Joy Denalane

1,5 Jahre hat Joy Denalane gebraucht, um gemeinsam mit Max Herre das Album "Mamani" zu produzieren, welches ab nächsten Montag erhältlich sein wird. Wer in den letzten Wochen die Gelegenheit hatte, sie live zu sehen, der weiß, dass hier etwas Außergewöhnliches auf uns zukommt. Basti und ich konnten Joy im Berliner Jazz-Club Quasimodo erleben, wo sie in Heimspielatmo den Laden in Bann hielt. Mit "Ich bin aus 61 – Sixty-One!", macht sie im Gespräch klar, dass sie ursprünglich aus Berlin-Kreuzberg kommt. Seit zwei Jahren ist sie nun in Stuttgart, der Stadt der Kehrwochen, will aber wieder in die Hauptstadt zurück, wo sie auch nach wie vor bei einer Charlottenburger Wohnung im Mietvertrag steht. Das, was man sich außerhalb Baden-Württembergs unter einem klassischen Schwaben vorstellt, ist auch ihr etwas zu anstrengend, abgesehen davon, dass Stuttgart natürlich auch wesentlich kleiner ist, was sie aber keineswegs nur als Nachteil sieht:
"Vielleicht arbeitet man in Stuttgart auch deshalb stärker Hand in Hand, weil man sich eh´ zwangsläufig über den Weg läuft und es sich auch nicht rentiert, sich zu streiten. Das kulturelle Angebot dort ist einfach kleiner, und das hat vielleicht auch das Zusammenwachsen der Kolchose erleichtert."
Natürlich kennt sie sich aber immer noch bestens in Berlin aus, hat in den 90ern auch die gesamte Clubszene, gerade auch in Ostberlin, kennengelernt. So zählt sie z.B. zu den Leuten, die von sich behaupten können, fast alle Umzüge des WMF, ausgehend vom WMF-Gebäude in der Leipziger Straße, mitbekommen zu haben. Gemeinsam mit Max hat sie zwischenzeitlich auch einen längeren Aufenthalt in Südafrika hinter sich, der sie gerade für die Aids-Problematik im gesamten südlichen Afrika stark sensibilisiert hat: "Von 30 Millionen Menschen, die weltweit HIV-positiv sind, leben 22 Millionen dort, und das ist natürlich viel zu viel. Die haben keine Medikation und kein Geld, die Lebensbedingungen sind unmöglich, und jede zweite schwangere Frau in Südafrika ist HIV-positiv. Die Menschen sterben dort einfach, und viele Kinder kommen schon HIV-positiv auf die Welt. Ich weiß nicht, was das für eine Zukunft sein soll, jetzt, wo sie die Apartheid bezwungen haben und sozusagen ´frei´ sind." Vor der nun anstehenden Platte werden die meisten Leute Joy das erste mal wohl über "Mit Dir", den Song, den sie gemeinsam mit Max und dem Freundeskreis gemacht hat, oder auf den FK-Allstars

Gigs wahrgenommen haben. Fragen dazu konnten also nicht ausbleiben.

rap.de: Wie hast du es erlebt, über "Mit Dir" das erste mal in dieser Form in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken?

Joy: Das kam sehr unerwartet. Ich wollte das am Anfang auch gar nicht als Single releasen…
rap.de: Haben sie dann auf dich eingeredet?

Joy: Ja schon … Ich wollte das damals auch deshalb nicht, weil ich gerade noch dabei war, mein eigenes Album bei der BMG zu produzieren. Ich hatte da auch noch Berührungsängste mit der Sprache und wollte mich auch nicht unbedingt als deutsche Sängerin etablieren. Mein Album war auf englisch, und deshalb war ich von der Idee nicht so begeistert. Ich mochte das Lied aber sehr, und als die R&B-Version dann stand, meinte ich auch "Lass uns das rausbringen", weil die mir persönlich noch besser gefallen hat. Als die dann so erfolgreich war, hat sich unser gemeinsames Leben schon verändert, weil ja dazu kam, dass wir auch damals schon im privaten Leben zusammen waren und das im Video eben alles echt war. Für die Leute auf der Straße war das dann vielleicht so, als wären da zwei von der Leinwand gestiegen – das war ´ne Zeitlang sehr krass. Das Stück lief ja überall, und irgendwann waren wir auf der Straße vor ´nem Musikgeschäft, in dessen Schaufenster unser Video auf zig Monitoren lief. Ich fand es dann auch ein bisschen anstrengend. Wenn Fans dich über zehn Minuten verfolgen, wird es ein bisschen too much, und ich kann mir das auch nicht reinziehen und die Ruhe bewahren.
rap.de: Wie lief das denn bei der Produktion ab, flogen da auch mal richtig die Fetzen zwischen dir und Max?

