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Deutschrap-Diskussion: Offener Brief von Dennis Sand an Falk Schacht (Gastkommentar)

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Die durch den Artikel „Deutschrap, du hast ein ernsthaftes Problem“ von Dennis Sand in der „Welt“ angestoßene Diskussion geht weiter. Gestern verfasste Falk Schacht einen ausführlichen Beitrag, in dem er seine Sicht darlegte. Die „Welt“ hat nachvollziehbarerweise kein großes Interesse an der weiterführenden Diskussion – wir aber. Deshalb veröffentlichen wir heute einen Gastkommentar von Dennis, in dem dieser auf Falks Beitrag in Form eines offenen Briefs antwortet. Auf weitere Diskussionsbeiträge sind wir gespannt. 

Mein liebster Falk Schacht,

Mensch, da hast Du mir jetzt einen so schönen und einen so langen Antwortbrief auf meinen Artikel in der Welt geschrieben, dass man fast meinen könnte, Du hättest Dich ernsthaft mit meinem Text und meiner Kritik an deutschen HipHop-Medien auseinandergesetzt. Vielleicht hast Du das ja sogar. Umso schöner dann, dass Du trotzdem ganz bewusst an mir vorbeigeschrieben hast. Provokation nennt man das, meintest Du. Klappt ganz gut.

Wenn ich meinen eigenen Artikel nicht kennen würde, würde ich Dir vielleicht sogar in ein paar Punkten zustimmen. Nur kenne ich den eben ganz gut und all deine Punkte, all das was Du gegen mich ins Feld führst, läuft vollkommen ins Leere. Aber das ist okay. Polemik ist okay. Polemik fördert Diskussionen. Die müssen dann nur noch fair geführt werden. Probieren wir es mal. Absolut fair. Realtalk und so.

Fangen wir mit den Fakten an. Die magst Du ja so gerne, entnehme ich deinem Brief.

Du schreibst:
In einer alarmistischen Art und Weise konstruierst du ein Bild von Deutschrap, als würden solche Hausbesuche 365 Tage im Jahr stattfinden. Es gab 2015 ganz genau einen Hausbesuch.

Fakt ist:
Es gab in den letzten Jahren, auch 2015, eine Vielzahl von Hausbesuchen. Toony hat Fler besucht. Toony hat Seppo besucht. Toony hat irgendwelche Internethater besucht und ihnen vor der Kamera gedroht ihnen den Wirsing wegzuklatschen. Kollegah und Farid haben auch Fler besucht. Kollegah und Farid haben Laas besucht (nicht zu Hause, aber für Laas ist home ja auch dort, wo die Stage ist), Toni der Assi hat Spongebozz besucht, Toony wiederum hat auch JuliensBlog besucht, Fler hat Frederic Schwilden besucht und wie viele Frankfurter (unter ihnen auch zwei Rapper), standen da neulich vor den Türen eines KC Rebell-Konzertes, so dass ein PA Sports nicht auftreten konnte? Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Und dass ein Manuel Charr 2015 bei einer solchen „Ich-besuche-dich-in-deiner-Stadt“-Nummer angeschossen wurde, lasse ich mal außen vor, weil er ja kein Rapper ist, auch wenn er sich in den selben Kreisen aufhält.

Du schreibst:
Wir haben in den vergangenen Wochen epische Battle-Songs gehört.

Und führst dann folgende Beispiele an:
Kollegah gegen Spongebozz (da gab es keinen Song, da gab es nur eine Line)
Bushido versus Kai Diekmann (stimmt Falk, war echt n episches Battle)
Toony gegen Schwesta Ewa (Dein Ernst?)
Gio versus LionT (Dein Ernst???)
Jasko gegen SadiQ (??????)
Und ja, die zwei in der Tat großartigen Tracks, die beim Kay One versus Bushido-Battle rausgekommen sind. Über die beiden habe ich jeweils ein Stück geschrieben. In der WeLT. Aber das hattest Du bestimmt recherchiert, als Du mir mangelnde Recherche vorgeworfen hast, oder?

Du schreibst:
Wie viele der Stadtverbote wurden 2015 umgesetzt? Nicht ein einziges.
In Zahlen: 0.

Fakt ist: NATÜRLICH WURDEN DIE NICHT UMGESETZT, FALK! Wie denn auch? Nichtsdestotrotz ist das einfach Bullshit, den man auch Bullshit nennen muss!

Du schreibst:
An der Stelle, wo du es so darstellst, als ob Haftbefehl mit dem Song „CopKKKilla“ künstlerisch eine Antwort auf Böhmermanns „Ich hab Polizei“ gegeben hätte: Ich habe bis jetzt vier unabhängige Quellen die mir das Gegenteil bestätigt haben.

