Spax

Der Eine oder Andere mag sich ja jetzt fragen, welchen speziellen Grund es gibt, ausgerechnet ein Feature über Spax zu bringen, wo doch momentan so viel anderes los ist im deutschen HipHop. Die Platte "Privat" ist lange draußen (wer sie noch nicht kennt, darf an dieser Stelle gepflegt erröten), eine neue ist gerade noch nicht in Sicht, und eigentlich gäb´s da ein bis zwei andere Bands, die gerade viel mehr Wirbel verursachen. Mag ja alles sein. Aber Wirbel ist leider nicht unbedingt ein Qualitätsprädikat, und weil auch immer mal wieder daran erinnert werden soll, daß es so etwas wie beständige Qualität ohne Medienzauber und Chartshype gibt, ist ein Interview mit Spax längst überfällig und ganz davon abgesehen nie verkehrt.

Es ist schwierig, einen deutschen HipHop Act zu finden, der vergleichbar lange am Start ist und nicht an Niveau verloren, sondern – im Gegenteil – noch dazugewonnen hat. Mögen sich auch die Geister scheiden, Spax ist der ungekrönte König des Freestyle und Mirko genau sein Mann Für den Interviewer ergibt sich daraus das Problem, daß Spax auch abseits der Bühne nicht auf den Mund gefallen ist und wie ein Buch redet. Dabei ist alles, was er sagt, interessant und für das Verständnis der Person Spax auch wichtig. Warum also nicht auch mal das Informationsvolumen der werten Leserschaft testen? So stop, look and read, that guy´s got definitely something to say! Seite laden lassen, offline gehen und entspannt lesen…

Die Anfänge: 
"Wir kannten uns schon eine Weile vom sehen, aber definitiv getroffen haben wir uns zum ersten Mal, als Mirko mit MC Rene im Studio war, und ich über 100 Ecken dazustieß um einen Gastrap zu machen. Rene gefiel das alles und deshalb wollte er mich als quasi festen Co-Rapper haben. Das haben wir dann auch gemacht, und so waren wir erstmal eine ganze Weile unterwegs. Irgendwann wollte Rene etwas pausieren, mal was anderes machen, aber Mirko und ich hatten darauf keinen Bock. Zum einen, weil wir auf pausieren keine Lust hatten, und zum anderen, weil wir auch wußten, daß wir uns das gar nicht leisten können. Ich hatte von vornherein versucht, nur vom rappen zu leben, und so war eine Pause für mich definitiv einfach nicht drin. Ich hatte gerade bei Motor gesignt, meine erste Single war draußen und da wollten wir’s einfach weiter zusammen durchziehen."

Das Verhältnis zu Mirko Machine: 
"Zuerst war’s natürlich eine Art Zweckgemeinschaft, aber im Laufe der Zeit sind wir mehr und mehr Freunde geworden. Vor allem nachdem dann das Album draußen war und ich für mich ein Kapitel so abgeschlossen habe, wie ich es gerne wollte, sind alle Zwistigkeiten – auch die unterschwelligen – beigelegt. Wir machen jetzt genau das, was wir immer machen wollten. Das Vertrauen zueinander ist immer mehr gewachsen, und der Weg, den ich gehen will, ist im Prinzip der gleiche, den er gehen will. Was uns beide verbindet, ist eine gewisse Kompromißlosigkeit, denn wenn wir auf eine Sache keinen Bock haben, dann machen wir sie halt nicht, egal ob uns das angeblich einen Nachteil bringt. Wir diskutieren über Uneinigkeiten, schauen wo wir den gemeinsamen Nenner finden und was das für Konsequenzen hat. Wir leben inzwischen beide nur noch vom HipHop und sind deshalb auch viel zusammen. Wir verbringen zwar unsere Freizeit nicht miteinander, aber da wir immer unterwegs sind, sehen wir uns eigentlich ständig. Kriegen wir kein Konzert gebucht, dann buchen wir uns halt selber eins, und wenn wir mal nicht unterwegs sind, dann telefonieren wir jeden Tag und machen überhaupt irgendwelche komischen Sachen (Gelächter)."

