Azad

Wir treffen Azad in einem Fitnesscenter in der berühmt-berüchtigten Frankfurter Nordweststadt, von den Einwohnern nur liebevoll Nordi genannt. Eigentlich ist eine kleine Stadtrundfahrt mit Führung vom Bozz vorgesehen, aber da wir die Strecke nach FFM ein wenig unterschätzt haben und das Gewichtestemmen dann doch recht extended gestaltet wurde, musste die Städtetour abgesagt werden. Halb so schlimm, denn zwischen Eisen und Stahl und 130 Kilo schweren Schwerathleten ergab sich ein sehr ausführliches und aufschlussreiches Gespräch. Unterbrochen nur von ein paar Übungen für Brust und Arme. Alles für die Laydays. If you know whutcham talking about?

 
rap.de: Ich fühle mich schlecht, wenn ich dich so sehe. Gehst du oft trainieren?

Azad: Ja schon, im Schnitt dreimal.

rap.de: Medikamente, Spritzen, sonst irgendwas?

Azad: Alles Mögliche! Nein, quatsch. Aminosäuren, Kreatin, aber jetzt auch nicht mehr, und Eiweiß. Jede Menge Eiweiß.

rap.de: Schläfst du auch viel?

Azad: Es könnte mehr sein. Man sollte sehr viel schlafen, aber auch guten Schlaf haben. Also nicht um vier Uhr morgens schlafen gehen und dann bis vier Uhr nachmittags pennen, sondern geregelt. Sprich so von elf bis acht, aber das kriege ich meistens nicht hin.

rap.de: Das widerspricht ja auch diesem Künstler-Lifestyle.

Azad: So krass ist das bei mir nicht mehr. Früher war ich schon mehr der Nachmittags-Aufsteher, aber seitdem ich nicht mehr kiffe und clean bin, geht das eigentlich alles ganz gut.

rap.de: Warum hast du aufgehört zu kiffen?

Azad: Das kam ganz zufällig. Eigentlich wollte ich schon viele Jahre früher aufhören, aber hatte Angst, dass ich nicht mehr kreativ sein kann, wenn ich nicht mehr rauche. Wenn du im Major-Business drin bist und professionelle Musik machst, kannst du dir auch nicht die Auszeit nehmen, um das auszuprobieren. Ich dachte, ich kann weder scratchen, noch einen Beat machen, noch Texte schreiben, wenn ich nicht irgendwie platt bin. Dann hatte ich eine Weile nicht mehr geraucht, habe mich aus Gaudi hingesetzt und einen Beat gebastelt. Der war dann Bombe und da habe ich gesehen, dass es gehen könnte.

rap.de: Wann hast du denn mit dem Musik machen angefangen?

Azad: Das Beats bauen kam ein bisschen später, weil es damals ein bisschen schwierig war, sich diese ganzen Gerätschaften zu leisten. Wenn ich mich nicht irre, habe ich mir die MPC `99 geholt.
Breakdance habe ich schon mit 10 gemacht, aber das war mehr so irgendwas Dahingezappeltes. "Breakdance“ würde ich das also jetzt nicht unbedingt nennen. Das war so das Erste, was ich gemacht habe. Dann eben eine Weile gemalt und das mit dem Scratchen habe ich erst so mit 16, 17 gemacht, weil das alles mit Technik eben auch ein bisschen teuer war.

 

rap.de: Und wie lange hast du für diesen Körper gebraucht?

Azad: Ich habe zwei Jahre dafür trainiert.

 

rap.de: Wenn unsere User so aussehen wollen wie du, was müssen sie tun?

Azad: Das wirkt jetzt so, als hätte ich den Überbody. Das ist jetzt zwar sehr nett, aber…

rap.de: Zumindest hast du mehr Body als ich und ich wollte jetzt nicht sagen: "Wenn ICH so aussehen möchte wie du?“.

Azad: Regelmäßig trainieren und auf die Ernährung achten. Das war’s eigentlich schon. Es gibt verschiedene Muskelgruppen, das muss man sich erst mal klarmachen. Brust, Schultern, Nacken, Latissimus, Bauch, Beine, Waden und du kannst nicht alles in einem Training unterbringen. Du suchst dir pro Trainingstag praktisch eine Muskelgruppe aus.

rap.de: Auf was stehen denn die Laydays am meisten? Brust und Arme? Ach so nee, die stehen auf Bauch, hm? Oder Rücken. Eigentlich auf Rücken.

