Prezident & Kamikazes – Leiden oder Langeweile [Review]

Leiden oder Langeweile

Wenn man im Rap-Kontext Wuppertal erwähnt, denken die meiste wahrscheinlich nur an Haftbefehls Schwebebahn-Zeile auf „Kobrakopf“ . Das ist schade, denn in einem verrauchten Studio in der 350.000-Einwohner Stadt sitzen die drei wuppertaler Wunderknaben Prezident, Antagonist und Mythos und feilen an düsteren, bedrohlichen Songs für ihre gemeinsame EP „Leiden oder Langeweile“ . Prezident und die Kamikazes sind bereits seit Jahren gemeinsam aktiv, bisher beschränkte sich die Zusammenarbeit aber auf sporadische Feature-Beiträge untereinander, nun gibt das erste gemeinsame Release zum kostenlosen Download.

Leiden oder Langeweile“ ist der Soundtrack zur und gegen die ausgewachsene Winterdepression. Anfangs mutet die EP verspielt an, wohlklingende Samples unterlegen die losen Gedanken der Protagonisten. Mit weiterem Verlauf wandelt sich die Stimmung aber. „Leiden oder Langeweile“ mündet schwermütig, ungemütlich, kalt und antisozial – in der Produktion haben Mythos und Antagonist derart fließende Grenzen eingebaut, dass in diesem Wandel kein direkter Bruch zu bemerken ist. Nichts für die Zufallswiedergabe, nichts für eine schnelle Review im Büro – obwohl das Trio, entgegen ihres sonstigen Schaffens, inhaltlich gar nicht unbedingt tief geht. Gerade Prezident überträgt zwar gerne vom Großen ins Kleine, das gemeinsame Werk überrollt aber mit Konfusen, wirren Songs und losen, assoziativen Strukturen. Das ist aber gar nicht schlecht, im Gegenteil. Eine zitierfähige Zeile jagt die nächste. Nebenbei wird die Rapszene nicht ernst genommen und das eigene Alkoholproblem zelebriert.

Ich schreib nicht für die Juice, also muss ich dich nicht gut finden / bin nicht Visa Vie, also muss ich dir nicht zugrinsen“ (Prezident – „Drei Jahreszeiten“ )

Die mehr oder weniger gesunde Antihaltung kommt keinem der Protagonisten abhanden. Mythos schüttet „Buttersäure in euren Szenebezirk“ und  Antagonist empfiehlt: „Schick ein ‚Raute: Beste Leben‘ aus der Reha“ . Viele Zeilen funktionieren über einzelne Stichworte, die Bilder und Assoziationen wecken. So fällt es zwar schwer, den Songs intuitiv zu folgen, es entsteht aber eine dichte, verworrene Atmosphäre, die den Wuppertalern gut zu Gesicht steht. Insbesondere die zweite Hälfte der EP bringt zum Schneiden dicke Düsterheit mit sich. Ein Highlight stellt dabei „Sturm im Wasserglas“ dar, dessen Beat unweigerlich Unbehagen weckt.

Ihr habt euch schon bei der Suche nach Themen böse verirrt / Ich schütt‘  mit Lukas und Viktor Buttersäure in euren Szenebezirk“ (Mythos – „Leiden oder Langeweile“ )

Leiden oder Langeweile“ funktioniert als gesamtes. Anfangs warm und entspannt, spitzt sich die düstere, kafkaeske Atmosphäre immer weiter zu. Dieser Spannungsbogen verleiht der EP etwas mystisches. Die lose Zusammengewürfelten Texte sind kein konkreter Schwachpunkt, man ist lediglich stärkeres, beziehungsweise stringenter konzipierteres von jedem der Protagonisten gewohnt. Doch die collagenhaften Gedanken haben ohne Frage ihren Charme und funktionieren über sieben Anspielstationen hinweg durchaus. Auf Albumlänge wäre das vermutlich zu anstrengend, so ist aber lediglich der Wechsel zwischen der Beschreibung der Tristesse des eigenen Seins und Schüssen gegen Rapszene und -Industrie ein Wenig irritierend.

Gar nicht nötig, dass du dich selber verwirklichst / Ich lad dich in mein‘ Kopf ein – ist ein bisschen wie auf Kirmes“ (Antagonist – „Sturm im Wasserglas„)

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