Terrence Howard aka Djay

Djay schlägt sich mehr schlecht als recht als Dealer und Zuhälter auf den Straßen von Memphis durch. Er hat die üblichen Probleme mit seinen Frauen, mit denen, die für ihn arbeiten und mit seiner eigenen, die ein Kind von ihm erwartet. So vegetiert er vor sich hin, bis er von einem Junkie ein billiges Keyboard bekommt, der damit seine Schulden bei Djay bezahlen will. Djay fängt an darauf rumzuklimpern und Freestyle-Raps aufzunehmen.
Er träumt von einer Karriere als Rapstar.

Die scheint allerdings sehr weit weg zu sein, erst als er seinen alten Schulkamerad Key trifft, der als Kirchenmusiker arbeitet, und diesen von seinem Traum und seinen Skillz überzeugt, beginnt ein ambitionierter Versuch, durch Rap aus dem Ghetto raus zu kommen und ein neues Leben zu beginnen. Aber die Realität holt ihn schnell wieder ein.

Hustle & Flow heißt der Film, von dem hier die Rede ist und der Hauptdarsteller, der überzeugend dem Pimp Djay gibt, ist Terrence Howard. Geboren in Chicago, kann Howard bereits auf eine beachtliche Schauspielkarriere zurückblicken. Seit Anfang der 90er Jahre hat er in diversen TV-Serien gespielt und bereits über 40 Filme gedreht. Dabei sprangen Rollen in „Dead Presidents“, „Sunset Park“, „The Best Man“, “LA Crash”, “Ray” und natürlich “Hustle & Flow” raus, um hier nur einige zu nennen.

In den letzten zwei Jahren hat seine Karriere noch mal einen kräftigen Schub bekommen, er gewann einige Preise und so ist es dann auch nicht ganz so einfach, mal ein paar Minuten mit ihm für ein Interview zu bekommen. Obwohl er auch in vielen Filmen mitspielte, die sich im HipHop Milieu ansiedeln lassen, ist Howard im Privatleben eher anderen Genres zugeneigt, wie er berichtet. Aber Terrence Howard hat zuletzt mit HipHop-Künstlern wie Ludacris, Outkast und 50 Cent zusammen gespielt und sich so seinen eigenen Eindruck von Rapbiz und einigen seiner Protagonisten machen können.
HipHop aus der Sicht eines Schauspielers, der sich nur in seiner Rolle als Rapper oder Pimp wohlfühlt.

rap.de: Hallo Terrence Howard. Schön, dass es tatsächlich geklappt hat mit dem Interview.

Terrence Howard: Hallo. Eine Frage, ist das Interview für einen Radiosender?

rap.de: Nein, das ist für rap.de, eine Internetplattform für HipHop in Deutschland.

TH: Wirklich? Das ich tatsächlich mal auf einer deutschen HipHop-Webseite lande, ist kaum zu glauben. (lachen)

rap.de: Aber wahr! Ich habe auch noch keinen Schauspieler interviewt, der vorher nicht Musiker war.

TH: Alles klar. Na dann mal los.

rap.de: Fangen wir gleich bei dem Film Hustle & Flow an, der auch zur Zeit in den deutschen Kinos läuft. Es gibt drei Tracks auf dem Soundtrack des Films, die Sie bzw. ihr Filmcharakter Djay, eingespielt haben. Dabei rappen sie meiner Meinung nach erstaunlich gut. Könnte es sein, dass, wenn sie erst mal einen Oskar als Schauspieler gewonnen haben, sie sich voll und ganz auf eine Karriere als Rapper konzentrieren.

TH: (lacht) Oh nein, da hätte ich ja nicht mal die Spur einer Chance. Im Film habe ich gerappt, weil es in meiner Rolle so vorgesehen war. Eigentlich bin ich aber jemand, der auf Gitarren steht. Wenn ich also mal mit der Schauspielerei aufhöre, liegt es wesentlich näher, dass ich den Gibsy Kings beitrete, als Rapper zu werden. (lachen)

rap.de: Ich habe darüber gelesen, dass sie selbst Gitarre und Piano spielen und eher auf Rock oder Folk-Musik stehen.