Joy: Klar gibt es auch Stress, und es ist natürlich auch so, dass ich auf Max viel sensibler reagiere, als auf andere Leute, die an der Produktion beteiligt sind. Wenn er gesagt hat "Mach das noch mal", habe ich oft zurück gegiftet: "Was heißt, mach das noch mal?". Wenn Philipp das wollte, war es dann wieder o.k.. Es bedarf halt echt Disziplin, Privates und Arbeit zu trennen, was man aber nicht immer kann. Wenn dann noch eine musikalische Meinungsverschiedenheit dazu kommt, kracht es. Leider kann man dann auch nicht nach hause gehen und sagen "Was für ein Idiot!", weil der sitzt dir ja gegenüber. Umgekehrt ist es natürlich genauso – ich bin bestimmt nicht einfach. Irgendwann fängt dann immer einer an, zu lachen.
rap.de: Du sollst ja auch gesagt haben, dass die Produktion des Albums ohne Max schneller gelaufen wäre…
 
Joy: Was ich damit meinte, war, dass ich durch Max auch viele Musiker kennengelernt habe und er auch jemand ist, der Visionen und Vorstellungen hat, die er einfach durchsetzt. Wenn ich mir z.B. denke "Es wäre cool, auf dem Stück Streicher zu haben und ´ne Querflöte, aber das können wir uns nicht leisten, dafür gibt das Budget nichts her", dann sagt er: "Natürlich" und fängt an zu fragen, bis er die Leute zusammen hat. Er ist jemand, der das Unmögliche möglich macht, und das braucht einfach Zeit. Das war es, was ich meinte.

rap.de: Deine Mutter ist während der Produktion der ersten beiden Songs gestorben. War das absehbar, oder hat dich das überrascht?
Joy: Nein – meine Mutter ist an Krebs gestorben, hat sich schon ziemlich lange gequält, und es war absehbar. Ich habe gedacht "Vielleicht noch ein halbes Jahr", aber in diesem Stadium kann natürlich jeden Moment etwas passieren. Wenn es dann aber tatsächlich passiert, bist du trotzdem nie vorbereitet. Meine Schwester hat mich an dem Tag, als meine Mutter gestorben ist, auch angerufen und meinte "Es sieht schlecht aus". Als ich dann fragte, ob ich kommen soll, war meine Mutter schon zu weggetreten, um noch zu antworten, und meine Schwester meinte, ich solle zu hause bleiben und weiter arbeiten. Meine Mutter wollte auch immer, dass ich dieses Album mache. Der Tod meiner Mutter und auch mein Mutter-Dasein haben mein Leben natürlich schon verändert. Reifer klingt immer dämlich, aber ich sehe Dinge wohl differenzierter. Einen solchen Verlust steckt man einfach nicht so leicht weg, auch wenn ich nun darüber reden kann, obwohl es mir nicht leicht fällt. Ich denke natürlich immer an sie und kann sie nicht anrufen. Aber das Leben ging weiter, und auch die Platte ging weiter – vielleicht hat sich die musikalische Richtung ein bisschen verändert. rap.de: Ich wollte eh´ fragen, ob das auch zu einer Wendung auf deinem Album geführt hat? Das letzte Stück ist ja auch deiner Mutter gewidmet…

Joy: Ja – Mathatha Agotlokamna. Das ist ein Nachruf auf meine Mutter gemeinsam mit den Mahotella Queens aus Südafrika, drei ältere Damen so zwischen 65 und 70. Die haben dieses Stück auf Pedi gesungen, das ist die Stammessprache meines Vaters aus Südafrika, der ein Pedi ist. In Südafrika herrscht ja das Patriarchat, und die Frau nimmt immer das an, was dem Mann gehört. Das ist also ein traditionelles Trauerlied. Ansonsten haben mich diese Erfahrungen inhaltlich wohl fokussierter gemacht. Auch das Selbst-Mutter-Sein. Stücke wie "Höchste Zeit" oder "Wem gehört die Welt" sind auch aus Muttersicht geschrieben und sollen meinem Sohn auch etwas sagen, wenn er alt genug ist, es zu verstehen. In der letzten Strophe von "Ghetto von Soweto" rede ich z.B. über Aids, und da soll er auch Bescheid wissen. Ich denke auch, dass es nötig ist, darüber in einem Song zu reden, weil das in den Medien ansonsten gerade nicht stattfindet. Das ist hier im Moment kein Thema. Es geht auch darum, zu zeigen, dass wir in Parallelwelten leben, und oftmals kommen diese Welten nirgends zusammen. Das ist den Leuten ja auch gar nicht immer vorwerfbar, weil wir das Informationsangebot auch filtern müssen, um klarzukommen. Dennoch versuche ich, da eine Schnittstelle zu sein und diese Problematik aufzuzeigen. 

