Martin Luther

Die HipHop-Band The Roots sind nicht nur in Deutschland für ihre grandiosen Livequalitäten bekannt. Wer mal auf einem ihrer Konzerte war, wird bestätigen, dass es zumeist ein unvergessener Abend war. Vor gut zwei Jahren, auf der Tour zum Album „Phrenology“ hatten The Roots einen Gastmusiker dabei, der das Publikum begeisterte. Der aus San Francisco stammende Martin Luther, bestach durch sein lebhaftes Gitarrenspiel und großartige Gesangseinlagen. Martin Luther ist ein Vollblutmusiker. Schon früh begeisterte er sich für ein weiters Spektrum von Musik, das von Gospel über Sly Stone oder Nina Simone bis hin zu Van Halen reichte. Dieser einzigartige Mix kommt auch in den beiden Soloalben zum Tragen (The Calling & Rebel Soul Music), die Martin Luther bisher releast hat. Der Sänger, Songwriter, Produzent und Musiker hat seinen eigenen Stil entwickelt und treibt seine Karriere mit Bedacht, in kleinen Schritten, wie er es im Interview beschreibt, voran.

Von Kritikern auf der ganzen Welt wurde er mit Lob überschüttet, seinen großen kommerziellen Durchbruch konnte er bisher aber nicht feiern. Das zu erreichen ist allerdings auch nicht sein höchstes Ziel, schon gar nicht unter dem Aspekt, dass ein Label dem Künstler diktiert, was er zu tun hat. Martin Luther weiß ganz genau was er will und was nicht. Er hat sich aus dem Ghetto San Franciscos hochgearbeitet und schwamm auf seinem Weg nach oben schon immer gegen den Strom. Er gilt nicht umsonst als das „best kept secret“ der der Soul-Szene. „Rebel Soul Music“, so der Titel seines aktuellen Albums, beschreibt seine Musik und den Musiker selbst noch am besten: Er singt ebenso überzeugend von Liebe, wie von politischen und gesellschaftlichen Missständen, verbindet spielend Rock-, Funk-, Blues- und Soulelemente zu seinem ganz eigenen Soundteppich und bleibt dabei selbst immer bescheiden.

rap.de: “Rebel Soul Music” ist dein zweites Album und es wurde gerade in Deutschland releast. Allerdings gibt es die Scheibe ja bereits seit 2004. Da scheinen ja einige Probleme im Laufe der Jahre zusammengekommen zu sein?

Martin Luther: Oh ja. Da ab es einiges. Aber das ist gar nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Denn vom geschäftlichen Gesichtspunkt aus gesehen waren wir 2004 auch noch gar nicht reif genug, das alles in großen Stil durchzuziehen. Außerdem ist es nicht so leicht einen internationalen Vertreib zu finden, der deine Wünsche auch zufrieden stellend umsetzt. Denen musst du natürlich erst mal beweisen, dass es auch Wert bist. Jetzt mögen einige Leute vielleicht denken, dass meine weltweite Tour mit den Roots mir eine Position verschafft hat, wo alles von selber läuft. Aber so funktioniert das Geschäft nun mal nicht. Alles braucht seine Zeit.

rap.de: Hinsichtlich des aktuellen Albums hast du mal den Satz gesagt: „…and we keep releasing it every month, until we go platinum.” Wie weit seid ihr jetzt?

Martin Luther: (lacht) Wir kommen voran, Schritt für Schritt. Auch wenn die Schritte klein sind.

rap.de: Wenn man über einen solch langen Zeitraum mit einem Album durch die Weltgeschichte zieht, müssen einem die Songs doch langsam aus den Ohren rauskommen. Als Musiker will man doch auch weiterkommen. Du hast doch sicherlich inzwischen hunderte neuer Songs geschrieben, oder?

Martin Luther: Natürlich habe ich neue Songs geschrieben. Die werde ich auch in Form eines Mixtapes veröffentlichen. Aber du musst nicht denken, dass ich mich in den letzten Jahren nur mit meinem aktuellen oder dem nächsten Soloalbum beschäftigt habe. Ich werde für verschiedene Dinge engagiert, z.B. als Supervisor für Musik in Filmen, Werbung und T-Shows. Ich habe viel dabei gelernt. Zu meinem Album: Ich bin mit meiner kleinen Band auf Tour und wir bieten den Leuten mehr, als nur die Tracks, so wie sie auf der Platte zu hören sind. Die Songs werden immer wieder neu interpretiert. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine zwei Shows hintereinander gespielt, die sich gleich angehörten.

rap.de: Du sprichst in deinen Songs auch gesellschaftliche Probleme an. In „Rise“ singst du über die Rolle der Afroamerikaner in den USA und dass es leichter zu sein scheint, an der Ecke Drogen zu verkaufen, als einen guten Job zu bekommen.