Azad: (lacht) Du überlegst gerade "Hm, was kann ich denn am Besten? Ah, Rücken! Rücken mögen die Ladies, lass mal Rücken machen.“

rap.de: (lacht) Nein! Na dann lass uns Brust und Arme machen.

Azad: So, los jetzt. Zeig mal, was du drauf hast.

Azad: So das ist jetzt eine Übung gewesen und eigentlich würde ich die vier Sätze lang machen. Normalerweise mache ich zu jedem Muskel vier Übungen und die jeweils vier Sätze.

rap.de: Für nur einen Muskel? Dann kann man ja gar nicht mehr.

Azad: Das soll der Effekt sein. Da muss gar nichts mehr gehen, dann denkt sich der Muskel nämlich: "Ich muss mehr Kraft aufbauen“, damit er das nächste Mal diese Leistung erbringen kann. Das ist so der natürliche Prozess.

rap.de: Und wie viele Muskeln pro Tag nimmst du durch?

Azad: Man kombiniert. Es gibt tausend verschiedene Theorien dazu. Manche Leute machen pro Tag nur einen Muskel, so lange bis gar nichts mehr geht. Die Meisten kombinieren aber eine große mit einer kleinen Muskelgruppe. Zum Beispiel Brust und Bizeps, Latissimus und Trizeps, Schultern und Beine und so weiter.

rap.de: Ist Bodybuilding irgendwann einfach wichtig geworden für dich?

Azad: Früher habe ich intensiv WT gemacht. Dann jahrelang nichts und irgendwann  hat es dann "Klick“ gemacht und ich wusste nicht, wo ich mit meiner Zeit hinsollte. Wenn du dann irgendwann die ersten Erfolge siehst, findest du das einfach nur geil und willst noch einen draufsetzen.

 

rap.de: Hat das alles auch ein bisschen was mit diesem Rapper-Image zu tun?

Azad: Also ganz ehrlich, das finde ich überhaupt nicht. Ich finde das schwachsinnig. Musik ist Kunst und hat mit dem Aussehen der Person überhaupt nichts zu tun. Guck dir mal Biggie an, der war da das beste Beispiel. Einer der besten Rapper und der brauchte keinen Body. Das Eine hat mit dem Anderen überhaupt nichts zu tun. Ich mach das für mich und ich fühle mich wohl, wenn ich in den Spiegel sehe und nicht mehr so eine Wampe habe.

rap.de: Wenn man dich und deine Entwicklung anguckt, dann ging das schon von so einem Hip Hop-Kid, das auch gescratcht hat und so, zu jemandem, bei dem auch die typischen Statussymbole eine Rolle spielen. Autos, Schmuck, Body…

Azad: Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich das früher nicht so leisten konnte. Ein fettes Auto und eine fette Kette wollte ich schon damals, als ich 18 war, haben. Irgendwann kannst du dir das halt leisten und nach vielen Jahren erfüllst du dir so einen Traum.

rap.de: Wie wichtig ist dir Geld?

Azad: Es gibt Wichtigeres. Das Wichtigste ist, dass man glücklich ist und das kannst du dir nicht mit Geld kaufen. Dazu gehört, dass es der Familie gut geht und dass man gesund ist. Du kannst Millionär und steinreich sein und trotzdem zutiefst unglücklich.
Wenn du kein Cash hast, kommen natürlich viele Probleme, die machen dich wieder unglücklich und man kann schon einiges mit finanziellen Mitteln verbessern. Aber es ist nicht das A und O. Als ich kein Cash hatte, war ich jetzt auch nicht ein trauriger Mensch. Zum Glück habe ich wundervolle Eltern und eine Tochter, die ich über alles liebe. Die sind auch alle gesund und von daher bin ich im Grunde schon ziemlich glücklich.

rap.de: Aber wenn man deine Musik hört, könnte man schon denken, dass du ein unglücklicher Mensch bist.

Azad: Das denken viele, ich mag aber einfach harte Musik. Das wird irgendwie auch immer nur so bei Rap thematisiert. Wenn jemand harten Rap macht, denken gleich alle "Boah, der Typ ist aggressiv, der hat Probleme und dem geht’s gar nicht gut“, aber die ganzen Heavy Metaller werden nie damit konfrontiert. Dabei ist ihre Musik grundlegend hart. Da sagt keiner „Das Gitarrenriff war jetzt echt aggressiv, der hat wirklich Probleme“. Das wird bei Rappern immer viel zu sehr thematisiert.

rap.de: Aber du sprichst ja sehr viel von Leid und dass es dich zerreißt.

