Sichtbeton – Zurück

Also einfach ist das hier nicht, aber wer hat behauptet, dass es immer einfach sein muss. Dabei fangen Sichtbeton auf ihrem Album Zurück eigentlich ganz vernünftig an, nämlich mit zwei Liebesliedern (im weitesten Sinn) und das entspricht ganz meiner Maxime, dass ältere Herren ausschließlich über die Liebe rappen sollten, wenn sie denn im fortgeschrittenen Alter noch Rap Musik praktizieren wollen. Und fortgeschritten sind Lunte und V-Räter allemal, selbst wenn die beiden noch jung an Jahren sind, so haben sie doch schon mehr als ein Jahrzehnt Hip Hop Aktivität in der Berliner Rap Szene auf dem Buckel. Man könnte auch von Veteranen sprechen.

Dass es aber bei Liedern über die Liebe nicht bleiben wird, lässt schon ein kurzer Blick auf die Tracklist erahnen, auf der ganze 23 Stücke vermerkt sind. Zum Glück befinden sich darunter auch zahlreiche Skizzen, und einstrophige Songs, so dass Zurück mit einer Gesamtlänge von knapp 60 Minuten die genau richtige Länge hat.

Sagen wir’s mal so. Der Sound ist gewöhnungsbedürftig. Stark gewöhnungsbedürftig. Während die meisten Beats, bis auf ein paar wenige Ausnahmen von V-Räter produziert wurden und hypnotisch, dreckig mit irren Sounds und Samples im Hintergrund herumschleifen und manchmal lockerjazzygroovyflockig werden, sind die Texte bis auf einen einzigen Featurepart von Twit One, von Lunte verfasst und vorgetragen. Und um die Texte geht es auch. Zwar sind die Beats natürlich nicht wegzudenken aus so einem Projekt, aber trotzdem sind es die Lyrics von Lunte, mit denen man sich beschäftigen muss und die einen herausfordern.

Herausfordern deshalb, weil ich mir beim Durchhören öfter mal gedacht habe: Komm jetzt mal endlich auf den Punkt!
Da gibt es streckenweise so Textpassagen, die sind nicht viel besser als bei irgendwelchen assoziativen Freestyle-Wort-Aneinanderreihungs-Ketten: "Ich sitz davor wie’n Stein im Glas „weißt Du noch, wie es im Fahrstuhl war?“ und jetzt haben wir seit gestern anderes Festnetz, ich hangel mich bis zur Nächstbesten, der Sommer bringt, was der Winter verpasst hat, ich rag fast mit einem Arm, an deine Schuhe von vor drei Wochen, dann wieder losgelassen…“. Tut mir leid, vielleicht bin ich unempfindlich für literarische Bilder oder diese Art von Poesie ist mir dann doch zu hoch… aber eigentlich… ehrlich gesagt… ich glaube da sind gar keine Sprachbilder. Da sind keine  Anhaltspunkt für Außenstehende. Das mag im privaten Kreis und ganz persönlich Sinn ergeben, für mich allerdings sind das nur Worte. Worte die bedeutungslos aneinandergereiht sind.   

Aber Lunte kann auch anders. Richtig lachen musste ich zum ersten mal bei dem Song Windschutzscheibe, der damit beginnt: "Wenn du im Straßengraben steckst, weil der wagen dir verreckt und du entdeckst, dass die Windschutzscheibe in deinem Beifahrer steckt, dann gib nicht auf, denn das Radio läuft ja noch und da hinten steigt ne Party im Häuserblock.
Das ist sehr gut und katapultiert den Song sofort zu meiner persönlichen Nummer eins der Kopf Hoch Songs!

Man muss sich bestimmt ein bisschen einlassen auf die Produktion von Sichtbeton. Man muss sich an Luntes Stimme gewöhnen. Man darf da auch nicht immer mit dem Rap Hammer kommen, wenn Lunte in bester Jochen Diestelmeyer Manier zum Beispiel von seiner Familie erzählt: "Mit diesem Onkel habe ich in 27 Jahren bestenfalls sieben Sätze gewechselt.“ Wer kennt das nicht?

Großartig, der Song Fieber mit einem Soundschnipsel von einer Platte der Ost-Beat-Rock-Legende Horst Krüger, mit dem Song "Geh durch die Stadt“, Schweineorgel inklusive. Darauf rappt Lunte "und wenn du wieder mies drauf bist, geh nach draußen und prob denn Aufstand!“ Doch statt langweiliger Selbstbefreiungsparolen heißt es dann: "und wenn mal wieder alles grau ist, dann geh nach draußen, für einen Faustkampf!“  Das gefällt mir. Das ist was Handfestes und auch "mit dem Teppichmesser quer durch die Fußgängerzone.“ Solche Tage gibt es nun mal und da sollte man sich auch nicht dafür schämen.

Auch nicht dafür, dass Männer sich generell nur wegen "Fruchtsaft und Mädchen“ in die Haare bekommen und sich beleidigen. Warum nicht?

Alles in allem ist Zurück eine Art sphärische Reise ins Innere. Das ist manchmal sehr, sehr anstrengend, zuweilen sehr lustig und interessant und manchmal halt auch ein bisschen langweilig. Aber so ist man selbst ja auch. Machen wir uns nichts vor!

   

 

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