Toni L.

Der Deutschitaliener Toni L, seines Zeichens Urgestein des deutschen Raps, gründete 1987 unter anderem mit Torch eine der ersten Rapcrews Deutschlands, „Advanced Chemistry“. Anfang der 90er war er Labelmitbegründer und gute 20 Jahre nach seinen ersten Schritten im deutschen Rapgeschehen, ist er immer noch am Alben aufnehmen und Touren bestreiten. Im Rahmen seines  im Frühjahr 2007 erschienenen, „Funkanimal" -Albums, ist er zusammen mit der Funkband „Safarisounds“, aus seiner Heimatstadt Heidelberg, auf deutschen und schweizer Bühnen zu finden. Da habe ich direkt mal die Chance ergriffen und den Altmeister vor seinem Auftritt im Berliner Club „Lovelite“ zum Gespräch gebeten. Toni L über seine Tour, die Entwicklung des deutschen Rapgeschehens und wie er auf den Funk gekommen ist, könnt ihr hier nachlesen.

rap.de: Wie läuft denn die Tour zurzeit? Ist die Resonanz so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Toni L: Ja, die Resonanz ist super, wir spielen in schönen, eher in kleinen, dreckigen Clubs, was auch zum dreckigen Funk gut passt, da fühle ich mich auch wohl, da ist auch eine familiäre Atmosphäre, da kannst du richtig auf die Leute eingehen, das ist so die Devise des "Funkanimal"-Albums, dass wir alle infizieren mit dem Funkanimal-Virus, dass dann alle als Menschen reingehen und als Funkanimals wieder rausgehen. Bis jetzt ging jedes Konzert voll ab, die Leute sind voll durchgedreht, wir haben auf jeden Fall viel Spaß.
rap.de: Die Clubs sind auch voll?

Toni L: Ja, die sind gut besucht, der Eine ist voll, der Andere weniger, das ist natürlich auch immer schwer bei einer Tour, wenn du auch unter der Woche auftrittst aber wir haben bis jetzt noch nie superwenig Leute gehabt, war immer eine gute Crowd.

rap.de: Wie bist du denn überhaupt vom Rap zu der ganzen Funksache gekommen?

Toni L: Mein Stiefvater ist Amerikaner und der hat eine riesen Funk- und Soulsammlung gehabt, da bin ich schon mit aufgewachsen, mit der Musik. Das hat mich sehr geprägt. Anfang der 80er war ja auch der Funk am Start, das war jetzt nie Mainstream, sondern immer eine Nische und ich habe angefangen auf Funkmusik zu tanzen, zu breaken, natürlich dann auch auf den ganzen HipHop Beats, aber der Funk war mein ewiger Begleiter. Mit Advanced Chemistry haben wir ja auch schon Songs gemacht wie „Dir Fehlt Der Funk“ zum Beispiel, das Thema war immer ein Bestandteil meiner Musik oder wie ich so schön sage: Der Baumstamm ist der Funk und Rap ist nur ein Ast. So sehe ich das auch und jetzt habe ich mir so einen kleinen Traum erfüllt mit der Band und damit, dass ich den Funk auch voll und ganz ausleben kann. In dem HipHop Kontext ist Funk nur ein Element und jetzt ist es ein richtiges 100%iges Funkprojekt mit Rap- und HipHop-Elementen aber der Funk steht im Vordergrund, sonst war der Funk immer nur im Hintergrund, ein Element von vielen.

rap.de: Glaubst du, dass du mit dem Projekt Toni L & Safarisounds die gleichen Fans erreichst wie vorher? Hast du deine alten Fans mitgenommen?

Toni L: Ich glaube teils, teils. Einige gehen den Weg mit und es kommen noch neue dazu. Und ich habe nie vorgehabt, den klassischen HipHop-Weg zu verlassen, in meinem Herzen bin ich immer noch TrueSchool HipHopper, das werde ich auch für immer bleiben. Aber das, was ich jetzt mache ist quasi auch das, was mir in der heutigen Zeit fehlt. (Unterbrechung durch einen nörgelnden Busfahrer).  Ansonsten erfülle ich mir mit dem Funkding, wie ich eben schon mal gesagt habe, einen kleinen Traum. Dass ich eben genau das mache, was mir in der heutigen Zeit fehlt.

rap.de: Zurück zu den Wurzeln?

