Bektas

Was zum Teufel haben Doublerhymes mit Kapitalismus zu tun? Wie ist das Verhältnis von Inhalt zur Form in der Warenwelt? Und was setzt das sich befreiende Individuum dagegen? Fragen, an denen sich schon weise Geister die Großhirnrinde aufgeschliffen haben. Antworten hat der 25-jährige Kreuzberger MC Bektas. Lest und begreift die Strukturen, die auch euch prägen.

rap.de: Ich finde eher, dass du ein Erzähler bist. Du hast auf jeden Fall Doublerhymes, sparst dir aber diese Metaphern. Und bei diesem Fußballteil nimmst du ja eine andere Erzählerrolle an, eine die jeder kennt: den Fußballreporter, und nutzt ihn für deine Ziele… Erzähl´ mal etwas über deinen Stil.

Bektas: Also, einen bestimmten Stil habe ich eigentlich nicht. Der Inhalt darf nie unter dem Stil leiden. Ich kann jetzt nicht einen geilen Text schreiben, im Sinne von "ich hab jetzt geile Doublerhymes gefunden", nur um die zu zeigen, weil da einfach der Inhalt leidet. Jedes Lied entsteht auch anders. Ich war früher kein Erzähler. Ich habe angefangen über Themen zu rappen, über die jeder rappt, wenn er anfängt zu rappen. Mittlerweile hat es sich so entwickelt, dass ich mehr Geschichten erzähle und so meine Lieder mache. Das ist auch das Faszinierendste für mich, wenn ich mir die Lieder anhören kann, ohne davon abgeturnt zu sein oder mich dabei gut zu fühlen, wie bei einem guten Witz, den du immer wieder hören kannst. Und so hat sich das eben mehr in diese Richtung entwickelt, so wird auch der kommende Rest sein, auf dem zweiten Album sowieso – damit die Alben so ´ne Linie haben. Das erste Album ist halt eine Ansammlung von Liedern. Die Lieder selbst haben natürlich Sinn, aber ab dem zweiten Album wird jedes Lied miteinander zu tun haben. Du kannst einzelne Lieder nur verstehen oder mehr Hintergrundwissen haben, wenn du die anderen Lieder in Kombination dazu gehört hast.

 

rap.de: …Konzept-Album-mäßig …

Bektas: Ja, auf jeden Fall. Ich weiß nicht, ob es so weit kommen wird. Ich habe schon grob vier Alben im Kopf fertig. Ich muss die nur noch schreiben. Ich weiß nicht, ob die Alben miteinander zu tun haben werden. Auf jeden Fall weiß ich, dass das vierte Album mit dem ersten zu tun haben wird, dafür habe ich auch schon die Idee. Aber es wird auf jeden Fall wieder mit "Alis" zu tun haben. Das erste Album wird "Alis im Wunderland" heißen. Es ist also nicht nur Ali als Person im Sinne von Ali als Begriff für Türken in Deutschland, sondern Ali ist auch ein Lebensgefühl. Jeder kann ein Ali sein, so wie auch im Wunderland alles sein kann: Im Kapitalismus, im Kommerz oder im Materialismus untergegangene, verlorengegangene Menschen. Ist halt eine Einstellungssache. Und das werde ich auf jeden Fall auf dem vierten Album an den Start bringen. Da werde ich wieder ein Ali sein, und zwar Bektas a.k.a. Ali Barbar. Der Ali "Berber", der türkische Friseur, ich erzähle dann seine Story, und die ist noch heftiger als meine. Meine ist nur 25 Jahre alt, also das, was ich gesehen und erlebt habe. Aber Ali Berber ist einfach noch heftiger, noch mal 25 Jahre drauf, 50 Jahre alt, und hat ´ne andere Story zu erzählen, die auf jeden Fall auch politischer ist als meine. Ich benutze ihn eigentlich als Werkzeug, die Story ans Tageslicht zu bringen.
rap.de: Ich fand es ganz interessant, dass du gesagt hast, der Inhalt darf nicht unter dem Stil leiden. Ich hab‘ nämlich genau das Gegenteil in einem Samy Deluxe-Interview gelesen.

