rapper oder nur Elektro-Leute.

Und wer jetzt denkt, ich soll mal nicht rumheulen, so schlimm kann es nicht gewesen sein, liegt falsch. Meine düsteren Vorahnungen in diesem Smart waren begründet, das sollte sich jedoch erst auf der Rückfahrt herausstellen. Je mehr die Entfernung zur Universitätsstadt Bielefeld schrumpfte, desto dringender wurde die Frage, wie sollen wir ohne Navi oder Stadtplan den Veranstaltungsort finden? Mit Glück, natürlich.

Ich saß verträumt auf dem Beifahrersitz und hing meinen schmutzigen Gedanken nach, als ich vor uns einen alten beigen VW-Bus sah. Auf der Seite stand in großen Buchstaben “Prinz Pi“. Ganz ehrlich, ich wollte gerade sagen, guck mal, was für ein Zufall, da hat irgendjemand seinen Bus “Prinz Pi“ genannt. Zugegeben, manchmal bin ich etwas langsam.

Im Undercover-Verfolgungsmodus haben wir dann den Veranstaltungsort gefunden: den Parkplatz der Uni Bielefeld. Der Plan der Tourette-Tour von Casper und Pi war es, Woodstock-like und total verboten durch Schland zu fahren und auf dem Dach dieses Busses aufzutreten. Geile Idee. Eigentlich sollte man auch meinen, gerade eine Einrichtung wie die Uni Bielefeld habe nichts dagegen, wenn zwei liebe Jungs, dazu noch beide Studenten, ein wenig vor der Uni musizieren.

Ich meine, wir sind für Pis Manager sogar noch mal losgefahren um Mülltüten zu kaufen, damit nach dem Konzert der Platz wieder gesäubert werden kann. Es gab also nichts, woran der Ottonormalverbraucher Anstoß nehmen konnte. Leider sahen das ein Dekan plus seine treuen Sicherheitsjungs anders. Ich konnte der nun folgenden Diskussion leider nicht wirklich folgen, da ich fasziniert auf den riesigen Leberfleck im Nacken des Dekans starren musste. Kennt jemand die Szene aus Austin Powers, als der bei seinem Gegenüber diese Warze entdeckt? So etwa.

 rap.de: Wie kommt es, dass du sowohl Metal als auch Hip Hop hörst?

Casper: Ich habe zuletzt in so `ner Oldschool-Hardcore Band gespielt und das ist eigentlich auch mehr so die Musik, die ich höre. Ich bin halt in Amerika groß geworden und da habe ich aufgrund meines dunkelhäutigen Stiefvaters auch immer diese ganzen Rap-Sachen gehört, Daddy Kane, die ganz frühen N.W.A.– und LL Cool J-Sachen. Das fand ich richtig geil und dann kam ich nach Deutschland und hier gab es Hip Hop-mäßig halt gar nichts, da war ich Elf oder Zwölf. Das war hier einfach nicht angesagt und es war auch schwer an Platten zu kommen. Und hier bin ich dann total auf dieses Punk-Ding angefixt worden und bin dann mit 13, 14, 15 dieser Iro-Dosenbier-Spielplatz-Punk gewesen. Die ersten Singles, bei denen ich mir dachte "Boah, es gibt doch Hip Hop in Deutschland“ waren von Eins Zwo und Blumentopf. Dann kamen Doppelkopf, Beginner, irgendwann dieser Berlin-Kram. Ich habe das immer alles nebenbei gehört, hatte aber gleichzeitig auch noch meine Punker-Kumpels und bin mit denen immer zu Konzerten gefahren und höre auch jetzt eigentlich mehr Elektro und Punk als Rap.

rap.de: Was hörst du da an Deutschrap?

Casper: Tua zum Beispiel. Von seiner EP jetzt bin ich ein Riesenfan, die finde ich richtig, richtig geil. Pi bin ich Fan von, Kollegah finde ich sehr cool, ansonsten aber auch nur Sachen von Kumpels. Viele von meinen Freunden aus dem Hardcore-Bereich haben das "Donnerwetter!“-Album, oder pumpen auch auf der Fahrt zum Club das Usher-Album und von befreundeten Bands weiß ich, dass die "Hahnenkampf“ total super finden. Wenn man aber andererseits versucht, Rap-Leuten was Punkiges zu zeigen, sagen die "Das ist total behindert, das höre ich nicht“. Und klar sagen die Rocker "Ey, die laufen einfach rum wie Spasten“, aber die Rapper sagen das ja genauso. Ich glaube die Offenheit ist einfach unter den Fans im Hip Hop nicht gegeben, unter den Künstlern ist das aber immer total offen und cool. Rap CDs, die es wirklich auch in mein Case schaffen, gibt es ganz, ganz wenige.

rap.de: Wie kommt es, dass es von dir eigentlich noch gar kein Musikvideo gibt?

