Truth Hurts: Antifuchs über Höhenangst, die Opferrolle, Feminismus-Fragen in Interviews & Mittelfinger

Bei Truth Hurts geht es ans Eingemachte. Unsere Autorin Zina Luckow begibt sich mit euren Lieblingsrappern an Orte, mit denen sie unbequeme Wahrheiten verbinden. In einem Deeptalk kann es dann auch mal unangenehm werden – für die Politik, das Bildungssystem oder auch das nahe Umfeld. Es geht dabei aber weniger um Abrechnungen, sondern um Lebensrealitäten, die auch manchmal wehtun…

Diesmal geht es hoch hinaus. Ich treffe Antifuchs auf einem Hochhaus. Auf einem Dach wurde auch ihr aktuelles Video zur Single „Fallen“ gedreht, denn in der Höhe stellt sich Anti ihrer größten Angst. Ängste, eines von vielen Themen dieses Interviews, sowie die Perspektive auf Frauen in dieser Gesellschaft, also wird es auch diesmal um die eine oder andere unbequeme Wahrheit gehen. Wie Fuchs zum Begriff Feminismus steht und mit ihren Songs junge Mädchen und Frauen stärken möchte, hat sie uns erzählt.

Hey Antifuchs, schön dich hier oben zu treffen. „Fallen“ ist vor einem Monat erschienen. Was hast du für Rückmeldungen zu dem Song erhalten?

Wir sind hier oben tiefenentspannt (lacht). Boah, zu diesem Song sehr sehr positiv. Ich habe ja über meine ganze Releasephase, bis zum Album, das war ja fast echt ein Jahr, schon ein Auf und Ab. Es wurde sich zwar durchweg eigentlich gefreut auf das Album, aber ich habe schon mal hier und da Hate bekommen. Und ich war echt gespannt, was die von „Fallen“ halten, weil ich ja schon etwas aggressiver rappe und in der Bridge auch so Autotune-Einflüsse mit drin habe. Die Resonanz war so geil positiv, Leute haben mir richtig gedankt. Ich glaube, ich könnte gar nicht zufriedener und stolzer mit dem Song sein, bin froh den auch als Single gewählt zu haben. Alles richtig gemacht.

Was verbindest du mit dem Thema „Fallen“?

Angst vorm Fallen ist die größte Angst, die ich überwinden kann. Ich glaube, ich habe vor nichts mehr Angst als vor Höhe. Fliegen war ganz lange voll die Überwindung für mich. Ich war Cheerleader. Ich bin meterhoch geflogen. Wenn Leute unten standen, denen ich vertraue, wusste ich, ich kann fallen. Ganz oben auf der Pyramide, gar kein Problem und dann rückwärts mit Salto runter. Aber oben auf Hochhäusern – alter!. Ich habe auch manchmal so Albträume, wo ich falle und dann ruckartig aufwache. Das ist für mich das Allerschlimmste.

Du sagst: „Angst hält mich auf“, aber hast „keine Angst mehr vor dem Fall“. Was bedeutet das für dich und deine Musik?

Ich habe tatsächlich auch grad in der Produktionsphase, in der Phase vor dem Album, gemerkt, dass ich mich voll oft so aus Ängsten heraus Dinge nicht getraut habe. Sei es Entscheidungen zu treffen oder was Neues zu wagen, aus Angst damit zu scheitern und zu fallen. Und irgendwann habe ich mir gedacht: Wie dumm bist du einfach. Du musst mal dein Mantra neu aufsetzen. Dann habe ich beschlossen: Okay, du hast keine Angst mehr vor Dingen und machst die jetzt einfach. Damit habe ich mich in dem Track beschäftigt. Der war relativ früh fertig und während der ganzen Produktionsphase des Albums musste ich ihn mir zwischendurch tatsächlich auch so vor Augen führen und sagen: Du hast keine Angst!

Das erste Drittel des Albums „Love, Weed & Mittelfinger“ endet mit dem Interlude „LOVE“, in dem du mit Schlägen antwortest, nachdem jemand sein Versprechen gebrochen hat. 

