Interview mit Hanybal über „Weg von der Fahrbahn“

Gestern feierte Hanybal mit „Weg von der Fahrbahn“ sein Debüt auf Albumlänge. Im Zuge dessen kam es auch zur Interview-Premiere des Frankfurters bei rap.de. Ein Gespräch über die Herkunft seines Namens, das sogar in Frankreich gefeierte „Endstufe“-Video, Selbstjustiz gegenüber Pädophilen und Verrätern und zur aktuellen Diskussion um Homophobie.

Du nennst dich Hanybal, man könnte also meinen, du seist Tunesier. Bist du aber gar nicht. Warum der Name?

Seit meiner Kindheit trage ich den Spitznamen Hany. Und als ich anfing zu rappen, haben mir meine Jungs vorgeschlagen: „Nenn‘ dich doch einfach Hanybal.“ Der Name gefiel mir: Ich nahm ihn an.

Dein bürgerlicher Name ist ja Sascha-Ramy Nour. Wie kam es da zum Spitznamen Hany?

Ich bin ja halb Ägypter, halb Deutscher und großer Fußballfan. Als ich noch ein kleiner Bengel war, kam der erste Ägypter – Hany Ramzy hieß er – in die Bundesliga. Das war 1994 und er spielte zunächst für Werder Bremen. Selbst habe ich auch immer Fußball gespielt. Und so fing es an, dass sie mich auf dem Bolzplatz Hany nannten.

Wie stehst du heute zum Fußball?

Ich liebe Fußball über alles. Das ist mein Lieblingssport. Fußball ist eine der geilsten Sachen, die es gibt.

Deine Lieblingsmannschaft?

In Deutschland ist es Eintracht Frankfurt. International gesehen bin ich Barcelona-Fan.

Welche wären die drei Worte, mit denen du dich beschreiben würdest?

Drei Worte: crazy, sexy und cool. (lacht)

Eine Sache, die die Leute über Hanybal nicht wissen:

Da gibt es bestimmt viele Sachen, die man über mich nicht weiß. Zum Beispiel, dass viele noch nicht wissen, wie krass ich musikalisch eigentlich bin.

Ich habe gesehen, dass du den „La Haine“-Trailer auf Facebook gepostet hast. Hast du zu Frankreich einen Bezug?

Was heißt Bezug? „La Haine“ ist auf jeden Fall einer meiner Lieblingsfilme. Die Schauspieler spielen in dem Film von Mathieu Kassowitz ihre Rolle übetrieben gut. Saïd Taghmaoui, der im französischen Film auch Saïd heißt, beispielsweise. Ich habe auch vor kurzem ein Video – „Endstufe“ – zusammen mit Olexesh heraus gebracht. Wir haben zwei kleine Hommagen an den Film in unserem Clip eingebaut. Wer den Film kennt, wird die Szenen wiedererkennen. Auf Twitter hat Saïd sogar unser Video retweetet und mit „OneLove!“ kommentiert. Das war uns eine große Ehre. Also speziell zu Frankreich habe ich keinen Bezug, außer den Bekannten, die dort leben.

Denkst du, man könnte auch in Deutschland einen Film im Stil von „La Haine“ zu drehen? In Frankfurt oder Offenbach hätte man ja schon mal die Kulisse dafür.

Naja, „La Haine“ zeichnet meiner Meinung die krassen schauspielerischen Leistungen aus. Ich finde auch nicht, dass man diesen Film nur in Frankfurt oder Offenbach drehen könnte. Das könnte man überall in Deutschland tun. Die Frage ist nur: Wo kriegt man diese krassen Schauspieler her, die es schaffen, die Atmosphäre – im Fall von „La Haine“ der Banlieues – so spürbar zu machen?

Was wäre für dich eine Alternative zu Rap gewesen?

Das weiß ich ehrlich nicht. Ich wäre auf jeden Fall einem stinknormalen Beruf nachgegangen.

Fasse mal deine bisherige Rap-Karriere in wenigen Sätzen zusammen:

Ich wurde sehr schnell gehypt. Damit meine ich, dass ich von Anfang an gepusht wurde. Die Leute haben meinen Rap von Beginn an gefeiert. Danach ist erst mal nichts gekommen. Und jetzt kommt doch noch etwas. Also um es ein paar Worten zu beschreiben: rasant, mit denn auch einem rasanten Ende und jetzt nehme ich noch mal Fahrt auf.

Was hast du für Lehren für dich aus dieser Zeit gezogen?

