Kraans de Lutin

"Plankton" heißt das neue Studio von Kraans de Lutin und Vicente "Don" Celi, die es sich nach fast einjähriger Suche nun in Berlin-Kreuzberg in einer ehemaligen Fabrik-Etage in der Schlesischen Straße gemütlich gemacht haben. Obwohl immer noch halb Baustelle, herrscht an diesem Ort bereits jetzt eine Atmosphäre, zu der man HipHop nur gratulieren kann. Er und die Leute, die ihn als Teil ihres Lebens begreifen, werden sich hier wohlfühlen. Schon wenn man durch den efeubewachsenen Hinterhof in Richtung Treppenhaus läuft, um dann dort im zweiten Obergeschoss vor der angerosteten, rot gestrichenen Metalltür mit dem verblichenen "Atomkraft – Nein Danke!"-Aufkleber anzukommen, fühlt man: "Hier bist du richtig". Wer den "Kranich", wie ihn seine Freunde nennen, schon ein wenig länger kennt, der weiß, dass kaum ein Ort Art und Innenleben dieses gelassenen Typen besser widerspiegeln könnte. "Ich bin ja Anfang Februar von Bremen nach Berlin gezogen, und seitdem arbeiten Vicente und ich an diesem Studio. Das Ganze dauert v.a. deshalb so lange, weil wir hier aus akustischen Gründen eine Raum-In-Raum-Konstruktion gebaut haben. Das bedeutet, dass sämtliche Wände unserer Regie-Räume sowie der Aufnahmekabine einschließlich Decken und Böden keinen direkten Kontakt zu den eigentlichen Wänden der Etage haben." Da Kraans und Vicente irgendwann auch für ihre Miete arbeiten müssen, wird ihre Bautätigkeit regelmäßig unterbrochen. So liegt gerade Dabru Tack (dessen Album der Kranich zur Zeit produziert) auf dem alten Sofa in Kraans‘ neuem Refugium, während Mr. Sosa vor dem Mischpult sitzt und über das neue Waxolutionists-Album philosophiert, als ich zum Interview mit dem gebürtigen Mendener eintrudele. Zu den ersten, die hier einliefen, zählen auch Dende und Immo, die an diesem wohnlichen Platz vor ca. zwei Monaten den Grundstein für den Track "Nichts leichter als das" legten. "Der Song ist zur Zeit noch nicht ganz fertig – ich plane im Moment, die Bassline von einem Kontrabassisten einspielen zu lassen, der aber selbst gerade nicht in Berlin ist. Ich könnte mir auch vorstellen, ihn ein kleines Solo spielen zu lassen", sinniert Kraans über diesen Track, der schon im vorliegenden Layout-Stadium andeutet, dass Kraans, Immo und Dende die Grenzen HipHops mal wieder leicht in Richtung Zukunft verschieben werden. Leider wird die Weltöffentlichkeit auf dieses Stück angenehm anderen HipHops noch eine Weile warten müssen, da das Kraans-Album "Knochen", welches die logische Konsequenz seiner "Haut"-EP bilden wird, die der Kranich Ende letzten Jahres releasete, realistischerweise nicht mehr in 2002 erwartet werden darf. Wenn man Kraans über seine Ideen für dieses Album sprechen hört, muss man das zwangsläufig bedauern: "Obwohl wohl rund die Hälfte der Tracks Features enthalten werden, wird dieses Album kein normales HipHop-Produzenten-Album sein. Eine Sache, die ich z.B. gerade mit Kinderzimmer Productions plane, wird so eine Art ´Battle Of The Beats´ werden. Ich bastel ´nen Beat und schicke Quasi die Samples, die ich dabei verwendet habe. Dann muss er nachlegen, und Textor könnte das Ganze dann moderieren. Ob das so hinhaut, steht noch in den Sternen, aber ich mag die Idee". Yo – und das ist noch lange nicht alles, aber über mehr halbgelegte Eier will sich Kraans nur inoffiziell äußern.

