Aesop Rock

Eine Szene, die eingeschworene DefJux-Fans etwas irritieren könnte: New York City – Manhattan/Union Square, 23. September 2003: Aesop Rock steht im Virgin-Mega-Store, performt ein paar seiner Tracks und gibt anschließend Autogramme, bevorzugt auf seiner neuen 12-Inch “Freeze“. Wie es dazu kommen konnte? Wenn man Aesops neues Album „Bazookatooth“ hört, weiß man, dass es nichts mit angepassterem Sound zu tun haben kann – abgesehen von „Cook It Up“ feat. P.F.A.C. (der hier tatsächlich eine beinahe „croonende“ Gesangsperformance abgibt) ist der neue Longplayer sowohl in Sachen Sound, als auch in Sachen Lyrics in klassischem Aesop-Style gehalten. Dennoch hat sich etwas verändert. Aesops Label DefJux arbeitet seit ca. drei Jahren und dem erstem Release, der Cannibal Ox / Company Flow Split-12-Inch „Iron Galaxy / DPA (As Seen On TV)“, härter als jede andere Firma in HipHops Underground. „This is our new label… It is called DefJux… We hope you like our music… We are all very dedicated“, steht innen auf dem Klappcover der CanOx/CoFlow-Double-12. Während man damals wohl noch denken durfte “Warten wir´s mal ab“, besteht nun kein Zweifel mehr. Mit einem Haufen HipHop-Maniacs, harter Arbeit, Hingabe und Tonnen Talent hat El-P in nur drei Jahren ein kleines eigenes Universum geschaffen, dessen Veröffentlichungskatalog inzwischen knapp 70 Releases zählt, darunter um die 10 Alben. Und auch wenn sich darunter noch keine Gold- und Platinplatten befinden, ist das DefJux-Imperium aus Downtown-Manhattan nicht mehr zu ignorieren, denn „muthafuckas are bored“, und so verkauft sich, was die A&Rs bei den großen Fünf nie signen würden, bevor es so offensichtlich ist, wie heute. Aesop ist nun der erste Künstler auf DefJux, der dort nach „Labor Days“ schon sein zweites Album veröffentlicht, insgesamt Aesops fünftes. „Mir ist das selbst erst vor ein paar Monaten aufgefallen, und als ich es realisierte, hat mir das auch ein wenig Extra-Druck gemacht. Ich denke aber, dass es ein gutes Zeichen für das Label ist“, meint Aesop. Im Unterschied zu „Labor Days“ hat er diesmal die meisten Beats selbst produziert: „Ich hab´ ja schon immer ein paar der Beats gemacht, wollte nun aber mal den Großteil selbst machen. Das war einfach ein Ziel, das ich mir gesetzt hatte. Ich habe darüber dann mit Blockhead und El gesprochen, und alle meinten, ich solle es tun. Ich produziere jetzt seit fast zehn Jahren und bin vielleicht auch soweit, mal ein Album für jemand anderen zu produzieren. Ich würde gerne ein paar Kids eine Chance geben und ein bisschen ´mehr Aesop´ in die Welt bringen.“
rap.de: Was hat es mit Bazookatooth auf sich? Bei C Rayz gibt es Ravipops, bei dir Bazookatooth – die DefJukies scheinen alle ein wenig auf die Comic-Schiene zu kommen…
Aesop: Bazookatooth ist eben so eine Art Super-Hero Alter-Ego. Ehrlich gesagt, hat er nicht so viele Superkräfte, überhaupt nicht. Er hat nur eine Panzerfaust im Mund, er kann nicht fliegen oder sonst was – er lässt nur alles explodieren, wenn ihn jemand anmacht. Das fand ich witzig und hab das irgendwann erzählt, und C Rayz meinte „Du musst dein Album so nennen“. Ich denke, in der Welt der Super-Helden wäre Bazookatooth ziemlich öde, aber mir geht das gut ab.
rap.de: Das Cover deines neuen Albums ist entsprechend abgefahren – eine Panzerfaust sieht man da allerdings nicht…
Aesop: Das war die Interpretation des Illustrators, den ich ausgewählt habe. Ich habe ihm von Bazookatooth erzählt und ihn machen lassen, worauf er Bock hat. Ich finde das Cover cool, weil es weder nach einem klassischen Rapcover noch nach einem klassischen Rock-Cover oder klischeemäßig nach irgendwas anderem aussieht.
