Main Concept

Von den Kritikern wird ihr neues Album „Equilibirum“ als die Rettung des Deutschrap gefeiert. Von ihren Fans wurde ihr neuster Streich sehnlichst erwartet und blind gekauft. Von den „Hatern“ werden David Pe, Glammerlicious und DJ Explizit, auch bekannt als Main Concept als Rucksackträger oder Müslirapper abgetan. Von einem beträchtlichen Teil der HipHop-Szene, und das ist wohl das Schlimmste,  werden sie schlichtweg ignoriert…
rap.de hat David Pe in Berlin zum Interview gebeten und feststellen dürfen, dass der Humor, die Intelligenz und die bajuwarische Gelassenheit, die „Equilibirum“ seinen eigenen Charakter verleihen, nicht von ungefähr kommen. Hier nun das Protokoll eines Gesprächs mit einem der deutschen MCs, der als einer der wenigen den Titel "rappender Student" völlig zurecht trug…  

rap.de: Ihr seit ja nun auch schon so lange dabei, dass man euch nicht mehr vorstellen muss, was mich aber interessieren würde: Wie seit ihr eigentlich damals zu HipHop gekommen? War da der ältere Bruder oder doch Filme wie "Wild Style" und "Beat Street"?
David Pe: Nee, das mit "Beat Street" und "Wild Style" ist bei den Superoldschoolern so und gehört eher in den Bereich der Legenden. Der Kucher-George von uns hatte damals einen älteren Nachbarn, der hat ihm Raptapes gegeben, die haben wir uns angehört und die fanden wir cool. Außerdem gab es da noch Tele5, da kamen immer HipHop-Videos. Das waren so Geschichten wie "Christmas Rap" von Run DMC  oder später dann auch "Straight Outta Compton" von NWA, ich fand die Typen cool, die Musik cool, einfach alles cool, und dann habe ich mit 12-13 angefangen, auf Englisch Texte zu schreiben. Was heißt schreiben, es war eher so ein nachschreiben. Zwei Jahre später habe ich dann die anderen beiden getroffen, dann haben wir die Gruppe gegründet, und es ging los.

rap.de: Das ist jetzt ja mittlerweile auch 13 Jahre her; gab es in der Zeit Veränderungen, die über die üblichen Statements, dass es z.B. geschäftlich nicht mehr so gut läuft, hinaus gehen? Was hat sich denn innerhalb der HipHop-Kultur verändert- auch zum Negativen? David Pe: Erst mal sind Veränderungen ja ganz normal. Die Mode alleine ändert sich doch alle zwei Jahre. Leute haben andere Sachen an. Früher hatten alle schwarze Klamotten an und enge Jeans, dann kamen irgendwann die weiten Hosen und Oldschool Treter. Jetzt dominiert mehr der pompöse Stil mit großen Hemden, Ketten und Durags. Die Mode reflektiert die vorherrschende Stimmung im HipHop. Zu der Zeit, als alle mit Superstars und den Eastpack-Rucksäcken rumgelaufen sind, da war eben mehr die HipHop-Stimmung. Da gab es die Jams, alle dachten, wir sind Freunde, wir breaken und tanzen zusammen und malen und MC-en. Heute ist eben eher dieser Egorap angesagt, und dementsprechend kleiden sich die Leute dann auch. Und so hat sich das schon immer geändert, ohne das werten zu wollen.

rap.de: Du sagtest vorher, dass ihr seit 13 Jahre als Gruppe dabei seid. Warum habt ihr denn nur 5 Veröffentlichungen?
David Pe: Es sind 4 LPs, eine EP und ein Haufen Singles. Hm, warum das so ist? Ist halt so.

rap.de: Du hast Medizin studiert, das gilt als recht lern und zeitaufwendig, war das vielleicht auch ein Grund?
David Pe: So viel musst man gar nicht lernen. Man muss sich ab und zu mal hinsetzen und einen Monat lernen und alle paar Jahre und vor den großen Examen sind das dann eben 3 Monate. Aber dazwischen ist alles easy.

 rap.de: Also war kein zeitliches Problem der Grund, warum ihr für euer neues Album so lange gebraucht habt?
David Pe: Mei, wir haben eben die Freestyleplatte gemacht und die Freestyletour danach, und dann hatte ich die ganzen Examen auf einen Schlag. Außerdem waren wir nie so drauf und haben gesagt, so jetzt machen wir die Platte, sondern haben das immer vor uns hergeschoben. Als ich dann mit allem fertig war, haben wir angefangen.
rap.de: Also habt ihr euer Album am Stück aufgenommen?

