Toni-L

Toni-L, vom “Koch“ zum “Paten“ zum “Funkjoker“. Der Heidelberger MC mit italienischer Abstammung hat bereits einen weiten Weg in seiner Karriere zurückgelegt und in den Jahren auch mehrere Wandlungen seines a.k.a.´s schadlos überstanden. Angefangen bei “Advanced Chemistry“ Ende der Achtziger Jahre, hat er die Entwicklung des deutschsprachigen HipHop mitgeprägt; auch wenn die Meinungen über Ansichten und Interpretation dieser Kultur, die von A.C. damals formuliert wurden, nicht von Jedermann (und -frau) akzeptiert wurden, so gaben sie Anlass dazu, sich eingängiger mit der HipHop-Kultur zu beschäftigen und diese hierzulande weiterzuentwickeln. Heute, 2002, vollendet Toni seinen Wandel vom “Paten“ zum “Funkjoker“ mit dem Erscheinen seines aktuellen Albums “Der Funkjoker“. Der “Pate“ hat seinen inneren Frieden gefunden, nun ist die Zeit des “Jokers“ gekommen. Der Auslöser, der für diesen Wandel verantwortlich ist, muss nicht lange gesucht werden: der Funk! HipHop ist sein Leben und Rap seine Berufung, sagt er selbst. Wie das im Detail aussieht, und wie er den Lauf seiner Karriere sieht, verriet er uns in dem folgenden Interview.

rap.de: Die neuen Star-Wars-Filme sind draußen, wann hören wir wieder was von Advanced Chemistry?

Toni-L: Von A.C. hörst du ja gerade was, zumindest von einem Teil, nämlich von Toni-L… Alles Weitere wird Überraschung sein, wie wir das immer getan haben, dass wir eben dann zurückkommen, wenn keiner damit rechnet.
rap.de: Von dir und Torch kriegt man ja so einiges mit, ihr seid ja auch in den Medien relativ präsent. Was treibt Linguist denn so?

Toni-L: Der reist in der Weltgeschichte rum und folgt seiner akademischen Laufbahn. Mittlerweile ist er wieder da und… ähh… keine Ahnung.
rap.de: Angeblich soll er ja längere Zeit in Australien gewesen sein.

Toni-L.: Wanuatu, Australien, England, Schweiz, überall. Er klappert alle interessanten Stationen ab.

 

rap.de: Gee One und DJ Mike MD waren ja auch Mitglieder bei A.C. An welchen Projekten waren die Beiden eigentlich beteiligt?

Toni-L.: Gut, du redest jetzt natürlich von der Steinzeit, das weißt du. Advanced Chemistry wurde 1987 gegründet. Das kannst du dir gerade ´mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir haben schon fünf Jahre als Gruppe existiert, bevor wir mit ‚Fremd im eigenen Land’ einen Tonträger auf den Markt gebracht haben. Die Gründungsmitglieder waren damals Torch, Linguist, DJ Mike MD, Gee One und Toni-L. Gee One ist ein begnadeter Graffiti-Writer und Tänzer, der sich irgendwann darauf konzentriert hat. DJ Mike MD hat sich auch mit anderen Projekten befasst. Im Endeffekt waren Torch, Linguist und Toni-L dann der Kern, mit dem dann eben auch die Platte gemacht wurde.


rap.de: Da du gerade von der Platte gesprochen hast; warum hat A.C. eigentlich nie ein am Stück entstandenes Album rausgebracht?

Toni-L.: Du wühlst jetzt echt in der Geschichte ´rum, aber okay. Ich weiß nicht, ob die Leute da draußen das überhaupt wissen oder wahrnehmen, aber man muss begreifen, dass das eine ganz andere Zeit war damals. Da hat man nicht nebenbei eben mal so ein Album rausgebracht. Eigentlich möchte ich darauf jetzt gar nicht so herumreiten, denn da gibt es sehr viele kleine Details und Tiefen, die ich jetzt nicht einfach in zwei Sätzen loswerden kann. Das kriegt man nicht in ein Interview, da könnte ich ein ganzes Buch drüber schreiben. Wenn ich dir jetzt einfach ein, zwei Fetzen hinschmeißen würde, fehlte dir immer noch so viel, bis das Mosaik zusammenkommt und du wirklich verstehen kannst, was da alles passiert ist. Dahinter steht eine wirklich große Geschichte, bei der ich jetzt richtig weit ausholen müsste.
Deswegen sage ich die ganze Zeit: `Was kramst du da in alten Geschichten rum…`

rap.de: Torch ist ja der Meinung, dass heutzutage die Inhalte zu kurz kommen, und tatsächlich überwiegen ja Battle- und Partytexte. Wie siehst du das?

