Asheru of Unspoken Heard & J-Live

Als Jan und ich das Interview begannen, wirkten die beiden fast ein wenig schüchtern. Sie sprachen leise und hielten sich mit Emotionen ein wenig zurück, doch das sollte sich im Laufe des Gespräches noch ändern. Vielleicht wollten sie erst einmal abschätzen, wie wir so drauf sind, schließlich waren J-Live und Asheru mit keinem Geringeren als ED O.G. auf Tour und hatten somit zumindest namentlich einen Berg vor sich. Die beiden jungen MCs merkten jedoch recht schnell, dass sie für uns keine Lückenbüßer waren, die uns die Wartezeit auf das Interview mit ED verkürzen sollten. In Gegenteil, uns war schon vorher klar, dass J-Live und Asheru zwei ernstzunehmende Charaktere sind, die sich hinter niemandem zu verstecken brauchen. J-Live ist in Manhattan, NYC geboren, in Upstate-New York zur Schule gegangen und hat Englisch bzw. Literatur studiert. 1998 machte er seinen Abschluss und zog daraufhin nach Brooklyn. Hier fing er an, als Lehrer zu arbeiten und unterrichtete die siebte und achte Klasse (nach US-Schulsystem) in Literatur. Musik war für ihn eher ein Hobby, das er seit 1995 regelmäßig betrieb – neben seinem Studium und seiner Arbeit als Lehrer.

 


J-Live
: „Ich habe mir jetzt gerade ein Jahr frei genommen, um mich intensiver um meine Rap-Karriere kümmern bzw. um aus meinem Hobby tatsächlich so was wie eine Karriere machen zu können. Lehrer zu sein ist cool, aber ich rappe eben schon, seit ich elf bin, und lege seitdem auch Platten auf, könnte mir also auch gut vorstellen, diesen Weg zu gehen.“
Asheru, der seinen Freund und Partner Blue Black in den Staaten gelassen hatte, heißt mit bürgerlichem Namen Gabriel Benn und ist in Maryland geboren und aufgewachsen. Er ging dann an die Universität von Virginia und studierte Anthropologie und Sozialwissenschaften. Hier traf er auch Robert Jackson aka Blue Black, seinen heutigen Freund, und die andere Hälfte von Unspoken Heard.


Asheru: “Wenn wir über Unspoken Heard reden, sehen wir weniger eine Gruppe, sondern vielmehr eine sehr lange Freundschaft. Wir zwei (Asheru & Blue Black) kennen uns inzwischen schon so lange, dass wir uns blind verstehen. Wir können kommunizieren, ohne miteinander zu sprechen – deshalb auch der Name Unspoken Heard.“ Außerhalb von seiner gerade anlaufenden Musikkarriere hat auch Asheru als Lehrer gearbeitet, und es ist schon ein wenig verwunderlich, wie positiv die beiden über ihre Arbeit sprechen und davon, wie schön es ist, mit Kindern arbeiten zu können und ihnen etwas beizubringen. Wenn einem in Deutschland jemand erzählt, dass er oder sie plant, Lehrer zu werden, liegen die Kommentare doch meistens zwischen Ablehnung und Mitleid. Asheru meinte auf die Frage, ob ihn seine Schüler und auch die Lehrer eher als Rapper oder als Lehrer sehen:
„Den Kids ist es eigentlich egal, ob ich mit weiten Hosen und einem großen Shirt in die Klasse komme, die sind erst sechs oder sieben Jahre alt, die finden es cool. Ich selbst denke auch nicht lange darüber nach, was ich anziehe, wenn ich zur Arbeit gehe. Andere Lehrer aber assoziieren mich sofort mit HipHop, wenn sie mich sehen. Leider ist das immer noch ein eher negativ besetzter Begriff, weil die meisten HipHop sofort verallgemeinern und alles nur mit negativen Elementen wie Gewalt, Bitches usw. in Verbindung bringen. Ich rappe nicht über dieses negative Zeug, was aber von vielen nicht gesehen wird. Meine Kids, die ich unterrichte, die werden es verstehen. Sie lernen alle möglichen Musikrichtungen kennen, wissen aber auch, dass ich HipHop mache und dass sich nicht immer nur alles um Gewalt drehen muss. Ich versuche, Texte zu schreiben, die sowohl für Kids wie auch für Erwachsene interessant sind, die einfach nur unterhaltend sein können, aber auch Metaphern enthalten, die dann nur Erwachsene richtig verstehen können.“ Jetzt haben sie es von ihrem Lehrerpult bis nach Europa geschafft, und es ist für beide schon etwas komisch, mit ED auf Tour zu sein, schließlich waren sie früher große Fans von ihm und haben in ihm auch eine Art Vorbild gesehen – jetzt sind sie mit ihm auf der Bühne und rocken die Fans. Im Laufe des Gesprächs machten beide deutlich, wie wichtig es für sie ist, unabhängig und selbstständig ihre Musik machen zu können. J-Live hat sein aktuelles Album „The Best Part“ nach vielen Problemen mit einem Major – aber auch mit Independent Labels – einfach selber rausgebracht, praktisch ohne Label im Rücken. Unspoken Heard sind auf dem kleinen Label 7 Heads Records, wo Asheru auch privat involviert ist und sich um die labeleigene Webseite kümmert. Uns fiel dann eigentlich gemeinsam auf, dass es interessant ist, zu beobachten, wie sich gerade viele Old School-MCs und junge HipHop-Artists bei Independent Labels treffen.