David Pe: Mehr oder weniger, ein paar Tracks sind etwas älter, die haben wir schon ewig. Die haben wir dann überarbeitet, die meisten sind aber eigentlich entstanden, als wir uns wirklich entschlossen haben, die Platte aufzunehmen.

rap.de: Ich habe in einem Bericht über die Münchnern Szene den Begriff „Münchner Kolchose“ gelesen, ist das so, dass da wirklichen ein so fester Zusammenhalt besteht?
David Pe: Das ist mir ein neuer Begriff. Wir waren schon immer eine Posse in München, früher waren wir der Münch Mob, heute haben wir keinen Namen, aber wir sind immer miteinander rumgehangen. Man sieht das ja an den verschiedenen Gruppen, die es so gibt. Z.B. die Plastik Jugganots sind 5 DJs, da sind 3 von 4zu1, Iron Faden und eben DJ Explizit von uns. Das war schon immer vernetzt, auch mit den Töpfen, mit denen haben wir auch schon immer Sound gemacht. Aber wir hatten nie das Bedürfnis oder die Möglichkeit nach außen zu gehen, wie früher die Hamburger oder die Stuttgarter oder eben heute die einzelnen Posses in Berlin. Wir haben sowas nie gemacht, obwohl wir ja immer zusammen Musik gemacht haben. Aber in letzter Zeit hängen wir noch mehr zusammen ab und machen noch mehr Musik zusammen, vielleicht kommt demnächst mal etwas in der Richtung von uns.
rap.de: Ist diese enge Verbundenheit nun auch die Erklärung, warum es aus München eine bestimme Art von Musik gibt, wenn man sich zum Beispiel die Messages usw. ansieht?
David Pe: Ja, aber es gibt in München ja auch Leute wie Feinkost Paranoia, oder früher gab es Square One, also es gibt schon verschiedene Sachen in München, aber die bekanntesten Acts, also wir und die Töpfe haben eben diesen Sound.
rap.de: Leute aus Berlin oder Frankfurt, die über die harte Seite des Leben rappen, werden die Stadt, in der sie leben, als wesentlichen Grund für die Art ihrer Musik angeben. Wie groß ist der Einfluss eurer Umgebung, also München, auf die Musik, die ihr macht?
David Pe: Also in München gibt es genauso viele Verrückte, die da rumlaufen, wie in jeder anderen Stadt. Die sind bei uns aber auch krass, und die regen sich über die ganzen Berliner auf, weil die behaupten, sie wären die krassesten, und dabei halten sie sich eben die Leute aus München für die krassesten, das ist ja normal. Aber natürlich beeinflusst uns die Stadt bei der Musik, die wir machen. Im Fall der Töpfe und in unserem Fall ist die Musik dann eher entspannter, ruhiger und vernünftiger. Natürlich gibt es eben auch diese typischen Bayern, aber in München gibt es viele Leute, auch nicht HipHopper, die vom gleichen Schlag sind wie wir, und die, die Welt so sehen wie wir. HipHop hat auch immer einen Einfluss auf uns gehabt, da hier ja auch die HipHop,Geschichte mitgeschrieben wurde. München ist ja HipHop-mäßig nun auch eine der wichtigen Städte in Deutschland. Also vor allem was Graffiti und Freestyle anbelangt, da gibt es dann die Töpfe, 4zu1 und mich, also München hat schon was zu bieten. Nur, dass wir eben nicht so wie die anderen Städte, dass wir dann so nach außen gehen und (verstellt die Stimme und schaut grimmig) „Ja, ja, ja, Berlin, Berlin, Berlin oder Hamburg, Hamburg, Hamburg“ schreien und Musik aus anderen Städten immer gleich Scheiße finden. So was entspricht nicht unserer Mentalität, wir treten so nicht auf, wir sind freundliche Leute.