Bektas: Das ist, wie man sich eine Optik von der Welt macht. Für mich ist das Ganze mehr oder weniger gelenkt. Wir leben im Kapitalismus, und da ist es normal, dass die Form regiert. Dir wird ständig was geboten, du hast die geilsten Verpackungen und kommst gar nicht mehr auf die Idee, nach dem Inhalt zu fragen, weil die Verpackung schon so geil ist, dass es dich flasht. Das ist genau der Trick, den ich nicht anwende. Natürlich arbeite ich auch mit Doublerhymes. Ich habe Doublerhymes im Jahre `92 gelernt. Ein Kumpel aus der Schulzeit hatte mir das beigebracht, ein Pole, und das ist natürlich ein Werkzeug, das auch ich nutze.

Das ist die Entwicklungsform von Rhymes. Ich kann nicht wie Goethe schreiben, in dem sich nur die Endsilben reimen, das wäre zu einfach. Leute, die auf Doublerhymes rappen, haben auch einen anderen Wortschatz, sie reden kombiniert. Die Worte klingen ganz anders, weil sie ständig zwei, drei Silben miteinander kombinieren. Für mich ist das die weiterentwickelte Form von Rhymes. Ich rappe seit acht Jahren in Doublerhymes, aber das ist keine neue Erfindung. Es ist auch keine Erfindung der Deutschen, das gab es schon immer. Auf jeden Fall ist es aber verloren, wenn der Inhalt unter dem Stil leidet. Z.B. bei einer Deutsch-Leistungskurs-Klausur steht da: Inhalt: 6, Stil: 1, ergibt: 7. 7:2 = 3,5, gerundet vier, also ausreichend. Da habe ich lieber Stil: 2, Inhalt: 2, zusammen 2. Viel besser. Sind gleich zwei Unterschiede. Aber viel besser ist es natürlich, wenn du alles auf 1 bringen kannst oder wenn du zumindest versuchst, es besser zu machen. Aber wenn der Inhalt unter dem Stil leidet, bist du gebrainwasht von dem Kapitalismus, der dir sagt, wie du zu texten hast. Weil es halt eine Form ist. Genauso wie "Strophe…" – das ist Jahrhunderte alt. O.k., die Leute wollen das halt so hören, weil es eine Form gibt und bla… Regeln… blablabla…; aber das ist hunderte von Jahren alt. Ich habe teilweise gar keinen Bock mehr, so weiter zu machen, weil das für mich so keinen Sinn mehr gibt. Wenn ich, wie ich es in einem Lied tue, ein Fußballspiel moderiere, hat das nur dann Sinn, wenn ich zwei Halbzeiten habe, vielleicht noch eine Verlängerung, das könnte dann die dritte Halbzeit sein. Verlängerungen sind aber kürzer als eine Halbzeit, deswegen ist auch die Strophe kürzer. Wie die Idee vom Text ist, so sollte auch die Linie sein. Der Inhalt sollte dem auf jeden Fall gerecht werden. Und nicht, weil man nur geile Rhymes gefunden hat, diese präsentieren. Das ist auch eine Sache des Kapitalismus: zu zeigen was man hat. Für Doublerhymes gibt es keinen Finderlohn! Davon wirst du nicht satt. Und Doublerhymes nur um ihrer selbst wegen zu zeigen, ist ziemlich arm. Ich kenne Leute, die in Doublerhymes besser freestylen, als Leute, die in Doublerhymes Texte schreiben. Das ist für mich nicht mehr als Unterhaltung. Also: Stellt den Stil nicht vor den Inhalt! Schaut dem Gaul ins Maul! Nicht alles, was blinkt, ist Ice! Stay true to who you are und lasst euch vom Kapitalismus nicht verhuren, nur weil ihr ihn nicht abschaffen könnt. Geht aufrecht und erzählt uns was aus eurem Leben.

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