Stylewarz

Es ist Ende April, und ich sitze im Zug von Berlin nach Bremerhaven, einem Ort mit 120.000 Einwohnern bei 15% Arbeitslosenquote – von Berlin aus am Arsch und an sich auch sonst wenig Grund, da hinzufahren. 4,5 Stunden dauert das, also 9 Stunden hin und zurück. Reiseziel: Das "Candy-Station"-Studio, in dem DJ Stylewarz seine LP gemischt hat und in das er nun außer mir noch je einen Kollegen vom "Blond"- und vom "Monster"-Skateboard-Magazin zur Vorab-Listening-Session eingeladen hat. 9 Stunden – eigentlich total bekloppt, wenn man sich überlegt, dass "der Michi" gerade nach Berlin gezogen ist und so ungefähr 20 Minuten entfernt von mir wohnt. 9 Stunden – viel Zeit, um anstrengenden Mitreisenden bei ihren Telefonaten zuzuhören, wenn man seinen Kopfhörer vergessen hat. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Unternehmensberaterin um die 30. Vor ihr steht das kleinste Sony-Laptop, das ich je gesehen habe, daneben liegen zwei Handies – wohl die aktuellen Topmodelle von Siemens und Nokia, beide mit bahnbrechend anstrengenden Klingeltönen. Leider klingeln sie häufig, und nachdem sie geklingelt haben, sagt ihre rothaarige Besitzerin mit den schwarzen Lackstiefeln Dinge wie: rothaarige Besitzerin mit den schwarzen Lackstiefeln Dinge wie: "Das haben wir in der Vergangenheit aber schon ausreichend kommuniziert… sicher, das hätte man besser kommunizieren können… darum kümmert sich Frau Schröder." Ich flüchte in den Speisewagen. Dort redet ein älterer Verwaltungsangestellter auf seine Kollegin ein, die HB ketteraucht und meint "Wer kann es sich heute schon leisten, mit 60 aufzuhören?" Einen Moment lang scheint sie wirklich darüber nachzudenken. Für mich irgendwie zusammenhangslos kommt er auf seine ostdeutschen Kollegen zu sprechen und äußerst: "Saufen war da ja ein großes Hobby, denn Alkohol gab es ja, und das haben die dann einfach beibehalten" "So so", denke ich mir und gehe an meinen Platz zurück.

 


Als ich planmäßig bei Candy-Station eintreffe, hat der Styler die Listening-Session schon abgehalten und – wie sich anschließend rausstellt – keinen Bock, sein Album noch mal zu hören. Also sitze ich wenig später mit den Strategen von Monster und Blond in der Studio-Küche und mache ein Interview mit DJ Stylewarz, wie man so Interviews eben macht. Ich stelle gut 45 Minuten Fragen, die die anderen auch mitschneiden. Am Ende meint der Monster-Mann "Das waren genau die Fragen, die ich auch stellen wollte. Nur eins noch: Fährst du eigentlich Skateboard?" Der Michi meint "Nein", womit das Monster-Interview zu Ende ist. Leider fährt mein Zug nach Berlin dann so früh zurück, dass es keinen Sinn mehr macht, sich an der Post-Interview-Pizzabestellung noch zu beteiligen. Also – aufie geht´s, 4,5 Stunden nach Berlin. Zwei Tage später treffe ich bei mir um die Ecke dann einen der bekanntesten HipHop-DJs Deutschlands an der Ampel auf dem Mountain-Bike. Bremerhaven – immer eine Reise wert.

rap.de: Das letzte Mal habe ich dich auf der Tour mit Ferris gesehen, die ja nicht so richtig rund lief – wie habt ihr das empfunden?

Stylewarz: Es waren schon weniger Leute da, als wir erwartet haben. Die, die da waren, hatten aber auf jeden Fall Bock, und das fand ich dann geiler, als wenn vor ausverkaufter Hütte 60% der Leute rumgestanden hätten.
rap.de: Wie stehst du denn momentan zu Ferris? Ihr hattet zwischenzeitlich ja doch ´ne kleinere Auszeit?

Stylewarz: Ferris – da kann ich nur sagen: Hut ab! Der hat sich extrem zu seinem Vorteil entwickelt und ist einfach ein Profi in dem, was er macht, ein geiler Typ. Ferris ist halt Ferris, das wird auch immer so bleiben, und das ist auch gut so!
DJ Kaoz: Also schwul (allgemeine Erheiterung).
Stylewarz: Für mich einer der besten Rapper, die es gibt. Der hat genau das, was den meisten deutschen MCs fehlt. Ich guck mir diese Mixery-whack-Deluxe-Battles an und denk immer nur "Diese Freestyle-Affen!". Da arbeite ich dann lieber mit ´nem Ferris zusammen, der zwar nicht gut freestylet, dafür aber ein eigenes Standing hat, als mit so ´nem 20 jährigen HipHop-Kasper.
rap.de: Als wir Ferris interviewt haben, meinte er, er sei heilfroh gewesen, dass ihr wieder zusammen seid, auch weil die Phase dazwischen auftrittsmäßig ziemlich schlecht gewesen sein soll…

