Blak Twang

Pfiff! Anstoß! Der Ball rollt… In diesem Fall wird er aber nicht etwa von einem gewissen D. Beckham nach vorne getrieben – das ist der junge Mann, der Schuld daran ist, dass Hunderte von verwirrten Möchte-Gern-Modejunkies jetzt mit eben diesem Hahnenkamm oder "Wannabe-Iro" rumlaufen und denken, dass das cool aussieht. Nein, tut es nicht! – zurück zu dem Ball, der hier von Tony Rotten aka Blak Twang gespielt wird. Der ist kein Fußballer, sondern MC, und das bereits seit Jahren. Mitte der 90er Jahre machte Blak Twang das erste Mal so richtig auf sich aufmerksam, als er sich mit seinen gekonnten lyrischen Doppelpässen langsam dem Tor nährte, um dann mit präzisen Beatflanken in den Strafraum einzudringen, die Situation zu erkennen und im richtigen Moment den Ball sicher über die Linie zu drücken – Toor! Der Ball steht in diesem Fall für einige 12"es, die heute bei vielen Fans als Klassiker und Sammlerstücke gelten, z.B. "Queen´s Heads" oder "Real Estate" – und das neue Album "Kick Off", Anstoß! Zu der Zeit dieser Veröffentlichungen knüpften Blak Twang und seine Rottenus Crew auch erste Kontakte nach Deutschland: "1995 habe ich eine Show in Leipzig gehabt, zusammen mit Roots Manuva . Das kam eigentlich so: Der Dank gilt Klaus , den ich seit der Zeit leider nicht mehr gesehen habe, thanks a lot Klaus! Der ist extra nach London gekommen, um uns abzuholen. Dann sind wir weitergefahren nach Belgien, haben noch eine Crew Namens ‚Crucial‘ aufgegabelt. Danach ging es weiter nach Köln, wo wir einen Auftritt hatten, und schließlich sind wir dann nach Leipzig gefahren, um eine weitere Show zu rocken. Das war meine erste Erfahrung mit der deutschen HipHop-Szene. Danach und natürlich speziell, seit ich Samy kenne, habe ich auch einige andere Künstler getroffen wie Ferris MC , Beginner , Stieber Twins , Afrob und Torch ! Big up to my man Torch!"

rap.de: Wie hast du Samy (Deluxe) überhaupt kennengelernt?

Vor ca. drei Jahren kamen Tropf, Dynamite und Samy Deluxe nach London, wo wir uns das erste Mal getroffen haben. Sie kannten einige von meinen älteren Songs, und der Vibe hat sofort gestimmt. Wir haben uns super unterhalten und beschlossen, zusammen etwas auf die Beine zu stellen, mit dem Ergebnis, dass eine gemeinsame Tour daraus geworden ist. Diese erste Tour war sehr erfolgreich, und wie schon gesagt, der Vibe stimmte. Seitdem stehen wir in engem Kontakt und haben das eine oder andere kleine Projekt zusammen gestartet – eine weitere Tour, mit KC Da Rookee zusammen, einige Singles, Remixes usw. Unsere Eimsbush- Connection ist über die Jahre gewachsen, und heute sind wir fast wie eine große Familie.


rap.de: Die Kontakte nach Deutschland waren also geknüpft, aber wie siehst du denn eigentlich die Entwicklung von HipHop in England? Man hört immer viel Lob, aber so richtig groß rauszukommen scheint dann doch wenig?

Ich denke, dass die englische HipHop-Szene, verglichen mit der deutschen, immer noch eher underground ist. Zumindest, was die Größe im Allgemeinen betrifft. In Sachen Potential sind wir in England sicherlich auf demselben hohen Level wie ihr hier in Deutschland. Es gibt viele talentierte HipHop-Künstler in England, aber das Problem ist, dass die Leute nicht wirklich daran glauben, dass HipHop groß werden kann. Deshalb entwickelt sich in England nicht so eine Infrastruktur, wie sie sich in Deutschland im Laufe der Jahre bereits geformt hat. In England traut sich niemand, mal ein bisschen Geld in HipHop zu investieren und zu versuchen, damit etwas aufzubauen. Ich meine, niemand erwartet Wunder, aber wenigstens die Bemühungen wollen wir doch erkennen können. So sieht das momentan in England aus. Es wird besser, aber eben sehr sehr langsam. Siehe Roots Manuva , Mark B und Blade oder Rodney P , der schon so viele Jahre dabei ist. Der bekommt nun langsam die Props, die ihm zustehen. Ich bin mit neuem Album am Start. Wir haben einige Young Cats wie meinen Mann Seanie T hier oder Carl Hinds 
rap.de: …macht der sich eigentlich über den deutschen Namen Karl Heinz lustig, weil man das ja sehr ähnlich ausspricht? (Gelächter)