rap.de: Also haben die Menschen aus München einen weiten Horizont, was ja nicht unbedingt das gängige  Bild des  Bayern ist.
David Pe: Ja schon, wir sind wie gesagt ruhiger, weniger aggressiv, denken vielleicht ein bisschen zuviel über das nach, was wir sagen – ja, so sind wir eben.
rap.de: Heißt nachdenklicher Mensch dann auch, dass du viel liest, bevor du Texte schreibst und dich irgendwie äußerst?
David Pe: Keine Ahnung, ich bin jetzt nicht der krasse Typ, der den ganzen Tag in der Bibliothek sitzt. Ich lese zwar ab und an mal ein Buch. Wenn ich Zeit habe, lese ich viele Bücher, wenn ich wenig Zeit habe, lese ich keine Bücher. Das ist eine Zeitfrage.
rap.de: OK, und was hast du zuletzt gelesen?
David Pe: Also mein letztes Buch war per "Anhalter durch die Galaxis", weil das hatte ich noch nicht gelesen, und mein Vater hat es mir dann zum Geburtstag geschenkt, und dann habe ich ein Buch über Holz gelesen. Also über die Beschaffenheit von Holz und wie es wächst und wie’s zusammengesetzt ist und was für verschiedene Holzarten es gibt.
rap.de: Hört sich ja spannend an.
David Pe: Ja, ich bin umgezogen und habe da meine Küche geschreinert und dann bin ich auf den Holzfilm gekommen.
rap.de: Und welches Holz ist das beste?
David Pe: Schwer zu sagen, das kommt drauf an. Die Frage ist wohl mehr, welches Holz ist das bezahlbarste und bringt was. Also in der Küche ist die Buche eindeutig führend.

  rap.de: OK, weg vom Holz, hin zu eurem Album. Das ist ja teilweise politisch….
David Pe: Eigentlich ist unser Album überhaupt nicht politisch. Was sage ich denn Politisches? Das ist doch immer die Frage, wie man politisch definiert. Für mich war Anarchist Academy immer politisch, weil die eben eine bestimmte politische Richtung vertreten. Ich vertrete nun ja gar keine politische Richtung. Ich vertrete die Idee der Vernunft, und so was kannste du mal gleich vergessen, wenn du in einer politischen Partei oder Gruppierung bist. Die haben ihre Regeln, Gesetze und Dogmen und auf dem Film bin ich eigentlich gar nicht.
rap.de: OK, mit politisch meine ich, dass du dich zu den Dingen, die um die herum geschehen oder die in einer Ebene über dir passieren und schwer zu durchschauen sind, äußerst und deine eigene Meinung dazu hast.
David Pe: Also ich sehe hinter der ganzen Politik die Psychologie, das finde ich viel interessanter, denn das ist der menschliche Faktor in der Politik.
 
rap.de: Gerade waren ja die Wahlen, warst du denn wählen, und hast du eine Meinung zu unseren deutschen Parteien?
David Pe: Ja, es ist schwierig, zu diesem Thema will ich mich eigentlich nicht äußern, weil mir da eigentlich nichts Kluges einfällt. Wir hatten am Wahlsonntag Off-Day, sind nach Hause gefahren, und so konnten wir auch wählen. Am ehesten passen mir noch die Grünen, die habe ich auch früher immer gewählt, eigentlich gehen die mir aber auch auf’n Sack, weil das sind alle so Laberköpfe, irgendwelche Sozialpädagogen oder Grundschullehrer. Ich habe mit solchen Leuten eben auch zu tun gehabt, weil ich in München auch Sozialarbeit gemacht habe, und das ist dann doch alles sehr anstrengend mit solchen Leuten. Die sind oft bürokratisch und weltfremd. Letztendlich ist nur die Prägung interessant. Der eine ist etwas mehr liberal-grün, das sind Leute, die dann auch eine Fichtenholzküche haben, ja so sehe ich das. Ich habe mich auch gefragt, wie die SPD erwarten konnte, gewählt zu werden. Immerhin haben die alles hingeschmissen und gesagt, dass sie das nicht mehr schaffen. Das ist wirklich eine schwierige Situation. Na ja, und dann die Linkspartei, das sind Laberköpfe, das ist alles illusorisches Gequatsche und dieser Stasi-Kommunistenscheiß passt mir auch gar nicht.
 
rap.de: OK, wie sähe für dich denn dann gute Politik aus?

