Feuer Über Deutschland – Teil 3

Es ist keine sonderlich dankbare Aufgabe, eine "Feuer Über Deutschland"-DVD zu rezensieren. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern aufgrund der Tatsache, dass man es hier mit "über 100 MCs in mehr als 20 Battles" zu tun hat. Ja, das sind sehr viele und ja, es gibt auch sehr viel peinliche bis schlichtweg Fremdscham-geeignete Szenen. Das ist manchmal lustig, meistens aber einfach nur traurig. Was ich eigentlich sagen möchte: Diese gesamte DVD zu gucken ist wahnsinnig anstrengend und nur für euch, liebe Leser, beiße ich mich da jetzt durch.

Womöglich ist das Ganze auch einfach ein Jungsding. Leichtbekleidete Nummern-Girls, testosteronschwangerer Gestus samt obligatorischer deineFreundindeineMutterduHomomeinPenisistgrößeralsdeinerundicheinfachnurcooleralsdu-Lines und nicht zuletzt der aufgebaute Boxring, der die mitunter etwas müde wirkende Crowd zugunsten der Kameras von den Battles nahezu ausschloss. Das ist Hip Hop im Jahre 2008. Juhu. "Nach dem Battle hier bin ich so befriedigt wie ein Österreicher, der nach drei Stunden aus dem Keller kommt" ist eine der ersten Zeilen, bei der ich wirklich aufhorche. Im Allgemeinen scheint Josef Fritzl einen nicht unerheblichen Teil der zum Battle angetretenen Rapper in ihren Textvorbereitungen beeinflusst zu haben. Aber dazu später mehr, für diese Line zeichnet sich in jedem Fall Maddest verantwortlich, der im Dritten der Eins gegen Eins-Battles gegen Dra Q antritt und tatsächlich der Erste ist, der mich ansatzweise amüsiert.

"So ein Niveau macht hungrig" sagt Staiger, welcher den dritten Teil von "Feuer Über Deutschland" moderiert, den Großteil des auf der Doppel-DVD vorhandenen Videomaterials aber eher wirkt, als bräuchte er einen halben Liter Kaffee intravenös zugeführt. Moderationen, sollten sie vorhanden gewesen sein, wurden zugunsten der Laufzeit größtenteils rausgeschnitten. Das lässt den sonst so gerne expressiv agierenden Chefredakteur des besten Internetmagazins der Welt (haha) ziemlich farblos wirken und eigentlich hätte man gerne mehr dieser Momente, in denen er Sandy Solo fragt, ob er mit ihm Englisch reden solle. Ach ja, Sandy Solo. Irgendwie lässt sich sein Gegner Liquit Walker auch von der absoluten Hammerline "Du kriegst mich nie wieder los wie HIV" nicht beeindrucken und das, wenn ich das mal so sagen darf, zu Recht. Schließlich fühlt dieser sich gegenüber "Sandra" wie "David Hasselhoff am Nichtschwimmerbecken", was seinen Hammer und Zirkel-Homeboy nicht davon abhält "Sandy, warum bist du so gemein zu ihm? Du bist eine Huuuuuuuuureeeeee!" mithilfe des Publikums zu intonieren. Sehr super, ich habe gelacht.

Nach weiteren eher durchschnittlich unterhaltenden Einzelbattles, kommen nun die Teams an die Reihe. Das sind sehr viele und irgendwie habe ich das dunkle Gefühl, dass die Aufschrift auf der DVD-Hülle, die "über sieben Stunden" Laufzeit verspricht, nicht so ganz haltlos ist. Wunderbarerweise kommt nun aber das wohl beste Battle von allen, namentlich stehen sich hier Team Südwestfalen aus Siegen und die Münchner Creme Fresh Crew gegenüber. Letztere überzeugen mit spektakulär-debiler Performance. "Es gibt nur drei Fakten. Erstens: Du bist wack. Zweitens: Ich hab den Längeren. Drittens: Nur weil du vor dem Battle kotzen warst, bist du noch nicht Eminem!" – so muss das sein. Das Zusammentreffen von den Illvibe-Dschungs und Plattenbau Ost ist insofern interessant, dass man sich erst wahnsinnig lieb hat und nach ziemlich uninteressanten Lines durch den Ring springt, wobei 50 Prozent von Plattenbau Ost mit einem Lebendgewicht von 130 Kilo von Staiger hochgehoben werden. Erkenntnis nach gefühlten drei Stunden Battle-Gucken: Hulk trägt ein Manowar-Shirt.

Also, was haben wir noch? Morlockk Dilemma (Team Snuffpro) bringt mit "Und komm mir jetzt nicht mit Ossi-Witzen und so ’nem Mist wie Bananen. Du trägst die Jeans, die ich im Westpaket hatte und zurückgeschickt habe" meine absolute Lieblingszeile der gesamten Veranstaltung, der "Feuer Über Deutschland"-Veteran Gregpipe bleibt etwas hinter den hohen Erwartungen zurück, Queen Unique ist insofern nicht unique, dass sie nicht die Einzige ist, die es nicht schafft, sich ihren Text zu merken, und die österreichischen Gäste von Aut Of Order schießen in battletechnischer Wackness den absoluten Vogel ab. Wenn man sich das "Black Wallstreet Europe"-Signing Big J anhört, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, warum The Game kürzlich in einem Videointerview geheult hat.

Die richtig Harten sind jetzt noch herzlich dazu eingeladen, sich das Bonusmaterial sowie sämtliche Interviews mit allen Beteiligten anzugucken. Zu ersterem gehört ein Gespräch mit dem Moderator, Backstagematerial von und mit "Honeybee", die eigentlich Sabine heißt und Model ist, sowie Shoutouts, Trailer und noch ganz viele andere Sachen. Bei einem Fazit zu "Feuer Über Deutschland 3" fallen diese Nebensächlichkeiten sowieso nicht ins Gewicht. Es geht um Battlerap und den bekommt man hier in all seiner Vielseitigkeit. Das beinhaltet eben nicht nur Doppeldeutigkeiten und Innovation to the Fullest, sondern auch Stumpfsinnigkeit und partiell auftretendes Fremdschämen. Insgesamt also eine voll und ganz zufriedenstellende DVD für Aktive und Liebhaber der Sache und trotz vermeidbarer Längen ein würdiger Abschluss der Veranstaltungsreihe.
 

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