Lotte Ohm und Sven Franzisko

Die Verbindung von Pop und Computerspielen ist ja nicht ganz neu. Spätestens seit der zweite Teil von "Wipeout" mit einem fetten Prodigy-Soundtrack aufwarten konnte, war klar, daß hier zusammenwächst, was zusammengehört. Seitdem werden die Spiele-Soundtracks immer besser und auch wichtiger. Naturgemäß ist dieses Feld aber eher den maschinennahen Techno-Sounds vorbehalten, HipHop hat mit Spielen bisher wenig zu tun gehabt. Da war es schon überraschend, daß der "schreckliche" Ex- Fischmob Sven Franzisko zusammen mit Singer/Songwriter Lotte Ohm ("Das Ohm’sche Gesetz") jetzt den Titeltrack "Hinter diesen Mauern" für den zweiten Teil vom Spieleklassiker "Dungeon Keeper" aufgenommen und es damit sogar noch in die Charts geschafft hat. Inmitten der flackernd-bunten Entertainment-Hölle der IFA ’99 haben wir mit den beiden über ihre Zusammenarbeit, das Zusammenwachsen von Spielen und Musik und den grundsätzlichen Vorteil der Playstation gesprochen…

Also: Wie ist es zu "Hinter diesen Mauern" gekommen?
 

Lotte: "Es war eigentlich ein ganz lustiger Zufall. Ich habe in einem Plattenladen einen Typ von Electronic Arts (dem Hersteller des Spiels, Anm. d. Red.) getroffen und Großer Auftritt für Dungeon Keeper 2 – IFA ’99 in Berlin ihn erstmal gefragt, ob er mich mit Freiexemplaren von Spielen bemustern kann. Das habe ich dann so meinem Manager erzählt und der hatte gleich die Idee, den zu fragen, ob Electronic Arts nicht für ein neues Spiel Musik braucht. Dann habe ich da in der Produktionsabteilung angerufen und gefragt, ob die gerade was neues machen. Es hieß ja, ‚Dungeon Keeper‚ ist gerade in der Produktion, da gibt es auch noch keine Musik dafür, macht doch einfach mal was. Ich habe gleich an Sven gedacht, weil er ein großer Fantasy- und Rollenspiel-Freak ist, und ihn einfach mal angerufen. Er war auch sofort Feuer und Flamme für die Sache. Wir haben den Song dann einfach mal ins Blaue hinein gemacht und ihn Electronic Arts angeboten.

 Die fanden es tatsächlich gut und haben den Track genommen."
Wie seid ihr da herangegangen, einen Song mit so einem ganz bestimmten Zweck zu machen?

Lotte: "Sonst schreibst du ja immer so aus dem Bauch heraus die Sachen, die dich gerade interessieren, und es war daher sehr interessant, auf ein vorgegebenes Thema hin zu arbeiten. Gerade beim Text war das sehr spannend. Es war klar, daß es düster sein muß, aber auch nicht zu bedrohlich und vor allem, daß auch Humor drin sein muß. Es ist dann eigentlich ein typischer HipHop-Text geworden, mit vielen Disses und ‚ich bin der Größte‘. Das Ganze natürlich übertragen auf das Genre, mit den genretypischen Sprüchen wie ‚meine Imps geh’n zuhauf ab, weil ich’s drauf hab‘ (Anm. d. Red.: Imps sind kleine häßliche Figuren aus dem Spiel). Wir haben uns eine Woche bei mir im Studio eingeschlossen und nebenbei auch dauernd Playsation gespielt. Sven hatte ein paar Platten mit Samples dabei, ich habe mir vorher auch schon ein paar Klassikmotive und Operngesänge rausgesucht, die typischen düsteren Sachen. "
Aber du bist selber nicht so der wirkliche Spielefreak?

Lotte: "Eigentlich ist das eher Svens Sache…" Sven: "…nee, er spielt schon mehr als ich, aber ich spiele besser als er!"
Lotte: "Ja, ich spiel schon mal gerne so mit der Playstation."


Wieso nur Playstation? Bist du im Studio Mac-User?

