Bas-One

Bas One ist 29 Jahre alt und lebt seit seiner Geburt in Oakland, California, also an der Bay Area, der Gegend, aus der gerade in den letzten Jahren großartige Musik gekommen ist. Direkt aus Oakland kommen z.B. auch The Coup, die Band, die dieses Jahr ins Raster der FBI-Fahndung geriet, weil sie dieses inzwischen schon beinahe legendäre Cover mit der fiktiven Sprengung des WTC für ihr neues Album „Party Music“ geplant hatte. Ebenfalls aus dieser Ecke kommen etwa die People Under The Stairs oder Blackalicious, die nächstes Jahr auch ein neues Album veröffentlichen werden. Dass jemand, der in dieser musikalischen und geographischen Umgebung aufwächst, ein zugleich warm-klingendes und kritisches Album veröffentlicht, ist wohl nicht weiter verwunderlich. Bas Ones Ziel, die drei Komponenten der Kultur neben dem Rap wieder nach vorne zu bringen, haben wir ja bereits in unserem Review zu „For The Mentally Astute ´Theory Of A Throwup´“ beschrieben.

 

Bas selbst sieht sich als HipHop-Puristen, dessen Verständnis von der Kultur auf der Gleichberechtigung der vier Komponenten beruht, die für ihn zur Zeit aber nicht vorhanden ist. Der Fokus in den Staaten liegt auf Rap, die Ursprünge geraten in Vergessenheit, und die Leute im Rampenlicht tragen nicht dazu bei, dass sich das ändert:
„Dass ich Rap hasse, so wie er heute ist, liegt daran, dass sich die Leute mit nichts von dem auseinandersetzen, womit sich ihre Vorgänger, diejenigen, die das Fundament gelegt haben, auseinandersetzten. Als ich begann, zu reimen und zu tanzen, wurde diese ganze Kultur von Amerika und der Gesellschaft gehasst. Wir wurden als die Leute von der Straße gesehen – ´Das ist kein echtes Talent, keine richtige Musik, kein richtiges Tanzen – da ist nichts Geschicktes dabei, das ist keine richtige Kunst, nichts Schönes, das ist Vandalismus´. Und ich bin da eben leidenschaftlich, weil ich es gelebt habe. Diese anderen Rap-Clowns – Mann – die Mehrheit von ihnen ist einfach nur trendy, ich aber lebe die HipHop-Kultur jeden Tag, auch wenn ich gerade mal nicht Rap-Musik höre. Hier in Kalifornien gab es Gesetze, wegen derer wir noch nicht mal an der Straßenecke breaken durften – sie versuchten es illegal zu machen. Man hört ständig von all diesen Rappern, die Geld haben, oder auch von diesen revolutionären oder Conscious-Rappern. Wie viele von denen aber haben etwas an die Gemeinschaft zurückgegeben, die es ihnen überhaupt möglich gemacht hat, Geld zu verdienen? Keiner. Wir brauchen diese trendigen Clowns aus der Werbung nicht, die mit ihren Rucksäcken rumlaufen und denken, sie wären mit der Sache down. Wenn es die Puristen nicht gäbe, dann wäre die Kunst und die Kultur nicht da, wo sie heute ist“ erläutert Bas seine Sicht in einem von vielen leidenschaftlichen Statements ähnlicher Stoßrichtung.


Möglicherweise hört sich dieses „Gerede“ über die „Elemente“ und das „Ich habe es gelebt“ für sich auch wieder etwas klischeehaft an. Dass Bas´ die Geschichte der Kultur aber tatsächlich verinnerlicht hat und zugleich bestimmten Geschäftsmechanismen extrem kritisch gegenübersteht, wurde im Gespräch mehrfach deutlich, so auch, als ich ihn auf das Cover seiner Freunde anspreche und ihm die Frage stelle, ob er diesen Rückzug nicht auch als etwas unehrlich sieht, wenn man die Geschichte von The Coup kennt:
„Es waren weniger sie, als mehr ihre Plattenfirma. Lass es uns einfach sehen, wie es ist: Hier in Amerika geht es ums Geschäft, sie beschäftigen sich mit Dingen wie Wahrnehmung und Marketing. Kannst du dich an die Sache erinnern, als Professor Griff von Public Enemy schlecht über die Juden sprach, ich denke es war ungefähr 89?“. Als ich auf dem Schlauch stehe, erklärt er: „Prof. Griff machte ein Statement, das politisch nicht korrekt war, und deswegen haben sie ihn aus der Band geworfen. Ich selbst denke aber, dass es weniger Chuck D war, der ihn raushaben wollte, als mehr das, was Amerika ihm aufgezwungen hat. Vielleicht verlierst du ein paar Fans, vielleicht büßt du ein paar Plattenverkäufe ein. Dasselbe passierte bei The Coup – 75 Ark kenne ich, weil ich ein paar Freunde habe, die dort arbeiten und in San Francisco sitzen. Sie erhielten jeden Tag Tausende von Mails, in denen die Leute erzählten, sie würden The Coup hassen, und das Ganze war sehr schlechte Publicity für die Plattenfirma, weniger für The Coup selbst, was Boots und Pam angeht. Es gab Leute, die der Firma angedroht haben, nichts mehr zu supporten, was irgendwie mit 75 Ark zu tun hat, und somit hatte die Entscheidung mehr ökonomische Gründe als sonst irgendwelche. Wir sind ein Produkt – hier in Amerika machen sie aus Rappern ein Produkt, und sobald du kein rentables, absetzbares Produkt mehr bist, packen sie dich irgendwo hinten in ein Regal, und niemand wird dich mehr sehen.Deshalb
mussten sie das Spiel mitspielen.“

