Jahresrückblick Teil 1

Im ersten Teil unseres Jahresrückblicks widmen wir uns einer eigentlich längst totgesagten Sparte unserer Lieblingsmusik, die sich auch in 2011 wieder ausgesprochen vital und, naja, schlagkräftig zeigte.

Um zu verstehen, was straßenraptechnisch dieses Jahr so alles ging, ein kurzer Blick zurück nach 2010. Man rufe sich nochmal kurz sidos und Haftis Jahresrückblick vor Augen, denn der Beste kam zum Schluss. Egal, was man von Haftbefehl halten mag, man kann ihm wohl kaum absprechen, dass er für den komatösen deutschen Straßenrap wie eine wiederbelebende Maßnahme war, samt Herzmassage und Defibrillator. Musikalisch gab’s dieses Jahr dann leider bis auf ein paar Videos nichts Handfestes vom Offenbacher, lediglich ein paar Skandälchen (Auschreitungen bei der Rheinkultur oder bei Autogrammstunden) und Interviews, um das Image und den Buzz aufrecht zu erhalten.
 


 
Dafür betraten Anfang des Jahres zwei ähnlich illustre Gestalten die Bühne, die, wenig überraschend, nicht nur regional, sondern auch musikalisch aus einer ähnlichen Ecke kommen wie Hafti. Das Duo Celo & Abdi releaste Anfang des Jahres sein “Mietwagentape“ zum Free-Download. Die beiden unterscheiden sich nicht nur äußerlich sehr stark voneinander sondern auch von ihrem Style her. Der robuste Celo rappt immer etwas behäbiger und Offbeat, während Abdi flink und im Takt über die Beats flowt. Sprachlich wird ein interessantes Potpourri aus arabisch, jugoslawisch, französisch und natürlich deutsch-hessisch geboten. Die Skits erinnern teilweise ein wenig an das Mundart-Duo Mundstuhl, bzw. die Alter Egos mit Migrationshintergrund, Dragan und Alder. Die Instrumentals sind ein relativ willkürlicher Mix aus entliehenen Sounds und selbstzusammengeschusterten Synthie-Straßen-Klängen. Textlich streut das ganze dann von Staatskritik über Halbwissen bis Political Incorrectness, dann wieder zu Straßengeschichten, die dank des offensichtlichen Insiderwissens ein Gutteil der Konkurrenz in Sachen Authentizität alt aussehen lassen. Und natürlich ist auch Hafti auf dem Tape vertreten. Um es kurz zu machen, hervorragende Unterhaltung. Enttäuschend allerdings, dass das für Oktober dieses Jahres angekündigte Album “Hinterhofjargon“,  ausschließlich produziert M3&Noyd auf das nächste Jahr verschoben wurde. In Sachen Hype am Laufen halten haben sie auf jeden Fall von Hafti gelernt. Interviews, Making Ofs, Thug Life-Videos und Clips mit Rappern, von denen man vorher noch nie etwas gehört hatte, nehmen locker die Millionen-Clicks-Hürde bei Youtube. Und weil ja eben auch besagter Haftbefehl sein nächstes Album für den Beginn 2012 angekündigt hat, sieht es ganz so aus, als Stünde auch 2012 im Zeichen dieser neuen Frankfurter Schule.
 
Etwas nördlicher, genauer gesagt in Hamburg, befindet sich das Label Rattos Locos, das ebenfalls unzweifelhaft einen beträchtlichen Anteil an der Wiedergenesung deutschen Gangsterraps haben dürfte. Ähnlich wie Haftbefehl war auch Nate57 mit seinem Sound bereits 2010 prägend und auch 2011 änderte sich daran nichts. Technisch versiert auf melodiöse Beats Ghettogeschichten wiederzugeben erfindet das Rad zwar nicht neu, aber Nate macht es halt einfach besser als die meisten anderen und vermutlich spielt auch der sympathische Underdog-Spirit der verrückten Ratten einen Grund für deren Erfolg. Featureangebote von sido, Fler und Co. wurden einfach abgelehnt, man will es ohne fremde Hilfe schaffen. Das Konzept scheint zu funktionieren, denn auch ohne viel virale Präsenz durch Videoblogs, Meine Stadt-Videos und ähnliche Plattformen schaffte Nate mit seinem Mixtape “Auf der Jagd“ den Sprung in die Charts und zwar auf einen sagenhaften 10. Platz. Rattos Locos ist allerdings keine One-Man-Show, darauf legt man in der Hansestadt viel wert. Der Labelkollege Telly Tellz hat sich bereits 2010 mit seinem grimigen “Mischlingskind“-Mixtape ebenfalls eine solide Fanbase erarbeitet. Außerdem wurde der sehr talentierte, aber noch weitgehend unbekannte BOZ vorgestellt, der bereits an seinem Debütalbum schraubt. Somit spricht vieles dafür, dass auch 2012 im Zeichen der Ratte stehen wird.
 