TH: Das stimmt. Ich kann dir sagen, dass ich extra für Hustle & Flow gelernt habe zu rappen. Das war eine überwältigende Erfahrung für mich, ganz im Ernst. Und aus diesem Grund hätte ich auch auf jeden Fall einen Oskar verdient, denn das war harte Arbeit (lacht). Nein, aber es hat sehr viel Spaß gemacht und ich hatte das Glück mit solch großartigen Musikern wie z.B. Ludacris, Juicy J, DJ Paul von 3-6 Mafia oder Al Kapone zusammenzuarbeiten, die alle aus Memphis kommen, wo der Film ja auch spielt. Die haben mir sehr geholfen.

rap.de: Ich hatte mir eigentlich gedacht, dass ich jetzt endlich mal jemanden interviewe, der den umgekehrten Weg gehen, den z.B. Will Smith gegangen ist. Er wurde von Rapper, von Fresh Prince, zum Schauspielstar und sie versuchen es jetzt einfach mal andersherum.

TH: Vom Schauspieler zu Rapper. Ach nein. Weißt du, mir ist das Musikbusiness, speziell auch das Rapbusiness, viel zu krass. Die Welt der Musiker ist doch ganz schön schwierig. Wenn du denkst, dass es hart ist, ein Schauspieler zu werden, dann sieh dich in der Musikbranche um. Die Top-Musikstars haben schon einen harten Job, allerdings verdienen sie auch dementsprechend. Weißt du was 50 (Cent) allein im letzten Jahr verdient hat? Ein paar hundert Millionen Dollar! So viel verdient kein Schauspieler.

rap.de: Vielleicht jetzt noch nicht, aber das kann ja noch werden.

TH: (lacht) Na ja, aber nicht in nur EINEM Jahr. This Kid (50 Cent) is on fire! Ich möchte trotzdem nicht mit ihm tauschen, denn der Wettbewerb in der Musikbranche ist so groß. Es gibt so viele Leute, die versuchen einen Fuß rein zu bekommen, dass du höllisch aufpassen musst, dass morgen nicht schon alles vorbei ist.  Ich mag die Schauspielwelt, da fühlte ich mich zu Hause. Gerade auch wenn ich die Chance bekomme in so tollen Filmen wie L.A. Crash mitmachen zu können (lief schon bei uns im Kino, sehr empfehlenswert – der Autor). Da hat ja auch ein Rapper mitgespielt, Ludacris, der ja auch in Hustle & Flow vor der Kamera steht. Auch dieser Film, also Hustle & Flow, hat mir sehr viel Spaß gemacht hat. Es um diesen jungen Kerl, der sein Leben ändern möchte und in der Musik einen Ausweg aus dem Ghetto sieht. Er will nicht mehr nur der Pimp sein, sondern das große Geld mit Musik verdienen. Aber anstatt rauszukommen, gerät er immer tiefer auf die schiefe Bahn. Hast du den Film gesehen?

rap.de: Ja, hat mit gut gefallen. Obwohl mich hier und da diese stark überzeichneten Stereotypen etwas genervt haben. Der weiße Hemdling (Dj Qualls) oder die weiße Hure (Taryn Manning), die am Ende sein Business handlet. Das fand ich etwas zu viel.

TH: Du musst einfach nur mal nach Memphis kommen. (lachen)
Aber im Ernst, der Film hat sich auch so entwickelt, weil die meisten Schauspieler, die bei Hustle & Flow mitspielen auch aus der Gegend sind, also wissen, wie es im Süden der USA abgeht. Sie haben alle die gleichen Wurzeln. Und die Rolle von Taryn Manning war ganz speziell so ausgewählt. Taryn ist ein großartige Schauspielerin und sie hat ihre Rolle als Nola ganz bewusst an den Film Taxidriver angelehnt, wo die junge Jodie Foster eine Prostituierte spielt, falls du dich erinnerst?

rap.de: Auf jeden Fall kann ich mich an Taxi Driver und auch an die Rolle von Jodie Foster erinnern…