Deutscher HipHop:
" Ein Jazzmusiker hat mal gesagt: ‚Style is a state of mind‘ und ich glaube, daß Underground ein state of mind ist. Es wird immer gesagt daß HipHop Ghettomusik sei und deshalb in Deutschland eigentlich kein HipHop existieren könne. Aber es gibt ja unterschiedliche Weisen, HipHop zu hören. Und da gibt es dann eben – gerade im mainstreamiger orientierten Bereich – Leute, die sehr poppige Sachen machen, die eben sehr auf Spaß bedacht sind. Das ist im Endeffekt auch genau der HipHop-Anspruch, den wir aus Amerika kennen. Und wenn ich nun auf der Bühne stehe und rappe, dann habe ICH eben den Ghettogedanken im Kopf. Nicht in dem Sinne, daß ich aus ´ner Scheißgegend komme und nichts habe, sondern der Ghettogedanke im HipHop bedeutet für mich, aus weniger mehr zu machen, das Beste rauszuholen. Oft wird dann diese Frage gestellt, was der Unterschied zwischen uns und anderen Bands ist, bzw., was das Besondere an uns ist, und das Besondere ist wohl, – nicht für uns aber im Vergleich zu vielen anderen – daß wir eine traditionelle Sache machen. Wir machen keine besondere Show, das haben Parliament das letzte Mal gemacht, als sie mit dem UFO auf der Bühne gelandet sind. Wir sind nur ein DJ, ein MC, die Turntables, das Mikro und die Beats. Und wir wissen, daß wir unsere Sache können, und daß wir ein Publikum haben, ein Publikum das wir unterhalten aber auch fordern. Das ist vielleicht auch ein Unterschied im Vergleich zu mainstreamigeren Bands: Wir füttern unser Publikum nicht nur. Nichts ist schlimmer als ein Publikum, das von mir quasi das abspielen meiner Nummern erwartet, so wie sie auf der Platte sind."

Der deutschsprachige Raum: 
" Als ich anfing, war zuerst der Wunsch da, alleine mit dem DJ auf der Bühne zu stehen und zu rappen, dann eine Platte zu machen, ins Studio zu gehen, und irgendwann war natürlich auch der Wunsch da, nach Amerika zu gehen. Seit ich aber letztes Jahr in Amerika war und dort meine Platte gemischt habe, ist das, was ich mir gewünscht habe, eigentlich in Erfüllung gegangen. Nicht, daß es nicht noch mehr gibt, was ich mir wünschen würde, aber ich bin jetzt extrem entspannt. Und Deutschland wird mir nicht zu klein, vor allem weil sich die Situation hier auch ändert. Die ganze Musikmaschinerie verändert sich dahingehend, daß die Sachen einfach qualitativ besser werden. Die Leute wollen keine 08/15- Schnellkostmusik, sondern stellen höhere Ansprüche. Der Zwang, Spaß machen zu müssen ist auch weniger geworden, und es sind auch immer mehr Stücke in den Charts, die einfach was zu sagen haben. Zieht man das auch noch in Betracht, dann hat man mit der ganzen Geschichte hierzulande eh viel genug zu tun. In Amerika interessieren sich die Leute in der Musikszene auch nicht so sehr füreinander. Als ich in NY war, meinte ich z.B. einmal: ‚naja, und KRS macht ja jetzt in Jersey seinen HipHop Temple auf.‘ Die Reaktion war: ‚Hä? Ach, wirklich?‘ und ich konnte es einfach nicht fassen! Die wußten das nicht! In Amerika ist das Interesse nicht so groß, die Leute leben HipHop ganz anders. Und was soll ich dann da. In Deutschland wächst die Gegenseitigkeit und da fühle ich mich wohl. Und die Sprache ist natürlich auch ein Grund."