Azad: Es gibt natürlich sehr viele Probleme und Sachen, die man bewältigt. Gerade ich als Kurde im Exil bin schon als kleines Kind mit dem Thema Verlust aufgewachsen. Identitätsprobleme. Sich durchsetzen müssen – das sind Dinge, mit denen man schon als Kind konfrontiert wird. Diese Sachen verarbeitet man dann auch in der Musik. Du bist irgendwo ein Außenseiter und hast keine großen Identifikationsmöglichkeiten, keine Plattform, keine Leute, bei denen du dich zurückziehen kannst. Als Kurde ist das noch mal besonders hart, weil du eben zu einem Volk gehörst, dass viele Jahre nicht anerkannt war. Diese Sachen lassen in einem schon früh eine Kämpfermentalität aufkommen.

rap.de: Bedeutet dass, dass du unter den Ausländern in der Nordweststadt, die in deiner Musik ja immer als Bezugspunkt auftaucht, auch ein Außenseiter warst?

Azad: Es gibt immer verschiedene Menschen und verschiedene Köpfe. Ich habe sehr viele türkische Freunde, mit denen ich klarkomme, aber es gab natürlich auch Probleme.
Die Nordweststadt speziell ist ein sehr multikulturelles Pflaster, da gibt es alles querbeet. Hier ist so ein kleiner Mikrokosmos, wo alles untereinander geregelt wird. Es gibt viele Marokkaner, Araber, Türken, Italiener – alles was du willst. Das ist ein bunter Haufen und ab einem bestimmten Punkt zählt nicht mehr, wo du herkommst, es zählt nur noch, wie du dich verhältst. Dadurch entsteht eine Hierarchie, die sich einfach natürlich aufbaut. Wenn du ein korrekter Mensch bist, wirst du korrekt behandelt, wenn du einen Kleineren unterdrückst, kommt ein Größerer und wird dir zeigen, wo es langgeht. Und so gibt es hier eine Ordnung.

rap.de: Hältst du diese Ordnung für gerechter als in der übrigen Gesellschaft?

Azad: Ich kann das als Insider schwer beurteilen. Ich kann nur sagen: Viele Leute, die aus einem anderen Lebensraum kamen und dann eine Weile mit uns verkehrt haben, haben das Leben dann mit total anderen Augen gesehen und meinten "Die Zeit, die ich mit euch verbracht habe, hat mir total die Augen geöffnet und mir auf meinem weiteren Weg im Leben geholfen.“ Hier herrscht eben eine gewisse Gerechtigkeit und das hat viele Außenstehende beeindruckt. Viele Leute, die hierher kommen, sind beeindruckt, wie respektvoll wir miteinander umgehen würden und was für eine Liebe unter uns herrscht. So etwas kriegen wir fast ausnahmslos von Leuten zu hören, die aus anderen Städten hierher kommen.

rap.de:  Herrscht in so einer Gesellschaft aber nicht auch das Recht des Stärkeren?

Azad: Ja, aber das wird hier nicht ausgenutzt. Wenn einer kommt und das tut, kommen viele Kleine und hauen diesen Großen dann weg. Das wird hier immer sauber geregelt und wir haben Respekt voreinander. Es ist auch nicht so, dass ein Älterer sagt "Ey, du bist zehn Jahre jünger als ich, du musst das Maul halten, wenn ich rede“.

rap.de: Wird das von der bundesdeutschen Gesellschaft akzeptiert oder machen die da Probleme?

Azad: Was gibt es daran nicht zu akzeptieren? Die leben ja nicht hier und wir bestimmen unseren Alltag selbst.

rap.de: Es wird aber trotzdem von Problemen mit der Polizei erzählt.

Azad: Natürlich, das hat aber andere Gründe. Viele Leute hier sind arbeitslos und haben auch nicht die Chance, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Die müssen aber sich und ihre Familien trotzdem ernähren und das zwingt sie dann, gewisse Sachen zu machen, worauf sie selbst vielleicht gar keinen Bock haben.

rap.de: Okay, Themenwechsel! (Gelächter) Dein neues Album. Also, was ist das jetzt? Ein Streetalbum, ein Mixtape? Mixalbum? Labelsampler?

