Interview mit den Verrückten Hunden

Mit dem Re-Release ihres Albums „Tohuwabu“ bringen die Verrückten Hunde ihre Musik erstmals in größerer Auflage an den Mann. Grund genug sich mit den Herren zu treffen, die so eisern ihren musikalischen Kurs beibehalten. Gut gelaunt und redselig fanden sich die MCs Foxn und Scu mit den DJs Geraet und Da Kid in den rap.de-Räumlichkeiten ein, um über „Tohuwabohu„, die live-Tauglichkeit ihrer Musik und ihre Lieblingsalben zu sprechen.

rap.de: Warum habt ihr euch entschlossen ein Re-Release von „Tohuwabohu“ zu veröffentlichen?

Foxn: Für die erste Auflage haben wir 500 Vinyls gepresst, die wir alle los geworden sind. Da gab es weder ein Release auf CD, noch digital. Da die Auflage irgendwann halt weg war und wir jetzt den Vertriebsdeal mit Chapter One haben, wollten wir das einfach nochmal ‚rausbringen und so ein breiteres Publikum ansprechen. Wir haben auf die erste Auflage sehr gutes Feedback gekriegt, aber eben nicht so viele Leute erreicht.

rap.de: Warum war die erste Version so streng limitiert?

Scu: Zum Releasezeitpunkt hatten wir noch nichts digital und auch keine Videos releast, dann sind die Leute halt an uns heran getreten. Wir wollten erstmal schauen, wie das alles läuft und es gab aber großes Interesse, dass das Album nochmal neu aufgelegt wird. Also haben wir beschlossen das digitale Release und die Videos zurück zu halten und die Verhandlungen zu beenden.

Geraet: Hinzu kommt, dass wir auch alle vorhergegangen Releases in einer ähnlichen Auflage und nur auf Vinyl herausgebracht haben. Weil wir damit ganz gut gefahren sind, gab is bis Dato auch gar keinen Grund das anders zu machen.

rap.de: Was hat euch vier eigentlich zusammen geführt?

Da Kid: Wir kommen alle grob aus der selben Gegend und hatten daher schon früh bei Jams Kontakt. Scu is dann vor ungefähr 13 Jahren nach Berlin gezogen, Foxn, Geraet und ich sind dann irgendwann hinterher gezogen. Hier haben wir dann ab und zu miteinander rumgehangen und ein Paar Sessions gemacht. Das hat dann alles so gut geklappt, dass wir beschlossen haben ne Crew zu gründen.

rap.de: Ihr habt dann also einfach aus Spaß und Liebhaberei gemeinsam Musik gemacht?

Scu: Genau, dann haben wir halt unser Geld zusammen geschmissen und ein Paar Vinyls gepresst und uns gesagt, wenn wir dadurch ein bisschen Geld rein kriegen, sich das rentiert und wir neue pressen können, dann machen wir das. Und das hat bis jetzt auch immer funktioniert.

rap.de: Ihr seid schon richtige Vinyl-Nerds oder?

Scu: Ich bin auf jeden Fall ein Vinyl-Nerd. Ich finde den Klang einfach Super!

Foxn: Ich glaube wir sind alle Vinyl-Nerds. Wir schätzen die Vinyl sehr im Gegensatz zur CD. Vor unserem Debütalbum haben wir ja auch schon Sachen raus gebracht und die halt auf CD releast weil kein Geld da war. Aber die erste Vinyl in der Hand zu haben ist ein zehn Mal geileres Gefühl.

Geraet: Ich kaufe tatsächlich hin und wieder mal eine CD, aber bei der Sparte die wir bedienen wollen die meisten Leute gar keine CD haben und es nur auf Vinyl hören. Mittlerweile wurden halt schon Stimmen laut, die es gerne auf CD oder iTunes hätten, von daher bedienen wir das jetzt auch. Ich bin auch nicht so beschränkt dass ich jetzt nur Vinyl anhören würde, das wäre ja quatsch.

rap.de: In dem Sinne könnte man also sagen, das war Zielgruppen-adressiert.

Geraet: Auf jeden Fall.

Scu: Definitiv, aber es ging auch immer darum, dass wir uns gesagt haben, wir wollen eine Platte machen die wir noch mit 60 in unserem Plattenschrank haben. Das war eigentlich der erste Gedanke, die Frage wie man weitere Platten veröffentlichen kann kam erst später auf. Also wie viel wir umsetzen müssen, um das Geld wieder drinnen zu haben, war erst der zweite Gedanke.

Geraet: Sagen wir mal so: Aus dem Kofferraumverkauf und dem Verkauf auf Konzerten und an Freunde wären wir nicht so viele CDs wie Vinyls los geworden. Dafür hätte sich das gar nicht gelohnt.

rap.de: Meint ihr nicht, dass das einfach vollkommen hängen geblieben ist?

Scu: Voll! Ich bin schon auf meinem Film von damals hängen geblieben, kann man so sagen.