HipHop als Lebensform:
" Es gab mal eine zeitlang ziemlich viele Diskussionen über Realness im HipHop: Was ist Mainstream, was Underground, Sellout und der ganzen Kram, und egal wo und wann du Leute gefragt hast, haben alle gesagt: ‚Ey, ich leb das, HipHop ist mein Leben!‘ Meine Theorie mittlerweile ist, wenn ich HipHop wirklich leben will, muß ich immer wieder auch Kompromisse schließen. Klar, daß ich meine Sache so kompromißlos durchziehe, wie’s eben geht, und einen Kompromiß einzugehen heißt ja auch nicht, daß ich etwas mache, was ich eigentlich gar nicht mag. Wenn ich nebenbei arbeite, dann habe ich viel mehr Möglichkeiten auszuweichen. Ich kann sagen, daß ich z.B. auf dieses und jenes Konzert jetzt keinen Bock habe, oder daß hier meine Gage zu gering ist, oder so. Die Gewissensfrage wird mir nie gestellt, denn ich verdiene ja mein Geld mit was anderem. Für uns ist die Frage immer, welche Auswirkungen das Ganze hat. Wenn wir im Vorprogramm einer bekannten Band spielen sollen, auf die wir eigentlich keinen Bock habe, und wir dazu noch wenig Gage bekommen, dann überlegen wir uns, ob wir dadurch nicht einfach die Möglichkeit bekommen, unsere Sache vor einem neuen Publikum zu präsentieren. Ich war auch bei Viva, bei Tobi Schlegel. Daraufhin haben Leute bei mir angerufen oder mir gemailt, warum ich das gemacht hätte, wo ich Tobi doch in ‚Popschutz‘ gedisst hätte, ich sei deshalb nicht ‚real‘.

Meine Antwort darauf: Wenn ein Typ mich in seine Sendung lädt, obwohl er genau weiß, daß ich mit dem, was er macht, Probleme habe und zu mir nett ist, warum sollte ich dann zu ihm scheiße sein? Und warum sollte ich nicht hingehen, wenn er mir Raum gibt in seiner Sendung, die einfach von vielen Leuten angeschaut wird. Ich kann mich dort präsentieren, meinetwegen ‚Popschutz‘ rappen und mein Ding machen. Dort werde ich einem Publikum zugeführt, das meine Plattenfirma durch Promotion nicht erreicht, da ich z.B. nicht radiotauglich bin. Ich verbiege mich ja nicht, nur weil ich jetzt auf Viva gesendet werde, ich mache ja trotzdem meine Sache.

Es ist ganz simpel so: In dem Moment, wo ich Musik mache, und diese Musik Leuten präsentieren will, muß ich mich verkaufen, alles andere ist Schwachsinn. Dann müßte es kostenlos sein, eine Platte zu machen, eine Halle zu mieten etc., keiner dürfte auch nur eine Mark verdienen. Wer von sich behauptet, Musik zu machen ohne sich zu verkaufen, der hat sich und die Sache nicht genug reflektiert. Denn dann müßte es reichen, irgendeinen Job zu machen, und zu Hause im Kämmerlein auf Tape seine Beats zu ziehen und sich zu freuen. Aber schon in dem Moment, wo du dieses Tape jemandem in die Hand gibst, verkaufst du dich, und sei’s nur für ein gutes Wort, daß dir jemand sagt: ‚ja, das ist cool!‘."