Dass der Kranich gern über den HipHop-Teller hinausblickt, stellt man schon dann fest, wenn er über Produzenten spricht, die ihn beeinflusst haben. Natürlich nennt er ein paar der Usual-Suspects, wie Primo, dann aber auch – schon seltener – die Beatnuts und eingangs seines Statements auch Frickler, an die sonst sicher wenige denken: "Zu den Leuten, die mit ihren Geräten unglaublich umgehen können und damit richtig gute Musik erzeugen, zählt z.B. Towa Tai – kein HipHop, aber ein Typ, der sehr fähig ist. Auch Fatboy Slim macht starke Sachen. In Deutschland respektiere ich natürlich Immo, Wasi ist einer, der mich immer mal wieder burnt, und I.L.L. Will macht unheimlich smoothe Sachen."
rap.de: Welches Equipment setzt du bei der Produktion bevorzugt ein, und wie hat sich das im Laufe der Zeit geändert?
Kraans: Bis vor ca. vier Jahren habe ich mit meinem kleinen Akai-Sampler und meinem Korg 01WFD-Synthie gearbeitet, weil ich nichts anderes hatte. Dann bekam ich die Möglichkeit, bei Immo im Freakcave in Bremen zu arbeiten, und da stand jede Menge rum. Im Endeffekt konzentriere ich mich seitdem aber bis heute auf Soundscape. Das ist eigentlich ein Harddiscrecording-System, aber wenn man es ein bisschen kreativ einsetzt, ist es einer der leistungsfähigsten Sampler. Soundscape ist im Prinzip ´ne ausgelagerte Festplatte mit einem Betriebsystem, das einiges erleichtert, und ich komme mit Soundscape besser klar als mit Logic oder Cubase. Der PC ist sozusagen nur das Fenster zu Soundscape, von dem man eigentlich nur die Mouse und den Monitor benutzt. 
rap.de: Klassische Sampler setzt du also nicht mehr ein?
Kraans: Kaum noch – ab und zu schalte ich meinen Akai noch ein, aber zu 98% arbeite ich mit Soundscape. Ich hab´ bisher z.B. noch so gut wie nie mit ´ner SP gearbeitet, obwohl die im Freakcave immer direkt neben meiner Kaffeetasse stand und Vicente und ich nun auch eine haben. Mit der MPC hab´ ich immer mal aus Bock gearbeitet – im Urlaub und im Studio. Ich hab´ aber auf ´ner MPC noch nie einen Beat gebastelt, der es auf ´ne Platte geschafft hätte.
rap.de: Wie hast du die Umstellung vom kleinen Sampler auf Soundscape denn damals erlebt? Trauerst du den alten, etwas unkomfortableren Zeiten vielleicht manchmal etwas nach, weil man erfinderischer sein musste, dadurch aber möglicherweise auch mehr Spaß hatte?
Kraans: Nee – und grundsätzlich ist die Equipment-Frage auch eher zweitrangig, weil jedes Gerät nur so gut ist, wie der Typ, der davor sitzt. Wenn du ´nen billigen Gurkensampler vor dir hast, du aber genau weißt, auf welche Knöpfe der Gurke du drücken musst, bekommst du immer bessere Resultate hin, als jemand mit ´ner mega-aufgerüsteten MPC mit 8 Zip-Laufwerken, Speichererweiterungen und Sonderfunktionen, der keine Ahnung hat. Als ich dann zum ersten Mal im Freakcave gearbeitet habe, war es aber schon komisch – ich habe plötzlich erst mal überhaupt nichts mehr hingekriegt. Ich hab´ mich dann z.B. alleine an der Bass-Drum ewig aufgehalten, die mit irgendwelchen Kompressoren bearbeitet und fünf Stunden lang EQt, bevor ich mit dem eigentlichen Beat angefangen habe. Du fängst an, dich in irgendwelche Kleinigkeiten zu verrennen, und das ist auch ein Grund, weshalb ich mich jetzt auf Soundscape beschränke. Ich hab´ immer den Eindruck, dass ich, wenn ich zu viele Möglichkeiten habe, ausfranse. Ich mach´ mir dann keine Gedanken mehr um die Samples oder die Loops, sondern um irgendwelche Filtereinstellungen.