Lotte: "Nein, ich hab im Studio einen Atari, da bin ich Traditionalist. Bei der Playstation hast du den Vorteil, daß du es getrennt hast. Der Atari ist mein Arbeitsinstrument. Die Playstation steht im Wohnzimmer und ist an den Fernseher angeschlossen, du sitzt auf’m Sofa und nicht vor so ’nem Kasten und tippst auf ’ner blöden Tastatur. Ich finde, die Playstation ist von der Grafik her logischerweise nicht so gut wie ein PC, klar, aber es gibt mehr Freizeitfeeling her. Als ich früher auf dem Atari gespielt habe, Tetris bis Indiana Jones und diesen ganzen Quatsch, den es für den Atari gibt, hatte ich immer das Gefühl, ich sitze jetzt im Studio und muß eigentlich arbeiten. An der Playstation sitze ich halt auf’m Sofa und spiele, da arbeite ich nicht, fertig."
Sven: "Ich spiele auch Playstation. Ich hab aber auch einen PowerMac zuhause, mit dem ich ‚Starcraft‚ spiele und ein paar andere Echtzeit-Strategie Sachen. ‚Starcraft‚ spiele ich gerne vernetzt mit anderen Leuten, ‚Warcraft‘ natürlich auch, aber ‚Starcraft‚ ist einfach einen Schritt weiter. Ich mag das Fantasy- Genre lieber, deswegen spiele ich auch noch sehr gerne ‚Warcraft‚."
Habt ihr Angst, daß die schnelle technische Entwicklung vom PC die Playstation-User abhängt und die coolen Spiele nur noch für PC entwickelt werden?

Lotte: "Nö, nächstes Jahr kommt ja die Playstation 2, und nach allem, was ich gesehen habe, haut die echt alles weg. Außerdem ist es ja ein Spielzeug, und bei vielen Hardcore-Gamern finde ich es echt erschreckend, daß die teilweise 4000- 5000 Mark investieren, nur um zu spielen. Die 200 Mark für eine Playstation sind dagegen echt läppisch. Die Spiele kosten das gleich, von daher geht das."

Was sind eure Favoriten bei den Playstation- Spielen?

Lotte: "Es sind tatsächlich die Rollenspiele, also die sogenannten Rollenspiele, es sind ja keine Rollenspiele im eigentlichen Sinn. Ich meine so Geschichten wie ‚Final Fantasy‘ oder ‚Breath of Fire‘, wo du wirklich einen Charakter entwickelst und monatelang ein Spiel spielen kannst und doch immer wieder neue Sachen passieren."
Sven: "’Gran Tourismo‘ ist natürlich ’ne ganz große Nummer. Als es rausgekommen ist, habe ich mir schon komplett alle Autos und alle Lizenzen erspielt. Ich bin gerade wieder dabei, ein bißchen zu trainieren, weil es kommt ja im Dezember Teil 2 raus. Ich mach jetzt noch mal alle Lizenzen in Gold, ich habe natürlich schon alle, aber nur in Silber. Ich mach jetzt noch mal alle in Gold… nur damit ich schon mal so auf der Hut bin, weil mit ein paar guten Freunden maile ich immer Highscores und schnellste Zeiten hin und her, dafür brauch ich schon mal ein bißchen Vorsprung. Sonst spiele ich viel ‚Tekken 3‘, obwohl mir ‚Tekken 2‘ eigentlich besser gefällt, denn es ist ein bißchen reduzierter. Aber ‚Tekken 3‘ ist interessant wegen dieser Sidesteps. Das konnte bei ‚Tekken 2‘ ja Jun auch schon. Ein bißchen schade ist, daß Bruce Irvin bei ‚Tekken 3‘ nicht mehr dabei ist, aber ich habe gehört, daß er bei ‚Tekken 4‘ wieder dabei sein soll."

Es gibt ja seit einigen Jahren schon die Entwicklung hin zu echten Soundtracks für Computerspiele. Ist das schon ein neuer Markt für Musiker?