Toni L: Jaa, zurück zu den Wurzeln….Ich finde teilweise bewegt sich HipHop in einer Sackgasse. Also es werden nur noch Hass verbreitet und negative Vibes. Jeder will den Anderen ficken und seine Mutter und meine Mutter, das bringt keinen weiter. Es wird immer Einen geben, der den Anderen wegfegt.

rap.de: Davon willst du dich also stark distanzieren?

Toni L: Ja, das ist nicht meine Welt. Damit kann ich mich jetzt nicht so identifizieren. Die Leute sollen ruhig ihr Ding machen, jeder hat ein anderes Umfeld, ich transportiere auch meine Inhalte, habe auch meine Battlerhymes,  aber ich arbeite gerne mit Metaphern und mit Skills und nicht mit einfachen, platten Schlagwörtern und 1,2,3,4 Reimen. Meiner Meinung nach stellen sich auch viele hin, denen Skillz fehlen, die so tun als ob sie welche hätten. Und das ist für mich zu viel Kindergarten. Und ich bin jetzt eigentlich ganz froh darum, mich davon so ein bisschen zu lösen und mein Ding zu machen, mit der Band. Das ist auch ein ganz anderer Kontext, auch ein anderer Vibe und die Devise die wir jetzt auch mit nach vorne bringen ist eigentlich, dass wir negative Vibes in Positive umwandeln. Das heißt aber nicht, dass du jetzt nur einen auf Party machst. Du hast auch deine kritischen Texte oder kannst auch deine Skillz und Styles zeigen. Aber du kannst auch mal über dich selbst lachen, das ist auch eine Eigenschaft, die viele verloren haben oder nicht drauf‘ haben. Und ich finde, dass der Zeitgeist, in dem wir so alle leben, wo alles so schnelllebig ist, wo es nur noch um Konsum geht, um Erfolg, der Druck ist sehr hoch, der Musikindustrie geht es schlecht, alle versuchen mit allen möglichen Mitteln Verkaufszahlen zu erreichen, nichts mehr mit dem ursprünglichen HipHop Gedanken zu tun hat. Es ist alles pures Business. Und auch die Interviews sind alles pures Businessgelaber, wenn ich auch sehe was hier und da propagiert wird, da kann ich mich auch zum Friseur hocken und die Gala lesen. Es ist alles nur Klatsch und Tratsch, wer ist mit wem verstritten, wer hat wieder die Jacke von der Marke an, es ist alles so austauschbar. Da stecken keine Ideale mehr dahinter. Das ist eine reine Ellenbogenmentalität, die erlebst du in jeder Firma, da kannst du auch ganz normal zu Siemens gehen und Manager werden. Es hat nichts mehr mit Musik und der Kunst zu tun. Die Kunst gerät immer mehr in den Hintergrund und auch die Kultur, der kulturelle Gedanke, wird auch nicht mehr ernst genommen, weil das Ganze sich komplett gewendet und gedreht hat. Es ist nur noch der Profitgedanke da und der kulturelle Gedanke wird nicht mehr ernst genommen, weil eben Kultur in erster Linie auch keinen Profit bringt. Und man wird draußen nur noch ernst genommen wird, wenn man einen entsprechenden Erfolg mitbringt und Verträge mit entsprechend großen Konzernen hat. Und das soll alles so passieren, das ist okay, es ist ein riesen Supermarkt und es ist ein riesen Wettbewerb, aber das hat für mich nichts mit Musik zu tun oder mit Graffiti oder mit Breakdance, das sind Leute die tanzen mit Herzblut, denen geht es um Herzblut.     

rap.de: Wie du so über die deutsche Rapszene redest, hinterlässt das nicht unbedingt einen positiven  Eindruck. Gibt es denn in Deutschland überhaupt noch irgendwelche Rapper, die dich interessieren, an denen du Gefallen findest?

Toni L: Das klingt jetzt vielleicht so, aber es gibt ein riesen Movement, es gibt superviele Leute, es gibt meiner Meinung nach sauviele Crews, die coole Sachen machen.

rap.de: Kannst du Namen nennen? 

Toni L: Was Heidelberg angeht, wenn ich jetzt von meiner Stadt spreche, da kommt jetzt demnächst eine Compilation auf der ich das Intro mache, da kommen dann sämtliche Crews die sich da repräsentieren, die eher so, in Anführungsstrichen „aus dem neueren Umfeld kommen", Unbekanntere, die aber coole Sachen machen, die richtig fett sind.
rap.de: Kannst du ein paar Namen nennen?