David Pe: Das ist schwer, man kann sowas im Kleinen gut betreiben. Wir sind zum Beispiel auf der Tour 11 Leute, jeder gibt seinen Senf ab und am Ende wird direkt demokratisch entschieden, wenn also die Mehrheit sagt, es läuft so, muss man die Fresse halten und mitmachen, irgendetwas muss man sich ja fügen, damit überhaupt etwas funktioniert.
rap.de: Aber bei 80 Millionen Deutschen ist das sehr schwierig.
David Pe: Ja eben, es ist eben schwierig. Weiß nicht – vielleicht müsste man die ganze Politik auf Kommunen reduzieren – ach weiß nicht, das ist alles sehr schwer, man muß das ja alles irgendwie verwalten. Aber ganz ehrlich, das ist jetzt nicht mein Gebiet.

rap.de: OK, dann mal zurück zu deinem Gebiet. Wir haben vorher schon mal kurz darüber gesprochen, wie war denn nun der Aufnahmeprozess bei „Equilibirum“? Habt ihr da im Vorfeld so richtige Pläne geschmiedet, zum Beispiel, wen ihr featuren wollt?
David Pe: Nein, wir haben uns gesagt, wir machen ein Album, und dann war eh klar, dass die Töpfe und 4zu1 drauf kommen, mit dem Jan (EiziEiz) und Dennis (Denyo) war auch schon alles geregelt, da mussten wir nur den Termin koordinieren. Black Tiger haben wir in der Schweiz getroffen, und wir wollten eh schon immer mal zusammen einen Track machen, das hat sich dann in diesem Zusammenhang angeboten. Nur das mit den Senegalesen, also Wa BMG 44, war ein Zufall, weil wir in der Muffathalle im Rahmen eines Afrikafestivals aufgetreten sind, die Jungs sind dann ein paar Tage länger geblieben und wir haben den Track aufgenommen. Der eine der beiden rappt auf Wolof und der andere auf die Art und Weise, wie sie dort Französisch sprechen. Das ist auf jedenfall etwas Besonderes, die Jungs sind aus Afrika, und zum Beispiel der Chorus ist ganz eigenartig, die sagen da drei Silben und das heißt am Ende: Wir haben viele Leute, wir sind viel herum gekommen und haben viele freundliche Leute kennen gelernt. Also die Sprache funktioniert ganz anders, und die reimen auch nicht so wie wir, weil das so gar nicht geht, irgendwie.

rap.de: Das kling so, als ob ihr die HipHop-Kultur als etwas seht, in der man ganz verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenlernen kann, aber immer eine Basis hat, auf der man sich treffen kann – was heute ja nun eher wenige Leute so sehen würden.
David Pe: Ja eigentlich schon, aber heutzutage gibt es keine Ebene mehr, auf der ich so manchen HipHoppern begegnen könnte. Die haben einfach eine andere Art: die gucken böse, sind unfreundlich, solche Sachen eben, aber selbst mit solchen Leuten kann man auskommen. Nimm zum Beispiel Raptile, der läuft komplett anders rum, macht einen komplett anderen Sound, und dennoch haben wir eine gemeinsame Ebene und sind Homies, allein wegen der Musik. Aber andererseits bin ich mittlerweile zu alt, um mich darüber zu freuen, dass jemand wie ich Hiphopper ist, das ist dann eher so das Motto: ja schön und weiter.
 

rap.de: Auf eurem Album sagst du ja, dass du noch vorhast, 58 Jahre zu rappen, wie sieht das denn bitte aus?
David Pe: Hm, wie alt bin ich denn da? 88. Ja, keine Ahnung, die Frage habe ich schon öfter gehört. So nach dem Motto, ist das jetzt eure letzte Tour? Ist das das letzte Album? Also keine Ahnung, vielleicht hätten wir sagen sollen, dass das unser letztes Album Ist, dann würden wir mehr verkaufen, um dann ein Jahr später doch noch mal eines zu releasen. Aber ich will schon weiter rappen, und wenn ich das Gefühl habe, meinen Senf zu etwas dazu geben zu müssen, melde ich mich zu Wort.

rap.de: War also die Inspiration bei diesem Album, zu sagen: So es reicht mir, ich will jetzt auch mal was zu alldem hier sagen? David Pe: Nein, ich hatte eben die Texte und Ideen, was ich sagen wollte, auf Lager und falls das jemand auf die ganze deutsche HipHop-Szene beziehen will, also auf Sachen wie Aggro Berlin oder so, also die Battlelieder auf der Platte sind alle entstanden, als die meisten noch nicht mal wussten, wer Sido ist und dass es den Bushido überhaupt gibt. Also teilweise sind die Tracks drei, vier, fünf Jahre alt. Lieder mit solchen Themen passen einfach immer, das wird auch bei dem Theaterstück, das wir bei der Tour aufführen, deutlich. Dieses Stück ist drei Jahre alt und es passt heute wie die Faust auf’s Auge. Die Archetypen im HipHop sind immer die selben. Allein die Erscheinungsform ist immer eine andere.
 
