Sido – Ich Und Meine Maske

Teil 3 also der Maskentrilogie und das Konzept geht auf. Eminem hatte es ja schon vorgemacht und so kommt eben nach dem Slim Shady Album ("Maske"), dem Marshall Mathers Album ("Ich") nun The Show ("Ich Und Meine Maske") und somit auch die Befreiung von der Identitätssuche hin zur großen Kunst. Das war ein sehr langer Satz, aber kürzer ging’s nicht. Aber es ist so. "Ich Und Meine Maske" macht Schluss mit der Suche nach dem wahren Ich des Paul Würdig aka Sido aka Scheiße in Dein Ohr aka Supeintelligentes Drogenopfer. Hier steht er. Ein Künstler. Er kann nicht anders.
Um es vorweg zu sagen: ich finde dieses Album großartig. Es ist originell, witzig, an den richtigen Stellen pathetisch, manchmal einen kleinen Tick zu viel, aber das geht in Ordnung. Die Features sind so, dass man sich immer auf den Hauptdarsteller freut. Eine Stunde ist eine perfekte Länge und musikalisch wurde an den richtigen Stellen aufgerüstet, das heißt es wurden richtige Songs geschrieben, abwechslungsreich, musikalisch und nicht wie bei den anderen „größeren“ deutschen Hip Hop Aktivisten einfach nur die Special Effects Schublade aufgemacht und das Bombast-Soundgewitter mit den Ritterbeats ausgepackt. Bei Track 15 darf sogar Shizoe singen und es ist zum allerallerallererstenmal, dass ich einen Soul Sänger auf einem deutschen Hip Hop Track singen höre und mich nicht schütteln muss, weil es tatsächlich NICHT schwul klingt. Und das obwohl der Track alle Voraussetzung erfüllen könnte, ihn richtig scheiße zu finden, weil es um „unseren Weg“ „unseren Kampf“ und darum geht, dass „wir Soldaten sind“ usw. Jaja. Klar. Klar. Bin ich auch und auch ich stelle mir das Leben als lange Straße vor, auf der ich marschieren muss und als ewigen Kampf… um jeden Cent. Aber so ist das im Kapitalismus. Wahrscheinlich denkt sich das Josef Ackermann auch jeden Morgen, wenn er sich seine Krawatte bindet und Richtung Deutsche Bank Hochhaus losmarschiert. Aber, und jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift, selbst so ein Song geht auf diesem Album trotzdem in Ordnung.
Weil es eben genug Gegengewicht gibt. "Augen Auf“ und "Halt Dein Maul“ kennt man ja schon. "Herz“ ist so etwas wie "Jein 2008“, wo es darum geht, dass man mit der Frau zu Hause eigentlich ganz glücklich ist „aber irgendwas bedrückt dich – sie wird dir zu üppig“ und man lernt jemand kennen, beide sind heiß und… „hör auf dein Herz ….“ Das ist ein Vorschlag über den man als Mann erst mal nachdenken muss. In so einer Situation auf sein Herz zu hören?!? Ich musste lachen als ich das gehört habe. Originell!
Dann gibt es noch „Nein“, das Duett mit seiner Freundin und Lebensgefährtin Doreen, das uns wahrscheinlich auch irgendwann noch mal als Single über den Weg laufen wird und „Pack Schlägt Sich – Pack Verträgt Sich“ mit Azad, das man auch schon kennt.
Mein absoluter Lieblingstrack dürfte allerdings "Carmen“ sein, eine 80er Jahre UhUh Nummer, in der sich ein Mann in eine professionelle Hure verliebt und von Errettung und ähnlichem träumt. Sowieso ein Lieblingswitz von mir: „Hey bei mir war alles anders. Bei mir ist sie wirklich gekommen. Das Geld hat sie nur genommen, weil ich es ihr aufgedrängt habe. Das hat der richtig Spaß gemacht mit mir… usw.“ Bei Sido endet das ganze dann in schizophrenen Wahnvorstellungen mit Waffeneinsatz und wortreichen Entschuldigungen. Ein Mann, gefangen in seiner leidenschaftlichen Liebe. Klischeeverarschung as its best. Sehr unterhaltsam.

So. Kommen wir aber mal auf was Ernsthaftes. Es gab mal eine Crew, die hatte einen Song im Gepäck, der sich "Lieber Gott“ nannte. Der Refrain ging folgendermaßen:
"Vater Unser, der du bist im Himmel,
Hier kommt die Sekte und scheisst auf dich nieder,
nie wieder ein Gedanken an dich verschwenden,
nie wieder lassen wir uns blenden! " 
Namentlich ein Rapper namens Sido, nannte Gott in diesem Track eine Schwuchtel und verwies auf seine Nichtexistenz. Diese Einstellung hat sich gründlich geändert. Der Song "Danke“ auf dem neuen Album, dürfte ohne Übertreibung als ein Gebet angesehen werden und es beschreibt die christliche Erweckung des Paulus. Das Problem ist, dass Sido selbst bei diesem privaten und heiklen Thema, das wahnsinnig schnell in so eine ganz peinliche Richtung abdriften kann, dass er selbst hier die Kurve kriegt. Es klingt NICHT aufgesetzt. Es wirkt ehrlich und authentisch und Zeilen wie „Ich fahr alleine weiter, wenn’s sein muss lauf ich – Ich schaff das schon, hau ab, los, die Welt braucht dich.“ Sind einfach…  äh… gut. Da kann ich gar nichts weiter zu sagen. 

In diesem Sinne also Herzlichen Glückwunsch.
Sido ist von den großen Rappern definitiv der einzige zur Zeit, der sich künstlerisch tatsächlich (immer wieder neu) erfinden will und das auch schafft. Ganz hilfreich dabei ist natürlich auch, dass er im Gegensatz zu den anderen, seinen Humor nicht verloren/wieder gefunden hat und dass dieses Talent, auch sich selbst ganz böse zu verarschen immer wieder durchblitzt. Das ist wirklich, wirklich entspannend und macht Spaß. Danke!

P.S.: Auch wenn es in diesem Fall alles andere als peinlich ist, aber Texte von Hip Hop Artists sollte man trotzdem nicht im Booklet abdrucken. Zumindest sollte man sie extremstens Korrektur lesen. Youknowwhutchameen.
 

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