Zwölf Beispiele dafür, dass politischer Rap auf Deutsch funktionieren kann

Nachdem unser Autor Yannick Stracke bereits kürzlich einen Kommentar über die Verbreitung von Verschwörungstheorien in der deutschen Rapszene geschrieben hatte, weist er nun in diesem Kommentar darauf hin, dass politischer Rap durchaus ein ernsthafter Bestandteil der Deutschrap-Szene war und ist, und zählt zwölf Beispiele für gelungene politische Songs aus dem Deutschrap-Kosmos auf.

In den 90er Jahren, als nach der Wiedervereinigung vor allem in Ostdeutschland Rassismus wieder salonfähig wurde und Flüchtlingsheime brannten, gab es Gruppen wie die Absoluten Beginner, Advanced Chemistry oder Anarchist Academy, die sich dieser Entwicklung entgegen stellten.
Durch „Fremd im eigenen Land“ wurde politischer Deutschrap zum ersten Mal auch medial so wahrgenommen, dass eine breitere Öffentlichkeit erreicht wurde. In dem Song wurden bereits leider bis heute aktuelle Themen wie Racial Profiling durch die Polizei aufgegriffen.

Die Polizei war natürlich auch damals schon für viele Rapper ein Feindbild, allerdings ging es damals nicht um „Zinker-Aktionen“, sondern um Polizeigewalt und institutionellen Rassismus. Die Absoluten Beginner provozierten mit der Aussage: „Wir wollen keine Bullenschweine“ – entlehnt bei den Deutschpunk-Urgesteinen Slime.

Einen etwas versöhnlicheren Ansatz wählte dagegen Boulevard Bou mit der Forderung: „Brüder und Schwestern, geht zur Polizei!“ – mit diesem Lied ist er damals sogar in der Polizeischule aufgetreten. Dass es bei den anwesenden PolizistInnen nicht so gut ankam, versteht sich von selbst. Allerdings entstand durch diese Aktion tatsächlich ein Dialog zwischen den Künstlern und den Kritisierten, zumal auch die These, dass die Polizei nur deshalb auf dem rechten Auge blind sei, weil zu wenig Ausländer bei der Polizei arbeiten, über das sonst übliche „ACAB“ hinausgeht.

An Tagen wie diesen“ von Fettes Brot wird vermutlich von vielen nicht als Beispiel für ernstzunehmenden politischen Rap angesehen, doch es hat mich nachhaltig geprägt, da es einer der ersten Songs war, die in mir ein politisches Bewusstsein erzeugt haben. Das mag an meinem jungen Alter gelegen haben, doch zumindest gelang es den Broten, einen emotionalen Zugang zu Problemen wie Hunger und Armut herzustellen, von denen die meisten hierzulande nicht betroffen sind. Dass man angesichts der vielen Schreckensmeldungen in der Tagesschau irgendwann abstumpft, wird sicher jeder schon bei sich selbst festgestellt haben. Grund genug, dass ein Lied, mit dem versucht wurde, dem entgegenzuwirken, hier Erwähnung findet.

Es ist natürlich vergleichsweise einfach, Lieder gegen den Krieg zu schreiben. Schließlich findet das wohl jeder scheiße. Was allerdings nicht so leicht ist: Das Grauen des Krieges so eindrucksvoll zu beschreiben, wie es Prinz Pi mit „Drei Kreuze für Deutschland“ getan hat. Auch wenn er in meinem ersten Kommentar noch als Negativbeispiel diente, muss man ihm lassen, dass er einer der intelligentesten und talentiertesten Rapper des Landes ist.

Zumindest letzteres kann man auch von Olli Banjo behaupten. Bevor er sich der Reproduktion von Verschwörungstheorien widmete, thematisierte er die Verbreitung von rechtsextremen und ausländerfeindlichen Einstellungen in Deutschland.