rap.de: A propos Comics – es gibt das Gerücht, dass du nicht besonders viel mit Lesen am Hut hast, obwohl man das nicht unbedingt annehmen würde…
Aesop: Ich lese nichts, was länger als 30 Seiten ist. Und wenn, dann lese ich tatsächlich Comics – eine Novelle zu lesen, wäre das Letzte, was ich tun würde. Ich wurde schon oft von Leuten gefragt „Was denkst du von diesem oder jenem Buch?“ – wenn ich denen dann erzähle, dass ich seit zehn Jahren fast nichts gelesen habe, sind die richtig angepisst. In den letzten zehn Jahren habe ich ein Buch gelesen, auf Els Empfehlung. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass ich in den letzten 15 Jahren insgesamt vier Bücher gelesen habe. Ich habe „1984“ gelesen und mochte es. Ich mochte jedes Buch, das ich gelesen habe. Ich habe danach nur nie den Eindruck, dass ich noch eins lesen muss. Ich mache lieber den Fernseher an – ich bin einfach einer von diesen fetten faulen Amis, die fernsehen und Videospiele zocken.
rap.de: Bazooka Tooth ist schon dein fünftes Album – gibt es für dich abgesehen vom Produzieren für andere Leute noch andere Herausforderungen?
Aesop: Mich würde auch die Produktion eines Soundtracks reizen. El hat ja gerade einen für den Indie-Sprüher-Film „Bomber System“ gemacht, crazy shit. Bei mir würde es wohl ein rein instrumentaler Soundtrack werden, aber diese Gelegenheiten bekommt man ja auch nicht zu oft, wobei in letzter Zeit schon ein paar seltsame Dinge passieren. Ab und zu kommen nun sogar Leute, die mich fragen, ob ich in einem Film mitspielen will. Ich hab keine Ahnung, wie man schauspielert, aber das spielt nach der Kohle ja auch erst die zweite Rolle (lacht). Auch jetzt habe ich schon wieder einige Tracks, und so kann es gut sein, dass ich nach Bazooka Tooth bald wieder eine EP rausbringe. Ich hab´ zwischenzeitlich auch mal mit einer Sängerin gesprochen, und es wäre denkbar, dass wir etwas zusammen machen – das kann entweder total daneben gehen oder interessant klingen. Abwarten.
rap.de: Wie würde sich ein Soundtrack von Aesop Rock anhören? Kannst du dir selbst vorstellen, auch mal was richtig Fröhliches zu produzieren?
Aesop (grinst): Es würde wohl niemand, der einen kleinen fröhlichen Film macht, auf die Idee kommen zu sagen „Ich wünschte, Aesop würde den Soundtrack produzieren“. Ich würde es wahrscheinlich auch nicht machen, obwohl ich es technisch sicher hinbekommen würde. Andererseits würde das wohl auch wieder vom Film abhängen – wenn er gut ist, könnte ich auch ein paar funky Sachen machen. Wenn mich jemand bitten würde, etwas für eine bestimmte Szene zu machen, würde ich versuchen, dem gerecht zu werden, dabei aber gleichzeitig meinen Style bewahren. Wenn der Film aber nicht nach einem HipHop-Beat im Hintergrund verlangt, würde ich auch irgendwelchen experimentellen, verrückten Shit ohne Drums machen. Es würde allerdings immer sample- und hiphop-basiert bleiben. Für mich wäre es allerdings wichtig, dass jemand auf mich zukommt und mich auch wegen meines Styles auf die Sache anspricht – die Vorgaben müssten äußerst gering sein, damit ich mich kreativ maximal austoben kann.
rap.de: Wie siehst du denn die gegenwärtige Entwicklung des Labels? Ein paar Leute sind ja der Meinung, dass DefJux mit dem S.A. Smash- und vor allem dem Party Fun Action Commitee-Album etwas die Richtung verloren hat und nach und nach Gimmicks anhäuft…
Aesop: Ich denke nicht, dass es mehr als ein Gimmick auf dem Label gibt. Das Fun Action-Album ist als Comedy-Platte gedacht, aber SA Smash ist eine dope Rapgruppe, die ein großartiges Party-Album gemacht haben. DefJux wurde im ersten Jahr in eine bestimmte Schublade gesteckt, die Leute nahmen einfach alle an, es gäbe diesen einen DefJux-Sound. Das war aber nicht unser Fehler. Wir gehen auch nicht in irgendeine Richtung, wir expandieren einfach. Jeder, der am Anfang auf dem Label war, ist noch immer bei uns, wir sind einfach nur größer geworden. Was die Leute nicht wissen, ist, dass wir selbst fast alles hören und auch mit Leuten befreundet sind, die alle möglichen Arten von HipHop machen. Ich bin z.B. auch ein Fan von Club-Rap, mache eben nur selbst keinen. Auf dem Label klingt auch niemand gleich. Mich haben auch schon ein paar Leute gefragt „Warum bist du auf dem S.A. Smash-Album?“, und einige von denen waren richtig gekränkt. A bin ich Fan und b sind das zwei gute Freunde von mir. Ich denke, das ist ein scheiß gutes Album.
rap.de: Welche Leute hörst du denn, bei denen niemand damit rechnen würde?