Stylewarz: Ich hab einen Auftritt von ihm gesehen – im Kaunertal beim Opening. Der Typ tat mir so leid… Ich war da mit Flame, und wir haben ihn an dem Abend dermaßen an die Wand gespielt. Aber das wollte ich auch. Das ging voll nach hinten los, er war auch super aufgeregt, und da ging nichts klar. Als dann feststand, dass ich ein Album mache, hab´ich ihn angerufen und gemeint "Ich würde gerne einen Track mit dir machen". Da sagte er dann "O.k. – aber nur, wenn du die Cuts auf meinem Album machst, weil ich keinen Bock mehr auf andere Leute habe." So kamen dann ein paar Gespräche nacheinander, und irgendwann ging es dann auch wieder um die Live-Sachen.

rap.de: Wo war denn vorher überhaupt das Problem?

Stylewarz: Sein Ego und mein Ego. Ich bin an sich ein komplett entspannter Typ, und wenn jemand ein Problem hat, kann er damit auch gerne kommen. Das muss dann aber auf die richtige Art stattfinden, und wenn es das nicht tut, kann ich auch ganz anders.
rap.de: Du bist ja nun bei Mercury/Universal und damit auf einem Major. In deinem Umfeld gibt es Leute, wie z.B. Marius, die damit nichts anfangen können. Wie siehst du das?

Stylewarz: Für mich selber sind diese Diskussionen überflüssig. Du musst halt für dich sehen, was du erreichen willst, und natürlich ist es voll o.k., wenn Marius seinen Kram komplett alleine macht – Hut ab! Das haben wir ja auch lange gemacht. Für mich kam dann aber irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich mich gefragt habe "Wie lange willst du das jetzt noch so machen?" – alles selbst machen, 1.000 Stück pressen und verkaufen… Für mich muss es weitergehen – die Platte soll jeder hören können, nicht nur meine 20 Homies. Ich weiß, was Marius meint, aber diese ganze Major-Indie-Diskussion – ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass du auf einem Indie viel schneller abgezogen wirst. Ich will mich einfach auch nicht 20 Jahre im Kreis drehen, auch dieses Underground-Gelaber, ich brauch das nicht mehr.
rap.de: Was erwartest du denn auf Seiten der Konsumenten? Du bist ja schon ewig dabei, und von daher könnte deine Platte ja auch die älteren Heads erreichen – viele Käufer sind aber eben zwischen 14 und 18…

Stylewarz: Das ist schon o.k. – ich finde es nur schlimm, wenn die so abgerichtet sind. Die haben ihr Mixery, ihr Fett MTV, ihre Juice und ihre Backspin – und alles, was darüber hinaus geht, bekommen sie halt nicht mit. Der Antrieb, sich selber zu informieren, selber in den Plattenladen zu gehen und selbst Platten zu checken, fehlt einfach. Die brauchen immer ihre Empfehlung von Mr. XY.


rap.de: Wo siehst du dich denn im Kontext dieser ganzen "Produzenten"-Sampler, die zur Zeit rauskommen bzw. schon erschienen sind – Plattenpapzt, Friction, Thomilla, die haben das ja auch schon hinter sich?

Stylewarz: Ich finde das ja nicht generell schlecht. Aber bei denen muss man auch sehen, dass diese Typen gar keine andere Wahl haben, als solche Platten zu machen, denn Scratchen können sie halt nicht. Mein Album ist ein Stylewarz-Album und nicht eine Platte, die nur über die Rap-Features angepriesen wird. Bei den anderen siehst du eine Anzeige "Das Album kommt am soundsovielten mit: …". Auf meinem Album sind zwar auch zehn Rap-Tracks, aber eben auch sechs DJ-Tracks. Auch bei den Rap-Tracks sind aber eine Menge Cuts dabei.

rap.de: Wen hast du denn bei den DJ-Tracks mit ins Boot genommen?

Stylewarz: Drei habe ich komplett alleine gemacht, einen dann mit Mirko, Coolman und Marius. Sehr sehr geil ist auch der mit M-Tech aus München geworden, und dann gibt es noch einen mit den Juggaknots. Bemerkenswert ist auch, dass auf dem Rap-Track mit Immo und Ma, DJ Supreme von Hi-Jack drauf ist, den wollte ich unbedingt dabei haben.
rap.de: Hast du den Eindruck, dass die DJs im Vergleich zu den MCs nach wie vor schlechter wegkommen und underrated sind?