 

Was treibt diese unterschiedlichen Generationen von HipHoppern in dieser Form zusammen?

J-Live: Ich denke, das hängt folgendermaßen zusammen: Vor Jahren galt das Independent-Label als letzte Chance für Künstler, die keinen Major-Deal bekommen konnten – das hat sich geändert. Heute ist ein Independent-Label der erste Ort für Künstler, die die Möglichkeit nutzen wollen, eigenständig arbeiten zu können. Als ich ´95 meine erste 12“ rausbrachte, gab es nur sehr wenige andere Independent-Produktionen auf dem Markt. Wenn demnächst meine neue Maxi veröffentlicht wird, gibt es bereits mehr als hundert 12“es, die auf kleinen Labels rauskommen. In den Plattenläden in Brooklyn z.B., hat Independent heute sein eigenes Fach, gleich neben den Major-Produktionen. Und das meine ich gar nicht so abwertend, „die Major Produktionen“. Da gibt es schließlich nicht nur so jiggy Zeug. Dort findet man auch Redman, Wu-Tang oder Erick Sermon. Heutzutage gibt es so viele verschiedene Kategorien, dass es fast unmöglich ist, sie alle sauber voneinander zu trennen. Es gibt z.B. „Jiggy vs. Gritty“, „Major-Label vs. Independent“ oder etwa „Pop vs. Underground“. Und ich würde nicht sagen „Pop vs. Independent“, weil es auf jeden Fall auch poppige Indie-Produktionen gibt. Es gibt auch Independent-Jiggy Musik, genauso wie Gritty-Pop Produktionen. Ich würde versuchen, es vielleicht in „rich“ und „poor“ Musik einzuteilen oder in Musik, die oft im Radio gespielt wird, und solche, die kaum Airplay bekommt. Oder eben in Musik, die auf einem Major oder Independent-Label rausgekommen ist. Und auch hier sollte man nicht vorschnell urteilen. Wenn ich auf meinem alten Label London Records geblieben wäre, hätte ich einen Major-Deal gehabt. Das hätte aber meine Musik nicht verändert. Ich hätte an derselben Platte gearbeitet, an der ich jetzt auch arbeite.Es ist also blödsinnig, einfach nur zu sagen: „Das ist Major-Label-Musik und das ist Indie-Musik, weil Indies auch versuchen, Major-Label-Musik zu machen. Um aber wieder auf die Frage zurückzukommen, weshalb auch so viele Old School-Rapper zu Independent-Labels kommen: Einerseits, weil sie vielleicht unzufrieden damit sind, wie sie bei den Majors behandelt werden, oder sie realisieren, dass es bei den heutigen Möglichkeiten, seine Musik unter seine Fans zu bringen – über das Internet usw. – einfach gar nicht zwingend nötig ist, einen Major im Rücken haben zu müssen. Sie merken, dass sie unabhängig bleiben und trotzdem Fans in der ganzen Welt erreichen können. Das geht eben auch ohne einen riesigen finanziellen Aufwand.

