Masta Ace & DJ Steady Pace

Die Hände zitterten, der Schweiß rann etwas zügiger am Körper runter als üblich, die Augen zuckten auffällig – jetzt konnte es losgehen. Das soll nicht den Zustand einer kranken Person beschreiben, es handelt sich hierbei lediglich um meine Verfassung Sekunden vor diesem Interview. Ein ganz besonderes Interview, denke ich. Weil, es ist bei weitem nicht so, dass ich diesen Zustand unter der Kategorie Normal einstufen würde, wenn ich Interviews mache. Aber in diesem Fall, und zumindest alle, die sich bereits seit über zehn Jahren mit HipHop beschäftigen, werden mich verstehen, war es etwas besonderes. Masta Ace war in der Stadt, und ich wurde ausgesandt, um ihn zu interviewen. Ich bin nicht der Typ, der vor jedem bekannteren Namen gleich ehrfürchtig in Knie geht, aber wenn eine Legende vor einem sitzt – und ich denke, diesen Ausdruck kann man hier wählen – dann fühlt sich das schon irgendwie besonders an. Nicht zu vergessen, dass auch der DJ – sein DJ – aus den ersten Tagen dabei war. Der sah doch tatsächlich noch genauso aus, wie es auf den Fotos der "Take A Look Around"-LP zu sehen war – zumindest hatte ich ihn gleich erkannt, selbst wenn das Aussehen eher Wunschdenken oder vor Aufregung vernebelte Optik war. Fest stand auf jeden Fall mal eins: Masta Ace war da, sein DJ war da, ich war da, und die Zeit war jetzt schon scheißknapp. Ich war erst einmal überrascht, dass DJ Steady Pace das erste Wort hatte – meistens sind die DJs eher die Ruhigen (leider) – der Ace und sich selber noch einmal kurz vorstellte. Ich wollte dann gleich wissen, wie lange die zwei wirklich schon ein Team bilden, da nahm dann doch Ace das Gespräch in die Hand.

 

ACE: "Wir kannten uns schon, bevor wir überhaupt daran gedacht haben, Platten zu machen. Wir hatten damals eine DJ-Crew, bevor ich mich dazu entschloss, mehr zu rappen als Platten zu drehen. Steady machte weiter, und als ich dann soweit war, eine Platte zu machen, wurde er ganz automatisch mein DJ. Er ist mein DJ seit der allerersten Platte, die ich rausgebracht habe."
Der Lärm der Fans, der von draußen reinkam, war natürlich nicht zu überhören, und ich erzählte ihnen, dass die "Hütte voll ist" und es die Leute kaum noch erwarten können Masta Ace & Steady Pace live zu sehen. Das einzige, was dazwischen liegt, ist dieses Interview. Nach kurzem Gelächter erwiderte Masta Ace: "That´s cool. Ich mag es, in kleinen Clubs zu spielen, wo es immer ein wenig wild und rau zugeht." Von Starallüren war weit und breit nichts zu spüren, und ich war sehr zuversichtlich, was den Fortgang des Interviews betraf.

rap.de: Mir fällt auf, dass viele von deinen "Kollegen" aus alten Tagen wie Biz Markie oder EDO.G eine Art Comeback mit Maxi- und Albumveröffentlichungen auf deutschen Labels feiern.

ACE: I think that´s great, man. Ich glaube, es gibt hier einfach einen Markt für solche Artists wie mich oder wie Biz und Ed. Die Leute wollen hier nicht immer nur Mainstream HipHop hören, wie er im Radio gespielt wird. Ich denke, die Leute hier wollen einfach textlich und musikalisch anspruchsvollere Musik hören. Da ist ein Platz für Musik, wie wir sie machen. Wir sind die andere Seite der Waage, die die Balance hält zu all dem Commercial-Rap, zu dem ‚Blick Blink-Rap.‘
rap.de:  Bekommt ihr in den Staaten nicht den Respekt, den ihr verdient? Mögen die Leute etwa nur noch den Mainstream-Rap und vergessen die Künstler, die die ganze Sache gestartet haben?