Die Texte:
"Die Leute sagen immer: ‚Ihr Rapper redet ja nur immer über das Gleiche, immer nur über Rap.‘ Das ist es aber, was Rap eben ist, daß ich sage wie geil ich bin, wie gut ich rappen kann, wie cool mein DJ ist, oder meine Jungs. Wenn jetzt irgendein Ami rappt, daß er gerade in seinem Apartment sitzt in der bla-Avenue und jetzt runtergeht und seinen Homie Jack und seinen Nigger John und seinen Kioskbesitzer Big Snack trifft, dann ich sitze da und sage: ‚Ja Mann! Geh runter, und triff deinen Homie Jack und deinen Nigger John und deinen Kioskbesitzer Big Snack! Cool, Mann!‘ Und ich sage das, weil der Rap gut ist, weil der Flow stimmt, weil ich meine Szenerien im Kopf habe. Wenn der Typ sagt: "Cool, Mann! Ich bin der geilste!", dann sage ich: "Ja! Du bist der geilste!", weil das ist einfach das Ding beim Rap. Ich habe Tausende von Rapplatten zu Hause, und da erzählt jeder das Gleiche, aber das ist okay! Es geht mir total auf den Sack in Deutschland, daß jeder immer sagt, man solle doch mal über was anderes rappen. Aber worüber denn? Da war einer beim Zahnarzt, und die erste Reaktion ist: ‚mach doch mal einen Song drüber!‘ Die Leute verstehen’s einfach nicht. Da mache ich einen Song wie ‚Ihr seid alle wack!‘ und die Reaktion ist, daß sich die Leute voll angesprochen fühlen und es oberkrass finden. Das würde mir niemals in den Sinn kommen! Als Public Enemy Songs rausgebracht haben, wo’s hieß ‚the white man is a devil‘, da bin ich auch nicht dagesessen und habe mir gedacht: ‚find ich ja jetzt schon irgendwie scheiße… ich bin doch gar kein Teufel..‘, sondern ich bin dagesessen und habe gedacht: ‚Genau! Der weiße Mann ist ein Teufel!‘, weil ich ja auch genau wußte, wen oder was er meint! Ich kann ja einen Bezug herstellen. Allerdings wird das auch in Deutschland inzwischen schon besser, gottseidank. Ein Lied wie "Liebeslied" könnte sonst ja gar nicht laufen. Die Tür scheint aufgegangen zu sein, und das merkt man daran, daß sich immer mehr Bands trauen, zu posen und Ansagen zu machen. Das Problem ist, das Leute immer glauben, sie können sich erst dann was erlauben, wenn sie was erreicht haben. Unsere Meinung ist, daß man die eigene Position ganz alleine bestimmt, denn das, was man macht, ist die eigene Position. Ich sage dann eben, daß das mein Rap, meine Musik ist und wer sie nicht gut findet, der soll eben gehen. Man sollte sich die eigene Position nicht zuteilen lassen von irgendwelchen Außenstehenden. Denn dann ist man von diesen Leuten abhängig. Wir stellen unsere Sachen selber in Frage und das ist das Wichtigste."

Projekte:
"Ich habe gerade einen eigenen Verlag gegründet, auf dem die erste Single von meinen Jungs MB1000 rausgekommen ist. Sie kommen wie ich aus Hannover und wir sind gerade gemeinsam auf Tour. Wir haben sehr lange an der ganzen Sache gefeilt, aber es ist gut, ich glaube daran, und die Resonanz bestätigt das. Im April oder Mai kommt dann die erste EP von MB1000, auch auf meinem Verlag. Ebenfalls im April kommt auf Motor eine Payday Mix-CD von Mirko mit einem Track von Mirko und mir, der auch als Single ausgekoppelt wird. Dann kommt ein Mastermix von Mirko Machine, ein Oldschool-Mix und im Juni kommt die erste Auskopplung von meinem neuen Album, das eventuell im Oktober erscheinen wird." Daß Spax und Mirko ein echter Glücksfall in der zwar vielfältigen, aber bisweilen auch ziemlich undefinierten HipHop-Szene Deutschlands sind, sollte spätestens an dieser Stelle klar sein. Wer noch nicht das Vergnügen hatte, die beiden live zu erleben, sollte das unbedingt nachholen oder den Livecheck vom Konzert mit MB1000 in Potsdam lesen. Mehr zu MB1000 gibt’s auch in unserem Feature. Und wer bis hierher durchgehalten hat, bekommt vom Meister noch einen einminütigen Freestyle gekickt! (RealAudio G2) Warp-Antrieb quasi. Und zwar in jeder Hinsicht!

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