rap.de: Also ich will dir nicht das Wort im Mund verdrehen, aber wenn man euer Album anhört, entsteht der Eindruck, dass du die Szene momentan schon kritisch siehst?
David Pe: Also ich habe mit der momentanen HipHopSzene nichts zu tun. Ich kann nichts sagen. Ich habe Bushido nie gesehen, ich habe Sido nie gesehen, ich habe Azad nie getroffen, nur mal mal von Weitem gesehen, ich habe den Kool Savas, seitdem er so heißt nicht mehr getroffen, nur mal so im Vorbeigehen. Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, war er noch der Jux, und das ist auch viele Jahre her. Ich habe mit denen allen nichts zu tun, die einzigen, mit denen ich zu tun habe, sind die, die man auf der Platte hört.
 
rap.de: Wenn man nun nicht nur die Aktiven in der Szene betrachtet, würde mich interessieren, ob ihr beim Produzieren des Album überhaupt daran denkt, dass die Leute, die heute HipHop hören, teilweise auf ein Album auf solch inhaltlichem Niveau gar nicht klarkommen und völlig überfordert sein werden. Macht ihr euch Gedanken, wenn ihr ein Album anhört, wer sich das am Ende anhören wird?  David Pe: Also, ich denke mir immer, dass jemand, der mein Album anhört, so ist wie ich, also 30 und männlich. Ich schreibe die Texte, und ich konzipiere das nicht für ein bestimmtes Publikum nach dem Motto, dieser Text ist für die 13-Jährigen und der nun für die 18-Jährigen. Natürlich mache ich mir Gedanken, was für Leute unsere Platte hören und sehe ja, wer unsere Konzerte besucht, allein an der Kleidung lässt sich ein Fler-Konzert von einem unserer Gigs komplett trennen, auch bei einem Raptile-Konzert ist es so. Wir haben schon so ein bestimmtes Publikum, die sind alle eher älter, wie man das dann auch teilweise bei den Beginnern sehen kann, mehr Männer als Frauen sind’s auf jeden Fall, und es sind nicht so wahnsinnig viele, wie bei den Beginnern. (allgemeines Gelächter)
rap.de: Ich will die Beginner keinesfalls negativ darstellen, aber du sagst ja selbst, dass sie wohl erfolgreicher sind, als ihr, was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Muss derjenige, der heute im HipHop-Geschäft erfolgreich sein will, möglichst banal sein?
David Pe: Also die Beginner sind da schon eine Ausnahme. Das ist eine richtige Band, das sind Musiker, die wissen, was sie machen und wollen qualitativ was Gutes machen und machen das auch noch mit viel Liebe, das gilt garantiert auch für die erfolgreichen Rapper aus Berlin, nur klingt es eben nicht so gut. Aber zurück zur Frage, ob man banal sein muss, um erfolgreich zu sein: Nein, muss man nicht. Auch so ein Typ wie Frank Farian lässt sich nicht so einfach abstempeln. Keiner setzt sich da schnell hin und spielt so ’ne Melodie wie „Girl You Know It’s True“. Das kann nicht jeder, also, das ist natürlich ’n Scheiß, aber der Typ hat dazu ein Talent, damit macht er Geld, das ist cool so und schön für ihn. Das ist nicht immer alles banal, auch nicht im HipHop. Die Leute machen sich auch irgendeine Form von Gedanken. Erfolg hat auch immer etwas mit dem Zeitgeist zu tun. In der Zeit, wo alles geboomt hat, das Internet im Kommen war und der wirtschaftliche Erfolg da war und sich jeder Zweite selbstständig gemacht hat, ist auch HipHop groß geworden. Plötzlich hatte jeder Typ in seinem Dorf einen Tape-Versand, einen Mailorder, eine Plattenfirma und alles Mögliche. Na ja, und irgendwann ist das alles zusammengebrochen. Daher ist die Stimmung von dem "Hurra, wir machen alle HipHop und sind Freund" umgeschwungen, und die Leute sind aggressiver, gefrusteter, und das merkt man dann eben auch in der Musik.
 
