Interview mit Disarstar über „Tausend in Einem“

Disarstar ist einer der frischsten Newcomer des Jahres – wobei die Bezeichnung Newcomer fast schon unangebracht ist, denn die Diskographie des 20jährigen umfasst bereits fünf Mixtapes. Dennoch, erst jetzt startet Disarstar bei seiner neuen Labelheimat Showdown Records durch. rap.de traf den sympathischen Hamburger für ein Interview „bei dem es endlich mal wirklich um Rap geht„, wie er erfreut feststellte. Klar. Dafür stehen wir mit unserem Namen.

Du hast ja bereits fünf Mixtapes in Eigenregie releast. Wie kam es nun zur Zusammenarbeit mit Showdown?

Ich wollte meine Reichweite einfach erhöhen und da ist man meiner Meinung nach mit einem Team deutlich besser dran. Ich bin organisatorisch an Grenzen gestoßen, außerdem will ich mich weiter entwickeln und den nächsten Schritt machen. Als Showdown Records dann ins Spiel kam war für mich alles klar.

Kam Showdown auf dich zu oder hast du denen ein Demo geschickt?

Showdown hat mich entdeckt. Ich hab ’ne sehr charmante Nachricht bei Facebook von denen bekommen, die ich aber im ersten Moment nicht so ernst genommen habe. Ich dachte mir halt: Okay, über Facebook – aber ich hatte zu der Zeit ja keine offizielle E-Mail Adresse oder ein Management oder dergleichen. Als sie mir dann Zugtickets zugeschickt haben, damit ich nach Berlin komme wusste ich aber, wenn die Geld aufwenden, wird es schon seriös sein. So führte dann das eine zum anderen.

Auf der „Tausend in Einem“-EP zeigst du dich ja sehr vielseitig. Soll sie dir als Visitenkarte dienen?

Ich glaube das sollen EPs generell, oder? Deswegen heißt sie ja auch „Tausend in Einem“ – sie soll zeigen dass ich nicht so oder so bin, ich versuche ein bisschen alles auf einmal zu sein und mich möglichst breit aufzustellen. Klar, das soll die EP spiegeln, und das tut sie glaub ich auch. Danke, dass du das auch so siehst, das freut mich natürlich.

Wäre es dann nicht sinnvoll diese Visitenkarte als Free-Download anzubieten?

Nein, einfach wegen des Hintergrundes, dass ich ja schon vorher mit Free-Tapes so gut Welle gemacht hab, wie es mir möglich war. Und das ist auch einfach der Seriösität halber, außerdem haben viele Leute darum gebeten und meinten: Hey, wir würden dich gerne unterstützen und hätten gerne mal ein Release von dir in der Hand. Ein unbeschriebenes Blatt bin ich auf jeden Fall nicht, ich mache das ja schon ziemlich lange – das war für mich also einfach der nächste logische Schritt.

Dein Auftreten in Videos wirkt ja dennoch eher bedrohlich und streetmäßig. Deine Musik hingegen sehr intelligent und reflektiert. Spielst du bewusst mit diesem Kontrast?

Ich bin nun mal „Tausend in Einem“ und mein Background ist halt ein anderer, als die Richtung, in die sich die Dinge entwickelt habe. Wie ich aufgewachsen bin steht ja auch im Kontrast zu der Musik die ich mache – aber so fühle mich so wohl und mag es, dass die Leute etwas anderes erwarten als ich im Endeffekt zu bieten habe.  Die Welt lebt auch irgendwie von Kontrasten, also natürlich spiele ich bedingt damit, aber ich verkleide mich nicht dafür. Ich will so aussehen und herumlaufen und freue mich halt darüber, dass das Kontroversen erzeugt.

Das Video zu „Tausend in Einem“ wurde im Gefängnis gedreht. Warst du denn selbst im Knast?

Nein, ich war nicht im Knast – der Knast ist in diesem Kontext eine Metapher dafür, wie die Welt sein kann. Ich werde ja am Ende entlassen und hab relativ viel Scheiße durch gemacht, bin dann aber soweit da raus und über’n Berg. Im Grunde verbildlicht das Video das auch einfach als Entry: Ich bin jetzt da! Aber ey, in den Knast gehen is einfach – so wie ich sozialisiert bin, ist das das leichteste was es gibt. Ich glaube so gut wie nichts ist leichter, als in den Knast zu gehen.  Ich stand auch kurz davor, aber im Knast war ich nicht.

