Review: Trailerpark – TP4L

Wer einen schwachen Magen oder eine hohe moralische Hemmschwelle hat, für den ist „TP4L“ reines Kryptonit. Von Drogen-Eskapaden über Scat-Spielchen (hat nichts mit Karten zu tun) bis hin zu sexueller Gewalt an Minderjährigen decken Trailerpark die komplette Palette ab. Ob das jetzt geschmacklos oder witzig ist, obliegt dem Auge des Betrachters. Diskussionsstoff bietet es allemal.

Dass das Quartett aus der Wohnwagensiedlung aus raptechnischer Sicht über jeden Zweifel erhaben ist, stellt hingegen keine Frage der Perspektive dar. Wie gewohnt ergänzen die vier Protagonisten einander hervorragend, greifen sogar noch etwas abwechslungsreicher ineinander als auf den Vorgängern. Ob der polytoxikomanische Timi Hendrix mit seinen irrwitzig präzisen Flowpassagen beeindruckt, Basti bedrohlich und einnehmend über den Beat brettert oder Alligatoah eine charismatische Gesangspassage übernimmt; Für Abwechslung und spannende Kontraste dank der unterschiedlichen Charaktere ist stets gesorgt.

Auch musikalisch geht es auf „TP4L“ deutlich vielseitiger und spannender zu als noch auf den „Crackstreet Boys“-Boyband-Alben. Statt einer klaren Einteilung in entweder E-Gitarren-Moshpit-Knochenbrecher oder melodischem Akustik-Unterbau mit Alligatoah-Handschrift ist die musikalische Bandbreite nun deutlich vielseitiger und feiner ausgearbeitet. Klar, sowohl Knochenbrecher als auch Geklimper gibt es immer noch, die sind nun aber deutlich spannender produziert und werden durch Songs wie den Crunk angehauchten Synth-Brecher „Schlechte Angewohnheit“ oder den Ballermann-Hit „Rapetrain“ farbenfroh ergänzt. An Catchy Hooks mangelt es mit Alligatoah im Boot ohnehin nicht, doch auch beispielsweise Suddens Hook für „Arbeitskollegen“ geht hervorragend ins Ohr.

„Arbeitskollegen“ stellt ohnehin ein großes Highlight auf „TP4L“ dar. Die vier thematisieren ihr rein geschäftliches Verhältnis zueinander auf herrlich überspitzte, punchlinelastige Art. Man profitiert beruflich voneinander, aber privat will man mit seinen Kollegen nichts zu tun haben. „Wir sind Arbeitskollegen. Doch was hält mich privat davon ab, Alligatoah vom Fahrrad zu treten?“ heißt es Suddens Verse. Basti klärt auf: „Meine richtigen Jungs steh’n für Hass und Gewalt / und wenn ich mit euch genug verdient hab, lass ich euch fallen“.

„Arbeitskollegen“ ist in sich derart schlüssig und konsequent, wie man es sich von anderen Songs gewünscht hätte, die zwar auch stets mit einem bündigen Leitmotiv daher kommen, so aber lediglich einen roten Faden haben, der als grober Rahmen für die Punchlines hinhält. Mit „Poo Fighter“ etwa, erhält „Poo Tang Clan“ einen Nachfolger, es gibt also wieder ein Fäkalien-Feuerwerk. Die stringente Erzählung bleibt aber aus. Letztendlich geht es auf einem Trailerpark-Album aber auch nicht darum, sondern um den durchaus streitbaren Unterhaltungsfaktor. Die Zeilen auf stumpfe Provokation herunterzubrechen, wäre nach so vielen Jahren, in denen sich konsequent an Minderjährigen vergangen, Substanzen in die Venen gespritzt und mit diversen Körperflüssigkeiten Schindluder getrieben wurde, viel zu einfach.

Das ist halt die Musik, die Trailerpark machen – ob man das mag oder nicht, lässt sich nur durch die eingangs gestellte Frage nach der Art des Humors und der Hemmschwelle beantworten. Was für den einen pubertärer Pipi-Kaka Humor oder eine strafbare Grenzüberschreitung darstellt, ist für den anderen eine geniale Punchline, die geschickt mit der Dehnung gesellschaftlicher Normen spielt. „Ich ficke nur Mädchen, andere Kinder sind tabu! Vielleicht klingt das pädophil, aber immerhin nicht schwul!“ – eine Entscheidungshoheit über den humoristischen Wert solcher Lines hat niemand. Es werden halt nicht nur Normen gedehnt. Der Humor ist zwar zuweilen arg vorhersehbar, die Pointen selbst sind aber stets gut platziert und unterhaltsam inszeniert, aus reiner Rap-Perspektive gibt es in Sachen Vortrag sowieso nichts zu bemängeln.

Das Album schließt mit dem hoffentlich künftig obligatorischen Vortex-Gastspiel, das an Wahnwitz wieder alles in den Schatten stellt und dem kein Versuch einer Beschreibung gerecht werden könnte. Generell ist „TP4L“ trotz des denkbar simplen Grundkonzepts von vier vollkommen unterschiedlichen Protagonisten, die je ihrem Image entsprechend schlimme Dinge sagen, schwierig zu erfassen. Was man aber festhalten kann: Es handelt sich um das mit Abstand beste Trailerpark-Album bisher und verfeinert jede Stärke der Vorgänger weiterhin, kommt aber noch abwechslungsreicher und kreativer daher.

TP4L (Limitierte Box)
  • Trailerpark, TP4L (Limitierte Box)
  • Trailerpark
  • Audio CD

Trailerpark – Endlich normale Leute (prod. Tai Jason) [Video]

Nach dem Moshpit sind alle gleich

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here