Marteria – Zum Glück in die Zukunft 2 (Album)

Knapp vier Jahre ist es her, dass Marteria mit seinem letzten Album „Zum Glück in die Zukunft“ das Deutschrap-Spiel nachhaltig verändert hat. Es waren sich so gut wie alle, die sich auskennen, einig: Klassiker. Auch die rap.de-Review kam seinerzeit zu diesem Ergebnis. Völlig zu Recht, muss man sagen, wenn man sich nun, mit gebührendem zeitlichen Abstand, Zeit und Muße nimmt, um sich dieses erste richtige Album von Marten noch mal anzuhören. Doch aus großer Macht folgt große Verantwortung, wie es so schön heißt. Es stellt sich die Frage: Wie toppt man einen Klassiker? Nun, Marteria gibt mit seinem neuen Album „Zum Glück in die Zukunft 2“ die einzig richtige Antwort: Durch konsequente Weiterentwicklung und ohne den verkrampften Versuch, vergangene Erfolge einfach zu wiederholen.

So findet sich auf „ZGIDZ2“ kein „Verstrahlt 2“ und auch kein „Lila Wolken 2„. Überhaupt klingt das Album null kalkuliert oder am Reißbrett entworfen. Hatte Marten mit dem ersten „Zum Glück…„-Teil den Schritt vom etwas blasierten Ex-Model und Fußballspieler hin zur leicht gebrochenen Persönlichkeit, der nicht immer alles gelingt geschafft und seinem zuvor eher glatten Image Ecken und Kanten hinzugefügt, so macht er sich jetzt zum einen noch freier, noch nackter (emotional) und wird zum anderen noch konkreter, was hinter all dem freilich sehr kultiviert gepflegtem Versagertum steckt (politisch).

Zwischen diesen Polen bewegt sich „ZGIDZ2„: Dem Privaten und dem Politischen. Es gibt persönliche Songs wie „Gleich kommt Louis„, in dem Marten seine Gefühle kurz vor der Geburt seines Sohnes unfassbar greifbar einfängt und komplett die Hosen runter lässt, oder das wundervoll melancholische „Alt & verstaubt„, das das Gefühl des Abschieds so derart dicht auf den Punkt bringt, dass man Tränen in den Augen hat. Und es gibt politische Songs wie das als erstes Video veröffentlichte „Bengalische Tiger“ und „John Tra Volta„, die den Geist der Revolte in sich tragen. Und in beiden Fällen zeigt sich Marterias lyrisches Talent in seiner vollen Blüte: Die emotionalen Songs berühren jeden mit einem Mindestmaß an Empfindsamkeit ausgestatteten Hörer tief, die politischen versinken nicht wie leider viel zu oft in hohlen Phrasen und Plattitüden. Parolen wie „Nazis raus„, „ACAB“ oder „Die da oben sind alle Schweine“ sucht man hier vergeblich – und das ist verdammt gut so und tut der Deutlichkeit der Aussage keinerlei Abbruch.

Obwohl die Krauts bei der Produktion wieder ganze Arbeit geleistet haben, die Musik dieses Mal noch verspielter, lockerer und leichtfüßiger daherkommt, ist die ganz große Qualität dieses Albums in Marterias Texten begründet. Diese Stärke spielt er auf „ZGIDZ2“ so konsequent aus, dass man ansonsten oft zu hochtrabende Vergleiche mit Klassikern der deutschen Dichtkunst in diesem Falle tatsächlich ziehen kann. Ein Stück wie „Eintagsliebe“ hätte auch einem Berthold Brecht oder Kurt Tucholsky gut zu Gesicht gestanden.

Du bist herzlich willkommen
Zwischen Lärm und Beton
Willst du Fernsehn oder willst du erst einmal komm‘?
Hab das Liebesgitter bis zum nächsten Herbst abgenommen
Doch sei nicht traurig
Wenn du mein Herz nicht bekommst

Das Schlüsselstück der Platte aber ist „Pionier„. Ohne plakative Phrasen zu dreschen und mit erstaunlich einfachen, aber vielschichtigen Wortbildern bringt Marten hier den Zeitgeist auf den Punkt. Lebensgefühl einer Generation, blabla, kennen wir alles, jaja, eben nicht. Nicht so. 

Kipp’ tausend Dinge in mein’ Körper, bin benommen
Bin kurz süchtig, seh’ nur noch verschwommen und hab’ Herzrasen
Wir wollen davon alle immer mehr haben
Lassen es passieren, überlegen nicht
Sind dagegen, wenn jemand dagegen ist

Das i-Tüpfelchen an „ZGIDZ2“ ist, dass Martens Poesie nie gewollt pathetisch oder überzogen dröhnend daherkommt. In allem schlummert sowohl ein Augenzwinkern als auch eine leichte, angenehme Melancholie. Das Album ist wie ein Sonnenuntergang an einem kühlen Frühlingstag: Berührend, anregend, wunderschön, ein wenig schmerzhaft und doch voller Hoffnung und Zuversicht. Auf den Sommer. Oder das nächste Album. Denn das hat Marteria nun bewiesen: Probleme, große Alben noch mal zu toppen, hat er nicht.

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