Rap.de: HipHop war ja auch am Anfang dazu da, die Kids von der Straße zu holen. Denkt ihr, das kommt heute zu kurz?

Asheru: Damit kann man kein Geld verdienen, deshalb macht es kaum noch einer. Wer wirklich helfen will, der kann es auch tun, aber wer macht das schon freiwillig. Für mich ist das wichtig. Es tut mir weh, wenn ich sieben- oder achtjährige Kids Textzeilen von bestimmten Songs nachrappen höre und ich manchmal sagen muss: „Hör auf damit.“ Nicht unbedingt, weil der Song so schlecht ist – nein, weil die Kids gar nicht kapieren, was sie da eigentlich wiederholen. Die denken, „Ho“ wäre die Bezeichnung für Frau oder Mädchen, dabei heißt das „Whore“, Schlampe. Die wissen gar nicht, dass das ein Schimpfwort ist, sie können gar nicht damit umgehen."

 

Rap.de: Wie siehst du denn zum Beispiel Lil´ Romeo oder Lil Bow Wow? (allgemeines Gelächter)

Asheru: Da geht es nur um Kohle, wie so oft im HipHop. Ich hab nichts gegen Lil Bow Wow. Wahrscheinlich würde ich ihm Lil Romeo vorziehen (Gelächter). Ich mochte auch Lil Vicious, der war echt dope. Für eine Minute mochte ich auch Kriss Kross, aber dann dachte ich eher: „Jetzt werdet ihr mir aber zu bekannt.“ (lacht) Was soll ich sagen. Meine Kids in der Schule lieben Bow Wow, er ist ein kleiner Held für sie, und Snoop, der ist für die Kids, was für uns früher Rakim war. Du musst verstehen, dass für sie die HipHop-Geschichte eine sehr begrenzte Sache ist. Die kennen keinen von den Leuten, mit denen ich aufgewachsen bin. Zum Beispiel der Song von Jay Z feat. Foxy Brown „Ain´t No…“. Die sagen: „Der Beat ist cool.“ Und dann erzählen ich ihnen: „Ja, den haben EPMD früher auch schon benutzt.“ Dann sind sie total überrascht, wenn ich es ihnen vorspiele: „Was, im Ernst, da war ich ja noch gar nicht geboren, als die das rausgebracht haben.“ So ist das, man lernt nur, wenn man sich trifft und Informationen austauscht, egal ob in der Schule, auf der Straße oder sonstwo. Deshalb bin ich auch sehr glücklich, hier zu sein. In Europa sind alle Elemente von HipHop noch ziemlich groß. Man sieht viel Graffiti, Leute, die breaken, reimen, DJs oder Produzenten, in Plattenläden werden Phillies verkauft. Das ist großartig, und bevor man nicht hier rüberkommt und es sich anschaut, weiß man gar nicht, was hier wirklich abgeht. Hier in Europa ist HipHop eigentlich näher an der eigentlichen Artform dran, als es in den USA der Fall ist. Wir haben hauptsächlich Big Business, ´ne Menge Licht und viel Scheiße. Wenn ich hier rüberkomme, kann ich richtig aufatmen. Die Leute mögen dieselben Sachen, die ich mag, das ist unglaublich. I love it out here, man!"

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