Casper: Ich bin ja auch ein ganz schlimmer Künstler. Wenn das Label ankommt und sagt "Wir brauchen jetzt das Album!“, dann sage ich "Aber ich bin ein Künstler und ich muss diese Kunst-Platte machen! Jedes Wort muss sitzen und jede Zeile muss eine Waffe sein, jeder Beat muss knallen, aber nicht einzeln. Das ganze Album muss Sinn machen und Tom du musst verstehen: ich kann das Album erst in drei Monaten abgeben!“ und dann waren wir mit dem Album so beschäftigt, hatten zwar auch schon Leute für das Video angeheuert, aber dann wurde das alles wieder über den Haufen geworfen und irgendwann war es dann auch zu spät. Wir sind auch ein sehr kleines Indielabel und müssen da immer abwägen. Jetzt, nach dem Albumrelease, hätte das Promo-mäßig auch keinen Sinn mehr.

rap.de: Zu welchem Lied würdest du denn gerne ein Video machen?

Casper: Es wird vielleicht so laufen, dass wir "Deine Jugend“ mit einer bekannteren Band neu einspielen und dazu vielleicht ein Video machen, was dann bei MTV eingereicht wird. Momentan sind wir ja mit Turbostaat in Verhandlung, ich bin weltgrößter Turbostaat-Fan.

Hellhörig wurde ich erst wieder, als einer der Sicherheitsbeamten meinte, er rufe nun die Polizei. Dieses beliebte Todschlagargument brachte dann Casper, Prinz Pi und ihre Entourage dazu, in den Bus zu steigen und einen anderen Ort anzusteuern. Welchen war leider noch nicht klar. Wir in unserem Smart waren da natürlich gut dran, die etwa hundert Fans, die sich zu diesem Zeitpunkt vor der Uni eingefunden hatten, leider nicht.

Sie mussten laufen und waren bezüglich des Ziels auf Mundpropaganda angewiesen. Hinzu kam, dass sich am Horizont langsam ein apokalyptisches Unwetter zusammenbraute. Es begann eine zweistündige Odyssee durch Bielefeld. In mir reifte die Ahnung, dass der Auftritt entweder richtig scheiße, oder aber verdammt großartig werden würde.

Entweder würden die Fans genervt sein und nicht mehr auf dem Konzert erscheinen, zumal auch langsam aber sicher der Regen einsetzte. Oder aber es würde sich aufgrund des langen Wartens, des Wetters und der Ungewissheit eine Spannung aufbauen, die sich später während des Konzertes entladen und dieses so zu einem unvergesslichen Erlebnis machen würde. Letzteres war dann der Fall. Nachdem wir jede Ecke Bielefelds besucht hatten, endete unsere Reise auf dem Parkplatz vor einem Jugendclub namens “Forum“. Und trotz stetig heftigerem Regen tauchten immer mehr Fans auf. Sehr, sehr euphorische Fans. Gerade Casper genießt ja in Bielefeld einen nicht zu unterschätzenden Lokalheldenstatus.

Während die Crew im sintflutartigen Regen auf dem Dach des Busses die Boxen aufbaute,  heizten Pi, Cas und Max, ein Freund Caspers, der mittlerweile bis auf den Schlüpper durchnässten Menge mit einem Megaphon ein. Pi: “Wären wir in Afrika, würdet ihr euch über den Regen freuen!“. Stimmt, sind wir aber nicht. Trotzdem freuen wir uns. Als die Technik dann stand, performten beide abwechselnd neue und auch ältere Tracks und spätestens bei Pis “Zünd Die Welt An“ gab es dann kein Halten mehr. Kollektives Schlammspringen, bei dem ganz genau niemand mehr trocken blieb. Auch aufgrund des Einen oder Anderen durchnässten Tops lag eine gewisse Erotik über diesem Bielefelder Parkplatz.

rap.de: In einem anderen Interview hast du gesagt, dass du bei einem Einstieg in die Charts nackig rumlaufen würdest.

Casper: Ja, das war mal aus Spaß gesagt und hat dann irgendwie die Runde gemacht. Diese ganzen Rapper tun immer so, als wäre ihnen das egal und das kotzt mich so an, denn ich schwöre dir: jeder freut sich! Ich meinte dann, wenn ich in die Charts komme, kaufe ich mir zwanzig Paletten Bier, dann ist die Wohnung offen und ich renne nackt rum. Je näher die Verkaufszahlen da ran kamen, desto öfter meinte ich "Ey Tom, ich mach das dann nicht!“. Mzee.com meinten dann auch, dass sie das filmen und auch die Startseite packen wollen. Deshalb war ich dann im Endeffekt auch ganz froh, dass das nicht eingetreten ist.

rap.de: Du verrätst in deinen Texten ja ziemlich viel über dich. Fällt es dir schwer, das dann rauszubringen?