Du hast in mal einem Facebook-Post geschrieben, dass du „nicht simulieren“, also keinen Track machen kannst, den du nicht fühlst. Also bist du nicht in der Lage, dich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen?

Doch, schon. Oft ist es zum Beispiel so, dass ich einen Beat so krass finde, dass mich das so antreibt und ich denke: Ey, da muss so ein Song drauf! Aber im Großen und Ganzen ist es nicht so, dass ich mich hinsetze, plane etwas bestimmtes zu schreiben und mich künstlich in die Stimmung versetze. Ich glaube viele sagen sich einfach: Ich will jetzt ’nen Song schreiben, ich schreib darüber! (überlegt) Also das klingt so esoterisch, aber ich setze mich nicht hin um einen Song zu schreiben. Ich habe manchmal eher das Gefühl, der Song setzt mich hin, um geschrieben zu werden. Natürlich nicht immer Grundsätzlich, aber es gibt halt schon diese Songs, etwa „Vergiss mein nicht„, „Bewegung“ oder „Erkenntnis„. Das sind halt solche Songs, die musste ich einfach schreiben – da war kein bisschen Zwang hinter. Und das ist halt so ne Sache bei mir, ich kann schwer Dinge auf Zwang schreiben.

Wenn du in besagter Stimmung bist, schreibst du die Songs dann am Stück runter oder über mehrere Tage hinweg?

Auf „Vergiss mein nicht“ rolle ich ja viel Persönliches auf, deswegen war es mir sehr wichtig, dass alles so gut wie möglich sitzt. Man hört auch: der Song ist auf einem ganz anderen Level als ich damals eigentlich war. Der Song sticht ja schon rein technisch hervor, weil ich mir viel mehr Mühe gegeben und viel mehr Zeit genommen habe als sonst – an dem habe ich zwei Wochen geschrieben. Bei vielen dieser Songs ist es so, dass ich an ihnen eine lange Zeit schreibe. Ich weiß dann wo der Song hingehen soll, ich weiß was ich erzählen möchte: Ich schreib ’ne erste Strophe, dann lass ich’s ’ne Woche liegen, dann schreib ich ne Hook, dann lass ich’s ’ne Woche liegen, dann geh ich ins Studio und schreib da vielleicht noch ne Bridge – eigentlich bin ich gar nicht so ein schneller Texter. Aber das kann man nicht pauschalisieren, wenn ich wollte, könnte ich auch einen Song nach dem anderen wegschreiben, aber das würde nicht meinem Anspruch entsprechen. Dementsprechend kostet das Zeit. Manchmal ist es aber schon so, dass ich Songs locker wegschreibe – aber dann meistens mit ein oder zwei Stunden Pause zwischen den Parts. Wenn ich einen Song an einem Tag schreibe, dann mach ich meistens ne Stunde Pause und denk‘ mir dann: Boah, der erste Part ist so gut geworden, jetzt muss ich unbedingt noch ’nen zweiten schreiben.

Representer und Punchliner gehen sind dann wahrscheinlich die Fälle, in denen es dir schneller von der Hand geht, oder?

Das ist bei mir halt überhaupt nicht so. Also natürlich ist es bei Representern einfacher, wegen des Hintergrunds dass man sich über den Inhalt keine Gedanken machen muss – weil der einfach ist: Ich bin der Beste, ihr seid schlecht. Also muss man sich zwar keine Gedanken darüber machen, was man schreibt. Aber wie man es schreibt – und das kann derbe anstrengend sein. Gerade ich habe ja den Anspruch, wenige Representer zu machen, aber wenn ich dann einen rausbringe, dann muss der natürlich richtig gut sein.

Die nächste Zeile ist inhaltlich aber beliebiger.