Toni L: Ja, es gibt zum Beispiel Manu, der mittlerweile auch in Berlin lebt, der aus Heidelberg kommt, der coole Sachen macht. Es gibt einen Rapper namens MUSO, ein Ziehsohn der Stieber Twins, der auch ein bisschen so von denen produziert wird, der sehr geile Sachen macht. Dann gibt es DAGO, Heidelberg Untergrund…es gibt schon viele Sachen.

rap.de: Also beschränkst du dich schon eher auf dein Umfeld?

Toni L: Ne, das gar nicht, ich sage das jetzt nur so, weil ich meine Stadt im Kopf habe, weil ich dieses Projekt im Kopf habe, aber ansonsten gibt es natürlich noch viel mehr und in allen möglichen Städten, deswegen ist es immer so fatal, wenn man anfängt Namen zu nennen, dann vergisst man auch viele zu nennen. Ich glaube die Leute wissen wer sie sind, da draußen und da gibt es auch einen Haufen Leute, die coole Sachen machen. Ich glaube auch, dass jede Kunst oder jede Musik ihre Existenzberechtigung hat, solange sie auch andere leben lässt. Das ist meine Devise, leben und leben lassen. Und ich glaube das Wichtigste ist, dass du auch du selbst bleibst und dein Ding machst und nicht auf einen Trend draufspringst, bloß weil es jetzt alle machen. Ich finde es halt langweilig, wenn alle wie ein bestimmter, bekannter Rapper klingen, weil der gerade in ist. Und dann Morgen ist wieder ein anderer in und dann klingen sie wie der. Originalität geht verloren. Alle schwimmen immer mit dem Strom und das ist halt ziemlich langweilig für mich.
rap.de: Du engagierst dich ja auch sozial sehr viel. Der Track mit den Brothers Keepers oder dein Downloadtrack zum Irakkrieg, Rap-Workshops mit Jugendlichen… wie wichtig sind solche Statements für dich und woher kommt dieses Engagement bei dir?

Toni L: Ja, es ist so, dass wir seit der ersten Stunde, seit Rap in Deutschland existiert,  HipHop machenUnd dadurch entstand auch mit der Zeit ein größeres Verantwortungsbewusstsein. Das ist irgendwie so wie dein Kind. Und es kommen immer mehr Generationen dazu, mittlerweile sind es ja etliche Generationen und ich habe sämtliche Epochen erlebt, was HipHop angeht. Alle reden von der jetzigen Epoche, aber was ist mit den Epochen davor? Und diese Geschichte geht natürlich immer mehr verloren. Es ist mir auch wichtig, dass man das ein bisschen transportiert und, dass man diesen Vibe, der dafür gesorgt hat in den Anfangstagen, dass überhaupt eine HipHop-Szene zustande gekommen ist in Deutschland, dass dieser Vibe nicht komplett verloren geht. Ein Künstler hat schon eine Art Verantwortung. Und wenn du auf die Bühne gehst und was sagst, dann hören dir sehr viele zu. Das ist eine Plattform, die man ernst nehmen sollte, das ist auf jeden Fall etwas, dass ich auch Ernst nehme und auch gerne weitergebe. Mit „Fremd Im Eigenen Land“ haben wir ja auch schon unser Statement abgegeben und Brothers Keepers ist beispielsweise nur eine Fortsetzung von dem, was wir mal begonnen haben auszudrücken, mit unseren Lyriks. Und was die Workshops angeht, da kamen auch immer wieder verschiedene Anfragen, auch über das Europäische Parlament wurde das dann finanziert und ich habe in Frankreich gearbeitet, mit Kids aus den Banlieus, weil ich auch ein bisschen Französisch spreche. Dann haben sie aus jedem Land einen repräsentativen Vertreter gesucht, aus der HipHop-Szene und ich kam für Deutschland und es kamen noch andere aus England, aus Spanien, aus Belgien. So haben wir da zusammen einen Workshop gestaltet, zum Beispiel jetzt in Frankreich, was man ja hier natürlich nicht so mitbekommt. Aber es war sehr interessant. Oder ich war mit Storm, mit dem Breaker, in Frankreich unterwegs. Wir sind vor französischen Schulklassen aufgetreten. Er hat seine Tanzshow gemacht, ich die Rapshow und die Kids haben im Deutschunterricht Toni L-Texte bearbeitet und haben damit Deutsch gelernt. Einfach um die deutsche Sprache in einem anderen Licht zu zeigen. Weil sie ja auch alle HipHop hören, ihre Bilder, ihre Klischees im Kopf haben wenn sie jetzt über Deutschland nachdenken oder sprechen, dann hat man so die ganz normalen Klischeedinge im Kopf, aber nicht HipHop. So ergibt sich immer wieder was anderes und wenn du jetzt so lange dabei bist ist es auch immer cool, wenn du auch eine andere Ebene hast, auf der du dich so ein bisschen bewegst. Ich bin jetzt auch nicht der Typ, der sich ständig in den Vordergrund stellen will, ich mache mein Ding, und ab und zu erscheint das dann im Rampenlicht, aber ansonsten lasse ich auch gerne die Anderen einfach machen, weil das soll ja auch weiterleben und die neuen Generationen sollen auch ihr Ding machen. Aber es ist immer eine Respektsache, ich finde, dass man Respekt weitergibt, so wie wenn du Kinder hast, ihnen beibringst, dass sie Respekt haben. So wie du auch respektiert werden möchtest, solltest du die Anderen auch respektieren. Und das ist auch eine wichtige Eigenschaft, die im HipHop auch ein großer Bestandteil ist.

