Vom Ex-Junkie zum Raphead: Warum $ick-Interviews einzigartig sind

Er war ein professioneller Einbrecher, Drogendealer und Junkie. Insgesamt sieben Jahre verbrachte er in Haft. Erstklassige Story für ein Rapalbum, oder? Dies ist aber nicht die Origin-Story eines Xatar oder Haftbefehl, sondern die Geschichte des ehemaligen Kriminellen $ick. Bekannt wurde er durch sein YouTube Format „Shore, Stein, Papier“, in welchem er entwaffnend ehrlich über sein Leben als Heroinabhängiger berichtet.

Es wurde aber schon zu genüge über $ick den Ex-Junkie geschrieben. Sein Werdegang war das Thema vieler Artikel und falls jemand seine Geschichte nicht kennt, dann kann er jetzt noch fix seine Videoreihe gucken. Dauert höchstens zwei Tage. Nein, heute geht es mir um ein anderes Thema, nämlich um $ick den Moderator. Seit einiger Zeit ist der YouTube Star nämlich bei den Kollegen von 16Bars.TV als, mehr oder weniger, festes Mitglied eingespannt. Und das ist verdammt gut so! Denn die Art der Moderation von $ick ist herausragend. Es ist für kaum einen anderen Interviewer möglich, vergleichbare Videos zu produzieren.

Welchen Bezug hat $ick eigentlich zu Rap?

Da gibt es gleich mehrere Verbindungen: Zum einen war der ehemalige Dealer schon seit frühen Jugendtagen Fan amerikanischer HipHop Artists. Nach und nach entwickelte er auch eine Faszination für deutschen Sprachgesang. Nach eigener Aussage war Rap die Musikrichtung, die am meisten die Themen seines kriminellen Lebens ansprach. Zum anderen rappte er kurzzeitig selbst unter seinem eigenen Label Sickboy Entertainment. Seine damaligen Rapkünste bezeichnet er heute aber als eher schlecht.

Weshalb ist $ick so ein spezieller Moderator?

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist $ick kein professioneller Journalist. Er ist zwar, genau wie die anderen, Rap-Fan, aber kein ausgebildeter Interviewer oder Schreiberling. Diese Tatsache merkt man in seinen Formaten – und genau das ist eben so erfrischend! Wenn Künstler zu Besuch kommen, kennt er meist die wichtigsten Lieder oder ein paar herausragende Alben. Jedoch versucht er nicht sein Wissen oder Unwissen zu überspielen, sondern spricht frei heraus, wie groß sein Wissensstand über den Rapper ist. Er ist immer offen für neue Informationen. So treffen sich meist $ick und ein Musiker, die beide nur die groben Fakten über den jeweils anderen kennen. Es entsteht ein Gespräch auf Augenhöhe.

Das Format: Nenn‘ es nicht Interview

Eigentlich ist es grundsätzlich falsch, die Videos von $ick als Interviews zu bezeichnen. Er sitzt schließlich nicht mit einem Stapel Notizen auf einer Couch und stellt halbinteressiert Fragen. Im Gegenteil: Es ist immer ein Gespräch, in Kombination mit irgendeiner Tätigkeit, wie zum Beispiel dem Kochen. Hinzu kommt nämlich, dass $ick obendrein noch ein recht großer Virtuose in der Küche ist.

So entsteht eine lockere Atmosphäre. Alle Parteien haben zu tun und quatschen einfach nebenbei über Themen die sie interessieren und auch betreffen. Womit man zum eigentlich entscheidenden Punkt kommt.

Der Inhalt: $ick und seine Erfahrung als Betroffener

Da die Videos von $ick auf einem Rap-Kanal stattfinden, geht es natürlich viel um die Musik. Aber eben nicht nur. In erster Linie ist $ick eher ein Aufklärer für Drogen als ein Journalist. Außerdem kennt er das Gangsterleben tatsächlich besser als die meisten seiner Gäste. Und so treffen in seinen Formaten meist zwei Extreme aufeinander: Diejenigen, welche in ihren Texten übers Stoffticken und Koks ziehen reden; und derjenige der über zwanzig Jahre Koks gezogen hat und Cannabis in Kilomengen verkauft hat. Diese einmalige Gesprächskultur ist in anderen Interviewformaten eben nicht zu erreichen. Die Musik der besuchenden Künstler ist eher nettes Beiwerk. Viel mehr tauschen sich beide über ihre jeweiligen Erfahrungen aus.

Zum Beispiel beim Besuch von Disarstar: Die Musik des Künstlers rückt in den Hintergrund, da beide eine bewegte Vergangenheit mit Drogen haben. Ganz nebenbei läuft sein neues Album, während die Betroffenen über den physischen und psychischen Einfluss von Kokain sprechen. Oder Olexesh, der wenig über $ick weiß, aber interessiert nachfragt. In dieser Folge ging es dann u.a. über den Anteil der Deutschrussen unter den Abhängigen. Solche Wendungen im Gespräch sind nicht geplant, sondern scheinen sich natürlich zu entwickeln, abhängig vom jeweiligen Besucher. So verkörpert $ick eben das Image, welches viele seiner Gäste verkörpern wollen und klärt gleichzeitig auf.

Das alles macht $ick natürlich nicht besser oder schlechter als andere Moderatoren. Auch ein MC Bogy ist meist eher mittelmäßig informiert und sorgt so auch für Unterhaltung (Übrigens eine sehr witzige Folge, als $ick und Bogy aufeinander treffen und beide keine Ahnung haben, wer der andere ist). Nicht besser, aber eben anders. Aufgrund seiner Vergangenheit hat $ick einen Wissensvorsprung gegenüber anderen in der Branche. Das sorgt für eine bis dato unbekannte Art von Rap-Formaten, von denen ich mir noch viel mehr wünsche. Also 16Bars – Merks mal!

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