Mir ist aufgefallen, dass ich viel Bestätigung für meine Lebenseinstellung erhalten habe. Was ich aus meiner Musikerlaufbahn gelernt habe – lass mich kurz überlegen: Fremde bringen oft nichts Gutes.

Mit „Fremde“ meinst du Menschen, die du nicht kennst?

Genau, das meine ich damit. Ehrlich gesagt muss ich die meisten auch gar nicht kennen lernen, das brauche ich nicht. Und so war ich vorher auch schon drauf. Man lernt als Rapper – gerade auf Tour – viele Leute kennen. Und ich habe gemerkt, dass viele Pfeifen dabei sind, die einem nicht wohlgesonnen gegenüber stehen.

Wie fing das bei dir mit dem Rappen an?

Ich wurde mehr oder weniger von einem Kumpel dazu genötigt, einen Text zu schreiben. Er war sich sicher, dass ich gut darin wäre. Er sagte mir: „Ey Hany, du labberst immer viel Scheiße und bist lustig: Rapp‘ doch mal.“ Daraufhin hat er mir einen Beat geschickt. Ich habe auf meinen Kollegen gehört und meinen ersten Text geschrieben. Das war im Dezember 2007.

Erinnerst du dich an den Beat, den dir dein Freund damals sendete?

Ich persönlich kannte den Beat nicht. Ich glaube aber, dass ein recht bekannter französischer Rapper mal auf dieses Instrumental rappte.

Wieso rappst du eigentlich?

Es macht mir zum einen sehr viel Spaß. Ein anderer Grund ist, dass viele meiner Schatzis sich wünschen, dass ich rappe. Ich bekomme sehr viel Zuspruch von anderen. Das fiel mir vor allem in der Zeit auf, als ich aufgehört hatte zu rappen. Es kam oft vor, dass Leute zu mir kamen und sagten: „Ey Hany du kannst doch nicht einfach aufhören. Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Jetzt in der Endphase des Albums war das wieder erfreulich: Die Leute haben mir ihre Freude darüber gezeigt, dass ich endlich ein Album veröffentliche.

Ich habe den Eindruck, du verstehst unter Schatzi viel mehr als der übliche Wortgebrauch hergibt. Wie verwendest du diesen Begriff?

Schatzis sind alle Leute, die mir wohlgesonnen sind.

Wieso rappst du so gerne über Gewalt?

Du gehst also davon aus, dass ich gerne darüber rappe, weil ich es oft tue. Ich weiß nicht, ob ich gerne darüber schreibe. Es stimmt aber, dass meine Texte oft davon handeln. Ich glaube, dass das daran liegt, dass ich in meinem Leben oft mit Gewalt konfrontiert wurde. Ja, und darüber rappe ich.

Du warst vorher bei Bozz Music, dem Label von Azad, unter Vertrag. Wie kam es zum Azzlackz-Signing?

Bozz hat – wie jeder weiß – irgendwann zu gemacht. Für mich war mit der Labelschließung meine musikalische Laufbahn mehr oder weniger gegessen. Zu den Azzlackz kam ich durch Aykuts (Haftbefehls Vorname, Anm. d. Red.) Bemühungen. Bevor ich unterschrieb, kam mir mehrere Male zu Ohren, dass er sich nach mir erkundigt hatte: Wie es mir geht, was ich mache, ob ich noch rappe. Wir haben aber zu dieser Zeit keinen Kontakt gehabt. Irgendwie hat sich dann Haftbefehl über mehrere Ecken, sich meine Handynummer organisiert. Er rief mich an. Wir trafen uns – ganz einfach. Dann haben wir das zügig klar gemacht.

Wer ist dein persönlicher Lieblingsmusiker?

Mein Lieblingsrapper auf internationaler Ebene ist Styles P. Er macht einfach die besten Lieder. In meinem Leben hat er mich sehr lange begleitet, vor allem die letzten Jahre. Styles P ist die Nummer 1. Aber mittlerweile gibt es auch andere, die sehr gut sind. Ich denke da an Uncle Murda oder Waka Flocka Flame. Deutschlandweit gesehen ist mein Lieblingsrapper Azad. Er war einfach der Erste, der richtigen Straßenrap gemacht hat.

Maxim von K.I.Z. hat gestern in Berlin auf einer Podiumsdiskussion, bei der es um die Frage ging, ob Rap die Gesellschaft verbessern kann, gesagt: „Bei den meisten Rappern geht es darum, weiterzumachen, obwohl einem ständig ein Bein gestellt wird. Sie fragen sich aber nie, wer dieses Bein stellt„. Trifft diese Aussage auf dich zu?