rap.de: Glaubst du, dass sich die Situation für Ausländer in Deutschland verändert hat? Gerade auch im Gegensatz zu damals, als ihr  Lieder wie „Fremd Im Eigenen Land“ gemacht habt? Ist es leichter oder schwerer geworden?

Toni L: Es hat sich schon geändert, als wir des Thema aufgegriffen haben, da hat das Thema in der Öffentlichkeit noch gar nicht stattgefunden oder in den Schulen, es wurde überhaupt nicht besprochen, es war ein Tabuthema. Man wurde diskriminiert, aber keiner hat erkannt, dass es eine Diskriminierung ist. Wir haben es dann ausgesprochen und uns viel von der Seele gesprochen. Es war einfach, wir haben so einen Knoten gelöst und was ins Rollen gebracht. Es ist sicherlich nicht besser geworden, aber die Diskussion ist offener geworden.
 

rap.de: Du denkst also, dass es nicht besser geworden ist?

Toni L: Jaa, nicht unbedingt. Es hat sich auf jeden Fall nicht verbessert. Aber es wird öfter darüber geschrieben, gesprochen, in den Schulen ist es ein Thema. Die Diskussion ist einfach jetzt da, die war vorher nicht da. Das ist eine Verbesserung. Ansonsten denke ich ist es ein Thema, das noch lange, lange braucht, da kann man nicht so in kurzen Sätzen die Situation beschreiben. Es finden jeden Tag Anschläge statt und von daher, kann man das jetzt nicht so pauschalisieren.

rap.de: Okay, kommen wir zu einem anderen Thema. Du hast ja mal bei VIVA eine Kochsendung gemacht, nennst dich auch in deinen Liedern Toni Der Koch, wie wichtig ist dir Kochen und was bedeutet es für dich?

Toni L: Es ist einfach ein Beruf, den ich früher mal gelernt hatte.

rap.de: Kochst du heute noch beruflich?

Toni L: Nein, ich mache es nur noch so aus Leidenschaft. Musik ist schon mein Hauptfeld. Aber Kochen ist für mich ähnlich wie Musik, es ist Kunst, es ist Lebensqualität, ich wollte immer gute Musik machen können und ich wollte auch immer gut Kochen können, weil mich das fasziniert, etwas komplett selbst zu kreieren und bis zum Ende zu bringen und jemandem zu servieren. Es ist eben auch sehr ähnlich, weil du hast verschiedene Komponenten, deine Zutaten, machst sie zusammen und hast ein Essen. Du hast deine ganzen Musikinstrumente, tust sie zusammen, deine Komponenten und du hast einen Track, ein Lied. Und das sind eigentlich zwei ähnliche Welten. Natürlich ist das Kochen auch ein härteres Gewerbe aber es ist auf jeden Fall eine Leidenschaft.

rap.de: Wenn du ein romantisches Abendessen organisieren würdest, für eine Dame die dich begeistert, was würdest du ihr kochen?

Toni L: Oh. Es ist klar das im Hintergrund erstmal Barry White läuft (lacht).

rap.de: Ja, das wäre meine nächste Frage gewesen. 

