In eigener Sache: rap.de-Chef in der Bild-Zeitung

Es gibt derzeit so viele Statements wie nie zuvor im deutschen Rap. Bevor jemand irgendetwas tut, gibt er erstmal sein Statement oder er kündigt eines an. Da will auch rap.de nicht hintanstehen. Allerdings ist dieses Statement keine Ankündigung, sondern ein Kommentar zu etwas, was bereits passiert ist.

Passiert ist durchaus der richtige Ausdruck. Passiert ist nämlich, dass in der heutigen Ausgabe der Bild-Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Generation Bushido“ zu lesen ist, in dem mal wieder – nichts neues – versucht wird, den Eindruck zu erwecken, böse, menschenverachtende Rapmusik sei Schuld am Untergang des Abendlandes. Soweit, so bekannt, so gähn.

Nun finden sich in diesem Artikel auch Zitate von mir, Oliver Marquart. Ein Redakteur der Bild hat gestern nachmittag bei mir angerufen und mich um ein, genau, Statement gebeten. Als Rap-Experte. Im Artikel steht sogar „Musik-Experte„. Lasse ich mal so stehen.

Mir war in diesem Moment natürlich klar, worauf ich mich einlasse. Die Berichterstattung der Bild über Rap im allgemeinen und über Bushido (dessen Namen sie für die Überschrift ausgewählt haben) ist bekanntlich nicht besonders erhellend. Oft wird gezielt der Eindruck erweckt, Rap habe einen schlechten Einfluss auf junge Hörer und sei für Phänomene wie Prügelvideos o.ä. zumindest mitverantwortlich. Auf eine objektive Berichterstattung war also nicht zu hoffen.

Warum habe ich trotzdem zugestimmt, dass Aussagen von mir für den Artikel verwendet werden? Weil ich wenigstens den Versuch antreten wollte, eine Stimme der Vernunft in den Artikel miteinfließen zu lassen. Ich wollte unsere Kultur, Rap, HipHop, lieber offensiv gegen Angriffe von außen verteidigen anstatt den Kopf in den Sand zu stecken und mir zu sagen, das wird eh nichts. Ich habe es versucht – ob es mir gelungen ist, sollen andere entscheiden.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Rap sich zwar oft einer aggressiven Sprache bedient, dies aber nicht zu einer Verrohung der Jugend oder ähnlichem Quatsch führt. Rap ist eine Kultur mit vielen Facetten, nicht alle davon sind schön oder akzeptabel. Wie in jeder Kultur gibt es dunkle Seiten. Die ethische Verwahrlosung eines bestimmten Teils der Jugend jedoch steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier sind Eltern verantwortlich, Lehrer, ja, eine Gesellschaft, die einen wachsenden Teil ihrer selbst nicht mehr mitspielen lassen will. Die bestimmte Leute von vornherein ausgrenzt und somit zu frustrierten Opfern macht, die nicht wissen, wohin mit ihrem Ärger. Rap ist daran bestimmt nicht schuld. Im Gegenteil – Jugendliche, die sich durch Rap ausdrücken können und dadurch Bestätigung erfahren, sind weit weniger anfällig für sinnlose Gewaltausbrüche.

Dies habe ich in meinen Statements gegenüber der Bild versucht, auszudrücken. Leider wurden diese am Ende so stark gekürzt, dass ein Großteil der Message unterwegs verloren gegangen ist. Von meinen ursprünglichen Aussagen sind letztlich nur ein paar markige Sätze übriggeblieben, die derart aus dem Zusammenhang gerissen wenig Sinn ergeben („Kay One – In seinen Songs geht es um Arroganz, Abgehobenheit und Sex“). Immerhin ist ein Statement (haha, schon wieder dieses Wort) von mir abgedruckt, in dem ich betone, dass Rap mit den jüngst bekannt gewordenen Gewaltexzessen in Berlin nichts zu tun hat: „Zwar ist in den Texten immer wieder von Gewalt die Rede, dennoch glaube ich nicht, dass Rapper für so bedauerliche Prügel-Videos wie das in Berlin verantwortlich gemacht werden können.