Lotte: "Ich denke schon. Es ist ja auch eine logische Entwicklung, weil Popmusik eben zur gleichen Jugendkultur gehört, wie die Spiele. Es paßt auch logisch zusammen."
Wenn man sich an die enorm nervigen 4-taktigen Loops der ersten Games erinnert, sind die Soundtracks auf jeden Fall besser geworden…

Lotte: "…ja, die typischen C-64 Sounds… Ich denke, daß es auch immer wichtiger für die Spiele wird, daß gute Musik dabei ist. Gerade bei Rennspielen macht die Musik viel aus. Wenn du die Musik ausschaltest, ist es nur noch halb so spannend."
Macht es Sinn, einen Song mit einem Spiel zu promoten?

Lotte: "Klar. Bei meiner Platttenfirma sind alle ausgeflippt, als sie das gehört haben und sind vor Begeisterung auf den Tischen getanzt, weil es natürlich für die auch ideales Cross-Marketing ist, wie man in der Branche so sagt. Du hast da halt die ganzen Leute, die ‚Dungeon Keeper‘ kaufen, das sind mittlerweile wohl so 100.000, da sind bestimmt auch einige dabei, die uns durch das Spiel erst kennenlernen. Umgekehrt lernen unsere Hörer durch die Single das Spiel kennen, da wäscht eine Hand die andere. Daß die Single so gut in die Charts gegangen ist, schreibe ich wesentlich auch dem Spiel zu. Ein Ding ist auch, daß die Kids heute vor der Wahl stehen, kaufe ich jetzt ein Spiel oder zehn Singles, da ist es oft sicher eher so, daß sie sich das Spiel kaufen. Ich würd‘ mir ja immer die Platten kaufen, aber man hat halt beim Spiel das Gefühl, daß man mehr geboten bekommt. Du hast Bild du hast Sound, du hast Action."
Macht man sich als Künstler nicht total von der Qualität des Spiels abhängig? Es ist doch wie bei einem Film-Soundtrack: Wenn der Streifen Müll ist, färbt das auch auf die Musik ab.

Lotte: "Sicher. Bei uns war der Vorteil, daß es schon ‚Dungeon Keeper 1‘ gab, was ich auch klasse fand. Da war klar, daß der Nachfolger noch besser wird. Uns wurden auch schon früh Demosequenzen auf Video geschickt, das war sehr überzeugend, und uns war klar, daß wir da nicht auf’s falsche Pferd gesetzt hatten."
Was sind eure musikalischen Zukunftsprojekte?

Lotte: "Ab Mitte Oktober bin ich in Hamburg im Studio, bei Super Mario im Container zum abmischen. Das Album dürfte dann so im Frühjahr kommen, vorher kommt noch eine Single. Mein Album heißt ’17°‘, da wird auch eine komplett andere Version von ‚Hinter diesen Mauern‘ drauf sein. Wenn wir unsere Solo- Sachen durchhaben, werden wir bestimmt wieder was zusammen machen. Das wird aber sicher etwas ganz anderes. Wir hattten viel Spaß bei der Zusammenarbeit und sind auch auf der gleichen Wellenlänge." Sven: "Gerade habe ich eine Instrumental TripHop-LP so als Seiten- oder Nebenprojekt gemacht (‚Sven die Gondeln Trauer tragen, ab dieser Woche zu haben, Anm. d. Red.). Ich schreibe jetzt wieder Stücke und bin ab November im Studio und mache Rap-Stücke, mit kompletter Band diesmal."

Wer ist da dabei?

Sven: "Das steht erst seit einer Woche fest und wir möchten erst mal Nägel mit Köpfen machen, bevor wir herumposaunen, daß wir jetzt eine Band sind. Dazu wird aber rechtzeitig etwas stehen auf meiner Homepage mikolajewicz.de, da sind auch ein paar Fotos vom Videodreh drin." Lotte: "Genau, und checkt auch mal meine Seite wea.de/lotteohm !" Und wenn ihr ganz, ganz viel Zeit habt, zieht Euch mal "Dungeon Keeper 2" rein, aber nur dann…

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