 
rap.de: Wo wir gerade auch bei anderen Sprachen sind – du meintest ja vorhin, deine erste Platte sei noch auf englisch gewesen. War die Umstellung schwer – man muss ja auch zugeben, dass deutsche R&B- und Soul-Sachen oft etwas peinlich sind?

Joy: Klar – die deutsche Sprache ist durch Volks- und Schlagermusik negativ belegt, und ich hatte da große Berührungsängste. Als ich dann aber mit FK auf Tour war und auch mit Afrob abgehangen habe und über die Jungs ganz viele deutschsprachige Musik im Tourbus kennengelernt habe, habe ich die Angst auch abgelegt. Ich habe gesehen, dass man die deutsche Sprache auch so einsetzen kann, dass sie auch gut klingt. Auch die Alben und Texte von FK und Max haben mir gezeigt, dass es funktioniert. Bei "Geschichte" habe ich z.B. nie darüber nachgedacht, ob der Text peinlich ist. Das war einfach ein Stück, wo ich zuhörte und immer nur dachte "Boah". Ab da dachte ich dann, es ist richtig, die Sache auf deutsch zu machen, weil ich mich inhaltlich auf Englisch schon vom Vokabular her nie so ausdrücken könnte. Das heißt aber nicht, dass ich nie wieder was auf Englisch machen würde – das ist schließlich auch die Muttersprache der Black-Soul-Music.
rap.de: In deinem Song "Geh jetzt" hast du die Zeilen "Ich hab nichts gesagt – beim ersten Mal", und du sollst ja auch kein eifersüchtiger Mensch sein…

Joy: Also ich lasse mich nicht gerne betrügen. Bei so einem One-Night-Stand ist das auch so eine Sache. Wenn ich einen hätte, wäre das was anderes, weil da schon ein bisschen mehr dahinter wäre. Ich kann nicht einfach so mit jemandem ins Bett gehen, nur weil ich einfach Lust habe…
rap.de: Es wäre dann wohl auch keiner…

Joy: Nein – daraus würde sich wahrscheinlich mehr entwickeln. Bei Männern ist das wohl anders. Ich glaube, dass die nicht unbedingt so verliebt sein müssen, um ´ne sexuelle Vorstellung mit einer Frau auszuleben. Nicht, dass ich mich jetzt freuen würde, wenn Max nach hause käme und sagen würde "Ich hatte ´nen One-Night-Stand" – glaub nicht, dass es da nicht Ärger geben würde. Das kann halt immer aus verschiedenen Situationen heraus entstehen. Wenn man sich z.B. total gestritten hat und die Frau den Typen auf ´nen Vollidioten reduziert hat – vielleicht macht er es dann aus Rache, ich weiß es nicht. Da gibt es verschiedene Gründe. Natürlich gibt es auch die Männer, die sich immer bestätigen müssen, die sogenannten "Wiederholungstäter", wie dieser Typ in diesem Song, die brauchen das immer wieder. Dann gibt es die, die es gar nicht machen, und die sind mir natürlich die Liebsten. Ich kann mir nicht vorstellen, mit einem Mann zusammen zu sein, der mich ständig betrügt. Was ich meine, wenn ich sage "Ich bin nicht eifersüchtig", ist, dass ich nicht sofort hingehe, wenn Max sich mit einer Frau unterhält, und überprüfe, worum es geht. Ich drehe auch nicht durch, wenn seine Ex-Freundin anruft und sich mit ihm auf ´nen Kaffee treffen will, weil sie gerade in Stuttgart ist. Ich habe ja auch guten Kontakt zu meinem Ex-Freund. "Geh jetzt" ist ja auch nicht meine Geschichte – das ist wohl die Geschichte von Millionen Frauen, auch von einigen aus meinem weiblichen Freundeskreis, wo ich sage "Schmeiß ihn raus – was machst du?"
rap.de: Danke für das Gespräch.

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