Martin Luther: Siehst du, in den unteren sozialen Schichten der USA wachsen viele Kids in bei der Mutter oder sogar bei der Großmutter auf. Gerade den jungen Kerlen fehlt die dominante Person im Haus. Sie selbst nehmen zumeist schon sehr früh diese Rolle ein, was zur Folge hat, dass es kaum Grenzen für sie gibt. Der Reiz, auf der Straße schnell zu viel Geld zu kommen, ist sehr groß für diese Kids. Coole Klamotten, schnelle Autos, all diese materialistischen Dinge stehen hoch im Kurs. Die Kids denken nicht am morgen, wie sie ihr Geld am besten anlegen oder so, sie denken nur ans Jetzt. So stellt sich die Situation in den USA bis heute dar und in dem Song „Rise“ geht es speziell um meinen Neffen, der genau so aufwächst, wie ich es eben beschrieben habe. Er hat dabei nur mich als ein positives Beispiel aus unserer Familie. Aber der Reiz des schnellen Geldes ist so groß, dass er lieber auf der Straße abhängt und Drogen vertickt, als legal für mich arbeiten zu wollen.

rap.de: Kann einen das noch verwundern, wenn man sich die Attitüden der großen Rapstars anschaut? Conscious-Rap oder -Musik hat doch nur noch einen sehr geringen Einfluss in der großen Musiklandschaft. Wie siehst du die Entwicklung?

Martin Luther: Heutzutage zählt nur noch eins: Make money! Früher, in den 70er Jahren war das anders, da lag der Schwerpunkt der Musik in den Inhalten. Das konnten die Künstler auch deshalb machen, weil die Labels hinter ihnen standen und ihre musikalische Entwicklung, ihr musikalisches Handwerk 100%tig unterstützten und vorantrieben. Heute ist der Fokus der Musikbranche ein anderer. Profit, sonst nichts.


rap.de: Glaubst du, dass sich das irgendwann mal wieder ändern wird?

Martin Luther: Ich weiß nicht. Ich glaube das hängt davon ab, wer das ganze Spiel kontrolliert. Solange die großen Musikfirmen und Labels das sagen haben, geht es eben um Profit. Das ist ja auch ihr gutes Recht, das kann und will ich ihnen auch nicht absprechen. Mein Wertesystem ist ein anderes. Ich messe Erfolg anders als sie. Ich lasse mir nicht in meine Musik reinreden, was jetzt gerade gebraucht wird, um einen Hit zu produzieren, der sich millionenfach verkauft. Das interessiert mich nicht. Als Musiker schreibe ich verschiedene Songs, abhängig von der Stimmung in der ich mich befinde, abhängig von meiner momentan Lebenssituation und von Einflüssen, die gerade auf mich wirken. Das kann sehr unterschiedlich sein, aber genau das macht Musik für mich aus. Es ist der schwierigere Weg, seinen eigenen Kopf durchzusetzen, weniger glamourös, aber dafür hörst du auf meinen Platten zu 100% Martin Luther, was ich fühle und an welchem Punkt in meinem Leben ich mich gerade befinde. 

rap.de: Du bist in San Francisco aufgewachsen und lebst auch heute noch da. Welche Rolle hat die SF und die Bay Area in deiner musikalische Entwicklung gespielt?

Martin Luther: Natürlich eine recht große. Über Jahre hinweg gab es nur sehr wenige Möglichkeiten, seine Musik auf einer größeren Plattform zu präsentieren. Deshalb haben viele Gruppen ihre Sachen auf einem independent Level herausgebracht. Das sorgte für eine große musikalische Vielfalt. Erst in den letzten Jahren haben sich die größeren Radiosender in der Bay darauf besonnen, die Musik von den Bay Area Künstlern zu spielen. So haben wir letztlich eine Plattform bekommen. Es hat lange gedauert.

rap.de: Also ist es heute einfacher geworden, an große Deals zu kommen.

Martin Luther: Letztlich hängt es immer davon ab, was für Musik du machst. Schau dir die ganzen aalglatten TV-Serien an wie „Smallville“ oder „Dawsons Creek“ an, die dir die heile Welt des weißen Amerikas vorgaukeln. Auf der Musikseite hast du dann Gruppen wie 3 Doors Down oder Gwen Stefani, deren Musik perfekt zu dem Image dieser Serien passt. Da eckt nichts an, alles ist so clean und vorhersehbar. Viele Künstler, wie auch ich, haben nicht die Möglichkeit, ihre Musik auf so einem Level zu präsentieren. Unsere Musik würde auch gar nicht in solch ein Format passen. Entweder machst du Rap oder R’n’B, wie es nach marketingtechnischen Gesichtspunkten ins Konzept passt oder du bist einfach nicht dabei. That’s it!

rap.de: Spielt Religion eine wichtige Rolle in deinem Leben und in deiner Musik?

