Gerard – Blausicht (Album)

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Mit „Blausicht“ veröffentlichte der österreichische Rapper Gerard am 20. September 2013 sein drittes Album über Heart Working Class. Es ist jedoch das erste ohne den Zusatz MC. Sein Debutalbum quasi, und auch wenn diesem schon zwei Alben vorgingen, so klingt es auch, als wäre es sein Debut, klanglich und inhaltlich. Produziert wurde „Blausicht“ vorwiegend von Nvie Motho sowie von Fid Mella und DJ Stickle.

Diesen Soundtrack zu seinem neuen Lebensweg, wie Gerard es selbst bezeichnete, hätte er kaum besser timen können als 2013, auch wenn das Releasedate für wesentlich früher vorgesehen war, denn „Blausicht“ ist soundtechnisch auf der Höhe der Zeit, wie es nur sein kann und schlägt mutige, innovative Wege abseits von klassischen BoomBap-Beats und simplem 808-Gepumpe ein.

Auch inhaltlich befindet sich „Blausicht“ auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist: In einer Epoche, in der tagtäglich eine Unzahl von neuen Türen geöffnet werden, in der die Summe an Möglichkeiten kaum noch überschaubar und oft beklemmend ist, will auch Gerard sein Stück vom Kuchen. Er macht Musik für all diejenigen, die spüren und vor allem hören wollen, dass es nicht nur ihnen alleine so geht und man dieses große, unübersichtliche, vieldeutige Ganze mit ein wenig mehr Hoffnung und Optimismus angehen kann. Über futuristische, gerne auch mal sphärische Klänge hinweg erzählt Gerard dem Hörer von all dem, was ihn beschäftigt – und womit sich der Großteil der Jugend heutzutage und derjenigen, die sich über die Welt Gedanken machen, identifizieren können. Alltagssituationen, denen auf den ersten Blick gar kein besonderer Zauber innewohnen mag. Diesen jedoch sichtbar zu machen, ist eine der großen Stärken von Gerards unprätentiöser, bilderreicher Lyrik.

Wo das Intro „Blausicht“ noch den Anschein erweckt, dass man sich auf eine vorweg melancholische Stimmung auf dem Album einstellen sollte, merkt man doch bei Tracks wie „Wie neu“ oder „Zünd den Regen an“, dass Gerard keineswegs ein Kind von Traurigkeit ist. Und ein gesichtsloser Anpasser schon gar nicht. „Lieber ein eckiges Etwas als ein rundes Nichts“ – diese Devise war für Gerard und seine Produzenten beim Beat dieses Liedes Maxime des Handelns: edgy und rebellisch.

Gerard will „Alles jetzt“ und weiß, dass dies nur in seiner eigenen Hand liegt – der gleichnamige Song ist eine Hymne für eigenverantwortliches Handeln. Gerard will sich nicht länger vertrösten lassen, sondern sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir werden rausgehen eure Welt erobern“ ist das Leitmotiv des Albums, das sich auch auf „Welt erobern/erhalten“ wiederfinden lässt. Und genau das ist, was Gerard bewegt: Selbstbestimmung. Das machen, was man will und vor allem, was man kann. „Unterschätzen das, was wir haben. Unterschätzen das, was wir sind, Generation Kind“. Dieser rote oder blaue Faden zieht sich durch das gesamte Album. Dies ist einer der wenigen Punkte, die man an Gerards Album kritisieren kann: die Songs sind schematisch alle gleich aufgebaut, oft sind die Sätze ineinander verschachtelt und unbeendet – einerseits sicherlich ein legitimes Stilmittel, andererseits führt das auf Dauer hier und da zu ein wenig zu viel Vorhersehbarkeit.

Abgesehen davon kann man Gerard wirklich wenig vorwerfen. Sein Gesang auf „Verschwommen“ harmoniert perfekt mit den melancholisch-tranquilen Klängen – einer der schönsten Tracks auf dem Album. Gerard wurde schon mehrfach mit Mike Skinner verglichen, und das steht ihm durchaus gut zu Gesicht. Sein alltagsnahes Storytelling kommt ohne großes Trara aus und schafft es dennoch, viel Gefühl zu transportieren. Darin ähnelt er Mike Skinner tatsächlich sehr – auch ohne schicken Cockney-Akzent, dafür mit einer sanften österreichischen Sprachfärbung, die den Hang zum Pathos, den Gerard zweifellos pflegt, stets davor bewahrt nervig oder aufdringlich zu werden.

Auf „Atme die Stadt“ holte sich Gerard musikalische Unterstützung von OK Kid und setzt damit das einzige Feature auf dem Album. Und das funktioniert bestens. Weitere Gastparts vermisst man trotzdem nicht; im Gegenteil hätte man sie wohl eher als störend empfunden. Gerards Erzählungen, Raps, Gesang sind so persönlich und gehen so offen mit seinen Gefühlen, Ängsten, Gedanken um, dass nur er sie erzählen kann.

Mit „Blausicht“ hat Gerard seine bisher persönlichste und auch beste Platte rausgebracht. Alle der 13 Tracks ergeben ein rundes, stimmiges Gesamtwerk, das man wohl am ehesten dem Cloud-Rap-Genre zuordnen kann. Ein Appell an all diejenigen, die in der Eile des modernen Lebens nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht, die Zuversicht nicht zu verlieren und die Chancen, die ihnen geboten werden, beim Schopf zu packen. Eins nach dem anderen, oder doch besser: „Alles jetzt„!

 

 

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