Nein nein, das ist sein richtiger Name (lacht). Er gehört zu unserer Crew. Der Name schreibt sich ja auch ein wenig anders, aber der Sound ist schon ähnlich. Als wir früher schon mal in Deutschland waren und mit Leuten sprachen, sagten wir auch: ‚Ja, wir haben hier diesen neuen MC Karl Hinds am Start, der in nächster Zeit ein wenig Lärm machen wird`. Die antworteten dann auch: ‚Karl Heinz? Das ist doch ein typisch deutscher Name.‘ (lacht) Na ja, damit muss er wohl leben. Aber, um wieder auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, du siehst, es geht auf jeden Fall Einiges in England.


rap.de: Bekommt ihr eigentlich auch mit, was so in Schottland, Wales oder Irland passiert?

Ich würde ja gerne mal HipHop aus diesen Ländern hören, allein schon wegen des eigenen Dialekts… Da haben wir auf jeden Fall schon etwas mitbekommen! Wir haben einige schottische Rapper gehört und sind auch mit ihnen aufgetreten. Der Dialekt ist wirklich ein wenig… ähh… interessant (lacht), aber die waren richtig tight. Wir haben auch eine Crew aus Irland getroffen, die hießen "Scary Eire" , die waren auch sehr gut – mit ihrem verrückten irischen Dialekt! Es gibt so viele verschiedene Dialekte auf dieser Insel, das ist ziemlich interessant. Die meisten kennen halt hauptsächlich den Londoner Dialekt, und auch da gibt es Unterschiede.
rap.de: Hast du deinen Dialekt von Anfang an ausgelebt oder doch eher die Amis kopiert?

Auf jeden Fall war es amerikanischer HipHop, der mich anfangs beeinflusst hat. Das war halt der Beginn von HipHop und Rap. Aber ich habe von Anfang an nie versucht, den amerikanischen HipHop eins zu eins zu kopieren. Seit ich mich ernsthaft mit dem Rappen beschäftige, habe ich immer versucht, meine eigenen Erfahrungen, Geschichten etc. in meine Reime einzubauen. OK, ganz am Anfang wollte ich natürlich genauso gut rappen, wie z.B. Big Daddy Kane , Rakim oder NWA , da habe ich natürlich versucht, deren Flow zu verstehen und nachzurappen. Aber ich habe nie versucht, meinen britischen Dialekt zu überspielen, ich habe nie versucht, den US-Slang zu kopieren. Etwas später waren dann auch schon die alten Crews aus London, Demon Boys , Rodney P oder MC D , meine Quellen für neue Inspiration. Bei denen konnte ich die Leidenschaft spüren, mit der sie aufgetreten sind und die Musik rübergebracht haben, das gab auch mir Mut, meinen eigenen Weg zu gehen – als Blak Twang . Twang, das ist der Sound des "schwarzen Londons" – Blak Twang . Das beschreibt auch meinen Sound, meinen Stil, meinen Dialekt, meine Herkunft. Ich höre mich einfach anders an, als zum Beispiel ein weißer Rapper aus den East End oder so. Ich will nicht sagen, dass die sich weniger cool anhören, es ist nur einfach so, dass es viele verschiedene Dialekte gibt in London, und ich spreche den Dialekt, den viele Schwarze in dieser Stadt sprechen. Das ist Blak Twang
rap.de: Gerade dein neues Album besticht dadurch, dass es sehr viel Power ausstrahlt, es ist energiegeladen, hat auch Reggaeeinflüsse, und man kann es außerdem auch gut in Clubs spielen. War das alles geplant?