   

Bas selbst hatte zum Glück keine Verwandte oder Freunde, die zur Zeit des Unglücks in den Towers gearbeitet haben. Ungeachtet dessen ist es wenig überraschend, dass er auch zum 11. September seine eigene Meinung hat:
 „Zwei Wochen vorher gingen Amerika und Israel aus den United Nations-Meetings raus, in denen es um Reparationen für Unrecht gegenüber Afroamerikanern und Palästinensern ging. Es war sehr schlecht, dass diese Katastrophe gerade danach geschah, denn eine Mehrheit der Amerikaner waren so hirnlose Androiden, dass sie diese Angelegenheit völlig vergaßen. Jeder redet darüber, wie unfair und beunruhigend es war – aber Amerika macht jeden Tag auf der ganzen Welt beunruhigende Dinge, Amerika hat Afghanistan lange vor der Sache mit dem WTC bombardiert. Sie haben Operationen in Kuba, Puerto Rico und South Africa durchgezogen, und sie handeln immer noch mit der Regierung von Südafrika. Was ist mit diesen Ungerechtigkeiten? Ich werde den Tod menschlichen Lebens zur Erreichung politischer Ziele niemals billigen, glaube aber nicht, dass es Bin Laden war. Jetzt hast du hier Leute, die mit der amerikanischen Fahne rumlaufen und ´Fuck Bin Laden´ rufen. Vor ein paar Jahren passierte die Sache mit dem Oklahoma Federal Building, und sie meinten damals auch, Bin Laden wäre es gewesen, und dann war es dieser fucking Timothey MC Veigh und ein paar andere Rednack Whitecats aus Amerika. Bei den olympischen Spielen in Atlanta sagten sie ´Bin Laden war es´, und es war wieder ein Ami. Es sind noch nicht mal irgendwelche Minderheiten, wie z.B. die Indianer, die diese Bombenanschläge verübt haben, es sind keine Afroamerikaner, auch keine asiatischen Amerikaner. Diese Leute werden hier normalerweise schlecht behandelt, und ich kann dir sagen, dass mein Leben als Schwarzer in Amerika nicht gerecht ist. Amerika verkauft diesen vermarkteten Traum davon, der große amerikanische Melting Pot und das Land der großen Möglichkeiten zu sein – aber ich sage dir, dass das nur ein Vermarktungskonzept ist, und nicht das, was es zu sein scheint.“

Als Bas mir erzählt, dass er gelegentlich auch Vorlesungen an Unis – so z.B. an der San Francisco State – über die HipHop-Kultur hält, spreche ich ihn auf das KRS-One-Projekt an, und er entgegnet:
 „Du redest vom Temple Of HipHop – ich bin da nicht eingebunden. Ich denke, dass KRS One eine Menge für die HipHop-Kultur insgesamt getan hat, aber es hat nicht da aufgehört, wo er am Ende war. Es geht weiter, und es ist nun an den Fans, loszulegen und das Erbe zu entwickeln. Ich denke, im Moment kümmert er sich eher darum, bezahlt zu werden. Ich sage das überhaupt nicht wertend – ich meine, ich habe keine Kinder, ich bin nicht verheiratet, ich habe nicht dieselben Probleme, die er hat. Was ich mache, unterscheidet sich von diesem HipHop Temple aber trotzdem sehr. Dort gab es auch Leute, die inzwischen nicht mehr dabei sind, wie Herc und Bam (DJ Kool Herc und Africa Bambaataa – Anm. d. Red.)“. Bas´ alternativerer Ansatz und Aktivismus kommen außerhalb seiner Platte auch in seinen restlichen Aktivitäten zum Ausdruck.
So moderiert er beispielsweise noch eine Radiosendung auf 94,1 FM KPFA, in der grundsätzlich nicht über Rap gesprochen und auch keine Rapmusik gespielt wird. Dafür laufen Turntablism-Sachen von Leuten wie den X-Ecutioners, DJ Quest oder DJ Craze, Graffiti und Breakdance werden thematisiert. Auch HipHop-journalistisch ist er unterwegs – von ihm geführte Interviews (z.B. mit den Dilated Peoples) können auf hiphop-network.com nachgelesen werden. Wenn er dann tatsächlich mal ausspannen möchte, fährt er mit dem Rad zu seinem Produzenten Fanatik, der lange Zeit Peanut Butter Wolfs rechte Hand bei Stones Throw war, oder macht sich auf den Weg über die Bay Bridge, um mit DJ Q-Bert einen guten Freund zu besuchen.

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