rap.de: Also, du bist der Meinung, dass zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs die Musik positiv war… David Pe: Nein, die Grundstimmung war positiv und die Musik spiegelt lediglich die jeweilige Stimmung wider.

  rap.de: Kann es nicht auch sein, dass, als die Rapmusik aggressiver wurde, Teile der Hörerschaft schlichtweg ins aufkommende Deutschpoplager abgewandert sind und HipHop deshalb so stark in diese Richtung zu tendieren scheint?
David Pe: Natürlich, die ganzen Gymnasiasten fallen als Zielgruppe komplett weg. Die haben früher die Massiven Töne, die Beginner gehört und Samy Deluxe, weil die eben die Themen angesprochen haben, die solche Leute interessieren. Also Party feiern, Kiffen und alles ist fett. Heute, wo mehr Fragen aufkommen und man sich eher Geborgenheit und Sicherheit wünscht, kommen diese Mutterfiguren wie die Sängerinnen von Wir Sind Helden oder Juli und wie sie alle heißen.

  rap.de: Naja, aber die sehen doch teilweise ganz ansehnlich aus? David Pe: Also ich rede hier von der Tiefenpsychologie und nicht, wie die aussehen. Die Texte von diesen Gruppen fordern die Leute eben auch intellektuell weitaus mehr, vor allem die Mädchen, die mögen das halt, wenn da ein Lied über den schüchternen Typen kommt. Auf der anderen Seite sind dann vor allem die Jungs auf Haupt- und Sonderschulen auf diesem aggressiven HipHop-Film. Ich habe ja in München verschiedene Workshops gemacht und war dabei in den Vierteln in München, wo die meisten Haupt- und Sonderschüler eben herkommen. Du brauchst solche Jungs nicht fragen, ob sie die Beginner kennen oder so, das interessiert die einen Scheißdreck. Die reagiern da eher so: Ey, was für einer, Alter? Ey, die eine Schwule, wo so schwul singt – oder, die eine, oder?“ Und die hören nur 50 Cent und The Game. Na ja, und das nur, weil die Großen das eben auch hören und dann entsteht so der Ton, der dort eben vorherrscht. Dieses „Alter, Fotze, Alter, Fickfotze, ähäh“ und das die ganze Zeit, das ist echt anstrengend. Leider bedient aber der vorherrschende HipHop zur Zeit vor allem diese Leute. Das finde ich schade, weil’s eben schon cool wäre, wenn solche Leute unsere Musik hören würden und dadurch normal werden würden. Aber das funktioniert eben nicht so einfach, das interessiert die nicht. Du musst die Leute direkt bekommen. Im Fernsehen hat man keine Möglichkeit sich mit seinem Partner zu unterhalten. Das ist was anderes, wenn ich in einem der Projekte an die Hauptschule komme. Die kennen mich nicht, schauen mich erst mal so an und fragen mich zuerst, wer ich überhaupt bin. Dann fragen die mich, ob ich Videos habe und ob ich im Fernsehen war und dann sage ich ja, ich war schon mal im Fernsehen und dann ist erst mal alles cool. Dann zeige ich den Kids, was ich kann, freestyle denen was vor und dann ist erst mal Ruhe. Dann will einer mich verarschen, kriegt einen Spruch, weil die Sprüche von denen kenne ich alle. Wahrscheinlich habe ich die erfunden. Wörter wie cool und geil habe ich benutzt, da waren die noch nicht mal auf der Welt. Nach der Stufe ist dann Ruhe, und man kann mit den Kids reden. Dann nehmen die dich ernst, akzeptieren dich und merken, das du’s gut mit ihnen meinst. Sowas kann man eben über die Musik an sich nicht zeigen. In einem Video muss man representen, das ist wie ein Werbefilm, man hat zwei Minuten Zeit, möglichst viel Sympathie auf sich zu lenken. Da wird dann eben fett representet, mit Autos und Bitches und alle wissen, wer du bist und sind beeindruckt.