Aber nicht nur die Newcomer profitieren von dem offenbar ungebrochenen Interesse an deutscher Straßenlyrik, auch ein paar bekannte Gesichter wussten die Nachfrage für sich zu nutzen. Da war zunächst mal Farid Bang. Im März dieses Jahres erschien sein drittes Album “Banger leben kürzer“ und stieg auf Platz 11 der deutschen Charts ein. Ein absoluter Erfolg, nicht nur für den Derendorfer, sondern auch für Ekos Label German Dream. In Interviews vor allem bekannt für seine große Klappe und sein schadenfrohes Siegerlachen, blieb er dieser Mischung auch auf seinen Alben treu. In erster Linie gibt’s auf die Fresse, gerne auch mal namentlich. In zweiter Linie bietet der Banger dann nachdenklichere Kost, Reminiszenzen an das eigene Leben oder Storytelling. Die entsprechende Promo bekam Farid im Grunde gratis, denn konnte man den Rheinländer vor zwei Jahren noch nachlässig lächelnd ignorieren, so reagierten vor allem DJ Desue und Alpa Gun auf die Sprücheklopfereien. Die Folge war ein kurzer, aber intensiver Twitter-Beef, der zur schließlich gar zur (allerdings selbstherbeigeführten) Löschung Farids Twitter-Accounts führte. Aber wie er im Track “Kobrakopf“ an der Seite von Kollegah und Haftbefehl feststelle: “Echte Gangster haben kein Twitter“. Hätten wir das also auch geklärt. Leise wird es so schnell jedenfalls nicht, das nächste Album “Der letzte Tag deines Lebens“ erscheint am 27. Januar 2012. Und Promo hat man dem Guten auch schon wieder kostenfrei angedeihen lassen. Zuerst die Farce um das Gold-Video bei Aggro TV, das wegen angeblicher Berlin-Disses nicht gesendet wurde, dann eine Vorabversion des Covers, auf der vier wohlbekannte Gesichter in Fadenkreuzen zu sehen waren, was laut Farids Darstellung allerdings von einem der Gezeigten auf rechtlichem Weg gestoppt sein worden soll (sido dementierte dies auf Nachfrage allerdings, im Namen aller vier).
 
Ganz ohne inszenierte Beef-Geschichten hingegen schaffte es Fler in 2011, sein neues Label Maskulin zu etablieren. Mit seinen beiden Alben “Airmax Muzik 2“ und “Im Bus Ganz Hinten“, die beide den Fokus auf düstere Selbstbetrachtungen und schonungslose Bestandsaufnahmen legten und zudem beide die Top 10 enterten, legte er eine gute Grundlage, die 2012 mit dem “Südberlin Maskulin 2“-Album gemeinsam mit dem neuen Signing Silla (ebenfalls ein Straßenrapper, der sein Profil 2011 schärfen konnte) sowie weiteren Maskulin-Releases aller Voraussicht nach fortgesetzt werden kann. 
 
Zwei andere Mitbegründer des deutschen Straßenraps hingegen, sido und Bushido, setzten der Aggro-Ära mit ihrem gemeinsamen Album "23" zwar nochmal ein Denkmal, verabschiedeten sich aber mangels härterer Inhalte weitgehend Richtung Mainstream und Chartkompatibilität – auch wenn Platz 3 sicher nicht das war, was sich Musiker und Label erhofft hatten…
 
Aber nicht nur in Deutschland fand man erneut verstärkt gefallen an Sprechgesang der härteren Gangart, sondern auch in Österreich. Nazar war bis dato den meisten hierzulande vor allem wegen seines Kollaboalbums mit Raf Camora ein Begriff. Im Mai dieses Jahres gelang auch ihm der Solo-Charterfolg. Mit seinem Album “Fakker“ konnte er in Deutschland auf Platz 36, in Österreich sogar auf Platz 6 charten. Einen eigenen Film hat er auch schon, denn eine Woche vor Album-Release erblickte die Doku “Schwarzkopf“ das Licht der Kinoleinwände. Der Streifen begleitet Nazar und seine Entourage durch die Großstadttristesse Wiens.
 