Toni-L.: Ist auf jeden Fall richtig. Du musst dir das so vorstellen: Wärst du ein Nazi und würdest dir ein Rap-Album reinziehen, auf dem es nur Party- und Battletexte gibt, könntest du dir einbilden, dass du auch HipHop bist. Das kann nicht sein. Ein Nazi kann definitiv kein HipHopper sein. Wenn jemand meine Platte hört, dann soll ihm auch meine politische Realität bzw. mein Statement in dieser Sache mitgeteilt werden. Ich beziehe Position und trage auch als Künstler Verantwortung, eben weil HipHop durch Minderheiten auf der Straße entstanden ist und Inhalte transportieren kann, die sonst nicht so zur Geltung kommen. Wenn man auf die Bühne geht, hat man ein Riesenpublikum, das einem zuhört. Damit hast du auch die Möglichkeit, Dinge zu vermitteln, die wichtiger sind als immer nur Party. Die Party passiert sowieso. Wir sind lustige Menschen, wir haben ´ne gute Zeit, rocken das Mic, von Fight zu Fight, das ist ganz klar, aber das Andere ist ja auch ein Teil unserer Realität. Das heißt nicht, dass du jetzt der politische Rapper sein musst, das bin ich ja auch nicht. Ich habe immer einen Teil meinem Statement zur politischen Situation gewidmet und alles andere ist Funk, Skills und Geschichten. Jeder sollte von dem erzählen, was er sieht, was er ist, was in seinem Umfeld geschieht und was er versteht.

 

rap.de: So radikal politische Tracks wie ‚Operation Artikel 3’ oder ‚Fremd im eigenen Land’ findet man weder auf ‚Der Funkjoker’ noch auf Torchs ‚Blauer Samt’.

Toni-L.: Doch. Da hast du nicht richtig hingehört. Auf ‚Der Funkjoker’ musst du dir unbedingt mal ‚Sind wir Gäste’ anhören, auf Torchs Platte solltest du dir ‚Heute Nacht’ anhören. Das sind alles Dinge, die Fortsetzungen der Tracks sind, die du gerade erwähnt hast. Also es ist definitiv immer etwas in die Richtung dabei, weil es eben ein Teil meiner Realität ist. Verschiedene Blickwinkel werden zusammengetragen, das ergibt dann das Album, auf dem sich eine Fülle von Perspektiven wiederfinden, die dann letztlich 360 Grad (wie in 360 Grad Records, Tonis Label, Anm. d. Red.) ergeben.

rap.de: Vor kurzem war ja der 10-jährige Jahrestag der Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen. Kannst du dich noch an deine Reaktion erinnern, als du zum ersten Mal davon gehört hast?

Toni L.: Wir waren ja im Studio und haben ‚Fremd im eigenen Land’ aufgenommen, als das passiert ist. ‚Fremd im eigenen Land’ war ein Track, der bereits existierte, in den Achtzigern hieß die englische Version ‚I´m a Stranger’. Das Lied lag uns sehr am Herzen, der Text brannte uns auf der Seele, das musste raus. An diesem Punkt haben wir gesagt: `Wenn wir jetzt einen Tonträger herausbringen, dann wollen wir genau dieses Problem kommunizieren`. Denn Rassismus war ein – oder ist teilweise immer noch – ein Tabuthema in Deutschland. Als wir die Platte rausgebracht haben, gab es keine deutschsprachige Gruppe, die das Thema Rassismus angesprochen hätte. Auch in den Schulen wurde das Problem nicht richtig besprochen, es fand keine offene Diskussion statt. Mit `Fremd im eigenen Land` haben wir eine Lawine losgetreten. Die Übergriffe in Rostock sind, wie gesagt, gerade dann geschehen, als wir im Studio waren. Deshalb ist auch der Nachrichtensprecher zu hören, der gerade diese Meldung vorliest. Das haben wir dann mit eingebaut und haben die Dinge im Namen aller Minderheiten ausgesprochen, die schon lange vorher hätten gesagt werden müssen. Wie du siehst, hat sich die Realität nicht groß verändert. Nur finden mittlerweile Diskussionen statt, man ist offener dafür, in Schulen wird das Problem behandelt, man findet das Thema inzwischen überall. Trotzdem ist definitiv noch eine Menge Arbeit zu erledigen, bevor man auf einen vernünftigen Nenner kommt.
rap.de: Wie kommt es, dass seit der Veröffentlichung deiner ersten LP ‚Der Pate’ sechs Jahre vergangen sind? 