Toni L: Ja, jetzt spontan. Das Dessert muss natürlich gut sein und… ich glaube, das ist ganz egal, es muss nur mit Liebe gemacht sein, dann kommt es auch an.
rap.de: Gut, gehen wir wieder zurück zur Musik. Kannst du vielleicht so drei all-time-favorites Funkplatten nennen, die dein Leben begleitet haben, bzw. dir besonders viel bedeuten?

Toni L: Alsooo. Ich sage mal, was die Funkkünstler angeht bin ich riesiger Rick James Fan, James Brown ist sowieso klar und The J.B.s, also Maceo Parker und Fred Wesley und diese ganzen Jungs.

rap.de: Aber man hat doch so ein Lieblingsalbum?

Toni L: Ja, das stimmt. Also, "Bustin‘ Out" von Rick James, das ist ein sehr geiles Album.

rap.de: Und hast du ein Album, das du zurzeit besonders gerne hörst?

Toni L: Gute Frage. Also zurzeit habe ich das neue Common Album im Player, wen haben wir noch…? The Time, Prince. Und alles so ein bisschen gemischt. Gap Band, und zurzeit hören wir natürlich viel "Funkanimal", weil wir unsere Party selbst schmeissen und ohne Ende rocken oder funken, wenn du so willst, und viele eigene Kompositionen auch immer wieder kreieren. Das macht Spaß.

rap.de: War die Umstellung schwierig für dich, vom typischen Rapbühnenbild, Dj und MC, plötzlich mit einer ganzen Band aufzutreten, die Koordination mit so vielen Menschen auf der Bühne etc. ?

Toni L: Ja, also es ist natürlich logistisch viel aufwendiger. Als MC gehst du mit dem DJ hoch, machst kurz einen Miccheck und ab gehts, und mit der Band muss natürlich jedes einzelne Instrument abgenommen werden, bis das mal alles steht, bis die ganzen Leute am Start sind.. aber es lohnt sich ja auch. Es ist ein wahnsinniges Erlebnis, jedes Mal neu, es ist nie das Gleiche. Und die Band ist sowieso der Hammer und wir verstehen uns auch so untereinander saugut, der Vibe untereinander ist einfach perfekt. Safarisounds und Toni L haben sich echt gefunden.

rap.de: Wie ist es überhaupt zu der Zusammenarbeit gekommen, wie habt ihr euch kennengelernt?

Toni L: Es ist eine Heidelberger Band, eine eigenständige Band, die es schon vorher gab. Safarisounds haben auch vorher schon einen eigenen coolen Sound gespielt, alles eigene Kompositionen, keine Coverband oder so. Und es ist eine Instrumentalband. Vor zwei Jahren gab es ein Festival auf dem Heidelberger Schloss, da haben sie einen Auftritt gehabt, haben angefragt für ein Feature und dann haben sie mich in einen kleinen Keller, in dem sie immer proben, eingeladen, um mir mal ihren Sound vorzuspielen. Ich bin halt hingegangen, sie haben mir ihren Sound vorgespielt, dann war des halt der Killer. Es war genau der Funk, wie ich ihn mir vorstelle, wie er zu klingen hat. Ich musste niemanden mehr verdrehen, es war ein absolutes Geben und Nehmen. Und dann haben wir ein paar Livedinger zusammen gemacht und irgendwann haben wir dann gesagt: „Komm machen wir mal Session und nehmen es auf". Der Plan war gar nicht, dass wir jetzt ein Album mit großem Trara rausbringen, sondern einfach mal gucken was dabei rauskommt, wenn wir uns mal drei Tage einschließen und aufnehmen. Dann haben wir einfach Session gemacht und aufgenommen.

rap.de: Also war es kein Konzeptalbum?

Toni L: Nein, das ist aus der Session heraus entstanden, wir haben noch ein paar neue Tracks gemacht, die wirklich aus dem Bauch heraus, während der Session, entstanden sind, jetzt keine langwierige Geschichte, sondern wirklich so Peng… das ist ja auch oft das Beste. Dann haben wir die Aufnahmen gehabt, dann haben wir die so raw gelassen und Move D, das ist so ein Elektro-, Housepionier aus Heidelberg, der schon weltweite Erfolge gefeiert hat, der war auch so begeistert von dem Projekt, dass er gesagt hat, er mischt das ab und macht das für uns klar und dann hat das Eine das Andere ergeben, dann war das Funkanimal geboren und jetzt sind wir schon auf Tour. Und das ist schon ganz witzig, wie sich das alles so entwickelt hat. Es ist alles auf eine natürliche Art und Weise gewachsen, es ist nicht so, wie du schon gesagt hast, so konzeptmäßig, wir müssen nicht so dies und jenes machen, wir haben es einfach gemacht und es ist einfach passiert und das Eine ergibt immer das Andere.

rap.de: Also ist es ein authentisches Album?