Ich glaube, ich sage nicht, dass ich mit Schlägen antworten will. „Ich betäube mein gebrochenes Herz mit gebrochenen Knochen.“ Das bedeutet nicht, dass ich jemanden schlage. Das kann auch bedeuten, dass ich meine Wut rauslasse und mir aus Versehen zum Beispiel den Finger breche. So ein Scheiß ist mir definitiv passiert, aus Wut heraus, dass ich versucht habe meinen Schmerz zu betäuben und ziemlich dumme Dinge dann mache. Mir selbst weh zu tun, um diesen Schmerz nicht zu fühlen.

Danach geht es deep mit „Still“ weiter: kein klassischer Lovesong, aber du zeigst neuerdings auch eine verletzliche Seite. Siehst du eine Gefahr darin, dich verletzlich im Deutschrap zu geben?

Nö, eine Gefahr sehe ich darin gar nicht, sonst würde ich auch solche Tracks gar nicht machen. Ich habe ganz lange für mich gesagt, dass ich keine Liebessongs mache, einfach aus diesem Anti-Aspekt heraus. Weil als ich mit Anti angefangen habe viele meinten: Mach mal netter als Mädchen, steht dir gar nicht. Ich habe dann so eine Trotzreaktion an den Tag gelegt und gar keinen Bock darauf gehabt und gesagt: „Anti wird niemals einen Liebessong machen.“ Ich habe mich aber sehr viel damit beschäftigt, es findet einfach in meinem Leben genauso statt, wie bei jedem anderen auch. Es ist ein großer Aspekt, den man einfach besprechen muss und den ich lösen musste. Ich verarbeite viel mit Musik und kann mich gehen lassen, wenn ich so etwas niedergeschrieben habe. Gerade „Still“ war dieser Anti-Liebestrack, „Baklava & Bitches“ geht ja auch nochmal in eine ganz andere Richtung. Ich wollte es halt lieber auf meine Anti-Art und Weise ausdrücken. Diese Beziehungen verdienen es, Gehör zu finden. Die gibt es, diese stillen Leidenden, die sich wollen, aber nicht mehr können. Gerade diese Verletzlichkeit muss nach außen getragen werden, damit Leute sich nicht alleine damit gelassen fühlen.

Du hast „Baklava & Bitches“ schon angesprochen. Der Track sticht auch hervor, denn er ist zwar soft, aber trotzdem hart.

Es war kein Thema, das aktuell für mich war, aber ich hatte solche Situationen auch schon. Ich habe gerade in meinem Freundeskreis bemerkt, dass voll viele Girls Probleme mit Typen hatten, die einmal geschrieben haben, sich nie wieder gemeldet haben oder voll fordernd wurden, von wegen: „Komm her Girl, du brauchst nicht tagsüber zu kommen, komm abends.“ Viele sagen dann: „Oh ich weiß nicht was ich tun soll.“ Ey Mädels, scheißt drauf, es ist vielleicht geil und es hat seinen Reiz, sich irgendwo abends zu treffen, aber eigentlich bist du ein gutes Mädchen und dieser Junge manipuliert dich und scheißt auf dich am Ende des Tages. Ich will Baklava, du willst Bitches. Ich will das süße Romantische in der Liebe und du willst nur ficken. Ich will niemanden verurteilen, die Typen auch nicht, ich finde es voll ok. Such‘ dir welche, die Bock darauf haben, aber sei ehrlich und spiel nicht mit Mädels, nur um sie ins Bett zu kriegen. Es hat kein Mädchen verdient, es hat auch kein Typ verdient. Es gibt auch genauso Mädchen, die das abziehen. Es ist eine Message, die man ganz universell sehen kann. Es gibt einige, die wollen das Süße in der Liebe, andere wollen nur das Leidenschaftliche, Körperliche, alles in Ordnung. Jeder entscheidet für sich selbst am Ende.

Wenn du Bock hast darüber zu sprechen, würde ich dich fragen, ob du dich mit dem Begriff Feminismus auseinandergesetzt hast?