Azad: Alles in einem, das ist ein bisschen wie ein Überraschungsei. Spannung, Spiel, Spaß, Schokolade. Also ernsthaft, das ist ein Streetalbum, weil 16, 17 neue exklusive Lieder im Albumformat drauf sind, insgesamt sind es 30 Anspielstationen. Ein paar Remixe sind dabei, ein paar unbekannte Sachen wie B-Seiten oder Features, die auf Alben waren, die nicht so großen Anklang gefunden haben. Da habe ich die Parts von mir noch mit draufgemacht und gemixt hat das dann DJ Rafik.

rap.de: Also, es ist richtig gemixt worden?

Azad: Es ist wirklich gemixt, es ist nicht einfach nur so, dass ich meine B-Ware genommen hab und die jetzt raushaue und ihr den Stempel "Mixtape“ gebe. Es geht wirklich von vorne bis hinten ineinander über. Das ist auch nicht so, wie es bei den meisten Mixtapes ist, dass da nach jedem Lied ein Cut und ne Explosion kommt und dann der nächste Song, sondern die sind richtig ineinander gemixt von DJ Rafik, das ist der sechsfache DJ-Weltmeister, ITF-Champion, DMC, schlag mich tot, alles. Das ist sozusagen DER DJ. Ich bin übertrieben geflasht. Wenn du dir das einmal anhörst, wirst du vor dem Ende nicht Stop drücken. Es geht wirklich übertrieben geil ineinander über, es ist härter als jedes Rapalbum aus Deutschland, es ist richtig Streetsound von vorne bis hinten, 98% in die Fresse, 2 % Chill-Out. Das würde es, glaube ich, ganz gut beschreiben.

rap.de: Was heißt Streetsound?

Azad: Streetsound heißt harte Beats, harte Texte.

rap.de: Was macht einen Text hart?

Azad: Das brauch ich dir doch nicht zu erklären. Das sind Texte die eben direkt in-die-Fresse und asozial sind. Direkt aus dem Viertel. In-die-Fresse-Sound, asoziale Scheiße.

rap.de: Na ja, es gibt unterschiedliche Definitionen von Streetsound. Es gibt ja viele, die sagen, sie haben mit HipHop eigentlich gar nichts zu tun, und sie würden einfach nur Straßenrap machen.

Azad: Also "Ich hab mit HipHop nix zu tun, aber mach Rap“ ist ja eh schon ne komische Aussage.

rap.de: Bei dir ist dieser HipHop-Flavor ja schon noch da. Dieser "Four Elements-Gedanke“, der klassische HipHop-Gedanke.

Azad: Also ich liebe HipHop extrem und auch jedes Element davon. Ich bin ein krasser Grafitti-Fan, ein krasser Brakedancefan, ich krieg richtig so Augen, wenn da einer einen krassen Move hinlegt, ich dreh auch voll durch, wenn da ein Turntablist mit Herz und Seele dabei ist. Da bin ich auch Fan. Rapfan sowieso. Das turnt mich einfach.

rap.de: Aber es hat sich doch in letzter Zeit schon krass verändert, oder?

Azad: Auf einmal ist es jetzt irgendwie uncool geworden, wenn man über HipHop und die vier Elemente redet. Ich habe das Gefühl, das ist ein bisschen out geworden. Aber das ist nicht mein Problem. Ich stehe dazu, was mir gefällt, ich liebe HipHop und freu mich sehr, dass ich überhaupt ein Teil davon sein kann und werde das auch immer sagen. Ich bin keiner, der sagt "Boaah, jetzt ist es nicht mehr in, über HipHop zu reden oder überhaupt das Wort zu benutzen.“ Ich bin wirklich HipHopper for life und ich liebe diese ganze Kultur. Das hat mir sehr viel gegeben und tut es immer noch. Ich bin stolz darauf, auf jeden Fall.

rap.de: Wie ist das in deiner Umgebung? Ist das da auch noch präsent?

Azad: In meinem Alltag laufe ich jetzt nicht mit einem Schild um den Hals herum, auf dem "Ich bin Rapper. Bist du HipHop, dann bist du cool“ steht. Ich bin ein ganz normaler Mensch, das ist einfach so ein Faible, wie ein Hobby, weißte? Aber es ist jetzt nicht so, dass sich mein Leben darum dreht. Ich bin ein ganz normaler Mensch und ich häng mit Leute ab, egal ob die jetzt HipHop hören oder nicht. Das ist mir scheißegal. Die können Techno hören und dann ist auch alles für mich cool.
Wenn du draußen auf der Straße bei den Jungs chillst, ist das kein vordergründiges Thema. Da geht es wirklich darum: Was machen wir? Wie gestalten wir unsere Zeit? Gehen wir was essen? Gehen wir trainieren?
Es ist schon manchmal so, dass wir im Auto sitzen und HipHop läuft und dann reden wir auch drüber, wenn wir was krass finden, aber wenn wir uns normal unterhalten, dann sprechen wir selten über so etwas.