Toni L: Absolut, ja.
rap.de: Ist es für dich ein sehr wichtiges Album? Kann man das so sagen?

Toni L: Also, es hat mich als Künstler um einige Ebenen weitergebracht. Ich habe mich von dem dogmatischen HipHop-Produzieren ein bisschen gelöst und habe einfach komplett mein Funkding durchgezogen, ohne nach Links und ohne nach Rechts zu schauen und Sachen gemacht, die ich im HipHop-Kontext vielleicht nie so gemacht hätte. So Sing-Sang-Styles und Sachen, die ich eigentlich immer gerne Sängern überlassen habe. Aber ich habe es jetzt einfach getan, da ich ja auch die einzige Stimme war. Ich wollte auch nicht, dass jeder Song gleich klingt und hatte den Anspruch, wenn ich jetzt ein Classic von mir oder A.C. neu interpretiere, dann möchte ich auch nicht, dass er genauso klingt wie der Andere, wie früher, sondern, dass auch die Performance, die Vocalperfomance, dass die dann auch einen eigenen, neuen Style bekommt, einen neuen Flavour. Dass dann auch jeder, der den Song schon kennen sollte wirklich geflasht ist, dass er sagt "booah, des ist echt ein neues Ding, das is was Anderes." Ja, das lebe ich voll aus und es macht total Spaß, weil ich jetzt zu einhundert Prozent da bin, wo ich sein wollte. Es ist auf jeden Fall, also auch für die Zukunft, egal was ich machen werde, also jetzt auch im musikalischen Bereich, auch im HipHop-Kontext, wenn ich wieder HipHop-Alben aufnehme zum Beispiel, so richtig im klassischen Stil, dann denke ich hat diese Platte mich schon sehr stark geprägt in dem Sinne, dass ich jetzt für die Zukunft auch von den Skills her ganz andere Sachen einbringen kann.

rap.de: Hat es dich mehr als die Alben davor gefordert?

Toni L: Ja nee, gefordert gar nicht, das ist so aus mir herausgekommen. Es war keine Anstrengung, es war einfach da, es hat schon in mir geschlummert, es musste raus. Das war das Ventil, das gefehlt hat, die Band hat mir da quasi so einen Kick gegeben und hat mich damit dahin gebracht wo ich jetzt bin.

rap.de: Hast du ein persönliches Lieblingslied auf dem Album?

Toni L: Ja, also ein Lied, zum Beispiel „Party `84“ ist ein fetter Song, weil er einfach die Stimmung wiedergibt. Was der Song auch beschreibt, also die Zeit aus der legendären „HahnPartyReihe“, Frederick Hahn aka Torch, da hatten wir damals in den 80ern immer fette "Hahnpartys", so haben wir sie genannt. Jeder Geburtstag wurde da in der Familie groß gefeiert und es sind alle Generationen zusammengekommen, von der Großmutter bis zum Urenkel. Die Bude war immer gerammelt voll, es gab fettes karibisches, haitianisches Essen und alle haben getanzt, es war Wahnsinn und so high life. Funk, Reggae, Soul, Ragga, HipHop, alles ist gelaufen, wir haben auch selbst aufgelegt oder selbst gerappt oder Tanzeinlagen gebracht und das waren eigentlich auch so unsere ersten Auftritte. Ich glaube auch, dass diese Zeit, diese Epoche, diese Party mit daran Schuld ist, dass wir überhaupt Musik machen. Also, es hat uns sehr stark geprägt und spiegelt diese Zeit sehr gut wieder. Wobei sich das jetzt musikalisch abhebt, von den anderen Sachen, weil das mehr so den karibischen Flavour hat. Und von den anderen Songs, „Session“ ist ein cooler Song, aber eigentlich gefällt mir jedes Stück, hat irgendwie so seinen eigenen Charme und es macht einfach Spaß. Also, ich blühe in jedem Song irgendwie auf. Bei jedem kann ich irgendwie was finden, wo ich sage: "Das finde ich geil."

rap.de: Hast du schon eine nächste Veröffentlichung in Planung? Wieder mit Band oder im Alleingang?