Geraet: Hängen geblieben klingt halt immer so negativ. Ich find‘ das klingt negativer als es letztendlich ist. Ich freue mich, wenn ich einen mir vertrauten Sound höre, mit dem ich sozialisiert bin. Von daher ist hängen geblieben halt nicht unbedingt negativ zu werten.

Da Kid: Wenn Wu-Tang jetzt nochmal ein Album raus bringen würden, das wie „36 Chambers“ klingt, dann würde doch keiner zu denen sagen, dass die voll hängen geblieben sind. Die Leute würden sagen: Krass, die schaffen’s im Jahr 2015 nochmal diesen alten Sound zu machen! Im Endeffekt machen wir einfach den Sound den wir lieben – und versuchen den auch im Jahr 2015 noch zu machen. Ich finde, es ist eine schwierige Sache, hängen geblieben zu sein. Einen modernen Sound zu machen ist super easy, du lädst dir irgendwelche PulgIns runter und dann klingst du wie jeder andere. Aber keiner, nichtmal der Wu-Tang Clan, schafft es, wieder wie auf „36 Chambers“ zu klingen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist hängen geblieben zu sein eigentlich was positives.

Foxn: Eigentlich sagt das ja auch nur aus, dass man die Mucke aus den frühen Neunzigern feiert. Die meisten kennen das ja auch gar nicht. Ich selbst hab ja erst ’96 oder ’97 richtig angefangen Rap zu hören. Das Cypress Hill Album (Black Sunday; Anm. d. Verf) kam aber schon ’93 ‚raus und so holt man das dann halt nach. Wenn man heute anfängt Rap zu hören checkt ja auch keiner mehr die alten Scheiben, dann checkt man, was es gerade neues gibt. Man will dann einfach immer das neueste haben.

Geraet: Apropros hängen geblieben: Wenn du jetzt mal über die Genregrenzen hinaus gehst, zu irgendwelchen Soulacts beispielsweise. Also Leute wie Lee Fields, Charles Bradley oder Cherry Jones – da sagt auch keiner, das sei hängen geblieben, obwohl die Mucke machen die halt in den ’70ern up-to-date war. In anderen Worten: Man muss das Rad nich jedes halbe Jahr neu erfinden und so tun als wäre man der Gamechanger überhaupt. Das wirkt sehr affektiert.

Scu: Es geht ja im Endeffekt nur um die Musik. Es gibt geile moderne Sachen und es gibt geile Sachen, die wie früher klingen. Eigentlich geht es doch nur um die Qualität der Musik.

Da Kid: Dieser Sound ist ja auch nicht erzwungen. Wir sagen ja nicht: Ey das muss jetzt alt klingen.

rap.de: Also gefallen euch auch aktuelle Sachen?

Da Kid: Klar, ich leg‘ ja auch in Clubs auf wo ganz neuer Shit gespielt wird. Von Lil Wayne über dieses ganze Trap-Zeug – damit hab ich ja überhaupt kein Problem. Ich leg‘ seit über zehn Jahren in Clubs auf, aber bei den Sachen von früher geht halt einfach noch mehr. Wenn du auf irgendeine Trap-Party gehst merkst du halt, die Leute sind so schnell gelangweilt. Für ’ne halbe Stunde is‘ das okay, da voll besoffen drauf abzugehen, aber im Endeffekt sind die geilsten Stunden die in denen du Boombap spielst. Da rasten die Leute immer noch aus. Welche Art von Boombap ist die andere Frage – klar kann man nicht die ganze Zeit nur „Hypnotize“ oder „Still Dre“ spielen, aber wenn man es halt schafft ’90er Mucke heutzutage geil aufzulegen kommt das immer viel besser als das trap-Zeug.

rap.de: Also weicht ihr dem Zeitgeist nicht aus Kalkül aus, sondern einfach weil ihr Bock drauf habt?

Scu: Definitiv. Mit Kalkül hat das nichts zu tun, das liegt einfach daran dass wir gewisse Arten von Mucke voll abfeiern und das für uns so ist, dass wir das einfach machen müssen. Man denkt da ja nicht viel drüber nach, man setzt sich an die Drummachine und hat ein gewisses Ohr für Samples. Man geht einfach seinem Gefühl nach und produziert einen Beat. Dann schreibt man Lyrics drauf und fertig. Das wirkt vielleicht für die Außenwelt so kalkuliert, aber es ist halt überhaupt nicht so.

Geraet: Außerdem sind viele der Alben die Einfluss auf uns hatten ja nicht ausgelutscht, die hören wir ja immer noch mehrfach pro Woche. Die sind einfach zeitlos. Das ist der Sound der sich für uns durchgesetzt hat – also gehen wir selbst in diese Richtung.

rap.de: Könntet ihr euch vorstellen, auch mal etwas zeitgemäßeres zu produzieren, beziehungsweise darauf zu rappen?