Fakt ist:
Die Möglichkeit, dass die beiden sich im Vorfeld abgesprochen haben könnten (gegenseitige Promo und so) wischt du mit dem Verweis auf deine Quellen weg. Deine Quellen sind Haftbefehl. Und Fler. Wow, Falk. Großartige Argumentationslinie. Tolle Investigativrecherche, echt. Fler ist sich „ganz sicher“. Sorry, da müsste ich überzeugt sein. Und klar, Haftbefehl würde dir gaaanz bestimmt verraten, dass es geheime Absprachen gibt. Du bist doch Falk Schacht und wenn Falk Schacht fragt, ich meine, wenn Falk Schacht RECHERCHIERT, dann…ja, aber dann…

Du schreibst dann weiter, dass ich zu jung war um die ersten HipHop-Jams miterlebt zu haben. Du hast Recht. Ich bin wesentlich jünger als Du. Dafür möchte ich mich hier auch noch einmal bei Dir entschuldigen. Mea Culpa. Du bist bestimmt auch der Ansicht, dass wir uns keine Meinung über den Zweiten Weltkrieg bilden dürfen, weil die Meisten von uns diesen Krieg nicht miterlebt haben. Lass uns auch nicht mehr über die Romantik, den Klassizismus oder die Aufklärung sprechen. Zu weit weg. Sollten wir uns keine Meinung drüber bilden. Mal im Ernst: Wo ist hier der Diss? Willst Du mir ernsthaft erzählen, dass ich mich nicht mit der HipHop-Geschichte auskenne, weil ich aufgrund meines Alter nicht jede Station der HipHop-Geschichte persönlich miterlebt habe?

Und dann kommt der Höhepunkt. Du schreibst…Mann, Falk, Du schreibst echt, ganz ernsthaft ohne ironieblinzelnden Smiley oder so den folgenden Vergleich: „Du musst bei der Mafia und mit der Mafia leben. Du musst ihre Historie kennen und auch selber Mafia sein um zu verstehen, was die Mafia ist. Sonst bist du nur jemand, der eine oberflächliche Sicht von außen hat.“ Damit willst Du mir sagen, dass ich nicht über HipHop urteilen darf, weil ich nicht selber HipHop bin.

Wann bin ich Deiner Meinung nach denn HipHop, Falk? Wenn ich einen Text in der JUICE veröffentlicht habe? (Habe ich. s/o an die JUICE) Wenn ich Jam-Sessions in den1990ern miterlebt habe? (Habe ich nicht). Willst Du meine CD-Sammlung begutachten? Im Ernst, Falk: Wie kann ich für Dich „HipHop“ werden? Erkläre es mir!

Witzig: Deine komische Wagenburg-Mentalität würde dem Großteil der Leute, die deinen Beitrag unreflektiert beklatschen und kommentieren selbst ebenfalls die HipHop-Credibilty absprechen. Aber ja, Hauptsache dagegen halten, Falk, nachgedacht wird später.

Fakt ist: Du hast Journalismus nicht verstanden!

Journalismus macht sich niemals mit einer Sache gemein. Im Gegenteil. Journalismus bedeutet, sich kritisch mit einem Phänomen auseinanderzusetzen und ja, es gibt jede Menge Journalisten da draußen, die das nicht ordentlich tun, besonders dann nicht, wenn es um HipHop geht. Aber Du, lieber Falk, Du bist kein Journalist, auch wenn Du gerne so tust, als wärst du es. Du bist ein HipHop-Lobbyist. Du hast deinen Abstand verloren. Und jetzt tust Du so, als wäre dieser Abstand ein K.O.-Kriterium um einen Text über etwas schreiben zu dürfen. DEIN Journalismus-Verständnis ist fragwürdig.

Aber ich gebe Dir Recht: Man soll nicht falsch über Dinge schreiben, von denen man keine Ahnung hat. Zeig mir einen, auch nur einen faktischen Fehler, den ich in meinem Text gemacht habe. Einen, Falk!

Du schreibst:
Verstehe ich dich richtig? DU als Mainstream-Medienvertreter kannst es Rappern nicht vorwerfen, die Gelegenheit (Gewalt zu propagieren) zu nutzen, aber verlangst, dass WIR als HipHop-Medienvertreter das müssen?

Nein Falk, das verstehst Du tatsächlich falsch. Ich sage, dass ein Fler drohen kann, wem er will. Ich sage, dass ein Toony vor jeder Tür stehen kann, vor der er stehen will. Aber als Journalisten haben wir – sorry, echt, ich will nicht pathetisch klingen – die verdammte Pflicht zu sagen: Stopp. Das geht zu weit. Journalismus kann eben nicht sein, das Ganze einfach hinzunehmen und Fler unhinterfragt erzählen zu lassen, dass er jemanden zusammenschlagen will. So wie Du es getan hast.

