Skinnys Abrechnung #28: Doubletime

Ich mach keine Doubletime, weil ich es nicht kann und besser lassen sollte“ – mit dieser Line gestand Private Paul sich Anno 2009 etwas ein, was sich viele Rapper, gerade in Deutschland, wirklich zu Herzen nehmen sollten. Wer es nicht kann, sollte es lassen. Und mit „es können“ meine ich nicht Kollegah, der durchaus saubere Doubletime-Passagen rappen kann. Ich rede davon, die Tempovariation sinnvoll und wohlklingend in den Flow einzuweben, wie es etwa ein R.A. The Rugged Man, Tech N9ne oder Busta Rhymes tut. Ganz ohne vorhergehende Pause, die mit einem langgezogenen „Eyyyy“ gefüllt wird, um den unbeholfenen Bruch im Flow zu kaschieren. Solche Doubletime-Parts erfüllen nämlich nur einen Zweck: Muskeln zeigen.

Sie lassen den vorhergegangen Flow ins Nichts laufen, nur um kurz zu prahlen, und machen so den kompletten Verse unbrauchbar. Es geht um nichts, außer zu zeigen, wie schnell man rappen kann. Selbst Rapper, von denen ich sehr viel halte, haben in dieser Hinsicht schon mehrfach gesündigt: Etwa Tua, in dessen Frühwerk sich auch diverse Doubletime-Abfahrten finden, oder Amewu, dessen Standbein doch eigentlich die Inhalte sind. Ich glaube, diese Rapper lassen sich von ihrer schnellen Zunge korrumpieren, haben das Gefühl, wenn sie es schon können, müssen sie es auch umsetzen, sonst sei es Verschwendung. Bullshit! Ihr verschwendet gute Songs damit! Eure Doubletimes sind wie ein Witz, der einmal erzählt, und dann entwertet ist. „Wow, hör mal wie schnell“ – und fertig. Das klingt nicht gut. Das ist deutsche Streberkacke. Ich habe EminemsRapgod“ in meinem Leben vielleicht drei Mal gehört – weil es zwar kurzfristig beeindruckend, aber ansonsten einfach nur ein anstrengender Brei aus Konsonantenanschlägen ist.

Apropos Konsonanten. Ich erinnere mich an ein unglaublich peinliches Video von einer Kollegah-Autogrammstunde. Irgendein schrilles Blondchen rappt dem selbsternannten Boss stolz die Doubletime-Passage aus „Für immer“ vor. „Lade meinen Ballermann“ , ihr wisst schon. Abgesehen davon, dass die Performance ein Fremdscham-Trauerspiel der Extraklasse darstellt, obliegt die junge Dame auch noch einem weit verbreiteten Irrglauben. Die Kunst des schnellen Rappens liegt nicht darin, den Text möglichst hektisch und deutlich herunterzurattern – auch wenn das natürlich ein elementarer Bestandteil ist.

Die eigentliche Schwierigkeit aber liegt im Schreiben solcher Zeilen. Die Vokale und Konsonanten müssen perfekt aufeinander abgestimmt, getaktet und platziert, bestimmte Laute komplett vermieden werden – eben so, dass auch ein kleines Fangirl den Part mit ein bisschen Übung sauber nachrappen kann.

Beispielhaft dafür steht der legendäre „Dead in the middle of little Italy“ -Tonguetwister von Big Pun, in dem sich eben nicht das eigentlich phonetisch perfekt geeignete Wort „Literally“ findet. Warum? Das „eral“ darin lässt sich in dem Tempo einfach nicht gescheit aussprechen – und Pun konnte schreiben.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, für diese Abrechnung Nerdtalk zu vermeiden, aber damit wollte ich an dieser Stelle kurz aufräumen – Geschwafel über BpM und weitere Flowtechniken bzw. deren Schwierigkeitsgrade und Anforderungen erspare ich uns allen an dieser Stelle. Stattdessen appelliere ich noch einmal an die ganzen Larrys, die meinen, ein stabiler Doubletime-Part lege ihnen die Welt zu Füßen – Grüsse Gruss an Serc651 an dieser Stelle. Das kann alles noch so sauber sein, aber ihr verkackt damit den ganzen Track!

Doubletime- bzw. geflexte Passagen sollten dem Hörgenuss, der Flowvariation, dienen und nicht dem Schwanzvergleich. Der einzige Rapper hiesiger Gefilde, der das in meinen Augen handlen konnte, ist Hollywood Hank – der übrigens weder in Sachen Aussprache noch beim Timing Maßstäbe gesetzt hat. Wenn überhaupt, kriegt das noch Mike von den 257ers ganz anständig hin. Alle anderen sollten entweder ihre Prioritäten überdenken oder diesen speichelintensiven Schrott gleich an den Nagel hängen – man kann nämlich auch ohne diese krampfhafte Geschwindigkeitswahn-Scheiße beeindruckende Flows an den Tag legen.