TH: Vergleiche Mal die Gesichter der beiden Rollen und du wirst eine gewisse Ähnlichkeit entdecken. Zumindest was die Ausstrahlung dieser Charaktere angeht. Das war ganz bewusst so gewählt. Denn bei Hustle & Flow ging es uns in erster Linie darum, Stereotypen zu zerstören. Aber um sie zu zerstören, muss man sie erst mal identifizieren. Dazu habe ich mich in der Vorbereitung auf meine Rolle erst einmal an die Zeit der Blaxploitation Movies zurück erinnert, um herauszufinden, wie sich einige Stereotypen überhaupt entwickelt haben.
In den Blaxploitation Movies wird das ganze Leben dieser Pimps mit all der Gewalt, den Huren und dem ganzen Zeug, total verherrlicht. Wenn du dir Hustle & Flow anschaust, wirst du sicherlich keine Glorifizierung sehen, denn es gibt sie nicht. Dafür war auch gar kein Platz, denn das Leben für diese Leute ist schwierig genug. Trotzdem haben sie Hoffung. Hoffnung auf ein besseres Leben, raus aus ihrer Nachbarschaft. Und das wollen wir mit diesem Film zeigen. Wir wollen die Leute dazu ermutigen, dass sie es schaffen können. Aber das geht, wie so oft, nur mit harter Arbeit.

 

Lass mich noch ein Beispiel erwähnen. Warum sage ich so oft „Nigga“ in dem Film? Das stand überhaupt nicht im Drehbuch. Aber nachdem ich über zwei Jahre in der Gegend in und um Memphis verbracht habe und zwar genau in den Communities, die auch im Film dargestellt werden, musste ich das ins Drehbuch aufnehmen. Denn das Wort „Nigga“ wird dort in nahezu jedem Satz gebraucht. Deshalb ist es nicht einfach nur ein Stereotyp. Ich bin der letzte Mensch auf dieser Erde, der Stereotypen darstellen will. Es ging eher darum, Stereotypen zu identifizieren und dann zu dokumentieren, wie das Leben dort tatsächlich aussieht. Wir haben also nicht einfach das Wort „Nigga“ gebraucht, weil viele denken, dass es cool ist, dieses Wort zu sagen, sondern, weil es dem wahren Leben in Memphis in dieser sozialen Schicht entspricht.

rap.de: Sie scheinen sich sehr akribisch auf ihrer Rollen vorzubereiten und tauchen tief ein in die Charaktere. Wie lange bleibt das nach den Filmen noch hängen? Sie haben ja in der Zwischenzeit schon wieder an mindestens fünf neuen Projekten gearbeitet. Kann man einfach den Schalter umlegen und schon kommt der nächste Film, die nächste Rolle, der nächste Charakter?

TH: Ganz so einfach ist es natürlich nicht umzuschalten, denn man nimmt teilweise schon gewisse Gewohnheiten an. Es war zum Beispiel schwierig für mich, den Südstaatenakzent abzulegen. Allerdings ging es sehr schnell, nicht mehr wie der Pimp Djay zu denken. (lachen)
Aber auch wenn ich versuche, meine Rollen so überzeugend und realistisch wie möglich zu spielen, vergesse ich dabei nie, dass es auch nur Rollen sind. Am Ende eines Tages bin ich wieder ich selbst. Ich habe immer ein Ziel vor Augen, wo ich meine Charaktere hinführen möchte. Bei Djay brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen. Ich habe ihn zu einem Punkt gebracht, wo er ins Studio gehen kann, um Musik aufzunehmen. Er hat nun die Möglichkeit dazu, die Tür steht offen. Ob er durchgeht oder nicht, liegt letztlich an ihm, an all den anderen Djay-Typen da draußen in der Welt.

rap.de: Aber es hilft doch sicherlich, sich von einer Rolle zu lösen, wenn schnell die nächste folgt?