Casper: Absolut gar nicht. Auf der neuen Tua-Platte ist so `ne Hook, wo er sagt "Meine Lieblingslieder handeln von Schmerz und ich kann nicht mal sagen, warum“ und das ist bei mir wirklich ganz genau so. Wenn ich meine zehn Lieblingssongs aufzählen müsste, wären das wirklich die depressivsten und ehrlichsten Songs und ich finde auch einfach: was bringt es denn, eine Platte rauszuhauen, die so total "Mütter ficken, Auto fahren, Disko, Gläser an die Wand schmeißen, Leute verprügeln, mein Block, mein Viertel und dann am Schluss so der obligatorische Mutter-Song“ sind? Das finde ich kacke. Ich mag einfach Gänsehaut-Mucke, wo ich merke, dass der mir wirklich was aus seinem Leben erzählt. Es ist für andere Leute ja auch immer sehr einfach, sich hinter irgendwelchen Floskeln zu verstecken. Man beweist eigentlich viel mehr Eier, wenn man sich für andere Leute mit persönlichen Aussagen angreifbar macht. Ich finde, der beste Song, den ich jemals geschrieben habe, ist auch "Lippen Lesen“. Das war so eine Momentaufnahme. Den habe ich wirklich in zehn Minuten geschrieben und da sind einfach Vergleiche drin, wo ich mir denke, dass ich da nie wieder drauf kommen werde. "Meine Haut aus Glas bricht, wenn deine Blicke Steine werfen“, das ist für mich einfach das Krasseste, was ich je geschrieben habe. Auf "Hundeleben“ oder "Kein Held“ bin ich auch stolz.

rap.de: Was hältst du von Gangster-Rap?

Casper: Rapper kommen ja momentan an und sagen "Mich kannst du nicht von der Bühne klatschen, ich habe die krasseste Gang und mein Viertel steht hinter mir“ und ich finde es dann geil, wenn Leute sagen, wie es halt wirklich ist. Ich glaube auch, dass viele Rapper nach der Massiv-Sache hoffen, dass ihnen nichts passiert. Jeder sollte einfach das machen, was er am  Besten kann und was auch authentisch wirkt. Ich fand das Kollegah Album geil, das letzte Fler Album und ich finde auch, wenn Bushido kommt und sagt "Diese 200.000 Kette konnte ich einfach so kaufen“, dann sagen wir uns "Boah, wie geil“, weil es auch einfach stimmt bei ihm. Das ist die härteste Punshline eigentlich, die man bringen kann. Ich finde aber auch Curse cool und Frauenarzt. Aber wenn jetzt jemand kommt und sagt "Was du machst, kann ich mir nicht geben. Für mich läufst du rum wie ein schräger Vogel, du hast eine eklige Stimme“, dann kann ich damit leben. Aber wenn jetzt jemand ganz stumpf irgendwelche Pöbeleien raus haut, dann nervt mich das einfach. Wenn dann so Sprüche kommen wie "Der Typ ritzt sich immer“ – der Song geht nicht mal darum, dass ich mich ritze!

Meiner Meinung nach. Wet-T-Shirt-Contest und jeder musste mitmachen. Trotzdem muss ich gestehen, wir haben uns den Großteil des Auftritts aus dem Auto heraus angeguckt. Ich schäme mich dafür. Etwa eine Dreiviertelstunde später war der Spuk zu Ende. Prinz Pi und Casper hätten auch noch weiter gemacht, einer der Techniker hatte jedoch zu Recht Angst vor Feuchtigkeit in der  Anlage. Nach dem Gig gaben Beide noch brav Autogramme, bis, glaube ich, jeder der Anwesenden eines hatte und dazu noch ein Foto mit ihnen.

Besonders Casper schien mir sehr dankbar für seine Fans zu sein. Er erzählte später begeistert, manche seien nur für ihn aus anderen Städten angereist und mussten nach dem Auftritt in ihren durchnässten Klamotten bis um fünf Uhr morgens auf ihren Zug warten. Respekt.

Wir sind halt etwas Besseres und haben dann lieber bei einem der beiden Manager von Casper gepennt, einem Menschen mit einem sympathischen Hang zum Suff und vielen Anekdoten. Für die, die es interessiert: der Typ hat eine Originalleinwand von Blade zuhause und besitzt Sketches von Quik, beides New Yorker Graffiti-Ikonen. Zur Erinnerung, wir befanden uns in Bielefeld(!), mit so was habe ich nicht gerechnet.