ACE:  Die Fans in den USA sind etwas schwierig. Für die zählt zumeist nur das Neue. Dieses Jahr mögen sie dich noch, doch nächstes Jahr ist jemand anderes an deine Stelle getreten, und so weiter.
DJSP: Ich würde das nicht mal als Disrespect bezeichnen. Für die Fans in den Staaten zählt einfach immer nur das Neue: Was oder wer ist jetzt gerade angesagt, was gestern war, ist schon wieder egal, wir leben nur im Jetzt.
ACE: Das ist auch der Grund, warum einige Künstler schnell so viele Alben wie möglich rausbringen. Die meisten können es sich nicht leisten, eine längere Auszeit zu nehmen. Dann sind sie praktisch weg vom Fenster.
rap.de: Eine der Fragen, die euch wahrscheinlich am meisten gestellt wird, ist sicherlich: Wie war das damals mit der Juice Crew? Seid ihr davon genervt, weil ihr vielleicht denkt: "Ok, war eine gute Zeit, aber wir haben uns ja auch weiterentwickelt und wollen nicht immer darüber reden müssen"? Wie seht ihr das?

ACE: Das ist schon o.k.. Ich stehe zu jeder Phase meiner bisherigen Karriere. Die Marley-Juice Crew Ära war cool, da habe ich eine Menge über das Business, Produzieren, Performance etc. gelernt. Biz und Big Daddy Kane haben mir auch immer weitergeholfen, wenn ich was wissen wollte. Von da aus ging es dann weiter mit der INC und Delicious Vinyl. Zwei Alben haben wir auf dem Label rausgebracht, wodurch ich natürlich noch mehr über die Musikindustrie gelernt habe. Das war einfach eine gute, lehrreiche Zeit, einfach eine Phase meines Lebens. Wie im wahren Leben auch. Du hast deine Zeit als Kind, dann wirst du zum Teenager, wirst langsam erwachsen und so weiter. Jetzt bin ich halt in der Phase nach INC und so, habe die nächste Stufe in meiner Karriere erreicht, und ich kann zurückgucken und lachen und mich darüber freuen, dass ich diese Phasen erlebt haben. Jetzt werden wir sehen, was die nächste Stufe bringen wird, wenn mein neues Album "Disposible Arts" rauskommt.
rap.de: Viele Leute bezeichnen Masta Ace als den Mann, der einen neuen Sound kreiert hat. Du sollst die eher westcoast-typischen Synthi-Sounds mit deiner Eastcoast-Mentalität kombiniert haben – wie ich gelesen habe – und das Ergebnis war dann das Album "Sittin On Chrome". Wie stehst du dieser Sache gegenüber?

ACE:  Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass ich wirklich etwas neues geschaffen habe. Ich habe einfach nur eine Form von (HipHop)Musik gemacht, die von der Eastcoast kam, weil ich von dort komme – Brooklyn -, gleichzeitig aber von der Westcoast auch akzeptiert wurde. Zu dieser Zeit gab es eine ziemlich große Rivalität zwischen der East- und Westcoast, und viele Leute in New York sahen mich als eine Art Verbindung zwischen den beiden Seiten. Aber das einzige, was ich wirklich geschafft habe, ist, dass es wieder o.k. war, für New Yorker Artists auch mal ein Video an der Westcoast zu drehen oder eine Kollabo mit Künstlern von dort machen zu können – oder eben eine Platte zu produzieren, die vielleicht eher einen Westcoast-Sound hatte. Ich glaube, dass ich mit meiner Musik einige Türen für andere Künstler geöffnet habe.


rap.de: Für viele Leute ist der Sound von diesem Album (Sittin On Chrome) so was wie der typische Masta Ace Sound. Gibt es den überhaupt, oder wie würdest du euren Sound beschreiben?

ACE: Wenn du dir die Alben im Einzelnen mal anhörst, fällt dir auf, dass jedes seinen eigenen Sound hat. Jedes Album steht für eine gewisse Zeit meines Lebens, für Erfahrungen, die ich in der Zeit zwischen den Alben mache, Geschichten, die ich höre. Ich versuche, das Erlebte dann immer in das nächste Album einzubauen. Ich würde nie versuchen, eine meiner alten LPs noch einmal neu aufzulegen, den Sound noch mal nachzubauen, das geht nicht. Das neue Album heißt "Disposible Arts", und das beinhaltet ein eigenes Leben, eigene Gefühle – kein Recycling. Alle neuen Songs kommen von Herzen, ich hatte viel Spaß bei der Produktion und konnte alles genauso machen wie ich es wollte.
rap.de: Erzähle doch bitte noch mal, warum es eine so lange Zeitspanne zwischen "Sittin On Chrome" und deinem neuen Album gab. Was hast du in dieser Zeit gemacht?