Es ist so, dass ich gar nicht versuche, in irgendwelche Sparten zu passen. Ich bin einfach ich selbst und verarbeite alle Einflüsse, die ich bekomme, in meiner Musik. Ich unterscheide da nicht, ob die Einflüsse aus dem HipHop, Reggae oder sonst woher kommen. Ich mache einfach HipHop-Beats daraus. Ich sitze 360 Tage im Jahr vor meinem Rechner und produziere Beats, die mir gefallen, die mich so richtig kicken. Ich wünsche mir natürlich, dass die Leute, meine Fans, die gleiche Energie fühlen, die ich fühle, wenn sie die Tracks hören. Ich möchte, dass sie fühlen, dass da Leidenschaft dahintersteckt. So gesehen kann man meinen Stil auf jeden Fall als sehr energiegeladen bezeichnen, ich packe immer alles rein in einen Track, dazu kann man auf jeden Fall auch im Club mal so richtig abgehen. Aber ich versuche auch lyrisch etwas zu vermitteln. Ich spreche über meine Herkunft, was mich so berührt, wie ich Dinge sehe, erlebe und verarbeite.


rap.de: Wie soll man den Titel des neuen Albums und der ersten Single "Kick Off" verstehen?

"Kick Off" meint erst einmal einfach nur, dass wir bereit sind, durchzustarten. Der "Underdog" kommt nun an die Oberfläche. Mit viel Power, wir haben ein großes Label im Rücken, aber ohne irgendwelche Zwänge und Auflagen. Wir hoffen nun, dass der Rahmen etwas größer gesteckt werden kann, wir wollen mehr Leute erreichen, als mit unseren vorigen Projekten. "Kick Off" soll aber nicht als Aufruf zur Gewalt verstanden werden oder so. Wir erzeugen zwar starke Energieströme, aber nur positiver Natur. Außerdem sind auf dem neuen Album mehr Features drauf, als bei meinem früheren. Ich wollte vor allem aufstrebenden Talenten die Chance bieten, sich zu präsentieren. Da wären Jahmahli , der auf "So Rotten" mitsingt, Mystro , Estelle , meine eigene Crew "The Rottenus Crew" mit u.a. Seanie T und Karl Hinds . Rodney P ist natürlich auch dabei, zusammen mit Lisa I´ Anson bei "Dirty Stopout Uncovered".
rap.de: Warum kommt britischer HipHop nicht auch in den Staaten gut an? Sind die Amis zu ignorant? Ist der Markt zu groß? Dabei ist es doch eine Sprache, die sie verstehen können.

Nein, sie verstehen überhaupt nichts (lacht). Die an der Ostküste können ja auch nicht verstehen, was die MCs von der Westküste erzählen und umgekehrt (Gelächter). Im Ernst, ich glaube, dass viele amerikanische Independent Artists britischen Rap zu schätzen wissen. Da gibt es auch Kollabos und Remixes wie: Pharoahe Monch und Rodney P und Roots Manuva oder Blak Twang , Ty und Talib Kweli . Oder auch Chali 2na und Roots Manuva auf seinem neuen Album ("Run Come Save Me"). Die Sache wird auf jeden Fall vorangetrieben, auch wenn der Trend momentan eher zum Jiggy-HipHop geht. Aber es gibt schon einige gute gemeinsame Projekte. So richtig groß wird das vielleicht nie werden, kommerziell gesehen, und es gibt auch nach wie vor einige "Mainstream-Amerikaner", die so gut wie nichts über die europäische HipHop Szene wissen. Ich habe in New York mit einem Typen gesprochen, der nur gefragt hat: ‚Y’all got rappers in England? Y´all got singers in England, too? Y´all got black people in England?‘ (Gelächter) Für die ist Europa ein Land: ‚Du kommst aus Europa, richtig?‘ Ich antworte dann: Nein, nicht ganz. Ich komme aus England, und es gibt Leute aus Italien, Deutschland, Frankreich, usw., das macht einfach einen großen Unterschied. Aber wir versuchen nicht einmal, in Amerika etwas zu reißen, wir konzentrieren uns auf den europäischen Markt.
rap.de: Kannst du dich an den ersten Reim erinnern, den du jemals geschrieben hast?

Ja, auf jeden Fall: "People, it´s time for me to bust a dope rhyme…" (bricht ab und geht in schallendes Gelächter über). Egal, wie wack sich das heute anhören mag, das war der erste Reim, den ich geschrieben habe. Damals habe ich mich T-Dove genannt, so ein wenig nach Trugoy the Dove von De La Soul . Aber das ist lange her. Ich hoffe, dass die Leute bemerkt haben, dass ich mich doch ein klein wenig weiterentwickelt habe! rap.de: Doch doch, man kann es erahnen…

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