11 KOMMENTARE

  1. Oha Skinny meckert über Doubletime hört aber Twitter Rapper mit Autotune Hooks denen man sofort ansieht das sie jeden Tag in der Schule kassiert haben. Du anscheinen auch Skinny, sonst würdest du den Dreck nicht feiern und die Königsdisziplin im Rap, dem Doubletime, so ahnungslos beleuchten. Bitte halte einfach die Fresse wenns um deine Meinung im Rap geht, denn du hast definitiv keine Ahnung.

    • Die „Königsdiziplin“ kannste ja im Freestyle mit deinen Freunden raushauen. Aber in Tracks, also in der eigentlichen Musik, klingt das zu 95% scheisse und stört nur, da hat dieser Skinny vollkommen Recht. Wenn ein Rapper ein Album raushaut, hat er hoffentlich den Anspruch gute Musik zu veröffentlichen und nicht der Welt zu präsentieren wie schnell er extra konstruierte Texte rappen kann.

  2. Ich frage mich, wie ein Redakteur eine Kunstform bewerten soll, die er selber nicht ausübt? Das wäre wie wenn Skinny als Texter für einen hiesige Baummarktkatalog die Guggenheim-Museum in Bilbao nach seinen architektonischen Maßstäben bewerten sollte. Wenn der gute Herr schon über Kunst urteilt, dann belege das doch einmal bitte an konkreten Textzeilen oder Auszügen davon (außer den Dicken den alle so lieben). So kratzt du einmal mehr an der Oberfläche ohne wirklichen Merhrwert für den Leser zu liefern. Aber in Sachen SEO-Optimierung hast du es mit deinem Text geschafft. Einfach mal die Worte Double, Time und Rap in die Tastatur rotzen und siehe da…Platz Nummer drei im Google-Ranking…was ein Erfolg.

    • Als ob du noch nie gesagt hättest „Die Schuhe sehen scheiße aus“. Schon mal ein Schuh hergestellt??

      Zum Thema: Ich finde Kollegah ist extrem überbewertet was Doubletime angeht. Er stammelt meist nur undeutliche Scheiße. Im Vergleich mit dem ebenfalls genannten Rap God liegen Welten zwischen den beiden. Bei Rap God ist alles perfekt und sauber ausgesprochen. Viele denken guter Doubletime bedeutet so schnell wie möglich rappen aber guter Doubletime ist schnell und deutlich.

    • Ein Baummarktkatalog-Texter würde auch nicht auf die Idee kommen irgendwelche historischen Bauwerke zu bewerten, ein Rap-Journalist aber durchaus darauf einen Artikel über äh… Rap zu schreiben. Du entziehst mit deine Aussage ja quasi dem gesamten Journalismus seine Legitimation. Ein Mensch der sich entscheidet sein Leben damit zu verbringen über Hip-Hop zu schreiben, mit Künstlern zu sprechen, deren Alben/Werke zu kritisieren und allgemein dauerhaft in diese Kunst einzutauchen, bringt in durch seine Hingabe und der Zeit die er sich mit seinem Fach beschäftigt meiner Meinung nach eine gewisse Kompetenz mit, Dinge, zwar subjektiv, aber das ist grade bei Musik immer der Fall, zu bewerten.
      Als Musik-Journalist muss man nicht Musik machen, man muss Ahnung von der ganzen Materie haben in dem man die jeweilige Szene über Jahre studiert und beobachtet und so in der Lage ist in diesem Fall z.B einen speziellen Rapstil anhand verschiedener Faktoren zu kritisieren

    • Zitat Jörx : „Ich frage mich, wie ein Redakteur eine Kunstform bewerten soll, die er selber nicht ausübt?“

      also darf man nur eine meinung haben wenn man dies auch selber tut?!?

      nur ein kleines bsp. für die unsinnigkeit deiner aussage…

      ich darf also nur über neonazis eine meinung haben wenn ich selber einer war oder bin?!?

      wirklich junge…..das war mal garnichts

  3. Ich weiß nicht, was ihr wollt, Skinny hat 100% Recht. Doubletime klingt in 90% der Fälle einfach nur monoton und anstrengend. Wer sagt denn, dass das die „Königsdisziplin“ sei, außer die Rapper, die damit angeben wollen und deren Fans, die sich davon beeindrucken lassen? Auch Azad hat das kürzlich in einem Interview gut gesagt: einfach nur schnell nen Text runterrattern ist nicht schwer. Die Flow-Variationen, der Tempo-Wechsel, das ist die echte Herausforderung. Double-Time Passagen in einem Track können ganz geil kommen, aber die sind kein Selbstzweck.

  4. Kolles doubletime parts sind halt seit er nicht mehr pep/coke zieht nicht mehr so toll, aber flexen kann er immer noch brutal und der MC Donalds rap war doch einfach nur genius

    Und das doubletime pur , sich schnell abnutzt, werden rapneulinge eh schnell merken

    PS: 257er – label mit dem Sägeblatt 😉

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