Frauenarzt & Taktlo$$ – Gott (Review)

„Whack MC Mörder Nummer eins / Zum töten benutz‘ ich Punchlines“ – was ist an diesen ersten Worten von „Gott“ so großartig? Vollkommen egal, es ist großartig! Nach einem schwer zu greifenden „Wie prophezeit“ als Real Geizt, verschiedenen Abschiedsgesängen nach über 15 Releases in den letzten 20 Jahren scheint Taktlo$$ mit Unterstützung von Frauenarzt nicht nur von seinem Rücktritt zurückzutreten, sondern zum ersten Mal einer breiteren Masse vorgestellt zu werden.

Für ihn kein Grund sich anzupassen: Auf „Gott“ erleben wir Takti den Blonden wieder in der Form, wie wir ihn kennen und lieben. Und wie auf kompletter Spieldauer stellt er gleich zu Beginn klar, wer hier der Whack MC-Mörder Nr. 1 ist.

Den ewigen Kritikern und HipHop-Puristen wird auch hier natürlich das übliche Material geliefert, das sie ausgezeichnet auseinander nehmen können. Taktlo$$’ Rappername ist Programm, die Reime – die zu 99% noch nicht einmal vorhanden sind – lassen sich einem die Nackenhaare aufstellen und inhaltlich wird auf jeden geschossen/geschissen, der ihm in die Quere kommt. Inkl. dem weiblichen Teil ihres Stammbaums und Freundeskreis.

Um all das als essentielle Teile des Gesamtkunstwerks Taktlo$$ anzusehen und es zu lieben, muss man wohl Deutschrap-Fan und Anfang 30 sein oder Entertainment lieben, das sich irgendwo zwischen sprachlicher Raffinesse und unübertrefflichem, purem Schwachsinn bewegt.

Aber wo Taktlo$$ sich scheinbar voll und ganz auf den Wahnsinn in seinen Texten konzentrieren kann, hält es Frauenarzt gewohnt simpel, aber dafür nicht weniger explizit und drückt dem Album gerade beim Sound seinen Stempel auf. Der traditionelle Bassboxxx-Sound bekommt durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Team Hell Yes, bestehend aus Aggro-Specter und Dumme Jungs, ein Update und wird ins 21. Jahrhundert gebracht ohne die Nostalgie zu verlieren.

Aus den dreckigen und ungehobelten Synthies wurden clubtauglichere – Richtung EDM-Trap – aber die einstige Härte und Energie ist geblieben. Das Salz in der Suppe: Dass Frauenarzt ein Fan vom neuen musikalischen Ansatz rund um Based030 und Konsorten ist, dürfte kein Geheimnis mehr sein und auf „Gott“ auch stellenweise herauszuhören. Es ist wohl so etwas wie das Bindeglied von Synthesizer und dem Taktlo$$‘schen Wahnsinn.

Interessant hier ist, dass gerade Taktlo$$ mit seinem unüblichen Rap-Stils und Lyrics, die einen zum Hinhören zwingen (auch wenn in seinen Zeilen weniger doppelten Boden als sonst steckt), in Kombination mit diesem lauten Instrumentals für einen nicht zu viel, sondern fast schon zugänglicher wird. Insgesamt geht Frauenarzt neben Taktlo$$ etwas unter, gerade weil Taktlo$$ und seine einnehmende Art meistens den ersten Part hat.

Eröffnet Frauenarzt mit seinen zweifelsohne expliziten und rücksichtslosen Parts den Track, macht es den Einstieg für den Hörer ein wenig angenehmer und es kommt dem Spannungsboden zugute. Gerade auf Frauenarzts Solo-Comeback „Mutterficker“, auf dem niemand anderes als er persönlich die Oberhand hatte, hatte er Hymnen kreiert, deren Text und Sound sich bestens ergänzten.

Ein kleines bisschen mehr von allem hätte zwar nicht geschadet, gerade weil fast alle Tracks nur aus zwei Parts bestehen, die aber durch Bridges meisten aufgefangen werden, wirklich zu meckern gibt es an den Raps allerdings nichts. Es ist lediglich eine Frage des Geschmacks, ob sie hier und da über das Ziel hinausgeschossen sind oder es doch noch unter den Mantel des rigorosen Entertainments fällt.

Die neun Features kommen allesamt aus Berlin und sind abgesehen von Burak und in gewissen Teilen Marteria alte Weggefährten. Während das erste von zwei Berliner Klassentreffen „Kein Geheimnis“ mit Sido & Marteria & Prinz Pi harmlos vor sich hin plätschert und nur eine kleine Abwechslung ist, ist das zweite, „Vorhang auf 3“ mit MC Bogy, Corus86 und Justus etwas für Nostalgiker und hoffentlich der Türöffner für „Horror-Trap“ in Deutschland. Die übrigen drei Features sind für die Hooks auf den jeweiligen Tracks verantwortlich, wobei Twitter-Grinder Burak unter dem Einsatz von Autotune einen echten Ohrwurm erschaffen hat.

Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, aber Frauenarzt und Taktlo$$ sind sich treu geblieben. „Gott“ ist genau das, was man sich von einem Album der beiden Rapper erhofft. Frauenarzt kitzelt aus einem Taktlo$$ die etwas zugänglichere Seite heraus. Taktlo$$ wiederum lässt Frauenarzt einfach Frauenarzt sein. Ein Album mit genialen Beats; hart, mit viel Bass, sowohl nostalgisch als auch up-to-date und auf ihre eigene Art harmonisch.

Und auch wenn es geschrieben nur halb so lustig ist, hier noch ein paar einfach göttliche Taktlo$$-Lines:

„Ich hab News für dich: Du bist ein Hurensohn / Nein stimmt nicht, entschuldige, das ist gar keine Neuigkeit“

„Ich mach’ dich mit dem Gegenteil von dem was ich meine nicht gesagt zu haben fertig […]“

„Summa cum laude im Töten, ihr Opfer!“

„Das Leben, ein Theaterstück und du spielst die Opferrolle […]“

„Ich mag das Geräusch, wenn einer deiner Knochen bricht / Knack, huh – ein Gedicht – Bertolt Brecht gibt mir Recht!“

„Du Drogenopfer bist hängengeblieben auf einem Film. In diesem Film grinst ein Rattenkopf aus deinem Arsch und du freust dich auch, denn es ist ja schließlich dein Film […]“

Gott (Ltd.Deluxe Box)
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  • Fick Die Biaaatch Rekordz & Proletik (Universal Music)
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