Toni L: Also ich denke das mit den Safarisounds ist sicher etwas, das noch lange währen wird, also da werden wir bestimmt noch einiges machen. Jetzt machen wir die Tour hier und dann haben wir vor im nächsten Jahr noch ein paar Gigs zu spielen oder Festivals, also das ist so in Planung. Und ansonsten werden wir natürlich auch, werde ich natürlich auch, das ein oder andere wieder machen. Ich habe jetzt auch ein paar Features gemacht..
rap.de: Und was für Features?

Toni L: Ja jetzt zum Beispiel für den Heidelberg Sampler ein kleines Intro und alles andere, da sag ich mal: "bleibt noch hinter den Kulissen". Also da wird bestimmt noch das ein oder andere geschehen. Aber das werden die Leute dann mitbekommen. Solange das Feuer noch brennt, solange werde ich das Mic noch in der Hand halten und representen. Und diese Tour ist für mich so ne Art Test, um zu sehen wie viele Supporter es da draußen noch gibt, auch, weil  ja auch klar ist, dass sich alles sehr stark verändert hat und ich bin auch der Meinung, dass sich vieles verändern muss, das ist klar, aber wo sind die ganzen Leute geblieben? Also die, die am Anfang dabei waren, die 360° (Anm.d.Red. :360° Records) supporten und jetzt zeigt sich grade, dass auf jeden Fall viele Leute draußen am Start sind, die sich freuen, dass man selbst noch hier das Mic hält und dir den Respekt dafür zollen, die wissen was es heißt,  noch am Start zu sein, und es ist schön, wenn man auch zurückbekommt, was man rausgibt. Und auch mit der Band, die ja auch aus einer jüngeren Generation sind, ist es auf jeden Fall cool, die sind auch mit Advanced Chemistry groß geworden und jetzt stehen sie hier mit Toni L auf der Bühne und es ist ein schönes Geben und Nehmen.


rap.de:  Es ist mir auch aufgefallen, dass viele, die eben mit HipHop groß geworden sind, sich jetzt völlig von HipHop distanzieren und sagen: „Alles scheiße, interessiert mich alles nicht mehr, früher war alles besser". Ich glaube, das ist bei HipHop Fans sowieso auch sehr krass ausgeprägt, so dieses früher war alles besser…

Toni L: Also ich würde mich jetzt dagegen sträuben, zu sagen: "früher war alles besser". Es war nicht besser, also ich empfinde es so: Wir haben immer gekämpft, wir waren so Rebellen, die immer das repräsentiert haben, was sie wirklich fühlen und ich bin auch der Meinung, dass bestimmt auch viele heute genauso dahinter stehen. Also, das ist ja klar, die stehen dahinter und sind voll überzeugt von sich,  jeder.

rap.de: Ja, aber was ist der Grund dafür, dass sich so viele davon distanzieren und gar nicht mehr dazu stehen, dass sie früher mal Rap gehört haben und heute gar kein Interesse mehr für den Rap haben?

Toni L: Na gut, schau dich um, du brauchst nur den Fernseher anzumachen. Die ganzen Formate sind verschwunden, in denen wirklich die Kultur in den Vordergrund gebracht wurde oder Graffiti noch ein Bestandteil war oder es wirklich um Skills ging, um Reimtechnik oder um bestimmte Moves oder.. man hat gesucht nach Leuten, die was neues innovatives bringen und eigenständigen Persönlichkeiten, die sich auch charismatisch von dem unterscheiden, von dem, was sonst so passiert. Und heute ist alles so uniformiert, jeder versucht sich anzupassen und HipHop hat eigentlich damit angefangen dass du dich selbst neu definiert hast und einen eigenen Style entwickelt hast, den keiner kopiert. Aber heute kopiert jeder jeden und du kannst irgendwie so viele Rapper auf einen Song klatschen und du kannst sie nicht auseinander halten. Also, weißt du was ich meine?

rap.de: Keiner traut sich mehr irgendwie was?

Toni L: Ja. Und klar, jeder ordnet sich irgendwo unter.


rap.de: Was meinst du, woran liegt das? Warum war es früher anders?