Mehr war leider nicht drin.

Falls es jemand interessiert, veröffentliche ich hier meine ungekürzten, vollständigen Statements (letztes Mal, ich schwöre).

Bushido: Er war der erste deutsche Rapper, der seinen Migrationshintergrund offensiv in den Vordergrund gestellt und auch geschickt mit vorhandenen Klischees gegenüber arabischstämmigen Jugendlichen gespielt hat. Dadurch genießt er bis heute ein hohes Ansehen bei Jugendlichen von der Straße. Gleichzeitig hat er es mit nachdenklichen, ruhigen Songs sowie durchdachten, intelligenten Äußerungen in Interviews und TV-Shows geschafft, sich für ein breiteres Publikum interessant zu machen und auch mittelständische, bildungsbürgerlich geprägte Kids anzusprechen. Zudem ist er mit Abstand der erfolgreichste Rapper Deutschlands – was ihn in den Augen vieler per se zur vertrauenswürdigen Person macht. Viele Kids, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, schauen zu ihm auf.

sido: Seine Geheimwaffe ist der Humor. Obwohl seine Texte früher auch teilweise härter waren, war immer ein Augenzwinkern, ein verrückter Witz darin erkennbar. Er hat sich nie groß verstellt und wirkte immer unfassbar glaubwürdig und echt. Der nette Kumpel von nebenan, dazu der typische Berliner: Rau, aber herzlich, das Herz auf der Zunge. Auch seinen Wandel zum seriöseren, nachdenklicheren Typen nimmt man ihm einfach voll ab. Für die Kids ist er mittlerweile – er ist bereits mehrfacher Vater – wie ein väterlicher Typ, der Verständnis für den Sturm und Drang der Jugend hat, dabei aber immer auf Verhältnismäßigkeit und Vernunft pocht.

Haftbefehl: Er hat den Gebrauch von arabischen, kurdischen, türkischen und anderen Wörtern, die auf der Straße benutzt werden, im deutschen Rap salonfähig gemacht. Dadurch nehmen ihm gerade die Jungs von der Straße seinen Rap ab, weil er so rappt, wie sie reden, ein multikulti Mischmasch. Für viele Kids mit Migrationshintergrund ist er der Beweis, dass man es auch schaffen kann, ohne sich (sprachlich) an den Mainstream anzupassen. Er steht für die Renaissance des zuvor totgeglaubten Straßenraps und hat für viele Kids eine Vorbildfunktion.

Kay One: Er ist ein sehr wandlungsfähiger Typ. Sein Stilmittel war immer eine gewisse Arroganz und Abgehobenheit, ein extrem zelebrierter Materialismus und Sexismus verbunden mit Lässigkeit. Damit polarisiert er von den vier genannten am meisten. Seine Reputation hat durch den Streit mit Bushido allerdings stark gelitten, dass er über seinen Ex-Mentor und Förderer öffentlichkeitswirksam bei Stern TV hergezogen hat, kam auch bei vielen seiner eigenen Fans nicht gut an. Er gilt als nicht besonders glaubwürdig und inkonsequent. Sein Einfluss auf Jugendliche dürfte stark abgenommen haben.

 

1 KOMMENTAR

  1. ach come on, oli trollt doch auch nur noch, oder verstehe ich das hier falsch?
    Jedenfalls verstehe ich den Witz hinter diesem ganzen „ich bin so gegen menschenfeinde aber auch immer dafür wenn es dem Klischee entspricht“ nicht so ganz. Naja, Sarkasmus, Ironie und sich selbst immer auf die Schippe nehmen verstehen ja dann auch immer nur ganz spezielle Zielgruppen. Weiß nur nicht in wie weit da die Kritik als „chefredakteur gegen die Bild“ vor dem Hintergrund eines seriösen Musikmagazins noch als Kunstprojekt oder Troll gegen was auch immer so viel Sinn macht.
    Jedem das seine. Wird sich irgendwann sicher als Großes Werk der Neudeutschen Kritikwelle entpuppen

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