Review: Casper – Hinterland

Casper ist ein Perfektionist. Egal, ob seine Bühnenshows vor Millionen Menschen, seine Sectret-Gigs vor einer handvoll Rapheads oder seine Platten – beim Bielefelder ist alles bis auf das kleinste Detail durchgeplant. Nichts wird dem Zufall überlassen. Der Rapper und Musiker weiß genau, was er will und wie er das erreicht. Das Endresultat aus dieser perfektionistischen Ader und der Liebe zur Musik trägt auch einen Namen. „Hinterland“. Na dann – auf geht’s ins Hinterland.

Klanglich hat sich nach „Hin zur Sonne“ und „XOXO“ einiges geändert. Der Begriff „Stadionmusik“ passt geradezu perfekt auf „Hinterland“, was vor allem an den hochwertigen Produktionen des Trios Griffey, Ganter, Gropper liegt, aber auch an der, perfekt auf Caspers Reibeisen abgestimmte, Band rund um Michael Zolkiewicz. Doch das ist nicht alles, was den Klangteppich des Albums ausmacht. „Hinterland“ ist holzig, dreckig, kantig und, man kann es nicht anders sagen, epochal. Teilweise erinnert das Werk stark an amerikanischen Folk und Indipoprock. Aber keine Sorge, Casper rappt noch und das besser als 90 Prozent seiner derzeit aktuellen Kollegen.

Der Track „Jambayala“ etwa (splash!-Besucher haben ihn schon mal gehört) ist astreiner Battlerap, der mal kurz klarstellt, dass Cas es immer noch drauf hat, doch ansonsten fügt Casper wunderbar leichtfüßig und unverkrampft Genres zusammen und vermischt sie zu seinem ganz eigenen Sound. Folk, Indierock, Battlerap – „Hinterland“ ist alles zugleich. War „XOXO“ der Rohling, die Blaupause oder auch die Pflicht, die für den künstlerischen und kommerziellen Durchbruch sorgte, ist „Hinterland„ das Meisterstück, die Kür, verspielt und weitschweifig. Der Sound hat sich weiterentwickelt, ausdifferenziert, verbreitert, die Themen sind ausgewählter und folgen einem nachvollziehbaren roten Faden. Die gesamte Platte ist ein stringentes, in sich schlüssiges Kunstwerk.

Der Opener „Im Ascheregen“ und der nachfolgende Titel-Track „Hinterland“ verbinden die neue musikalische Ausrichtung Caspers Richtung amerikanischen Folk mit Rapeinlagen und erzeugen einen dreckigen Redneck-Flair, der den amerikanischen Wurzeln des Bielefelders Tribut zollt. Doch auch Ska-Einflüße wie auf „Nach der Demo ging es bergab!“ oder dem Soundbild auf „Alles endet, aber nie die Musik„, das Morrissey gut zu Gesicht stünde, finden sich auf dem elf Track starken Album wieder.

Hinzu kommen die etlichen Hommagen an Caspers favorisierten Bands. So finden sich Zitate von Slime, Oasis, Tocotronic oder Turbostaat – wie auch schon bei –„Michael X“ – auf der Platte wieder. Casper liebt die Musik und alles, was mit ihr zu tun hat. Der Musik-Nerd lässt sein gesamtes Fachwissen einfließen und huldigt zugleich seinen Idolen und Helden. Dabei zaubert er eine Symbiose aus vielen verschiedenen Musikrichtungen und lässt sich somit schwer in eine Kategorie zwängen. Sowohl Fans von „XOXO“, als auch misstrauische Rap-Heads, die mit „Jambayala„, endgültig das Maul gestopft bekommen, werden an der Platte ihren Spaß haben. „Hinterland„ ist nicht für eine bestimmte Fraktion gedacht, sondern viel mehr Caspers Liebeserklärung an die Musik.

Auf „Lux Lisbon“ gibt es dann gleich zwei Überraschungen, was die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen angeht. Zum einen liefert Tom Smith von den Editors die Hook zum melancholischen und persönlichsten Track, zum anderen ist für die Produktion des Titels der Berliner Nummer 1 Produzent Steffen Wilmking aka Steddy verantwortlich, der schon bei der Arbeit an „XOXO“ beteiligt war. Und Tom Smith bleibt nicht der einzige Gast auf Caspers dritten Soloalbum. Auch die Karl-Marx-Städter von Kraftklub dürfen auf „Ganz schön okay“ ihre bisher gewonnen Erfahrungen der vergangenen Festivals und des rasanten Aufstiegs vom Jugendclubauftritt zum stadiofüllenden Act vortragen. Die Kombination passt, wie schon auf dem Remix von „Songs für Liam„.

Im Abschlusstrack „Endlich angekommen“ zitiert der ehemalige RBA-Künstler sich dann selbst und schließt nicht nur den Kreis zu seinem Debütalbum „Hin zur Sonne“, sondern reiht sich auch gleich noch in die Reihe der oben angesprochenen Bands ein. Kann man schließlich mal machen.

In seinen Tracks lässt Cas immer wieder seine größte Sorge durchscheinen. Die Sorge vergessen zu werden. Nicht vorhanden zu sein in diesem großen Pool an Musik und talentierten Musikern. Mit „Hinterland“ hat es der Rapper, Musiker, Künstler endgültig geschafft, sich vom broken Nebenjob-Rapper zum Superstar aufzuschwingen – und das ohne den kurzen Weg Sellout oder Majorpuppe.

Somit liefert Casper sein bisher bestes Album und eins der besten Alben der deutschen Rapgeschichte ab. Dass er damit das enge Korsett Rap noch weiter hinter sich lässt und frei von Genredenken agiert, ist nur konsequent und richtig – auch wenn der Rapfan in einem vielleicht auch gerne ein rotziges Tape auf Lex Luger-Beats von Cas gehört hätte. Casper hat eben mehr vor. Cas ist nicht nur endlich angekommen im Olymp der deutschen Musikgeschichte, sondern erhebt Anspruch auf dessen Thron. Beim Zeus!

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