Journalismus kann es nicht sein, Massiv Theorien verbreiten zu lassen, die implizieren, dass es eine jüdische Beteiligung an 9/11 gab und anschließend unkritisch seine Alben zu promoten. Journalismus kann es nicht sein, wenn Massiv ein Bild postet das behauptet, der IS werde in Wahrheit von den USA und Israel gesteuert und anschließend unkritisch seine Alben und seine Videos zu promoten. Journalismus kann nicht sein, vollkommen unreflektiert ein Video zu verbreiten, in dem ein Al-Gear vollgepinkelte Gummibärchen an seinen verfeindeten Ex-Kollegen verfüttert.

Versteh mich nicht falsch. Man kann es lustig finden, wenn Al-Gear vollgepinkelte Gummibären an seinen verfeindeten Ex-Kollegen verfüttert und verdammt ja, auch ich fand das witzig. Dennoch gibt es eine moralische Grenze, die es mir verbietet, dass ich einen solchen Vorgang unkommentiert an ein breites, meist sehr junges Publikum weitergebe und ihnen damit impliziere: Cool sowas. Ja, verdammt, Journalismus hat Verantwortung. Und scheiß mal drauf ob das Journalismus von der WeLT, von rap.de oder von hiphop.de ist. Journalismus heißt: Positioniere Dich. Journalismus heißt: Nick nicht alles ab, was man Dir erzählt. Journalismus heißt: Sag was scheiße läuft, wenn was scheiße läuft. Oder klingt. Das ist der Punkt. Und dafür, dass ein Staiger sich damals für mehr Kritik stark gemacht hat und dafür sinnbildlich die Wange hingehalten hat, dafür sollte man ihm die Füße küssen. Nur: Was ist daraus bitteschön heute geworden?

Fakt ist, mein liebster Falk, Du schreibst sehr viel, und es puncht auch ganz ordentlich, aber das meiste davon hat weder Hand noch Fuß. Du schreibst es einfach nur der Schreibens Willen. Hauptsache gegenhalten, wenn die böse Mainstreampresse „deine“ Szene angreift.

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Hauptproblem.
Du unterstellst mir mit deinem verqueren Text, dass ich so tun würde, als wäre Deutschrap kaputt. Das sage ich aber gar nicht. Im Gegenteil, Deutschrap geht es in all seiner Vielfalt so gut wie nie zuvor. Das habe ich in fast allen Texten, in denen ich über HipHop schreibe schon gesagt, und das hast Du bei deinen Recherchen sicher auch gelesen. Was ich aber sage ist: Deutscher HipHop-Journalismus ist kaputt. Darum geht es mir.

Und damit ist schon einmal die gesamte erste Hälfte deines Textes vollkommen obsolet. Denn ja, natürlich gab es auch in den 1990ern Gewalt. Und ja, natürlich gab es auch in den 00er Jahren „Rapper-Kriege“, wie sie auch die Fachmedien, nicht bloß der Boulevard nannten. Aber erst heute werden diese Auseinandersetzungen bewusst kalkuliert eingesetzt um nicht bloß ins Gespräch oder auf das Cover der HipHop-Bravo zu kommen, sondern damit auch möglichst viele Platten zu verkaufen.

Denn: das schreibe ich ja, geht es heute besonders im Gangster-Rap nicht mehr primär um das eigentliche Produkt, die CD, sondern vielmehr um das Paket, das drumherum geschnürt wird. Man kauft eigentlich nur noch eine Marke und diese Marke definiert sich eben über das Image, das der Künstler vermitteln will. Gerade heute ist das oft: Authentizität. Und authentisch ist, wer an Türen klopft und wer markige Sprüche wie „Worte haben Konsequenzen“ herausprollt. Und dass sich kein Medium dagegen stellt, sondern im Gegenteil, dem Ganzen noch eine Plattform bietet, DAS Falk, DAS ist das verdammte Problem.

Und ja, das unterscheidet die digitalisierte Gegenwart von den 1990er Jahren, wo es eben nur die JUICE gab und die JUICE sagte, wer nicht richtig tickt, der kommt nicht ins Blatt. Und wer nicht im Blatt war, der war nicht existent. Es gab keine alternativen Vermarktungsformen für Künstler, wie es sie heute gibt. Heute gibt es das Internet und jeder D-Klasse-Rapper kann sich selber eine Plattform schaffen. Umso wichtiger wird, dass Rapmedien klare Kante zeigen. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, dass sie das genügend tun. Das tun sie nämlich nicht.

Darüber sollten wir reden. Das ist das Thema! Und verdammt, es ist ein wichtiges Thema! Let’s talk about rap? Gerne!

Und den Rest, mein liebster Falk, klären wir bei mir oder bei Dir, ohne Quarzsandhandschuhe mit Bier und den Schaum, den wischen wir uns auch vom Mund.

Peace:
Dennis

PS: s/o an Reyhan Sahin aka Lady Bitch Ray, die bei Falk in den Kommentaren rumhated. Wie läuft die Karriere, Maus?

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