Toni L: Ich meine, das ist vielleicht auch ein Generationenkonflikt. Es ist ja logisch, dass jede Generation auch ihre eigene Welt kreieren will, du willst ja nicht das machen, was dein großer Bruder vorher zelebriert hat, du willst dich dann auch wieder abgrenzen von dem und deine eigene Welt kreieren. Und ich glaube einfach, dass es in erster Linie darum geht, dass viele immer versuchen, es anders zu machen. Und die ältere Generation sagt dann vielleicht: „es ist nicht cool" und dann sagt die Neue: „doch, genau das ist cool", weil die Alte sagt, es ist nicht cool.
rap.de: So rebellisch..

Toni L: Ja! Aber ich denke des geht alles immer in Wellen, und…

rap.de: Glaubst du daran, dass es sich noch mal ändern wird?

Toni L: Ja, es ändert sich immer was. Aber gut, der Mainstream, der HipHop ist jetzt schon so vergewaltigt worden, so wie es mal war, wirds nicht mehr sein.

rap.de: Also, dadurch dass es so krass in die Öffentlichkeit gekommen ist, glaubst du…

Toni L: Ja, da ist zu viel Industrie mit drin, da sind zu viele Manager, da sind zu viele Markenklamotten, es hängt alles mit Geld zusammen. Das Geld regiert auch HipHop und die Leute, denen es schlecht geht, die davon träumen viel Geld zu haben sind jetzt auch der Meinung, dass sie HipHop machen müssen, um reich zu werden. Ich meine diese Illusion und es ist  eine Illusion und wird auch immer eine bleiben. Es gibt nur ganz Wenige, die das überhaupt erreichen können, durch HipHop wirklich viel Geld zu machen. Und ich glaube, wenn das dein erster Gedanke ist, Musik zu machen, um viel Geld zu verdienen, dann ist das schon der erste falsche Gedanke. Weil du musst Musik machen, weil du Musik machen willst. Und wenn du dann dadurch Geld verdienen kannst, ist es Glück und schön für dich und schon ein toller Nebeneffekt. Aber Musik muss Musik sein, die aus dem Herzen kommt und das ist mit jeder Kunstform so. Wenn ich ein Bild male und ich möchte, dass das Bild blau ist und die Leute sagen mir: "wenn du es rosa machst, dann kriegst du 100.000, wenn du es blau machst, kriegst du bloß 10.000" und ich würds jetzt bloß rosa machen, weil ich weiß, dass ich dafür 100.000 bekomme, dann habe ich meine Kunst verraten, verstehste? Und das ist mit der Musik genauso. Und ich sehe dann einfach, dass es nur noch darum geht (ums Geld – Anm. d. Red.) im Endeffekt, und damit kann ich mich nicht identifizieren. Also, man wird immer in eine Schublade gesteckt. Mit Oldschool und Newschool, aber für mich gibts nur Trueschool. So wie Afrika Bambaataa das auch schon sagt. Es gibt die Trueschool und das hat nichts mit dem Alter zu tun, nichts mit Generation zu tun, sondern mit deiner Einstellung. Wenn ich Oldschool sagen würde, hieße das, dass ich mich schon der Newschool verschliessen würde und das stimmt einfach nicht. Ich bin ständig mit den jungen Leuten am Start, auch mit den Älteren, und das hat nichts mit dem Alter zu tun, das ist eine zeitlose Sache. HipHop-Kultur ist mittlerweile weit über 30 Jahre alt und sie ist immer noch eine Jugendkultur aber dennoch sag ich mal, ist es etwas, was von Generation zu Generation weitergegeben wird und wenn du was weitergeben willst, musst du es mit Liebe tun und nicht mit Hass. Wenn du es mit Hass machst, kriegst du den auch zurück. Und deswegen sage ich mir, es ist eine Respektgeschichte und ich habe Respekt für all die Leute da draußen und habe aber trotzdem auch meine Meinung. Und ich bin der Meinung, dass jeder – auch wenn ich nicht mit allen Inhalten einverstanden bin – machen kann was er will, ist doch klar.

rap.de: Noch eine Frage zum Schluss. Gibt’s etwas das du deinen Fans sagen möchtest? Irgendein Statement, was dir am Herzen liegt?

Toni L: Nur danke für die Leute, die uns wirklich immer zur Seite gestanden haben und noch zur Seite stehen, weil ich weiß, dass es nicht einfach ist, du musst viel Persönlichkeit besitzen, um dazu zu stehen. Wenn alle das eine hören und du trotzdem sagst, hey ne, das ist cool. Und dafür sage ich den Leuten danke.



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