Interview mit Sonne Ra

rap.de: Damit hast du schon einiges von deiner Lebensgeschichte vorweggenommen. Das Erfurt deiner Kindheit scheint ein ziemlich finsterer Ort gewesen zu sein. Wie kommt man da an HipHop ran?

Sonne Ra: Das war eine harte Geschichte. Ich musste jeden Tag mit der Bahn ans andere Ende der Stadt fahren. 15 km oder so. Ich bin dann mit meinem neuen deutschen Namen an die Schule gegangen. Und da war so ein Typ, der hatte einen Afro, der hieß Donald. Der hat mich schon immer so beäugt und ich ihn auch. Irgendwann hat er mich mal zu sich eingeladen, da haben wir ein bisschen gechillt, gezockt und so, NES noch, und SNES. Irgendwann meinte er so, Steffen (lacht), wo kommt eigentlich dein Vater her? Ich so, meine Eltern sind geschieden, mein Vater lebt in Leipzig. Die hatten mir ja so eingebläut, du darfst nie jemand den Namen sagen, sonst war alles umsonst. Aber als er mich gefragt hat, konnte ich nicht länger schweigen, sondern hab ihm gesagt, wie es ist. Mein Papa ist Afrikaner. Da ist er durchgedreht, ist in der Wohnung rumgesprungen, Bruder, Bruder, hat sich übelst gefreut. Du bist ein Bruder! Geil! Was hier los!
Irgendwann haben wir von so einem Typen, der hieß Danny Brauer, so ein kleiner Typ, so klein wie Eazy-E, der hat urst gediggt. Unsere Väter kamen halt von woanders her, und er hatte nicht so viele Freunde, die HipHop gehört haben. Der hatte voll den Plan und hat uns immer Platten gegeben. Tapes gab es damals noch, Ice Cube und so Geschichten. Was Cube da so alles Schönes erzählt hat, auf „Kill at will“ oder „AmeriKKKas Most Wanted„. Public Enemy, der ganze militante Kram, bis hin zu Wu-Tang und dem ganzen spirituellen Afro-Asiatic-Knowledge-Kram. Damit konnten wir uns identifizieren. Wir haben uns die Texte reingezogen, haben angefangen, die Weißen zu hassen, haben uns Jacken angezogen, wo hinten drauf stand „The Devil has blonde hair, blue eyes„. Richtig krasse Scheiße, wir waren richtig böse unterwegs, haben nur noch afrikanisch gekocht und uns nur noch mit Afrikanern und Arabern unterhalten. Zeitweise haben wir uns auch für Religion interessiert. Leider ist der Donald irgendwann ziemlich schizophren und verrückt geworden und in die Psychiatrie gekommen, weil er das alles nicht so vekraftet hat. Ich hab dann irgendwann einen guten Kumpel kennen gelernt, Christian heißt der, nennt sich DJ Niemand. Jede Stadt hat so einen Typen, so ein Opi-Typ, der schon ganz lange dabei ist. Champions Sound Squad, der hat die alle beeinflusst. Der war der Chefboss. Jeder hatte vor dem Respekt und auch Schiss, weil der so ein megakrasses Knowledge von der Musik hatte.

rap.de: Der Torch von Erfurt.

Sonne Ra: Der hatte so viele Kisten voll mit Platten, 20 Kisten nur Jazz, 20 nur Reggae, HipHop… den ganzen Kram. Ich kannte nur Ice Cube und so, was der hatte, habe ich noch nie gehört oder gesehen gehabt. Tribe Unique, Livin Legends, der ganze Project Blowed-Kram. Der hat mich geteacht mit der Musik und ich hab ihm immer meine Sachen erzählt, ja, die Weißen und Gott und so. Der hat mich immer nur angeguckt, jaja, und dann hat er eine Platte aufgelegt und seine Schnauze gehalten, hat mich ins Leere reden lassen und die Musik sprechen lassen. Wir haben Bongs geraucht, bis ich irgendwann Matschbrei war. Und ganz, ganz langsam ist dieser Hass auf die Weißen und die ganze Religiosität zurückgegangen, sonst wäre ich vielleicht wie der Bruder Deso geendet. Ab da konnte ich die Musik hören und fühlen, ich hab noch mal ’ne andere Sprache gelernt. Davor habe ich die Power der Musik schon gespürt, aber vor allem die radikalen, politischen Texte. Dann habe ich auch angefangen, mir andere Sachen anzuhören.

rap.de: In welchem Umfeld verortest du dich heute so?