TH: Sicher. Am 9.August 2005 war Hustle & Flow abgedreht und schon zwei Tage später stand ich am Set von My Life In Idlewild zusammen mit Outkast, wo ich einen Bootlegger in den 1930er Jahren spiele. Das ist das schöne am Schauspielern, dieser schnelle Wechsel.


rap.de: Von My Life In Idlewild habe ich schon gehört, er kommt ja erst im Januar in den USA in die Kinos, d.h. wir hier müssen noch eine Weile darauf warten. Ich habe gelesen, dass sie Andre 3000 als den Jimmy Hendrix unserer Zeit beschrieben haben. Wie ist das genau zu verstehen? Was macht ihn ihrer Meinung nach so besonders?

TH: Er ist großartig, als Künstler und als Mensch. Es macht einfach sehr viel Spaß, ihn um sich zu haben. Er hat so eine sehr natürlich Art, die ihm gerade beim Schauspielen zu gute kommt. Es hat wirklich Spaß gemacht, ihm bei der Arbeit zuzugucken. Aber er ist auch als Musiker etwas Besonderes. Ich bin ein großer Fan von ihm. Ich glaube, wir können uns einfach glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, wo es solch großartige Talente gibt, die auch noch die Chance bekommen haben, es uns zu zeigen.


rap.de:
Sie spielen ja auch eine Rolle in dem Film
Get Rich Or Die Trying, an der Seite von 50 Cent, der im Januar in die deutschen Kinos kommt. Sie haben in einem Interview gesagt, dass sie selten eine solche Arbeitsmoral bei jemandem erlebt haben, wie bei ihm.

TH: Also das ist wirklich unglaublich, was 50 für ein Pensum an den Tag gelegt hat. Wir haben ca. 14 Stunden im Schnitt am Tag gedreht und in den Pausen ist er immer sofort in sein fahrbares Studio gegangen und hat an Tracks gearbeitet.
Aber es ist auch beeindruckend, was er für ein Bild von sich darstellt, oder besser gesagt, was er aus sich gemacht hat. Denn die Person, die ich kennengelernt habe, war Curtis Jackson, bügerlicher Name von 50 Cent, einen der wahrscheinlich nettesten Typen auf diesem Planeten. Aber du packst ihn in eine gefährlich Nachbarschaft wie die, die auch im Film dargestellt wird und er benimmt sich als wäre er in Saigon. Es kann alles super und schön sein, aber die Situation kann auch leicht kippen und dann ist er sofort wieder in „battle mode“.
Das ist unglücklicherweise das Resultat aus der Umgebung, wo er aufgewachsen ist. Genau das wollen die Leute ja auch in seiner Musik hören, aber ich schaue darüber hinaus und überlege, was er wohl in Zehn Jahren für Musik machen wird, wie seine Botschaften aussehen, wenn das ganze Drama, all die Erinnerungen an dieses „Schlachtfeld“ ein wenig weiter weg sind. Er hat soviel Potential, soviel positive Energie, dass der Zeitpunkt sicherlich kommen wird, wo er das Positive in seinen Botschaften in den Vordergrund stellt.

rap.de: Zum Abschluss noch eine Frage, die ihre Zukunft als Schauspieler betrifft. Schon ihre Großmutter war Schauspielerin, allerdings ausschließlich am Theater. Wie sieht das mit ihnen aus? Sie haben inzwischen so viele Filme gedreht: Haben du Pläne, auch mal am Theater zu spielen?

TH: Oh ja, ich möchte gerne in Europa Theater spielen.

rap.de: Warum gerade hier?

TH: Weil sich in Europa, in meinen Augen, die moderne Art des Theaters am Besten entwickelt hat. Die Vorstellung, z.B. in einem der großen Londoner Theater zu spielen, in einem tollen Stück, ist großartig und würde mir viel Spaß machen. Außerdem würde sicherlich auch das Herz von meiner Mutter höher schlagen, wenn sich diese Chance ergeben würde. Ohne das Theater gäbe es uns ja auch gar nicht. Es ist die Geburtsstätte der Schauspielerei. Es geht mir auch darum, diese Kultur näher kennenlernen und auch die Arbeit mit den Theaterregisseuren in Europa, die sicherlich ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen haben. Ich bin mir sicher, dass ich da als Schauspieler noch sehr viel lernen könnte.

rap.de: Vielen Dank für das Interview.

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