Nein, weil mir in diesem Sinne nie ein Bein gestellt wurde. Meine Tracks handeln auch nicht davon, dass ich nicht aufgeben soll. Sie sind eher als Motivation für Andere gedacht. Auf meinem bisherigen Weg als Musiker wurden mir bisher keine Steine in den Weg gelegt.

Dein Flow ist ziemlich unverkennbar. Wie hat er sich entwickelt?

Die Frage wurde mir tatsächlich öfters gestellt. Ich kann diese Frage ehrlich gesagt nicht beantworten. Bei mir entsteht sehr vieles intuitiv. Ich setze mich auch nie an einen Beat mit einem konkreten Thema. Ich höre das Instrumental, er spricht zu mir und ich antworte mit meinem Text darauf. Meine Texte schreibe ich übrigens ausschließlich auf Handy. Auf Papier kann ich einfach nicht schreiben.

Wieso heißt dein Debütalbum „Weg von der Fahrbahn“?

Der eine Grund ist, dass man „Weg von der Fahrbahn“ mit mir assoziiert. Ich hatte ja mal einen Track mit Solo, der so hieß. Dazu gab es auch ein Meine-Stadt-Video. Mein Albumtitel lässt sich auch verschieden verstehen. Ein Mal „Weg von der Fahrbahn“ im Sinne von „Verpisst euch alle, ich bin jetzt da„. Eine weitere Möglichkeit der Interpretation: Wenn es mal nicht so gut im Leben läuft, soll man trotzdem weiterhin seinen Weg gehen: Weg von der Fahrbahn, macht Platz, ich komme auf jeden Fall noch Mal.

Wie lange hast du an „Weg von der Fahrbahn“ gearbeitet?

Ich hätte das Album gewiss in drei oder vier Monaten fertig stellen können. Ich habe aber die ersten Monate nach dem Signing erst Mal zehn bis 15 Tracks gemacht. Ich wusste ja, dass mein Release nicht direkt ansteht. Deshalb habe ich mir mehr Zeit gelassen und noch mehr Tracks gemacht. Am Ende war ich bei 30 Songs in einem Jahr. Sagen wir so: In zwölf, dreizehn Monaten habe ich 30 Tracks aufgenommen, aber weitaus mehr geschrieben.

Deine Videoauskopplung „Was los“ mit Haftbefehl ist etwas heikel. Du verherrlichst Selbstjustiz gegenüber Pädophilen und Verrätern.

Wie kommst du darauf, dass ich es verherrliche?

Im Video ist zu sehen, wie ein Pädophiler gefoltert wird. Kein schöner Anblick.

Ich habe es nicht verherrlicht. Ich wollte Gedanken visuell darstellen, die viele haben – nicht nur ich –, wenn sie an Kinderficker denken: Gewalt an ihnen auszuüben. Bei Verrätern haben Leute auch ähnliche Gedanken, darum geht es ja auch bei „Was los„. Ich will es nur nochmals betonen: Ich wollte die Selbstjustiz nicht verherrlichen. Was im Video zu sehen ist, lässt sich mit einem Dokumentarfilm über das Dritte Reich vergleichen. Dort wird auch Abgründiges gezeigt, ohne es zu verherrlichen. Ja, der Dokumentarfilm ist eine gute Metapher meiner Musik. Ich verherrliche weder Drogenkonsum noch Gewaltexzesse. Ich mache das, was eine gute Doku auch tut: berichten.

Wie ist denn deine Meinung zu Selbstjustiz?

Dazu stehe ich wie wahrscheinlich viele Menschen. Man hatte vielleicht in seinem Kopf schon die Phantasie, Selbsttjustiz auszuführen, gehabt, führt es aber nicht aus. Es hat natürlich seinen Sinn, dass sie nicht erlaubt ist. Wäre sie legal, würden wir im Wilden Westen leben. Es würde nur noch das Gesetz des Stärkeren gelten und das ist nicht gut. Um es noch mal festzuhalten: Auch wenn man sie sich manchmal wünscht, muss einem immer klar sein, dass Selbstjustiz nicht in Ordnung ist.

Nach dem homophoben Shitstorm gegen Bass Sultan Hengzt wurde viel über Homophobie geredet: Wie ist deine Meinung dazu?

Gegen Homosexuelle habe ich gar nichts: Was wer und mit wem in seinem Schlafzimmern tut, ist jedem selbst überlassen.

Die letzten Worte gehören dir:

Das war auf jeden Fall ein cooles Interview. Es hat mich sehr gefreut, hier Rede und Antwort zu stehen, meine Schatzis. Haltet die Ohren steif. „Weg von der Fahrbahn“ ist nur der Anfang.

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