 


rap.de
: Wenn du also an Schulen unterrichtest, was vermittelst du da?
David Pe: Ich komm da an, und wir schreiben Texte. Das ist dann schon recht schwer. Meistens fängt das so an: „Ja, mach mal ’n Reim“, da kommt dann „Ja, Tisch und Stuhl“ ,“Hä?“ „Ja, Tisch und Stuhl!“ „Aber das reimt sich nicht!“ „Wie?“ „Naja, so wie Haus und Maus!“ „Achso“ „Ja, Hausgarten“…

 rap.de: In welchem Alter sind die dann so? David Pe: Das Jüngste war eine 2. Klasse, das war schon krass. Mit 8-Jährigen zu arbeiten und die ältesten sind höchstens aus der 9. Klasse der Hauptschule, also 16.  Durchschnittlich würde ich sagen, sind die 12-14.

rap.de: Wie bist du denn auf die Idee gekommen, das zu machen? David Pe: Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, die Stadt München bietet das an. Es wird von Siemens gesponsert, der Bürgermeister ist der Schirmherr und verschiedene Künstler machen ganz verschiedene Sachen wie: Batiken, Trommeln, Tanzen, Breakdanke, Graffiti, was es eben so alles gibt und ich mach da eben Rap.
 
rap.de: Hat das Projekt denn insofern schon auch schon für dich Früchte getragen, dass du eine Nachwuchshoffnung gefunden hättest? David Pe: Das ist am Ende immer traurig, weil da immer ein bis zwei wirklich Talente sind. Die kommen durch mein Projekt auf die Idee, Reime zu schreiben und entwickeln richtig Spaß daran. Irgendwann reimen die dann und bringen kurze Pointen, wie zum Beispiel „Alter du verpisst, wie bei MTV Dismissed“ irgendwie sowas. Aber, das ist cool, weil es das erste Mal war, dass einer seinen Reim, selbst gemacht hat, der Sinn und eine Pointe hatte. Irgendwann hängen sie an einem und kommen mir im Gang entgegen gelaufen und dann geht das „Ey, wo mach mal einen Reim“. Wenn dann eben irgendwann die vier Wochen vorbei sind, oder es sind drei Monate, in denen ich einmal die Woche vorbeikomme, und ich gehe, weiß ich, dass einer aus 8 Leuten, der was kann und es ernst meint, nur von Idioten umgeben ist und sein Talent nie gefördert wird. Ich kann mich selber eben auch nicht intensiv um die Kids kümmern, weil ich selber Familie habe und selber Sound machen muss und auch so genug zu tun habe, so dass ich das nicht schaffe. Ich versuch’s zwar, aber man bekommt einen 14-Jährigen von der Hauptschule, wo er vor seinen Kumpels rappt, eben auch nicht auf eine Bühne. Das muss sich alles erst entwickeln. Leider reicht die Zeit dazu nicht.

  rap.de: Zum Thema Zeit, wenn du irgendwann schlussendlich als Arzt berufstätig sein wirst, hast du ja einen Ganztagesjob – gibt’s da denn schon Pläne, wie es mit dem Rappen weiter gehen soll?
David Pe: Also mein Arztdasein hat jetzt mit dem HipHop-Ding primär nichts zu tun, außer, dass ich die gleiche Person bin, die das macht. Ich habe Medizin studiert, ich will ein großer Heiler werden, ich meine das ernst, und bin auf dem besten Wege dazu. Wenn ich ein Jahr gearbeitet habe, wie dieses Jahr in der Chirurgie, dann beschäftige ich mich komplett mit Medizin, und zwar wenn ich aufstehe, und wenn ich ins Bett gehe. Das macht mir Spaß, und das ist cool. Ich sehe das nicht so, krass, ich kann mit HipHop nicht leben und muss arbeiten. Hätte ich nicht Medizin studiert, hätte ich vielleicht nie eine Freestyleplatte veröffentlicht, als es sich empfohlen hat, ein Label auf einem Major rauszubringen, weil es kein Problem gewesen wäre und lauter solche Sachen, und ich bereue nichts!
 
rap.de: Kannst du aber nicht gerade deswegen sagen, ich mache die Musik, auf die ich ausschließlich Lust habe? David Pe: Ja, natürlich.

rap.de: Kann man denn deine beiden Berufsfelder irgendwie verbinden? David Pe: Also ich habe zwei Talente: Ich kann naturwissenschafliche Gesetze verstehen, abstrahieren und verallgemeinern, und ich kann den Leuten Dinge vermitteln, deshalb kann ich dozieren und auch eben rappen und solche Sachen machen. Wenn ich ein Referat halte, gehen alle am Ende raus und wissen, was Sache ist. Das ist die Verbindung für mich. Das ich rappe, hat mir im Rahmen meiner Doktorarbeit geholfen, als ich auf Kongressen Vortäge gehalten habe. Da habe ich eben das Thema runtergesprochen, hier und da ein Witz und die Leute waren auf meiner Seite. Das ist mein Redetalent, mein Hitlertalent.