 

rap.de: Bushido hat dich ja auch in seinem Buch erwähnt. Was sagst du zu der Stelle, in der du erwähnt wirst, kennst du sie?

Azad: Ja, kenn ich, aber der Typ hätte Märchenerzähler werden sollen. Davon ist wirklich nichts wahr. Ich sag auch ganz ehrlich, wenn er mich da mit dem Wort "Missgeburt“ betitelt hätte, wie er es im Buch beschrieben hat, dann hätte ich ihm sofort die Zähne eingehauen. Das weiß er auch. Aber natürlich, auf 400, 500 Kilometer Entfernung und Leuten, die sich vor einen stellen, einen beschützen, kann man natürlich auch viel erzählen und in so ein Buch schreiben, aber das hat nichts mit der Wahrheit zu tun.

rap.de: Wie ist das also in Wirklichkeit dann auseinandergegangen, ich meine ihr wart ja zusammen auf Tour?

Azad: Was heißt auseinandergegangen. Es waren halt immer diese kleinen Sticheleien, die man hier und da immer mal wieder zu hören bekommen hat, wo man dann noch gedacht hat "Okay, lass mal gut sein.“ Ich dachte eigentlich, alles ist cool, aber wenn der jetzt irgendwie auf Distanz versucht so rumzusticheln und mit Dissereien anfängt, dann soll er sein Ding machen und ich mach mein Ding. Irgendwann ging es mir dann aber auf den Sack und dann habe ich auch ein bisschen ausgepackt, mit ein paar Kleinigkeiten. Dann hatten wir uns bei "The Dome“ getroffen und ausgesprochen und gesagt: "Komm, lass das mal alles vergessen. Ist Schnee von gestern.“ Dann dachte ich, es ist gut und jeder geht seinen Weg, alles ist cool und gechillt. Man hat sich die Hand gegeben und sich gegenseitig alles Gute gewünscht und tralala und dann kommt irgendwie, fünf, sechs Monate später so ein Buch um die Ecke, wo du dann so Zeilen liest, wo du denkst: "Alter, was denn da wieder los? Ich dachte, man hat sich vertragen? Wir wollten diese kleinen Faxen doch lassen.“ Dann kommt das dann doch wieder und dann denkst du dir: "Okay, vergessen wir dieses Vertragen“ und jeder macht doch wieder sein Spiel.

rap.de: Ich glaube, er hat das Buch gar nicht gelesen und er hat ja auch selber schon gesagt, dass er überrascht ist, von manchen Sachen, die da drinstehen. (lacht)

Azad: Das glaube ich nicht, denn dieses Szenario, das er da beschrieben hat, dieser Ort und so, das ist ja alles realistisch. Nur, was dann alles an diesem Ort passiert ist, so wie er es beschrieben hat, ist nicht so vorgefallen.

rap.de: Geht dir das ein bisschen auf den Sack, in der deutschen Rapszene insgesamt?

Azad: Es ist auf jeden Fall sehr viel geheuchelt, das geht mir auf jeden Fall auf den Sack. Es ist halt eine große Maskerade manchmal. Jeder macht den Max und dann lernst du die Leute kennen und auf einmal sind alle ganz nett oder umgekehrt, dass sie nach außen ganz nett sind und dann hintenrum voll die hinterfotzigen Leute. Ist ein bisschen arm, sag ich mal, aber am Ende ist mir das auch scheißegal. Ich hab meine Leute, mit denen ich abhänge und ich weiß, wer mein Freund ist. Es ist sowieso schwer über dieses Rapding Freundschaft zu schließen? Das steht dann doch irgendwie immer dazwischen und der eine hat irgendein Egoproblem und das ist dann immer sehr erzwungen und unnatürlich. Deswegen habe ich auch nicht, das Bedürfnis mit anderen Rappern große Freundschaften zu schließen. Ich hab meine Erfahrungen gemacht, früher war ich ein bisschen naiver und meinte immer so: "Ey cool, na alles klar, du machst Rap, ich mach Rap. Alles klar, lass mal befreundet sein.“ Und irgendwann merkst du dann, dass alle irgendwie Probleme haben. Mit Savas und ein paar anderen Leuten gibt es wirklich eine Freundschaft, die uns verbindet. Da ist dann auch Rap, ob er jetzt rappt oder ich rappe und diese ganzen Sachen drum herum, scheißegal. Da ist es wirklich so: "Ey Homie, wie geht’s? Alles klar?“ Man freut sich und hat Spaß und albert rum und lacht und so weiter.

rap.de: Ist Savas jetzt auf dem Album drauf oder nicht?