(lacht). Wow, ich werde mit diesem Begriff auf jeden Fall sehr viel konfrontiert. Vor allem im letzten Jahr habe ich das Gefühl. Feminismus, Sexismus, Frauen im Rap sind so Schlagwörter, die in jedem Interview, in jedem Kontext stattfinden. Natürlich ist es eben, weil immer mehr Frauen stattfinden, sei es hinter den Kulissen oder auf den Bühnen. Was eine sehr gute Entwicklung ist und woran sich die Menschen erst mal gewöhnen müssen. Gerade Außenstehende, die nicht ganz so viel mit Rap zu tun haben. Die fragen sich, warum will dieses Mädchen in diesem Genre stattfinden, warum macht sie nichts Schönes, warum kein Schlager? Ich habe mich halt für den harten Rap entschieden, nicht für den süßen Rap. Ich stelle mich nicht als die Geilste dar, wobei irgendwie schon, denn das ist safe die Essenz von Battlerap. Du bist besser als dein Gegenüber. Ich bin so dieser burschikose Typ glaube ich und gleichzeitig auch nicht, ich bin genauso ein Girl und finde Kitsch geil. Ich hasse Weihnachten, finde aber Weihnachtslieder total geil. Ich liebe typisch mädchenhafte Sachen und gleichzeitig Dinge, die du eher Männern zuschreiben würdest, wie eben harten Battlerap, wo öfter mal Fotze gesagt wird. Ich glaube da würde mich jede Feministin direkt aus ihrer Gruppe rauskicken, weil ich nicht so diesem Bild der Feministinnen entspreche. Ich finde, ich kann als Frau selber definieren, wie ich sein möchte. Ich kann genauso die Attribute eines Mannes haben, wie die einer Frau. Es gibt Menschen, die fühlen sich dann im falschen Körper geboren. Ich fühle mich absolut richtig, ich möchte einfach diese Dinge annehmen, wenn ich Bock habe; ich mach‘, weil ich will. Ich finde es befreiend, wenn du nicht diesen Feministen gefallen möchtest, die aber anfangen, dich als Idol anzusehen. Das ist meine Definition von Feminismus, Emanzipation, dass du einfach stattfindest. Frauen dürfen so sein, wie sie wollen, auch wenn wir mal die Eier in der Hose haben, werden wir nicht gleich als Mannsweib abgestempelt. Das ist so wertend, diese ganze Feminismus-Geschichte ist auch so aus dieser Opferrolle heraus.

Du fühlst dich dann manchmal in Interviews in eine bestimmte Richtung gedrängt?

Ja, es fällt mir in Interviews auf, die sehen dich in dieser Opferrolle. Du musst eigentlich antworten, mir ist das und das passiert. Ich habe aber keine Geschichte. Wenn mir Männer Hürden gesetzt haben, dann habe ich die einfach umgerannt. Genauso haben mir Frauen Hürden gesetzt. Am Ende des Tages musst du für dich selbst entscheiden, wie du dich wohlfühlst. Wenn du den typisch weiblichen Charakter verkörpern möchtest, mach es einfach. Wenn mich deine Musik dann anspricht, feiere ich dich auch. Du musst nicht sein wie ich, das will ich auch nicht. Ich will mich selbst ausdrücken und wenn in Kommentaren gesagt wird: „Oh warum ist die so, Mädchen warum redest du so, ab in die Küche.“ Sowas braucht man dann gar nicht beachten, das kann man direkt wegignorieren.

In „IWNWIW“ setzt du dich mit Dingen auseinander, die sich in deinem Leben verändert haben. Was genau hat sich verändert?

Mein Denken hat sich viel verändert. Ich war sehr in der Opferrolle gefangen, glaub‘ ich. So, dass ich mich selbst immer ein bisschen sabotiert habe. Ich bin, wer ich bin. Ich sage in dem Track, dass ich dieselben Hobbys wie mit 18 habe und dieselben Fehler mache. Ich bin immer noch dieselbe, es kann mir keiner austreiben, aber mittlerweile werde ich dafür bezahlt. Es ist für mich eine Genugtuung, der Track ist ja eine Fortsetzung einer Reihe. „Ich will, aber ich kann noch nicht“ – ich muss mich immer ganz doll konzentrieren bei den Titeln (lacht) – war darauf bezogen, dass mir als Frau gesagt wurde: Du darfst nicht das und das sagen. Ich fühlte mich zurückgehalten, dann kam „Jetzt kann ich, aber will nicht“. Da ist auch wieder diese Trotzreaktion, dieses Anti. Und jetzt, weiß ich gar nicht was ich will und habe mich komplett ausgetobt. Ich genieße es, diese Freiheiten zu haben, zu sein, wie ich sein will. Ich hatte zum Glück auch nie Probleme in Jobs oder so wegen meiner Musik.