Geraet: Wir haben ja teilweise auf dem ersten gemeinsamen Album („1×1=1„; Amn. d. Verf.) ein Paar Dinger drauf, bei denen moderne Geräte zum Einsatz kamen. Da haben ja auch drei oder vier Produzenten mitgearbeitet, dementsprechend klingt das schon zeitgemäßer. Aber jetzt machen wir das lieber alles zusammen, so ist das einfach stimmiger

Scu: Bei uns gibt’s immer so Projekte: Das sind immer die EPs und die geben wir dann an andere Produzenten, zum Beispiel Torky Tork, raus und die kommen dann zwischen den Alben. Die Alben produzieren wir aber selbst. Beim Album ist es einfach wichtig, dass da ein roter Faden drinnen ist und das können wir nur selbst machen. So simple Beats produziert einem ja auch keiner, da muss man den Arsch für in der Hose haben, zu sagen: Okay, ich mach das, ohne mich als Musiker davon gedisst zu fühlen. Viele Produzenten nehmen davon Abstand, aber ich find‘ es klingt einfach geil.

rap.de: Euch ist auch sehr wichtig, dass die Musik live-tauglich ist, oder?

Scu: Klar, das ist halt auch Mucke, die man live spielen kann. Das ist auch immer wichtig, vor Augen zu haben: Alter wenn da jetzt ’n paar Hundert Leute stehen müssen wir die auch irgendwie in Bewegung kriegen. Damit ist nicht nur gemeint, dass die die Hand heben, sondern im besten Fall auch n jumpen und man vielleicht einen Stage-Dive hinkriegt.

Geraet: Der live-Faktor ist sowieso ziemlich wichtig. Foxn und Scu schreiben und nehmen auch so auf, dass sie nicht alle vier Zeilen cutten müssen, sondern das in einem Take durchziehen können. Das merke ich auch als DJ auf der Bühne. Die kommen nicht aus der Puste, die ziehen das halt durch und kriegen das hin wie im Studio.

Scu: Man muss auch einfach fit genug sein. Wenn man auf die Bühne geht und die Leute für einen Eintritt zahlen, dann sollte man denen auch eine Show bieten, dass die nach Hause gehen und sagen: Das war cool! Wir hatten immer schon Bock auf live-Gigs, das ist mir ganz wichtig.

rap.de: Mit euch kann man doch auch sicher gut ‚rum-nerden: Was war eurer Meinung nach das stärkste Jahr für Rap?

Geraet: Das kann man nicht an einem Jahr fest machen.

Scu: Also für mich war’s ’94. Da sind so viele krasse Alben raus gekommen. Da ist das Wu-Tang-Album raus gekommen („Enter the Wu-Tang (36 Chambers)“ – US-Release bereits im Nov. ’93“ Amn. d. Verf.), Cypress Hill ist da glaub‘ ich raus gekommen.

Foxn: ’93 bis ’96 ist auf jeden Fall am stärksten. Schau mal wie viele geile Alben damals pro Jahr raus gekommen sind und jetz schau mal wie viele geile Alben 2007 raus gekommen sind.

Geraet:Back from the Dead“ kam glaube ich auch ’94 raus (Opening-Track vom House of Pain-Album „Same as it ever was„; Amn. d. Verf.)

Foxn: Ich würd auch ’94 sagen, da kam Biggie (Notorious B.I.G. – „Ready to Die„; Amn. d. Verf.), da kam das erste Method Man-Solo („Tical„; Amn. d. Verf.)

Es wird weiterhin munter diskutiert. Foxn korrigiert (großteils korrekt), wenn Alben genannt werden, die nicht ’94 erschienen sind – man is sich aber einig: 1994 war das Jahr mit den stärksten Rap-Alben.

Geraet: Es hängt halt einfach damit zusammen, dass man in der Zeit in der man anfängt sich dafür zu begeistern mit einer ganz anderen Euphorie Sachen entdeckt. Das war halt ’94 – ’95.

Da Kid: Damals waren die Releases aber auch versetzt. Die kamen in den USA immer früher raus und es hat dann ein Paar Monate gedauert, bis es das auch in Deutschland gab. Sogar bei Universal oder so. Man musste das dann entweder importieren oder halt warten. Von daher passt ’94, ’95.

rap.de: Was ist für euch das beste Album aller Zeiten?

Scu:36 Chambers“ vom Wu-Tang Clan! Kann man nur immer wieder sagen.

Geraet: Ja es langweilt mich das zu sagen, aber es stimmt einfach.

Foxn: Das ist wirklich die langweiligste Antwort, aber auch die wahrste.

Da Kid: Und Deutschrap?

Scu: Massive Töne – „Kopfnicker„!

Foxn: Ich hab letzte Woche wieder das Hiob-Album gehört („Drama Konkret„; Amn. d. Verf.) und das war wieder ein richtiger Flash. Das ist einfach zeitlos für mich geworden. Oder halt „Bambule“ (von Absolute Beginner; Amn. d. Verf.), aber das is auch so ne langweilige Antwort (lacht)

Da Kid: Ne, da war ’n Ausreißer drin!

Scu und Foxn: (gleichzeitig) Da war kein Ausreißer drin!

 

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