rap.de: Früher haben ja ziemlich viele Leute mit Soundscape gearbeitet, z.B. auch Marius, sind dann aber umgestiegen. Weshalb bist du immer noch dabei?
Kraans: Soundscape war damals, als es auf den Markt kam, einfach das Ding überhaupt, wegen seiner Features und der Absturzsicherheit aufgrund der Unabhängigkeit vom PC. Nach und nach zogen sich die Updates für Soundscape dann aber immer länger hin, und man hatte den Eindruck, die Firma ruht sich auf ihren Lorbeeren aus. Da haben andere dann einfach zugelegt und überholt. Zwischenzeitlich wurde Soundscape aber von Macintosh aufgekauft, wobei das Programmiererteam aber dasselbe geblieben sein soll, und nun geben die wieder richtig Gas. Völlig unabhängig von dieser Hintergrundgeschichte hab´ ich mich einfach daran gewöhnt und komme damit einfach am besten zu recht.
rap.de: Wie siehst du deinen "Job"? Verstehst du das, was du tust, als Arbeit oder eher als Hobby oder als etwas dazwischen, und wie muss man sich deinen Tagesablauf bei der Produktion so vorstellen?
Kraans: Im Prinzip ist es keine Arbeit, da man es ja macht, weil man Bock darauf hat. Da du als Produzent und "nur" Musikschaffender aber relativ schnell verlotterst, zwinge ich mich dazu, früh aufzustehen, was oft auch sehr früh sein kann. Als ich im Freakcave anfing, wollte Immo dort natürlich auch ab und zu arbeiten. Deshalb habe ich zu der Zeit teilweise extrem früh angefangen, u.a. um 6 oder 7 Uhr morgens, weil Immo eben eher mittags auftauchte. Grundsätzlich arbeite ich nicht gerne nachts – das stört mich zwar nicht, aber wenn ich die Möglichkeit habe, möchte ich abends nicht noch im Dunkeln im Studio sitzen, sondern gehe dann lieber mit Kumpels weg. Man muss ja auch ein wenig soziale Kontakte pflegen, und Sampler antworten auf deine Fragen schließlich auch nicht. Natürlich gibt es aber auch Nächte, die ich durchmache – wenn ich z.B. ´nen Loop habe, der mich nicht loslässt, oder irgend ´ne krasse Idee. Wenn du mit ´nem MC dabei aufnimmst, geht natürlich eh´ die Nacht drauf.
rap.de: Wie kommst du in die richtige Stimmung, um einen Beat zu machen, den du selbst für gelungen hältst?
Kraans: Also, ich wichs mir erst mal ausgiebig einen, um entspannt zu sein. Dann bring ich mich mit zwei, drei Tassen Kaffee wieder auf… nee. Die Stimmung, die ich brauche, bekomme ich aus den Samples… und natürlich Geld! Geld ist eine der besten Motivationsquellen überhaupt. Aber Spaß beiseite – was ich oft merke, ist, dass die Instrumentals, die ich nach einer längeren Pause mache, besser werden, als wenn ich eine Woche am Stück jeden Tag im Studio sitze und Beats baue. Ich muss meinen Hunger dann auch wieder selbst aufbauen.
rap.de: Eine der Standardfragen – was hältst du von der Tendenz, in den Staaten mastern zu lassen?
Kraans: Na ja – da gibt es ja meistens zwei Gründe, aus denen man das gerne macht. Einmal arbeitet man dann dort mit Leuten zusammen, die ihrerseits schon mit allen großen Helden zusammen gearbeitet haben, und dann ist es ja auch so, dass man sich auf den von der Plattenfirma bezahlten Urlaub freut. Grundsätzlich glaube ich, dass es mittlerweile in Deutschland mindestens genauso fähige Mastermenschen gibt, wie in Amerika. Ein paar haben ja auch in den D&D-Studios gearbeitet, wie der Alex aus München, der jetzt dort die Polyester-Studios aufgemacht hat. Ich glaube, dass man die Resultate, die man in Amiland bekommen kann, auch hier kriegen kann. Klar hat man dort ein bisschen mehr Flair, und die Amis sagen vielleicht auch eher mal "Scheiß drauf, Hauptsache es wummst". Hier ist es vielleicht eher so "Nä – es muss ja auch gut klingen."