Was hast du jobtechnisch gemacht?

Ich habe studiert: Internationale Fachkommunikation. „Technik“ übersetzt. Ganz interessant. Ein Beruf, wo ich direkt wusste: das wirst du nie machen. Ich habe mich nicht dazu motivieren können und das dann kurz vor Ende und Abschlussarbeit erfolgreich abgebrochen. Ich habe dann nebenbei im Call Center gearbeitet, sodass ich Zeit und Muse hatte, mein Album zu schreiben. Und habe dann irgendwann das Privileg gehabt, nach Berlin zu ziehen und zu sagen: Ich mache das hauptberuflich. Es war keine leichte Entscheidung. Du hast Sicherheiten, wenn du einen Job hast und ein monatliches Einkommen und wenn dein Vorschuss weg ist, musst du erst mal gucken, wo du Geld herkriegst. Am Ende des Tages fühle ich mich aber so wohl darin, das war gleichzeitig voll die Befreiung.

Welche musikalischen Pläne hast du für 2020?

Ich habe jetzt so das ganze letzte Jahr durchgeackert. Ich werde mir den Januar erst mal komplett freinehmen. Ich habe zwar schon eine Studio-Session im Januar, aber erst Ende Januar. Bis dahin nehme ich mir frei, mache mal nichts, vielleicht Urlaub, einfach mal ein bisschen Handy aus, offline und so ein Scheiß. Ich bin aber immer noch hungrig, ich will noch mehr. Das nächste Album? Ich habe schon angefangen, die ersten Beats angehört, die ersten Texte geschrieben, mir die ersten Gedanken gemacht und ich glaube nächstes Jahr gibt es Album Nummer drei.

Welchen Bereichen in deinem Leben möchtest du mit noch mehr „Mittelfinger“ entgegentreten?

Ich tue es ja sowieso immer, das ist ja das Schwierige. Ich habe meinen Fans auf Tour beigebracht, wie man mit Mittelfingern Liebe schenkt. Die haben mich sogar zitiert, als sie über das Konzert gesprochen haben: „Liebe hat die Form von Mittelfingern.“ Wow, ich habe Gänsehaut gehabt, was für eine Wirkung das hat. Ich habe während meiner Tour, die sich viel mit Mittelfingern beschäftigt hat, gemerkt: Hater kriegen den Mittelfinger, alle bekommen den Mittelfinger, aber wo bleibt eigentlich die Liebe? Spread Love, not Bullshit. Basierend auf dieser Love-Weed-Mittelfinger-Idee hatte ich montags meinen Magic Monday, verteilt mal ein bisschen mehr Liebe, dann hatte ich den Doobie Dienstag, wo ich einen Joint mit den Leuten geraucht habe, also bei Live-Sessions und den Mittelfinger Mittwoch. Den Klassiker, der mittlerweile hart Mainstream geworden ist. Auf Tour habe ich das Publikum ein kleines Workout mit ihren Mittelfingern machen lassen, indem sie damit Herzen über ihren Köpfen formten und gesagt: „Guckt euch mal um, so viele Herzen, so viel Liebe hier drin.“ Ich glaube so ein bisschen mehr Liebe mit dem Mittelfinger zeigen, selbst das geht. Ich glaube, dass ist auch so meine Essenz. Du erwartest von einem Mittelfinger eine bestimmte Message, aber er kann auch etwas ganz anderes bedeuten. Ich nehme mir die Sachen und gebe ihr meine eigene Message. Wir haben voll die krasse Macht, wir sollten es einfach mal tun.

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