Texta

Irgendwo im Süden Deutschlands. Wo die Dörfer alle auf –ingen enden. In der tiefsten Pampa. Einem Dorf namens Göggingen, das auf keinem Straßenschild zu finden ist, sollen Texta und Visionaries die Mics rocken. Wenn man verzweifelt den zehnten Tankwart nach dem Weg fragt, bekommt man nur ein verständnisloses Gögggingge zu hören. Doch nach endlosem Rumgekurve finden wir das No Stress Festival -Gelände. Als ich die kleine Bühne am Waldrand sehe, kann ich mir beim besten Willen weder Visionaries noch Texta vorstellen, wie sie umgeben von Bäumen ihre Raps zum Besten geben. Der Veranstalter meint nur: „Doch, doch, das wird voll. Später geht hier Party. Texta waren vor drei Jahren schon einmal hier“. Na ja. Lassen wir uns überraschen. Doch tatsächlich sitze ich ein paar Stunden später mit Texta zusammen im Backstage-Bereich und habe Gelegenheit, sie nach ihren Erfahrungen auf dem No Stress Festival vor drei Jahren zu fragen.

Huckey: Wenn man sie das erste Mal sieht, die quasi in den Berg rein gehauene Bühne, ist es natürlich der totale Flash. Aber wir haben das in bester Erinnerung, weil die Leute einfach super nett gewesen sind und sich super um uns gekümmert haben. Die Show nachher war super, und wir sind super bekocht worden vom Christian. Deshalb haben wir uns gefreut, dass wir heuer wieder kommen dürfen.

Das klingt recht vielversprechend. Vielleicht hatte der Veranstalter mit seiner Prognose ja doch Recht, und am Waldrand von Göggingen wird heute Nacht noch gerockt. Doch bevor Texta dafür sorgen können, dass es auch 2004 wieder eine super Show auf dem No Stress Festival wird, bleibt mir noch genug Zeit, mich mit Flip Huckey Laima Skero und DJ Dan über ihr neues Album „So Oder So“ zu unterhalten. Übrigens: Huckey hat nicht zu viel versprochen. Das Essen von Koch Christian kann so einiges. Und während sich Visionaries, Irie Révoltés DJ Rafik und Special-Guest Toni L das Essen schmecken lassen, stehen mir Texta Rede und Antwort.

rap.de: Euer Album „So Oder So“ ist ja vor kurzem erschienen. Erzählt doch mal, was ihr für Musik gemacht habt, und wie es zustande gekommen ist? Konntet ihr verwirklichen, was ihr euch vorgenommen habt?

Flip: Das Album ist mittlerweile unser viertes. Wir sind ja schon als alt gediente Band seit elf Jahren unterwegs. Wir versuchen prinzipiell, mit jedem Album neue Wege einzuschlagen. Einfach immer wieder was Frisches raus zu bringen. Man muss eben nicht nur ein Album zwei, drei, vier Mal nachahmen, sondern versuchen, selber neue Nischen zu finden und sich trotzdem treu zu bleiben. Das ist so das Credo, das wir immer versuchen einzuhalten. Das letzte Album „Blickwinkel“ war sehr storytelling- und konzeptmäßig orientiert. Und dieses Mal haben wir ein bisschen mehr versucht, verschiedene Stilmittel auszuprobieren, also von Dancehall, über Raps in Mundart, bis zu souligen Stücken. Es ist eine ziemlich breite musikalische Palette. Auch thematisch. Das Album hat ein sehr offenes Konzept. „So Oder So “ – es hat eben auch diese Zweideutigkeit in sich. – schlechte Freestyler sind wir, aber das passt auch – aber wir haben eben versucht, viele Dinge auszuprobieren und trotzdem ein einheitliches Album zusammenzubringen. Ich hoffe, es ist uns ganz gut gelungen.

rap.de: Ihr habt ja zusammen mit Total Chaos und Blumentopf das Kaleidoskop Projekt gegründet. Was ist den daraus geworden?

DJ Dan: Wir haben jetzt im März das erste Mal ein wirkliches Kaleidoskop-Konzert gespielt. Also mit Texta, Total Chaos und Blumentopf – Original-Besetzung. Mit fast allen Tracks von der Platte. Mit allen Tracks, die es jemals als Features untereinander gegeben hat. Wir haben uns am Nachmittag getroffen und das Ganze aufgefrischt. Jeder hat natürlich seine Texte geübt. Wir DJs haben uns zusammengesetzt. Es war echt cool. Es war in einem Club, zu dem echt jeder einen Bezug gehabt hat. Der ist in Pfarrkirchen in Bayern. Das Bogaloo. Jeder von uns hat da schon einzeln gespielt, und wir kennen die Jungs dort. Es hat echt erstaunlich gut hingehauen und hat eigentlich wieder Lust auf mehr gemacht.
Flip: Auf unserem Album gibt’s außerdem den Song „Alt“ zusammen mit Blumentopf, den wir jetzt auch als Single rausbringen werden. Die Bande sind weiterhin da und noch nicht gelöst. In zwei Wochen kommen sie zu uns. Und wenn wir Zeit haben, werden wir auch neue Nummern machen. Das Ding ist also immer am Laufen.
rap.de: Ich habe die Jungs von Blumentopf bei rap.de im Büro kennengelernt und habe sie als sehr sympathisch in Erinnerung. Wie ist eure Zusammenarbeit entstanden? Habt ihr untereinander eine Freundschaft aufgebaut?