Martin Luther: Meine Eltern sind sehr religiös und leben streng nach der Bibel. Bei meiner Mutter wurde vor ca. 15 Jahren Krebs entdeckt und man gab ihr nur noch sechs Wochen zu leben. Dass sie heute immer noch lebt, verdankt sie voll und ganz Gott, wie sie immer wieder betont. Und weil Gott ihr geholfen hat, möchte sie nun etwas zurückgeben und hilft vielen Leuten in der Community. Im Auftrag Gottes sozusagen.
Ich bin damit aufgewachsen und habe auch meinen Glauben an die Bibel oder an Jesus. Aber ich war als Kind eher ein Problemfall. Da half auch all das Beten nicht viel, ich hab immer irgendwo Mist gebaut. Heute ist das anders, ich habe meinem eigenen Umgang mit der Religion gefunden. Ich sehe aber auch die kritische Seite, wenn Religion dazu genutzt wird, Leute einzuschüchtern, sie gefügig zu machen. Oder Religion zu Profitzwecken zu missbrauchen. Und dabei spreche ich nicht von den vielen Einrichtungen, die Geld sammeln und wirklich Leuten helfen, die unterstütze ich gerne. Aber wenn Menschen Religion ganz bewusst systematisch zum eigenen Profit einsetzen, ist das sehr traurig. Das nimmt dann auch schnell politische Dimensionen an.


rap.de: Zurück zu deiner Musik. Du hast jetzt mit „The Calling“ und „Rebel Soul Music“ zwei Soloalben produziert. Das erste Album dürften in Deutschland nur sehr wenige mitbekommen haben und mit dem Zweiten gab es diverse Probleme, wie bereits angesprochen. Wird beim dritten Album alles ganz anders gemacht?

Martin Luther: Nein, nicht viel. Wie gesagt, ich bin ganz zufrieden mit der langsamen Entwicklung. Vor allem, weil ich die Zügel in der Hand halte. „The Calling“ zum Beispiel soll nachgepresst werden und ich bin froh, dass ich das einfach tun kann, ohne vorher hundert Leute um Erlaubnis fragen zu müssen. Das mag ich am meiner momentanen Situation. Wenn jemand einen Film gedreht hat und er einen Song von mir dafür verwenden möchte, muss ich auch niemanden um Erlaubnis bitten. Ich sage einfach ja oder nein. Und die Anfragen nach meiner Musik häufen sich, also kann mein Weg so falsch nicht sein.
Ich spiele zum Beispiel eine kleine Rolle in dem neuen Dave Chappell Film (Block Party – Red.).

rap.de: Du gibst dich also nicht nur mit der Musik zufrieden, sondern willst auch als Schauspieler arbeiten?

Martin Luther: Klar. Das ist gut fürs Geschäft.

rap.de: Du tust das nur fürs Geschäft?

Martin Luther: Natürlich macht es mir Spaß, sonst würde ich es ganz sicher nicht tun. Außerdem bin ich auch daran interessiert Drehbücher zu schreiben und Filme selbst zu produzieren. Ich habe einige Geschichten parat, die ich gerne erzählen möchte. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Warum sollte ich das nicht versuchen? Ich will mich nicht limitieren lassen. Außerdem gibt es heutzutage zu wenig Künstler, die aus der Masse rausstechen. Wo sind die großen Persönlichkeiten, die Dramaturgen, die keine Grenzen kennen, die Leidenschaftlichen, die Wütenden, die vor nichts zurückschrecken? Tupac hat mal etwas wirklich Bemerkenswertes gesagt, nämlich dass er nicht die Welt verändern kann, aber er kann der Funken sein, der auf die Kids überspringt und sie dazu anregt, ihr Leben zu verändern.

rap.de: Hast du Tupac mal kennengelernt.

Martin Luther: Ja, aber das ist schon viele Jahre her. Tupac war ein verrückter Typ, jemand der andere mitreißen konnte oder besser gesagt, richtig aufhetzen konnte. Aber ich mochte ihn. Was mir allerdings überhaupt nicht gefallen hat, war die Art und Weise wie er die Umstände, die ihm letztlich zum Verhängnis wurden, immer wieder heraufbeschwört hat. Man darf die Macht des Wortes nicht unterschätzen. Wenn du lange genug davon sprichst, dass du gewaltsam sterben wirst, dann erzeugst du um dich herum auch ein feindliches Klima, in dem so etwas dann auch tatsächlich passiert. Und das ist sehr sehr Schade. Denn Tupac hätte noch eine Menge bewegen können. Quer durch die gesellschaftlichen Schichten, von dem Superreichen bis in die hintersten Ecken der amerikanischen Ghettos, alle kannten Tupac. Egal ob sie ihn liebten oder hassten, wenn er etwas tat oder sagte, war ihm ungeteilte Aufmerksamkeit zugegen. Er war der Wortführer, seine Meinung wurde gehört und verbreitet. Ich würde mir wirklich wünschen, dass er noch am Leben wäre, denn Tod kann er uns nicht mehr helfen.

rap.de: Danke für das Interview.

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