 


rap.de: Na dann geh in die Politik und mach eine Partei auf! David Pe: Ja, das eben nicht. Die Politik verleitet sehr gerne dazu. Also ich hätte schon gut Lust, mal in so einer Debatte mit zu machen und einen Spruch nach dem nächsten zu reißen und lauter Parolen vorzutragen, durch die man beim Volk Sympathien erwirbt, die aber am Ende nichts bringen. Und dann ist man eben schnell im Hitler-Fahrwasser. Aber so lustig sowas wäre, dafür ist die Politik zu ernst.
 
rap.de: Stimmt schon, mir fällt da ein Politiker wie Oskar Lafontain ein, der das eine sagt und selber das andere praktiziert.
David Pe: Das tun sie im HipHop doch auch.

rap.de: OK, im Rapgeschäft wird viel gelabert, aber die Konsequenzen… David Pe: Gut, bei Hiphop geht’s um nichts. HipHop ist ja ein Luxusgut, das braucht kein Mensch auf der Welt. Die Politik ist hingegen ein archaischer Beruf, so wie Arzt, Baumeister, Kinderpfleger und so was halt. Es hat schon immer einen Diplomaten im Stamm gegeben, der sich um den Ausgleich mit den anderen Stämmen bemüht hat.
rap.de: Aber, wenn du sagst, das braucht kein Mensch, warum machst du dann ein Album und packst da jede Menge Aussagen rein?
David Pe: Mann, warum macht Sony Handys? Die braucht auch kein Mensch. Aber du hast schon recht. So ein Handy ist ja was Materielles, was ich mache, ist Kunst. Natürlich braucht der Mensch auch Kunst, aber nur eben jeder verschieden. Insofern hast du schon Recht. Musi und HipHop braucht die Menschheit schon – zumindest ein bestimmter Teil der Menschheit. Insofern ist es nicht ganz so sinnlos.
rap.de: Die Frage, auf die wir da kommen, ist doch, kann Musik Sachen verändern?
David Pe: Ja, doch, natürlich. Also wenn Sachen durch Musik verändert werden, muss vorher die Bereitschaft dazu existieren. Denn die Musik reflektiert, wie ich vorher erwähnt habe, den Zeitgeist und die momentane Stimmung. Und wenn die Stimmung auf Aufbruch ist, so wie in den frühen 60er Jahren und die Weltrevolution den Leuten vor Augen steht und die Musik dieses Feeling verstärkt, dann ist die Musik so ein Bindemittel zwischen den Leuten. Die Stimmung muss vorherrschen.
 
rap.de: Also Musik machen mit dem Vorbild: Ton, Steine, Scherben?
David Pe: Nein, die haben nichts verändert. Ich denke eher an die 60er Jahre. Da waren alle auf LSD, die Neurowissenschaften waren neu, die Architektur, die haben rumgeflasht, designt und gebaut, und zum ersten Mal kam das Thema Außerirdische auf. Außerdem war die Musik superabstrakt, wenn ich an den P-Funk denke. Und die Musik hat die Leute damals eben bestärkt, dass diese Einstellung die richtige ist, nach dem Motto: Ihr seit schon cool, wir sind’s auch.
rap.de: Sole [Sage] von Anticon sagt, dass er nur Musik macht, weil er nicht klug genug ist, ein Buch zu schreiben.
David Pe: Also ich bin schon gut genug, ein Buch zu schreiben, ich weiß nur noch nicht über was. Sicher wird es kein HipHop-Buch., das stimmt schon. Meine erste Art und Weise micht auszudrücken, war eben das Rappen. Aber das mit dem Schreiben reizt mich: ein Mann muss ein Kind gezeugt haben, einen Berg bestiegen haben (da arbeite ich noch dran, 3000 Meter muss der mindestens sein), der muss ein Buch geschrieben haben und einen Baum muss er gepflanzt haben, aber den habe ich schon wieder weggeraucht. Also, Berg und Buch fehlen noch…

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