Aesop: Es gab z.B. schon Leute, die gekränkt waren, weil ich Jay Z mag. Ich denke dann immer „What the fuck are you talking about. He is dope – er ist der Beste in dem, was er tut.“ Ich mag alle Styles, solange die Leute in dem, was sie tun, gut sind. Das ist die Hauptsache. Die Leute sollten von mir erwarten, dass ich open minded bin. Wenn du gut bist, ist das gut, wenn du bitest, will ich dich nicht hören. Ich will dich nicht hören, wenn du die 23. Version von EPMD bist, dann hör ich mir lieber EPMD selbst an. Die Leute kommen immer an und fragen mich, wie ich Jay Z oder Eminem finde, das sei doch alles so kommerzieller Scheiß. Erstens ist Jay Z viel länger in diesem Spiel als ich es bin, und zweitens klingt er nicht wie sonst wer – viele versuchen aber, so wie er zu klingen. Die Leute nehmen immer an, dass wir als Leute auf einem Indie-Label keinen MTV-Sound mögen dürfen. Mir ist das egal – ich mag, was mir gefällt, von MFDoom bis Redman und alles dazwischen.
rap.de: Auf dem Album gibt es einen Track mit MR. Lif, der „11.35“ heißt. Erklär doch mal das Konzept!
Aesop: Es ging grundsätzlich darum, mal einen Blick auf die Dinge zu werfen, die außerhalb des eigenen Alltags stattfinden. Wir haben uns also eine bestimmte Tageszeit ausgesucht und gesagt, zu dieser Zeit haben wir einen Song geschrieben. Dann haben wir all diese anderen Figuren erfunden und erzählt, was bei ihnen zur selben Zeit stattfand. Es ging darum, uns zu vergegenwärtigen, dass andere Leute auch andere Probleme haben…

rap.de: Deine Texte sind ja teilweise etwas kryptisch – verstehen deine Fans alles, was du sagst?
Aesop: Ich habe definitiv immer einen Grund zu schreiben, was ich schreibe. Gelegentlich kommen dann Leute mit ihrer Definition, und ich kann mich nicht wirklich entscheiden, ob ich mag, dass meine Dinge interpretiert werden dürfen (lacht). Ein Teil von mir denkt immer „Fuck what you think, I wrote this for a reason“ – ich schreibe einfach, was ich will. Es gibt keine Regeln, nicht vom Label, von niemandem. Das ist auch der Grund, weshalb ich Teil von DefJux bin. Sie sagen mir „Mach dein Album – wir bringen es raus.“ Manchmal ist es etwas komisch, wenn Leute zu mir kommen und mir erzählen „Dieser Song ist großartig, er hat mir durch diese und jene Phase meines Lebens geholfen“. Ich denke dann immer, den Scheiß habe ich eigentlich für mich geschrieben, und ich schreibe auch nichts, um Leute zu retten. Wenn es passiert, dann ist es ein Bonus, aber es ist nicht beabsichtigt. Ich habe auch nie erwartet, Fans zu haben. Nun lebe ich von dem Scheiß, und das ist eher ein Schock. Ich erwarte auch nie, dass das länger als bis morgen dauert. Dieses Album könnte floppen, und dann ist es vorbei. Ich habe schon mehr im Rap erreicht, als ich jemals gedacht hätte. Ich könnte auch nie aufhören, Platten zu machen, es könnte aber sein, dass die Leute aufhören, sie zu hören.
rap.de: Hast du gehört, dass Schwarzenegger vielleicht der nächste Gouverneur von Kalifornien wird?
Aesop: Ich kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden (lacht).
rap.de: Ich habe neulich Bush im Fernsehen gesehen, der sagte, er glaube, Schwarzenegger wäre ein guter Gouverneur…
Aesop: Man hat George Bush schon einige sehr dumme Sachen machen sehen. Nach dem 11. September habe ich mir zum ersten Mal angesehen, wer unser Präsident ist, und dieser Typ ist wirklich ein unglaubliches Arschloch. Dennoch überlasse ich den politischen Kram lieber Mr. Lif und Public Enemy, weil die da einen wesentlich besseren Job machen. Wenn Bush sich wieder bewirbt, werde ich definitiv das erste Mal wählen gehen, nur um gegen ihn zu stimmen. Seitdem er im Amt ist, haben wir nichts außer Krieg gesehen, und er geht ins Fernsehen und sagt Sachen, die so dumm sind, dass sie noch nicht mal ein Fünftklässler sagen würde. Der Typ kann nicht mal richtig schreiben, aber er regiert unser Land.

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