Toni-L: HipHop ist mein Leben und Rap ist meine Berufung. Ich sehe das nicht als industrielle oder kommerzielle Sache. Ich muss nicht jedes Jahr so und so viele Tonträger auf den Markt schmeißen, ich muss nicht dauernd in der und der Fernsehsendung stattfinden. Für mich ist HipHop nicht in den Medien geboren worden, sondern für mich kommt HipHop von der Straße. Da lebe und fühle ich es auch. Ich war immer aktiv, ich war weltweit unterwegs, habe meine Leute getroffen, hab´ die Bühnen gerockt, habe viele Undergroundprojekte mitgemacht, ob nun in Italien, Belgien oder Amerika, von denen man hierzulande gar nichts mitbekommen hat. Mir war es nicht wichtig, dass alle Scheinwerfer und Kameras auf mich gerichtet sind, sondern mir war wichtig, dass die Sache in meinem Herzen weiterlebt und ich aktiv sein kann. Wichtig ist, mit den Leuten, die zu meiner Familie gehören, bzw. mit den Menschen, die den Weg mit mir gegangen sind, weiterhin meine Ziele zu verfolgen. Jetzt ist eben der Punkt gekommen, wo dieses Album entstanden ist, ‚Der Funkjoker’. Es musste einfach passieren, ich konnte es gar nicht verhindern. Es lag an der Überdosis Funk, die in mir steckt. ‚Der Funkjoker’ ist eben ein Projekt, das man den Medien anbieten kann, das die Chance hat, bekannter zu werden, als alles andere, was innerhalb der letzten sechs Jahre bei mir passiert ist. Aber wie gesagt, deswegen mach ich es nicht, deswegen existiert HipHop auch nicht, damit es dann auf allen Fernsehkanälen passieren kann.

rap.de: Wobei viele Leute, die öfter Alben veröffentlichen als du, verständlicherweise damit argumentieren, dass sie ja auch von irgend etwas leben müssen.
Toni-L: Das ist natürlich absolut richtig. Ich bin jemand, dem es nicht reicht, mein Verständnis von HipHop nur über eine Szene zu definieren. HipHop ist viel größer, als irgendwelche Dinge, die sich innerhalb einer Szene abspielen. Mir ist es wichtig, dass ich über den Tellerrand hinaus sehe. Ich gehe gerne auch mal irgendwo arbeiten, wo ich dann sehe, was da alles passiert, um die Gesellschaftsrealität hier in Deutschland eher begreifen zu können. Das alles gibt mir Inspiration. Häufig lerne ich dabei die Denkstruktur und Mentalität von Leuten kennen, die ich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätte. Diese Erfahrungen verarbeite ich dann in meiner Musik. Ich kommuniziere und laufe mit offenen Augen durch die Welt, um eben meine innovativen Impulse zu fördern.

 

rap.de: Du reist ja wirklich unglaublich viel. Gibt es für dich so etwas wie eine zweite `Homebase` außerhalb von Heidelberg, einen Ort, an dem du dich ganz besonders wohl fühlst?

Toni-L: Auf jeden Fall Italien. Dort habe ich Familie und Freunde. Wenn ich dort bin, fühle ich mich wie zuhause. Oder meine Jungs in Belgien, genauer in Brüssel
rap.de: Wie kam es damals zur Zusammenarbeit mit Kid Frost und den daraus resultierenden Aufnahmen in L.A.?

Toni L.: Wir haben Kontakte zur Zulu-Nation, zu Afrika Bambaataa, Grandmaster Caz und Whip-a-Whip, der in Los Angeles wohnt. Wir sind damals rübergegangen und sind dort auch ins Studio gegangen. Melle Mel hat zu dieser Zeit dort produziert. Wir sind dann durch ganz Kalifornien getourt, sind bei Jams aufgetreten und hatten ein paar Gigs. Damals habe ich auch Tupac getroffen.
rap.de: Habt ihr bei euren Auftritten dann auch auf Deutsch gerappt?

Toni-L: Ja, klar. Das war auch sehr geil, denn für die waren wir natürlich zunächst wie Außerirdische. Aber als sie dann gemerkt haben, dass die Skills knallen und wir reinhauen – und wir haben richtig gerockt – da ging richtig die Post ab. Es war eine sehr geile Zeit. Irgendwann hat mich auch Kid Frost reimen hören. rap.de: Danke für das Gespräch.

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