Schon, klar. Aber was bei „Tausend in einem“ den Wenigsten auffällt – okay, Eigenlob stinkt, aber – im ersten Part ist eine ziemlich lange Reimkette. Das ist sowieso mein Style, der kommt einfach daher: Wenn man den Anspruch hat, in seinem Text etwas zu erzählen und die Reime beliebig setzt, dann kann man viel mehr Erzählen. Wenn ich zum Beispiel eine Zeile auslasse – ich Reime ja oft nach dem Schema A/A/B/A. Also die dritte Zeile reime ich nicht und die vierte Zeile reime ich wieder. So kann ich in der vierten Zeile halt komplett  sagen was ich will, weil ich nicht über einen Reim nachdenken muss. Scheiße das is mein ganzes Geheimnis, schreib das nich‘! (lacht) Nee, das Ding ist, man muss natürlich auch wissen, was man erzählen will und die meisten deutschen Rapper haben einfach nichts zu erzählen. Die würden dann mit dieser dritten Zeile völlig überfordert sein, da sitzen und denken: Ah fuck, ’ne ganze Zeile nur Inhalt? Wie soll das denn funktionieren? Naja, also die ersten 12 Zeilen sind 14 oder 15 Reime auf „Wahl hatte“ – ich setz mich dann gerne bei Representern hin, überleg mir die erste Zeile und nehme mir dann zwei Stunden die Zeit, mir nur Reime auf diese Zeile zu überlegen. Ich mach dann erstmal nichts Anderes als Reime aufzuschreiben.

In welchen Situationen schreibst du deine Texte?

Also ich mach erstmal ne Viertelstunde Yoga, dann meditiere ich ‘ne halbe Stunde, dann mach‘ ich Räucherstäbchen an, dimme das Licht und ziehe meinen Bademantel an (lacht) Schreib das! Schreib das genau so, weil so läuft es jedes Mal. Nein, also oft ist es so, dass ich schon im Bett liege, die Augen eigentlich schon zu hab und schlafen will, aber dann kommt auf einmal ne Idee. Ich steh dann auf, gerade wenn man sich professionalisiert und das zum Beruf machen möchte, will man sich diese Chance nicht entgehen lassen, deswegen steh ich dann auf und mach das. Meistens bin ich abends am Start. Ich sitz halt vor meinem Laptop und chill irgendwie ’ne Stunde, irgendwann lande ich auf meinem Desktop, der is‘ halt voller Beats und dann schlitter ich da so rein. Ich versuche ohnehin fast jeden Tag zu schreiben. Ich steh auf, dann hab ich Zeit zum chillen, dann versuch‘ ich Was zu schreiben, dann erledige ich meinen Scheiß und wenn ich abends wieder komme versuch ich nochmal was zu schreiben. Es gibt Phasen, da funktioniert das – da schreibe ich in 14 Tagen zehn Songs und es gibt auch Phasen, da schreib ich in einem Monat nichts, obwohl  ich mich jeden Tag hinsetze. Aber so is Kreativität halt, das funktioniert in den seltensten Fällen auf Knopfdruck, vor allem vor dem vorher genannten Hintergrund dass ich nicht simulieren kann. Muss ja was zu erzählen geben, ich meine: Wenn du nichts zu erzählen hast, kannst du nichts erzählen. Das is total logisch (lacht)

Wieso hast du so wenige Features?

Ich fand das für die EP unangebracht. Auf meinen ersten Projekten wird das wenig sein, das kann ich schon sagen. Das klingt vielleicht überheblich, aber ich habe einfach eine klare Vorstellung davon, wie ein Song sein soll. Deswegen gibt es auf den ersten Projekten keine Features, es geht ja quasi darum, mich vorzustellen und zu zeigen was ich kann – da nutze ich dann den Platz den der Song mir gibt. Auf dem Album wird es dann mehr darum gehen, mich selbst in den Hintergrund zu stellen und richtig gute Musik zu machen. Wenn ich dann sehe, dass jemand bestimmtes einen Song bereichern wird, dann kann man das natürlich gut machen. Ich habe oft Songs oder Ideen vorbereitet und dann das Gefühl: Alter, der könnte da ne richtig krasse Strophe zu schreiben.

Gibt es Künstler mit denen du gerne mal zusammen arbeiten würdest?

BOZ  find ich richtig gut, mit dem würde ich gerne mal was machen. Den feier ich sehr. Mit dem Sänger Maxim – den find ich halt derbe stark. Ich hätte auch derbe Bock mal was mit KIZ zu machen, aber das is ja sehr schwer, alle drei für ein Feature ran zu bekommen – meistens is dann ja nur einer dabei. Gibt eigentlich ganz viele mit denen ich auf kurz oder lang gerne was machen würde, ob man’s dann durchzieht is‘ halt die andere Sache.

Fotograf: Eric Anders

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