Als mein Mitarbeiter morgens, halb unter einem Schreibtisch liegend, die Augen aufschlug, entdeckte er auch noch einen Tag von Quik auf der Unterseite der Tischplatte, wirklich.

rap.de: Erlebst du das öfter, dass Leute ankommen und dich als "Scheiß Emo-Rapper“ bezeichnen?

Casper: Ja klar, aber andererseits finde ich es auch cool, weil das heißt, dass die Leute sich mit mir befassen. Da sitzen Leute zuhause rum und sagen sich "Mein Gott, wie könnte ich den jetzt in eine Schublade stecken“. Das war ja auch bei der F.R.-Review in der Juice so, wo steht "Seitdem es das Genre Emo-Rap gibt…“, da bin ich ganz ehrlich, das sagt man erst seit mir.

rap.de: Es ist ja auch ganz gut, wenn man polarisiert.

Casper: Ja, klar. Wenn es 50 000 hassen, gibt es ja immer die Möglichkeit, dass es 50 000 lieben. Ich glaube, ich werde auch nie krass damit verdienen und das wird wahrscheinlich auch nie viel größer als jetzt. Dieser ganze Hype ist cool, auch wenn er hauptsächlich im Netz ist, auch dass die Shows immer mehr werden ist cool. Heutzutage ist es gar keine Selbstverständlichkeit mehr, dass jemand in den Laden geht und sich die CD kauft. Du musst dir überlegen, wie einfach es ist, eine Platte runterzuladen.

rap.de: Würdest du bei solchen Kampagnen mitmachen, wie Pi es in Tansania gemacht hat?

Casper: Ich habe panische Angst vor Afrika. (lacht) Wenn jetzt eine Kampagne auf mich zukäme, müsste ich mir das überlegen. Die Arche, so ein Kinderhilfswerk macht einen Sampler, wo ich auch drauf bin, weil ich das gut finde. Auf jeden Fall würde ich das machen, solange das nicht im Ausland ist. Wie gesagt, vor Afrika habe ich panische Angst, das einzige, was mir da eigentlich noch mehr Angst macht, ist Russland. Man kennt da ja auch nur diese Fernsehberichte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in Afrika von einem Kindersoldaten wegen nichts und wieder nichts über den Haufen geschossen und in Russland von einem Straßenkind angefixt werden würde. Ich habe wirklich Angst. In Frankreich musst du im Stehen kacken, da habe ich ja auch gar keinen Bock drauf, obwohl die das ja auch in der Schweiz machen. Ich bin da so ein Vorurteile-Typ. Wenn ich jetzt nach Kolumbien müsste – was ich da schon alles gehört habe! Die schmuggeln Drogen in toten Kindern! Ich erwarte stets das Schlimmste und hoffe das Beste.

rap.de: Du bist ja aufgrund deiner Wurzeln ab und zu in den U.S.A. versuchst du dort auch Kontakte zur Musikszene zu kriegen? Gerade bei dir wäre ein Ami-Feature ja authentisch.

Casper: Ich hab Kontakte, ja. Es war schon so: wenn du willst, kannst du ein Bubba Sparxxx Acapella für dein Album haben, du kannst vielleicht ein Rick Ross Acapella haben. Aber mal ganz im Ernst: wenn jetzt auf der Platte stehen würde “Casper feat. Rick Ross“ würde jeder wissen, wie das zustande gekommen ist. Außerdem mag ich das einfach nicht, wenn das dann so bilingual ist. Mein absolutes Traum-Feature wäre Rainald Grebe

rap.de:Ich fühl mich heut so ausgebrandenburgt…

Casper: (lacht) Rainald Grebe wäre bei mir ganz weit oben.

rap.de: Möchtest du was loswerden? Die obligatorischen letzten Worte?

Casper: Ich sage ja eigentlich immer ziemlich hippiemäßig, dass die Leute einfach sein sollen, was sie sind. Ich finde es ziemlich komisch, wenn Menschen sich verstellen, um Anderen zu gefallen.

Mit einem ausgesprochen flauen Gefühl im Magen und einem Brummen im Kopf machten wir uns am Freitagmorgen auf den Weg zu Caspers Wohnung um dieses wunderschöne Interview zu machen. Und Casper sah ziemlich genau so aus, wie ich mich fühlte. Wo hat der Mensch um zwölf Uhr morgens diese Schweißflecken her? Hat der Sport gemacht oder so?

Ich hab mich leider nicht getraut zu fragen, obwohl diese Frage mich immer noch beschäftigt. Egal, wir haben einen sehr netten, redseligen Menschen kennen gelernt.
Und dann sind wir wieder in diesen winzigen Smart gestiegen. Und dann sind wir auf die Autobahn gefahren.
Und dann platzte der Reifen.
Alles für euch.

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