Rappende YouTuber sind das Böse (Kommentar)

Rappende YouTuber sind der Teufel.  Das Böse in Menschengestalt. Die Deutschrap-Szene ist sich ausnahmsweise mal einig. Selten genug, dieser Fall. Was YouTuber und deren Versuche als Rapper angeht, gibt es keine zwei Meinungen: Geht gar nicht. Dieser breitestmögliche Konsens verbindet Künstler aus unterschiedlichen Lagern und Subgenres. Der von mir besonders für seine jüngsten pointierten Zeichnungen geschätzte Graphizzle Novizzle bringt es mal wieder auf den Punkt.

Nach Ali As, der wohl als Urheber des Anti-YouTuber-Movements gelten kann, sind jetzt auch 3Plusss und Basti von Trailerpark in das Spiel eingestiegen. Der keineswegs unberechtigte Tenor: Voll scheiße. Auch eine wachsende Zahl von Rapfans nimmt YouTuber, die Rap-Alben veröffentlichen, inzwischen als Problem war. Die zunehmende Häufung von Kommentaren in Richtung von Kayef oder LionT beweisen es.

Nun gibt es sicherlich jede Menge, was an der Musik dieser beiden, aber auch anderer YouTuber, die versuchen zu rappen, zu kritisieren ist. Auch ich brauche keine halbgaren Gehversuche im Rap von Leuten, die sich kaum oder gar nicht ernsthaft mit der Kunstform und Kultur dahinter auseinandergesetzt haben. Ich habe Acts auf dem Niveau und mit der Aussagekraft von Der Wolf oder Cappuccino nicht vermisst. Ich will auch sicherlich keinen Anti-Menstruations-Rap. Gott bewahre.

Ich frage mich andererseits, ob es nicht wichtigeres gibt. Nein, nicht auf diese fade, tausendmal durchgekaute First-World-Problems-Art. Sondern eher deshalb, weil es auch im Rap selbst Entwicklungen gibt, die Rap weder als Kultur noch als Kunstform weiterbringen. Es ist natürlich viel einfacher, auf Phänomene von außerhalb zu schießen, sich gegen einen Feind, der gar nicht zur Szene gehört, zusammenzuschließen, als selbstkritisch nach innen zu blicken.

Denn man muss nicht einmal einen besonders tiefen Einblick in das haben, was sich hinter den Kulissen abspielt, um festzustellen, dass Rapper in ihrer Promophase immer mehr wie Politiker im Wahlkampf agieren. Sie buhlen um jeden Käufer (=jede Wählerstimme), sie fahren regelrechte Kampagnen gegen Konkurrenten, die ihnen im Weg stehen, sie versuchen, kritische Berichterstattung über sich selbst weitestgehend zu unterbinden, fordern diese im Bezug auf besagte unliebsame Konkurrenten vehement ein. Strategisch geschickt wird kontrolliert, welche Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Releasedates sind Wahltermine, potentielle Käufer das Stimmvieh. Natürlich wollte schon immer jeder Rapper so viel wie möglich verkaufen, klar, aber noch nie war das Wissen um bzw. die Bereitschaft zu den richtigen Strategien so ausgeprägt wie jetzt.

Es ist natürlich keineswegs so, dass das nicht auch kritisiert würde. Am sprichwörtlichen Ende des Tages aber macht doch fast jeder bei dem Spiel mit. Uns Medien wird – zum Teil berechtigterweise – vorgeworfen, es gehe immer weniger um Musik. Das gilt aber eben auch für viele Rapper. Ganz offenbar gezielt werden von vielen Schlagzeilen produziert, die mit der Musik nicht nur nichts zu tun haben, sondern die auch immer mehr von ihr ablenken. Vielleicht sollen sie das sogar.

Insofern ist es zwar absolut nachvollziehbar und inhaltlich richtig, rappende YouTuber zu kritisieren und ihnen ihre künstlerische Berechtigung abzusprechen. Interessanter aber wäre es, den Blick mal auf szeneinterne Probleme zu richten. Allerdings auch weit riskanter: Hier kann man sich des Applauses natürlich nicht so sicher sein und geht zudem das Risiko ein, es sich mit diversen Artists zu verscherzen, die sich angesprochen fühlen. Denn angesprochen fühlen können sich davon sehr, sehr viele.

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