ACE:  Nach dem Album habe ich Delicious Vinyl verlassen und bei einem anderen Label in New York unterschrieben. Wir arbeiteten an einem Album, und als es fast fertig war, wollten sie es auf einmal nicht mehr veröffentlichen. Sie hatten festgestellt, dass sich die Industrie und der Markt verändert hatten, und wollten jetzt, dass ich mich auch dementsprechend ändere. Da hab ich mich dann rausgezogen und für eine ganze Weile auf das Produzieren konzentriert. So um 1999 habe ich dann wieder kleinere Projekte gemacht und gemerkt, dass die Energie und der Spaß langsam wieder zurückkommen. Letztendlich habe ich das Angebot bekommen, wieder ein Album machen zu können, auch auf Tour zu gehen, und bin sehr glücklich, wie es seitdem gelaufen ist.
rap.de: Ich muss jetzt natürlich auch mal fragen, was eigentlich der DJ während dieser Zeit gemacht hat?

DJSP: Ich fange mal so an: Während der Zeit, wo er (ACE) auf Delicious Vinyl war, habe ich mir eine Auszeit genommen. Aus dem einfachen Grund, weil ich einen Sohn bekommen habe. Ich habe also den Papa gespielt, während er die Bühnen gerockt hat. Ich hatte 9 to 5 Jobs, habe viel zuhause gedeejayt und so. Als wird dann eine kleine Tour durch Europa machen konnten – das war erst im letzten Jahr – und die Akzeptanz echt groß war, wir dann auch auf jeden Fall das neue Album machen wollten, da war klar, dass auch ich wieder am Start war. Also, solange HipHop hier am Start ist, werde auch ich hier sein, youknowiamsayin.
rap.de: Ihr habt ja nun schon eine lange Karriere hinter euch, da hat man auch schon viel erlebt. Was war denn einer der schönsten Momente, die ihr so erlebt habt?

ACE: Ich kann da natürlich nur für mich sprechen, aber eine Sache, die ich nie vergessen werde, war der Auftritt in der London Arena 1991. Der Headliner war damals Public Enemy, EPMD waren auch da, und für mich war es der erste wirklich bedeutende Auftritt. 15000 Leute vor der Bühne, und es war einfach das unglaublichste Gefühl, als meine Platte anfing zu laufen und mindestens 8000 Leute wie verrückt am Springen waren. Das war Wahnsinn! Wir hatten zwar schon von einigen Leute gehört: "You´re great", aber wirklich wissen kann man das erst, wenn man dann auf der Bühne ist. Das war für mich auch ein Grund, weiterzumachen mit der Musik und auch weiterhin außerhalb der Staaten aufzutreten.
DJSP: Das war ein ganz besonders guter Tag – auch aus dem Grund, weil wir einen Tag zuvor von einer anderen Bühne "gebiert" wurden. Man hatte uns fälschlicherweise für ein Rockkonzert gebucht. Die ganze Halle war also voll mit bärtigen, tätowierten Rockern, und als wir dann auf die Bühne kamen und anfingen zu rappen, brach natürlich ein Sturm los. "Fuck that rap shit." "Get off the stage!" – Tja, dann flogen halt die Bierflaschen auf die Bühne… Du kannst dir also vorstellen, wie glücklich wir dann am nächsten Tag nach der Show in der London Arena waren. Das war wohl auch für mich die beste Show, die ich bis heute erlebt habe.  Leider – oder für die Fans an diesem Abend natürlich: endlich! – mussten die beiden jetzt mal ein bisschen das Haus rocken gehen, was ihnen auch zweifelsfrei gelang. Ich habe EDO.G. Doch das ist eine andere Geschichte, die ihr aber schon sehr bald bei rap.de lesen könnt. auf jeden Fall noch Tage danach von dieser Begegnung geschwärmt und bin schon auch ein kleines bisschen stolz, dass ich dieses Interview machen durfte. Natürlich war es zu kurz, und ich hätte auch noch 1000 andere Dinge fragen wollen und und und… In solchen Situationen kann man wohl leicht zum Perfektionisten werden. Aber ich hatte ja auch schon mein nächstes Ziel im Auge, wo ich die Möglichkeit bekommen sollte, mich steigern zu können. Eine weitere HipHop-Legende sollte meinen Weg kreuzen: Wartet auf: HipHop Legends Teil 2 – comin soon!

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