Huckey: Wir haben Blumentopf 1994 auf einem Jam kennengelernt und haben dann bei uns in Linz auch eine Jam veranstaltet. Damals waren Total Chaos auch dabei, und seitdem ist es so eine Buddy-Beziehung.
DJ Dan: Wir würden in dieser Intensität nichts miteinander machen, wenn wir keine Freundschaft zueinander hätten. Das ist auch klar.
rap.de: Über Blumentopf bekommt ihr ja sicher mit, wie sich HipHop in Deutschland entwickelt. Ich finde, es ist eine sehr starke Diskrepanz zwischen der Medienpräsenz von HipHop und der Präsenz im alltäglichen Leben entstanden. Rap läuft die Charts rauf und runter, und natürlich gibt es haufenweise Konzerte. Aber eine Stimmung wie hier ist selten: Heute werden Rap-Gruppen auftreten, Writer malen ihre Peaces, Skero malt ja auch gerade eins, die Leute hocken zusammen und tauschen sich aus, so wie wir gerade. Wie nehmt ihr die Entwicklung von HipHop in Österreich wahr?

Flip: Österreich ist wieder ein ganz anderes Feld. Wir sind die bestverkaufende HipHop-Band in Österreich, aber im Mainstream im Prinzip nicht präsent. Im Alternativ-Bereich sind wir schon sehr bekannt und präsent, aber was den Kommerz betrifft sind wir nicht existent. Da gibt es diese Teilung letzten Endes noch nicht. Man muss sich nicht entscheiden, geht man Kommerz oder nicht. Insofern ist die Szenerie nicht so schizophren. Um von der Entfernung einen kleinen Blick auf Deutschland zu werfen: Wenn ich mir überlege, wie HipHop vor zehn, elf Jahren war, es war definitiv komplett anders. Wenn du damals auf HipHop-Jams warst, da haben sich wirklich vom Breaker, Writer, Rapper, DJs alle getroffen. Und man war irgendwie happy, dass man sich trifft und dass es Leute gibt, die den selben Wahnsinn pflegen wie man selbst. Da ist das dann erst so richtig losgegangen mit den ersten Releases von Advanced Chemistry und Main Concept und welche Gruppen es sonst noch gegeben hat. Dann haben die Leute gemerkt, aha, da kann man ein Geschäft machen. Irgendwann kamen die Fanta4 . Früher war das Ziel, HipHop in die Charts zu bringen, der real ist. Von den echten Bands. Das war das Postulat 1995: Jetzt müssen endlich mal die Gruppen in die Charts kommen, die die HipHop-Szene repräsentieren und nicht nur so die Olli Ps und die Wölfe der Szene. Irgendwann ist das dann ja geschafft worden. Dann ist HipHop sozusagen in jedes Kinderzimmer eingedrungen. Ich kenne eine Umfrage von 2000, in der sich 60% der deutschen Jugendlichen zur HipHop-Szene zugehörig gefühlt haben. Das heißt, es ist eine extreme Mainstreamisierung der Kultur passiert, die aber nicht mit einer Foundation einhergegangen ist. Der HipHop-Spirit ist definitiv nicht weitergeben worden.

rap.de: Dass die Kultur nicht weitergegeben worden ist, kann ich aus meiner Sicht bestätigen. Es ist bestimmt für viele so, dass sie alles, was HipHop für sie bedeutet, selbst zusammengebastelt haben, selbst angeeignet haben. Das meiste Wissen kommt dann aus der Backspin oder der Juice. Doch woran, würdet ihr sagen, liegt es, dass es nicht weitergegeben wurde?

Flip: Dass hängt auch sehr viel an den Leuten selbst. Uns war es immer wichtig diesen Spirit weiterzugeben. Wir machen ja auch ein Label (Tontraeger Records) und veranstalten seit über zehn Jahren Jams und Konzerte. Mit den Gruppen, die bei uns sind, haben wir viele Gespräche. Wir debattieren schon sehr viel über HipHop-Musik und versuchen weiterzugeben, was uns zu der Kultur gebracht hat. Das funktioniert nur so. Ich würde dich jetzt fragen, du kommst aus Heidelberg, du sitzt ja quasi an der Quelle: Torch und die anderen. Zulu-Nation . Each one teach one. Aber natürlich kann nicht jeder immer den Lehrer spielen. Und jeder muss sich auch auf seine Karriere konzentrieren. Und da geht dann doch viel verloren. Es ist eben nicht einfach, diese Rolle zu übernehmen. Es ist eben einfacherer, für sich selbst zu kämpfen, sich selbst den Weg in die Freiheit zu boxen und extra niemanden einzuweihen, damit keine Konkurrenten daraus erwachsen. Ob das jetzt die richtige Philosophie ist, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Aber es ist eben oft der einfachere Weg.
rap.de: Wenn du jetzt von Karriere sprichst: Ihr seid ja jetzt schon seit Ewigkeiten dabei und müsst euch ja auch auf euer Ding konzentrieren. Könnt ihr von der Musik leben?

Huckey: Es geht leider nicht auf, dass wir davon leben. Schon gar nicht, weil wir fünf Leute sind. Wir machen alle Jobs nebenbei. Aber das Hauptaugenmerk liegt auf jeden Fall auf der Musik und auf allem, was damit zusammenhängt. Der Job ist nur da, um das Restgeld aufzubringen, um die Miete zu zahlen. Konkrete Zukunftspläne haben Texta noch nicht. Aber sie wollen versuchen, gegen Ende des Jahres eine kleine Tour durch Deutschland auf die Beine zu stellen. Und mir bleibt abschließend nur noch zu sagen, dass Flip, Huckey, Laima, Skero und DJ Dan die Crowd am Waldrand von Göggingen am späteren Abend tatsächlich zum Kochen gebracht haben. Falls die Jungs mal in eurer Nähe auftauchen sollten, kann ich euch also nur wärmstens empfehlen, die Chance wahrzunehmen, mit Texta zu rocken. Peace.

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