Azad: Da muss man sich überraschen lassen. (grinst)

rap.de: (lacht krank) Es gab ja diese endgültige Tracklist, da ist er nicht drauf, in der Werbung aber ist er dabei.

Azad: Mein Name ist Hase, ich weiß von nix.


 

rap.de: Wo können wir dich in zehn bis fünfzehn Jahren sehen? Einsam alleine auf einem Berg meditierend oder an einer Villa im Starnberger See?

Azad: Das kann ich nicht sagen. Ich könnte ja auch in einer Villa leben und trotzdem meditieren. Das eine schließt das andere ja nicht aus und man muss ja jetzt nicht in solchen Extremen denken.

 

rap.de: Wie bewertest du dein letztes Album? Auf Blockschrift sind sehr viele Konzeptsongs drauf. Wenn ich das jetzt mit dem aktuellen Snippet vergleiche, ist das ein Unterschied. Sehe ich das richtig?

Azad: Ist so, auf jeden Fall. Dort hatte ich Konzepte und habe die Lieder danach gemacht und das Streetalbum hat eben das Konzept kein Konzept zu haben. Einfach ins Studio gehen, Spaß haben, Beats picken, die einem gefallen und darauf spontan das zu spucken, was dir in den Kopf kommt, ohne jetzt groß nachzudenken und ohne großen Hintergrund. "Jungs, kommt her, setzt euch hin, hier Stift, Papier, schreibt!“ Kabine, aufnehmen. Ist geil, feier ich, bamm, nächster Song. So würde ich an kein Album rangehen. Beim Album zerbreche ich mir den Kopf und dreh alles noch mal um. Hier was weg, dort noch was dazu und das alles ist eben beim Streetalbum gar nicht der Fall.


rap.de: Was gefällt dir besser?

Azad: Hat beides was für sich. Das eine ist wie spontane Malerei. Batz, batz, hingeklatscht und du hättest nicht gedacht, dass das dabei rauskommt und bei dem anderen radierst du den Strich noch mal weg, der nicht so ganz sitzt und fängst noch mal von vorne an. Du hast das Bild vor Augen, das du genau so hinkriegen kannst und irgendwann ist es dann fertig. Hat beides was, deswegen hab ich mir jetzt auch diese zweite Schiene geschaffen. "Azphalt Inferno“ ist ja eigentlich eine Serie und nicht nur ein Teil. Es wird mehrere Teile geben, um das auch ausleben zu können, dass ich auch mal ungezwungen Musik mache, ohne mir eine große Last aufzusetzen. Einfach um das, was mir gerade gefällt, rauszuhauen. Und alles andere ist das Gesamtwerk meiner Alben, zu dem dann immer neue Puzzlestücke reingearbeitet werden.

rap.de: Warum hast du es Azphalt Inferno genannt?

Azad: Weil die Straße brennen wird und es eine Streetrap-Reihe werden soll. Das wird auf jeden Fall immer hart und in-die-Fresse sein.

rap.de: Du hast viele Feuer-Vergleiche, oder?

Azad: Ja, dieses "burnen“ ist ja auch ein HipHop-Begriff. Das ist auch ein wichtiger Begriff, weil du in jeder der Disziplin versuchen musst, zu burnen und genau das ist mein Ziel.

rap.de: Wie sieht deine Labelsituation gerade aus?

Azad: Es sieht so aus, dass wir mit 439 und Jeyz nur diese zwei Acts plus meine Wenigkeit auf Bozz-Music haben und uns darauf konzentrieren. Aber sobald wir die Kraft, die Manpower und die finanziellen Möglichkeiten haben, dann ziehen wir diesen Kreis weiter. Das heißt mehr Acts. Ein gediegener Kreis, den man sich auch zutraut zu managen und das dann auch richtig.
Wir sind nicht mehr bei Universal. Bozz-Music ist jetzt Independent und wir werden vertrieben von Groove Attack.

rap.de: Als Optik letztes Jahr die Schließung verkündet hat, meintest du, dass es sehr schwer ist, ein Label aufrecht zu erhalten, dass das auch oftmals nur ein Zuschussgeschäft ist.

Azad: Ist es auch.

rap.de: Wie siehst du da die Zukunft?