Im September trat dann mit Baba Saad ein weiterer alter Bekannter wieder auf den Plan. Lange war es still um den Bremer gewesen. Bei Bushido rausgeschmissen, ob nun wegen künstlerischer Differenzen oder weil er es mit dem Realkeepen einfach zu ernstgenommen und eine Kellnerin geschlagen haben soll (was Saad bestreitet), man weiß es nicht. Sein erstes Post-EGJ-Album chartete jedenfalls auf einen vorzeigbaren 16. Platz der Charts. Baba Saad ist also back in this bitch, ein neues bzw. altes Album ist auch schon in der Pipeline. Dabei handelt es sich um ältere Tracks, u.a. vom dem Album, welches Saads Exlabel wegen überzogener Härte abgelehnt hatte. Der Einfachheit halber heißt die Platte “Abgelehnt“ und wird in limitierter Auflage ab dem Frühjahr 2012 erhältlich sein. Außerdem scheint der Beef mit Bass Sultan Hengzt endgültig beendet zu sein, die zwei Kollabo-Tracks "Asozialster Flow der Welt“ und "Gangbang 2010“ geistern seit kurzem durch das Netz.
 
Und auch Massiv haute dieses Jahr wieder beträchtlich auf die viel zitierte Kacke. So erschien Anfang des Jahres sein musikalischer Actionfilm “Blut gegen Blut 2“ der auch dank, haha, massiver Unterstützung von Aggro TV souverän die 22 in den deutschen Charts eroberte, wenig später allerdings von der BPjM auf den Index gesetzt wurde. Im November dieses Jahres ludt der waffennärrische Wahl-Berliner dann mit “Eine Kugel reicht nicht“ nach, das einen respektablen 58. Platz machte. Im Vergleich zu vorangehenden Werken freilich ein Rückschlag, wobei man ihm freilich zugutehalten muss, dass er mit gleich zwei Platten in einem Jahr charten konnte. Sein Schützling Beirut fiel zwar durch einige respektlose Ansagen an Savas in Interivews und Videos auf, konnte aber keinen Überaschungserfolg hinlegen.
 
Im Rheinland ging es dafür nicht nur dank Farid Bang umso mehr zur Sache. Zugegeben, richtig neu ist der Erfolg des Felix Blume alias Kollegah nicht, aber dennoch mischte der Zuhälterraper auch dieses Jahr wieder ordentlich die Szene auf. Sein Album "Bossaura“ entertete erstmals trotz oder vielleicht auch gerade wegen des sogenannten Sun Diego-Sounds die Top 5 der deutschen Album Charts. Mit Autotune Hooks und Eurodance Instrumentals dudelte sich Kolle weit nach oben, nur zwei Plätze hinter sidos und Bushidos "23“. Bis hierhin der größte Erfolg für Kollegah. Für 2012 ist bereits  eine Fortsetzung des Kollaboprojekts “Jung, Brutal, Gutaussehend“ mit Farid Bang angekündigt.
 
Und dann ist da ja noch der Homie Fard, ebenfalls aus der Rhein-Area. Ihm gelang im November ein 11. Platz mit seinem Album „Invictus“, wenn auch mit etwas nachdenklicheren Tönen als zuletzt. Ähnlich wie sein Kollege MoTrip steht Fard für einen durchaus gesunden Mittelweg zwischen glaubhaftem Straßen-Background und intelligenten Texten. Besagter MoTrip ist, ausgestattet mit einem Major-Deal bei Universal und mit einem schier unglaublich großen Vertrauensvorschuss seitens der Fans, einer der großen Hoffnungsträger des Genres, der möglicherweise auserkoren ist, Straßenrap auf ein neues Level zu bringen. Man darf – 5 Euro ins Floskelschwein – gespannt sein.

Es zeigt sich mal wieder, dass das alte Sprichtwort stimmt: Totgesagte leben länger. Es sieht nämlich allen Unkenrufen zum Trotz ganz danach aus, dass auch 2012 wieder jede Menge Opfaz abgezogen, Mütterz rangenommen und bewusstseinsverändernde Substanzen an den Kunden gebracht werden. Den Realkeepern läuft es gerade kalt den Rücken herunter, der Autor dieser Zeilen hingegen freut sich schon darauf.

 

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