rap.de: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?
Kraans: Ich selbst denke immer, ich mache 1.000 verschiedene Sachen und habe deshalb gar keinen typischen Sound. Andere sagen dann aber, den gibt es schon. Ich schnipsel halt sehr gerne an Samples rum, und es ist selten, dass ich ein Sample nur loope, weil dann mein Stolz reinkommt. Dann ist es auch so, dass ich manchmal ganz gerne einen Kontrast zwischen den reinen Drumsounds und den Samples habe. Die Drumsounds sind bei mir häufig cleaner und aufgeräumter, während ich den Rest des Beats auch gerne staubiger und dreckiger habe.
rap.de: Du hast ja nun gerade angefangen, an deiner LP zu arbeiten. Welche Erwartungen hast du denn an die Leute, mit denen du featuremäßig zusammen arbeiten wirst, und mit wem würdest du denn gerne zusammen arbeiten?
Kraans: Ich möchte grundsätzlich mit solchen Leuten zusammen arbeiten, die meiner Vorstellung davon, ihre Stimme auch als Instrument einzusetzen, am nächsten kommen. Paradebeispiel ist da natürlich Immo. Dann gibt es da aber auch Leute wie Textor von Kinderzimmer Productions, der vielleicht nicht zu den besten Flowern und Textern Deutschlands gehört, aber ein sehr musikalisches Verständnis hat und immer ein sehr entspanntes Gesamtprodukt abliefert. Sammy Deluxe ist z.B. kein MC, der mich für meine Musik reizen würde. Ich wäre superstolz, auch mal einen Song für ihn zu machen, aber er wäre nicht mein Wunschkandidat für meine Veröffentlichung, obwohl er ein Hammer-MC ist und sein Name auf deinem Cover natürlich immer noch ein paar Platten mehr verkauft.

rap.de: Wie hörst du Musik – siegt bei dir auch dieses Produzenten-Phänomen, äußerst analytisch zu hören?
Kraans: Ich bin da etwas schizophren. Wenn ich HipHop höre, ist dieser analytische Gedanke auf jeden Fall da, und ich achte auch erst beim fünften Mal Durchhören eines Songs auf den Text, bin da häufig auch erst mal Handwerker: "Ja – die Bassdrum ist cool EQt, das Sample ist geil geschnitten, handwerklich sehr anspruchsvoll oder eben nicht". Wenn ich das Studio verlassen habe und nach hause gehe, höre ich aber äußerst wenig HipHop – da wandert dann eher mal ´ne gute Jazz-Platte auf den Plattenteller, guter Pop oder französische Chansons, Rock, Funk, Soul, Reggae. Das liegt aber auch daran, dass es sehr wenig HipHop gibt, bei dem man sich zurücklegen und den ganzen Song auf sich wirken lassen kann, ohne dass der Text zu dominant wäre. Da gibt es in Deutschland so gut wie gar nichts, und in Amiland beschränkt sich das auch auf Leute wie die Roots, ein paar Stücke von den Black Eyed Peas oder etwa De La Soul, aber dann hört es auch schon fast auf. Die NIA von Blackalicious ist z.B. auch grandios – das ist so ein bisschen mein Idealbild.
rap.de: Haben die Dinge, die du zu hause hörst, denn samplemäßig Einfluss auf deine Arbeit?
Kraans: Es kommt selten vor, dass ich eine Platte, die ich zu hause höre, auch zum Samplen mit ins Studio nehme. Ich habe auch oft Skrupel, etwas zu samplen, was ich schön finde. Ich hab z.B. seit Jahren eine bestimmte Platte zu hause liegen, die danach schreit, gesamplet zu werden. Aber ich habe Skrupel, die auseinanderzunehmen, weil das einfach wunderschöne Musik ist. Was Samples angeht, so gehe ich einmal die Woche in die Plattenläden – Donnerstags, hab´ dann meistens zwischen 150 und 200 Mark dabei und hol´ mir Samples. rap.de: Danke Kraans.

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