Sonne Ra: Wenn es eine Familie gibt, die mich aufgenommen hat, dass OFDM, Schaufel & Spaten, Freshface, Der Plusmacher und Q-Cut. Die hatten ihren Kreis, wo nicht jeder einfach reinkommen konnte. Wir haben uns erstmal unabhängig von der Musik kennen gelernt, als Freunde. Das ist meine Haupt-Gang. Dann gibt es halt durch den Arwid Wu, der dreht viele Videos und so, früher hat der viele Underground-Veranstaltungen gemacht. Den habe ich auf der Tour mit Taktlo$$ und Project Blowed kennengelernt. Damals hatte ich schon ein paar Platten mit Jabam draußen, gute Alben, aber nachdem Leopoldseder die Review verkackt hatte, hatten wir keinen Bock auf Medien. Wir haben unser Ding völlig autark gemacht. 2005 oder 2006 hat dieser MySpace-Scheiß angefangen, und da hat Arwid uns irgendwie gefunden und nach Leipzig eingeladen. Da habe ich viele Funkverteidiger kennen gelernt, Katharsis z. B.. Ich bin kein Funkverteidiger, aber zum Beispiel hat der Odd Job von FV das ganze Album gemischt. Also ist ein bisschen funkverteidigerische Energie in dem Album. Die Cuts sind ja auch von Lucutz, der DJ von Pierre Sonality. Die Funkverteidiger sind auf jeden Fall auch eine coole Crew, die gehören auch mit zur Familie.

rap.de: Der Begriff „Mula“, den du im Albumtitel führst, kam anscheinend schon zu Schulzeiten zu dir.

Sonne Ra: Naja, wie gesagt, es gab eben viele Probleme, viel Rassismus, und dann gab es so ein Schlüsselerlebnis, als eine Lehrerin meinte, ich solle alle Schimpfwörter in mein Hausaufgabenheft schreiben und den Namen dessen, der es zu mir gesagt hat, dahinter schreiben. Da stand dann „Neger – Marcel„, „Mulatte – Stefanie„. (lacht) Das ganze Heft stand mit der Scheiße voll. Am Freitag sollte ich das abgeben. Die wollte das unterschreiben und dann Konsequenzen einleiten. Hatse aber nie gemacht. Irgendwie stand da ganz oft auch Mulatte da. Und irgendwann ist sie ausgerastet, ist zur Tafel gegangen und hat ganz groß „Mulatte“ drangeschrieben. „Du bist ein Mulatte, das ist die korrekte ethnische Bezeichnung für deine Art, weil du gemischtrassig bist!“ Ich dachte eigentlich, es gibt nur eine Menschenrasse, aber die scheint anderer Meinung gewesen zu sein. Und du weißt ja, wie es im HipHop ist. NWA, „Niggaz4Life„. Für mich ist es wie eine Art Tourette. „Mula“ muss ich immer mal wieder sagen, das muss einfach immer mal wieder raus. Mir ist es auch egal, wer das noch sagt, ich bin da nicht so: Hey, das dürfen nur wir untereinander sagen, nur wenn ich es rappe, dürft ihr es mitrappen. Ich frage mich immer, wie sieht ein Nigger eigentlich aus?

rap.de: Das ist doch jetzt eine Fangfrage.

Sonne Ra: Gibt’s überhaupt Nigger? Ich hab gedacht, wenn’s überhaupt irgendeinen dreckigen Neger gibt, dann sieht er vielleicht eher aus wie Angela Merkel.

rap.de: Wann ist dir eigentlich aufgefallen, dass auch Lil Wayne das wort Mula benutzt, allerdings in einem ganz anderen Sinn?

Sonne Ra: Das habe ich erst gemerkt, als ich irgendwann mal das wort Mula eingegeben habe, da sind dann Sachen auf aufgetaucht wie „Ain’t nothing more important than the mula“ (von Big Sean; Anm. d. Verf.). Überhaupt gar kein Problem.

rap.de: Du, die FV, der Plusmacher, Schaufel & Spaten – ihr steht alle für einen ziemlich klassischen Rapentwurf.

Sonne Ra: Nee.

rap.de: Nee?

Sonne Ra: Nee. Ich finde, das Album ist ziemlich zeitgemäß und überhaupt nicht BoomBap.

rap.de: BoomBap habe ich auch nicht gesagt. Ich meinte einen klassischen Ansatz, das kann ja auch durchaus zeitlos sein.

Sonne Ra: Was ist denn ein klassischer Ansatz?

rap.de: Auf jeden Fall nicht so Synthie-Bretter. Keine Rummelbeats.

Sonne Ra: Du meinst, musikalische Beats? Also, unser Anspruch an unsere Musk ist auf jeden Fall ein bisschen höher als nur (imitiert simple elektronische Sounds). Da steckt ein bisschen mehr Arbeit und Liebe drin.

rap.de: Und in deinem Fall viel Funk.

Sonne Ra: Funk, Mann, ja. Positiv auf jeden Fall. Der Mula-Funk ist immer so. Ich habe ja schon vier Alben gemacht, und die davor klangen völlig anders, jedes klingt völlig anders als die anderen. Es ist meine Entwicklung. Am Anfang bin ich noch ein pro-afrikanischer, muslimischer Indianer, auf dem zweiten ist es dann schon anders, da wird es runder und kompakter. Musik ist auch ein bisschen wie vögeln, manchmal bist du schnell, manchmal bist du langsam. Es kommt immer auf die Stimmung an.

rap.de: Sonst noch was, was du loswerden willst?

Sonne Ra: Ja. (sagt nichts mehr)

rap.de: Philosophische Antwort. Danke dir für das Interview.

 

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