Stylewarz: Auf jeden Fall, es wird aber besser. Letztes Jahr war die ITF-Battle ja in Hamburg auf dem Flash, und das war da die bestbesuchte Veranstaltung – es besteht also ein riesen Interesse. Dieses Underrated-Sein der DJs liegt natürlich auch oft an den Rappern, mit denen sie zusammen arbeiten. Manchen DJs ist das aber auch völlig egal. Oft hab´ ich mir schon gedacht "Ey sorry Typ, aber wenn ihr hier eine Live-Show macht, dann musst du dich auch darum kümmern, dass der Platz, an dem du arbeitest, irgendwie sauber und korrekt aufgeräumt ist, sonst wird das nachher katastrophal." Es sind also nicht immer nur die MCs schuld, weil sie ihre DJs nicht pushen, obwohl viele von denen natürlich total dumm sind. Manchmal begreifen die Rapper auch gar nicht, was du da hinten machst – ich musste Ferris auch erst mal erklären, was ich eigentlich tue.

rap.de: Auf dem ITF war ja wieder einiges an Nachwuchs zu sehen, was hältst du von den Jungen denn?

Stylewarz: Viele von denen sind halt so Fach-Nerds, Fach-Trottel, die von morgens bis abends entweder vorm Videorecorder sitzen oder im Internet sind, und die dir jeden Scratch erklären und auch jeden Scratch performen können. Sobald man dann aber meint "Zeig mir doch mal, was du kannst – und nicht, was der und der kann oder was du da und dort gesehen hast, ich will dich hören, nicht Q-Bert und D-Styles oder Mixmaster Mike", hört es schnell auf. Es gibt natürlich auch einige, die super-fit sind und es echt drauf haben, wie z.B. M-Tech. Viele haben aber null Erfahrung – die scratchen seit zwei Jahren und haben alles durch Videos gelernt… Das Problem bei denen ist einfach: Die haben alles, die müssen sich nur ansehen, wie es die anderen machen, weil es das alles auf Video und im Netz gibt. Da fehlt dann aber dieses Selbst-Ausprobieren…
rap.de: Wie sieht es bei dir aus – bist du noch jeden Tag dabei?

Stylewarz: Auf jeden Fall – Scratchen ist für mich die Königs-Disziplin schlechthin. Ein DJ, der nicht scratchen kann, sollte sich nicht DJ nennen. Wenn ich Zeit habe, sitze ich den ganzen Tag davor.
rap.de: Wer sind für dich denn die besten Leute?

Stylewarz: Q-Bert, keine Frage, D-Styles, Supreme. Es gibt für mich auch keinen besten DJ in dem Sinne. Was ich schätze, ist eben eigener Style. Es ist egal, ob du erfolgreich bist oder nicht, ob du in den Charts bist – wenn du keinen eigenen Style hast, brauchen wir nicht weiter zu reden. Q-Bert und D-Styles sind aber eben Typen, die ich auf einer Platte wiedererkennen würde, und genau das ist es.

 

rap.de: Und equipmentmäßig? Was hältst du denn vom Vestax?

Stylewarz: Ich hab die zu hause, die Dinger sind auf jeden Fall cool. Ich bin aber einfach gewöhnt, auf den Technics zu arbeiten, und wenn du da was weiß ich wie viele Jahre drauf rumgemacht hast, dann ist so ein Vestax einfach gewöhnungsbedürftig. Unskippable stimmt zwar nicht, aber die sind auf jeden Fall cool, das geht klar. Könnte man annehmen, dann würde es auch keine Technics mehr geben.
rap.de: Der Anti-Tomekk-Track mit Desue, denkst du im Nachhinein immer noch, dass der nötig war? Ich meine, der Typ spricht doch für sich…

Stylewarz: Ich find´s o.k., dass wir den gemacht haben. Aber ich fände es auch geil, wenn ein paar Leute im Nachhinein dazu auch stehen und sich dafür gerade machen würden.
rap.de: Wo findet das nicht statt?

Stylewarz: Auch auf diesem Track – ein paar Leute haben sich dafür gerade gemacht, ein paar nicht. Das mag ich nicht – entweder ziehe ich ein Ding ganz durch, oder ich lasse es. Entweder reiße ich das Maul richtig auf und stehe auch dazu, oder ich halte den Mund. Einige Leute sollten halt nicht laute Ansagen machen und sich dann wie eine Pussy einkrümeln.
rap.de: Was erwartet uns denn nach deiner Platte?

Stylewarz: Wir arbeiten danach an einem No Remorze-Album, wobei es aber noch keinen konkreten Zeitrahmen gibt. Ein paar Sachen stehen schon, und vielleicht wird es so Ende des Jahres. Das ist auch eines der positiven Ergebnisse meines Albums, dass wir als No Remorze wieder am Start sind. Wir haben uns zwar nie getrennt, was ja viele behauptet haben, hatten aber alle so unsere eigenen Probleme, und nun ist die Zeit einfach wieder reif für neue Sachen.

rap.de: Danke für das Gespräch.

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