Azad: Ich hoffe, dass sich das ändert. Es gab auch schon zig mal den Moment, wo ich dachte: "Okay, das war’s. Ich muss auch zumachen.“ Ich habe mich aber mit letzter Kraft immer dagegen gewehrt. Es ist wie dein Baby und auch wenn es dich mit in die Tiefe zieht, kannst du nicht loslassen.

rap.de: Aber das ist dir auch wichtig, dass du deine Homies mitziehst, oder? Du könntest ja auch einfach sagen: "Ich mach jetzt eine One-Man-Show. Bozz-Music ist Azad. Ich bring mich selber raus.“

Azad: Könnte ich auch, aber der Wunsch, das gemeinsam mit dem Jungs zu machen ist schon da. Ich glaube ja auch an sie. Es ist ja nicht so, dass ich auf Teufel komm raus meine Freunde rausbringen will. Ich denke, dass die wirklich was können und ich feier das, was die machen und bin davon überzeugt, dass es viele Leute gibt, die das auch fühlen werden. Wenn ich selber nicht dahinter stehen würde, dann würde ich versuchen, denen andere Wege aufzuzeigen, um ihnen zu helfen auf anderen Wegen Geld zu verdienen.

rap.de: Welche Berufe würdest du Leuten vorschlagen? Machst du das manchmal?

Azad: Nee, ich bin ja jetzt kein Arbeitsamt (lacht). Aber den einen Kumpel nehme ich dann halt mit, der dann mein ganzes Merch-Ding machen kann, der andere fährt uns immer und kriegt dafür Geld. Wie es halt kommt.

 

rap.de: Aber der hat’s dann auch drauf?

Azad: Auf jeden Fall, sonst fährt er uns ja in den Graben und wir sind am Arsch (lacht).

rap.de: Wenn ich mir den Song vom letzten Album anhören, dieses "Tage des Regens“, das ist ja ein sehr bildhafter Song, aber dann hat man schon das Gefühl, dass die Leute im allerschlimmsten Ghetto leben.

Azad: Also, es gibt definitiv schlimmere Orte auf der Welt. Das schreibe ich mir nicht auf die Fahne, dass wir hier im schlimmsten Ghetto leben. Aber diese Themen und das, was ich anspreche ist auch wirklich autobiografisch und es sind alles Dinge, dich ich so gesehen habe. Ich sage nicht einfach Crackbabys weil ich denke, dass sich das cool anhört, sondern weil es hier Eltern gibt, die auf Crack sind und du ihren Babys anmerkst, dass die auf Entzug sind.

rap.de: Hat sich da etwas verändert, seit du angefangen hast, das chronistisch aufzuarbeiten?

Azad: Ja, es hat sich verschlechtert. Es ist nicht besser geworden, sondern schlimmer. Stück für Stück. Das liegt an der gesellschaftlichen und politischen Lage. Wir leben hier in einem Randbezirk und alle die, die arbeitslos sind, die Immigrantenhintergrund haben, die werden alle hier hin verfrachtet. Die Innenstadt von Frankfurt soll sauber und repräsentativ sein. Es gibt nicht genug Bildung, die Leute müssen überleben und die Kinder wachsen mit Dealen und Gewalt auf.

rap.de: Du hast vorhin aber gesagt, dass die Leute hier respektvoll miteinander umgehen würden und jetzt sagst du, es gäbe zuviel Gewalt.

Azad: Ja, natürlich es ist eben beides. Wir sind ja hier nicht die Polizei, die jede Gasse abfährt und sagt, "Ey wie Gewalt? wir zeigen euch jetzt mal wo es langgeht“. Die Grundstimmung ist auch respektvoll, aber was nachts hier abgeht, kannst du nicht kontrollieren. Bei uns in der Nordi ist das so, dass wenn man sich begegnet, man Respekt voreinander hat, man begrüßt sich, aber vieles wird auch verschwiegen.

rap.de: Wie sieht es aus mit der nächsten Wahl? Es sieht so aus, als würde der Hurensohn wieder Ministerpräsident. (Mittlerweile wurde gewählt und Roland Koch wurde tatsächlich wieder Ministerpräsident von Hessen.)

Azad: Ja. Es scheint so. Jeder, der wählen kann, soll wählen gehen. Jeder Kanacke, jeder muss wählen gehen, wenn er kann.

rap.de: Merkt man das, wenn Roland Koch regiert im praktischen Leben?