Heute schwer zu glauben, dass selbst Xavier Naidoo damals seine Stimme klar und eindeutig gegen rechts erhob. Mit den Brothers Keepers um Torch, Afrob und Samy Deluxe schrieb er damals „Adriano“, das dem von Neonazis ermordeten Alberto Adriano gewidmet war. Umso trauriger, dass Naidoo heutzutage kein Problem damit hat, bei einer Versammlung von Reichsbürgern aufzutreten und selbst auf die NPD zugehen würde, wie er selber gesagt hat. Wenn man bedenkt, dass diese Partei Gewalttätern eine Plattform bietet, die für ähnliche Verbrechen wie das auf Alberto Adriano verantwortlich sind, sollte eigentlich klar sein, dass es keinen Dialog mit der NPD geben kann.

Einer der meistbeachteten gesellschaftskritischen Rapsongs kam jedoch von Samy Deluxe: Auch „Weck mich auf“ zählte zu den ersten Songs mit politischem Inhalt, die ich damals gehört habe, wenn auch ein paar Jahre nach Erscheinen der EP. Damals hat Samy noch genau die Dinge kritisiert, die er später auf „Dis wo ich herkomm“ schöngeredet hat: Die rassistischen Zustände und den wieder aufkeimenden Nationalismus in diesem Land. Auf seinem neuen Album „Berühmte letzte Worte“ ist er allerdings wieder weitaus kritischer.

Dieser Nationalismus, der wie bereits erwähnt Anfang der 90er Jahre ein Comeback erlebte, ist auch aktuell weiter auf dem Vormarsch, wie die Ergebnisse der AfD bei den Landtagswahlen zeigen. Rechtspopulisten bedienen dabei oft Ängste derer, die Wert darauf legen, dass sie keine Nazis, sondern „besorgte Bürger“ seien. Mit der „German Angst“ beschäftigte sich Juse Ju im gleichnamigen Song.

Audio88 & Yassin lieferten mit „Schellen“ die beste Antwort auf den gesellschaftlichen Rechtsruck: „Erinner sie an ihre Worte – manchmal helfen Schellen“. In dem Song werden neben rassistischen Vorurteilen auch sexistische und homophobe Ansichten karikiert. Besonders das häufig zu Beginn von Hasskommentaren verwendete „Ich bin kein Nazi, aber…“ wird hier als das entlarvt, was es ist: Ein Satz, „den man grundsätzlich nur beginnt, wenn man was Dummes sagt“.

Tarek entkräftet die Argumente der Flüchtlingsgegner mit einem Satz, genauer gesagt einer Frage: „Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen mit dem großen Traum, im Park mit Drogen zu dealen?“ – die Erkenntnis, dass Flüchtlinge hierzulande eben nicht wie die Made im Speck leben, sondern oftmals keine andere Möglichkeit haben, als mit Drogenhandel ihr Geld zu verdienen, da sie keine Arbeitserlaubnis haben, wurde selten so kompakt und einleuchtend in eine Zeile gepackt. Schon „Biergarten Eden“ war eine Kritik am Party-Patriotismus, wurde aber von manchen tatsächlich als ernstgemeinter WM-Song missverstanden. „Abteilungsleiter der Liebe“ rechnete bereits mit dem kapitalistischen Lebenstraum ab, erhielt aber nicht dieselbe Resonanz wie das neue Album „Hurra die Welt geht unter“, mit dem die Kannibalen in Zivil die Spitze der deutschen Albumcharts erklommen. Der Vorwurf, dass K.I.Z. nur deshalb politischen Rap machen würden, weil das gerade in wäre, entbehrt somit jeglicher Grundlage.

Was die Antilopen Gang auszeichnet, ist, dass sie auch Verschwörungstheoretikern wie Ken Jebsen die Maske des vermeintlich kritischen Aufklärers vom Gesicht reißen. Diese sind mindestens ebenso gefährlich wie die rechten Hetzer um Holger Apfel oder Jürgen Elsässer, die ebenfalls in „Beate Zschäpe hört U2“ erwähnt werden. Jebsen z.B. hatte in einem Brief an Henryk M. Broder behauptet, er wisse, „wer den Holocaust als PR erfunden hat“. Unter anderem diese Äußerung wird womöglich Anlass dafür gegeben haben, dass das zuständige Gericht entschieden hat, seine Klage gegen die Antilopen Gang fallen zu lassen. Insofern hat die Gang nicht nur genau den richtigen Song zur richtigen Zeit veröffentlicht, sondern durch den Prozess auch kostenlose Promo erhalten.

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