Azad: Es ist nicht so, dass du durch dein Leben gehst und etwas passiert und du sagst dir, das ist wegen Koch, aber die Polizeipräsenz ist seit eh und je extrem hoch hier in der Nordi. Es ist auch bekannt, dass die hier härter durchgreifen als in anderen Bezirken.

rap.de: Du hast viele Kopf-hoch-Tracks. Wo führt das hin?

Azad: Das führt hoffentlich dahin, dass es mehr Menschen gibt, denen die Tracks Kraft geben. Es gibt immer Arschlöcher da draußen, die anderen was Schlechtes wollen und Stress und alles, aber es gibt Menschen, die schon zu mir gekommen sind und mir gesagt haben, dass sie ohne die Tracks nicht mehr am Leben wären. Denen haben sie geholfen, in einer schlimmen Zeit. Entweder waren die kurz vor dem goldenen Schuss oder so verzweifelt, dass sie nicht mehr leben wollten. Das hört sich vielleicht unglaubwürdig an, aber das ist so. Und ich sehe die Verzweiflung bei den Leuten. Das ist meine Inspiration, solche Lieder überhaupt zu machen. Menschen mit meinen Songs aufzubauen.

rap.de: Ist dein Leben noch immer ein Kampf?

Azad: Das Leben ist ein Kampf. Wenn ich aufhöre zu kämpfen, höre ich auf zu leben. Das heißt nicht, dass Kampf was Schlechtes ist.

rap.de: In deinen Liedern, hört es sich schon so an. Verzweifelt und voller endloser Tiefs.

Azad: Es gibt verschiedene Formen von Kampf, insofern ist das Leben immer ein Kampf. Und du musst die Herausforderung annehmen. Egal woher du kommst, wo du bist, was du machst. Stillstand im Leben heißt Tod. Das ist meine Philosophie, es muss immer weiter gehen.

 

rap.de: Es gibt auch die Philosophie, die besagt, dass man fließen sollte statt zu kämpfen.

Azad: Ja, fließen finde ich okay. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht kämpft während man fließt. Kampf bringt Veränderung, man nimmt am Leben teil, man wächst. Kampf heißt, dass man nicht aufgibt.

rap.de: Du hast ja auch, aus einer sehr etablierten Position heraus, Battles gestartet. Würdest du das wieder tun?

Azad: Jederzeit. Das ist wie bei den Gracies, die das Brasilianische Jiu Jitsu vertreten. Die sagen auch, dass sie jeden Kampfsportler herausfordern, weil das BJJ der beste Sport der Welt sei und sie es mit jedem aufnehmen können. So fühl ich mich auch. Wie ein Gracie des Rap. Ich nehme es mit jedem auf.

rap.de: Kommen wir zur Schlussrubrik: Wen möchtest du dissen?

Azad: Eigentlich niemanden. Wer mir ans Bein pinkelt, den zerreiß ich. Ich finde viele scheisse aber dissen muss ich die nicht. Ich bin ein friedfertiger Mensch.

rap.de: Was hälst du von den aktuellen Beef-Tracks? Mich stört, dass es versteckte Drohungen sind.

Azad: Wenn ich jemanden wegboxen will, dann mach ich keinen Disssong. Entweder ich hau dir auf dein Maul oder ich diss deine Mucke verbal. Ich bin froh, dass dieses Diss-Phase vorbei ist. Diese Phase, wo jeder Newcomer erst mal gedisst hat, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Das waren nämlich echt zu viele und es wurde langweilig.

rap.de: Was hälst du von Freestyle-Battles?

Azad: Wenn das einer gut kann, dann bewundere ich das. Ich kann das nicht und habe das auch nie geübt und bisher habe ich es noch nie gemacht. Ich bin ein Typ, der sich hinsetzt und sich Zeit nimmt für Texte.

rap.de: Würdest du bei Feuer über Deutschland mitmachen?

Azad: Wie gesagt.  Ich kann nicht freestylen.

rap.de: Das sind geschriebene Acapella-Tracks. Drei Sechzener. Das Problem ist nur, dass die Leute wahrscheinlich mehr über dich wissen, als du über sie.

Azad: Könnte man sich überlegen. Aber wenn mir jemand n Batzen Kohle hinwirft, dann mache ich das. (lacht) Nein, es gibt vieles, worüber man nachdenken könnte. Auch ohne Cash.

rap.de: Gut, dann keep den Spirit alive.

Azad: Staigi, es hat Spaß gemacht.

rap.de: Danke. Morgen habe ich dann ordentlichen Muskelkater. Aber das ist schön.

 

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