Homezone #11: Mit Marz auf Stippvisite in Kreuzberg

„Hoes. Flows. Flamingos.“ ist ganz bewusst unrund und kantig gehalten, hat kein klares, sich durchziehendes Soundbild. Im Gegenzug ist viel Raum für Blödelei und paradoxe Themen. Man merkt dir an, dass du großen Spaß an diesem unkonventionellen Rahmen hattest …

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein sehr humoristischer Typ bin, dem es allgemein schwer fällt, ernst zu bleiben. Es war sogar der Anspruch an das Flamingos-Projekt, diese Eigenart auch nicht zu verstecken. In der Phase, als ich wieder anfing, über neue Mucke nachzudenken, war gerade das Fatoni-Mixtape „Im Modus“ erschienen … Und bei Toni hat man da einfach krass raus gehört, wie viel Spaß er daran gehabt haben muss. Und genau das ist der Schlüssel zu einem guten Tape: Du musst einfach Bock drauf haben. Ich hab‘ dann die ersten Beats gepickt und war so motiviert, dass ich den Großteil der Texte in knappen zwei Wochen geschrieben habe. Insofern war das tatsächlich ziemlich unkonventionell (lacht).

Ich schätze dich so ein, dass dir ein ausgewogener und bis ins Detail perfektionierter Sound sehr wichtig ist, bestimmt auch wesentlich wichtiger, als vielen deiner Kollegen. Auf den Tracks „Tu es auch“ und „Mein Flow“ betonst du auch diesmal, dass Groove und Flow für deine Musik in jedem Fall eine sehr zentrale Rolle spielen …

In meinen Augen machen wir hier Vibe-Mucke und der Vibe ist das Schlüsselelement im Rap! Ich habe zum Beispiel immer das Gefühl, mich vor meinen ausgebildeten Kollegen aus der Band für Rap rechtfertigen zu müssen … Bis mir klar wird, dass ihnen die Rap-Sachen unheimlichen Spaß machen, wenn sie merken, dass sie einfach heftig grooven. Dafür muss ich mich nicht erklären, auch nicht gegenüber ausgebildeten Jazz-Musikern. Klar, Vibe spielt in jeder Musikrichtung eine tragende Rolle … Aber nirgendwo ist er so entscheidend, wie im Rap. Es gab die rumpeligsten Platten, die, trotz denn sie schlecht gemischt waren, Klassiker wurden. Einfach weil der Vibe gestimmt hat. „36 Chambers“ vom Wu-Tang Clan stellt dir trotz miesestem Kellersound bis heute alle Haare hoch. Oder wohl genau deswegen …

 

Auf dem Tape sind wieder viele an den Jazz angelehnte Beats zu finden und du hast ja auch schon erwähnt, dass du die Zusammenarbeit mit den Bixtie Boys auf den bevorstehenden Alben fortsetzen wirst. Woher kommt deine Liebe zum Jazz und wann hast du beschlossen, ihn konsequent mit HipHop zu kreuzen?

Generell kam mir dieser Schritt nie wirklich weit vor. Mein Sound ist ja sehr stark durch New York und die Golden Era geprägt, ist also eher sample-lastig, soulig und funkig. Von Beginn an war für mich klar, dass das Ganze immer mehr in Richtung Jazz gehen würde, als in Richtung irgendeines Synthi-Sounds oder so. Die Anfrage, ob ich nicht Bock hätte, mal mit einer Jazz-Liveband aufzutreten war damit schon beantwortet, bevor sie überhaupt kam. Und als es dann soweit war, hat sich bestätigt, dass das einfach nur unheimlichen Spaß macht.

Die Beats wurden unter anderem von Figub Brazlevic, Dexter und Cap Kendricks beigesteuert, es sind Feature-Parts von Lakmann, Al Kareem, Sickless, Edgar Wasser, Juse Ju und Kex Kuhl am Start. Du bist mittlerweile echt gut vernetzt, oder?

Zum Glück ist HipHop eine Connection-Kultur. Unabhängig davon hat vieles natürlich auch mit Glück zu tun: Leute wie Laki oder Edgar sind beispielsweise ziemlich verkopfte Jungs, die du schon auf dem richtigen Fuß erwischen musst. Die müssen wirklich mögen, was du tust … Aber wenn sie das tun, supporten sie dich eben auch gnadenlos. Die Leute sind immer hart erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich in meinem Leben noch nicht einen Cent für einen Beat oder ein Feature ausgegeben habe. Und das beruht auf Gegenseitigkeit: Wenn ich etwas gut finde, setzte ich mich ohne Widerrede an einen Feature-Part. Über solche Geschichten entstehen im Laufe der Jahre tiefe Freundschaften. Nehmen wir Sickless: Wir haben uns die Schädel eingehauen und uns wieder vertragen, sind über die Jahre auch jenseits der Musik sehr tief miteinander verbunden.

Während einige Tracks auf dem Tape eher Punchline-Gewitter sind, folgen andere einem strikten thematischen Konzept. Es gibt einen Song, auf dem aufzählst, was du in deinen Rucksack packst, „Eastpaksituation“. Schon im Intro des Tracks wird deutlich, dass du den Song an einen Älteren angelehnt hast, der nicht von dir ist. 

Es war die Zeit, bevor Pillath mit Snaga unterwegs war. Da hatte ein gewisser Mister Knight, der wiederum viel mit Pillath gemacht hat, ein Album gedroppt, dass „Das Großmaul rettet die Welt“ hieß. Da war ein Track drauf, in dem er beschrieb, was sich alles in seinem Rucksack befindet. Knight ist mir vor einem Jahr zufällig in einer Wiesbadener Fußgängerzone begegnet. Da hab ich ihn angehauen, weil ich schon lange überlegt hatte, jenen Song neu aufzulegen. Inhaltlich lehne ich mich auch an einigen Stellen daran an. Der Beat ist allerdings ein anderer, den hat Cap Kendricks gemacht…

Die Gesellschaftskritik kommt bei dir sehr subtil und häufig polemisch daher, deine politische Meinung ist eher zwischen den Zeilen oder in Anspielungen versteckt. Könntest du dir vorstellen, irgendwann mal einen offensiv politischen Track zu machen, oder wäre das für deinen Geschmack schon zu uncharmant?

Musik ist ein Stilmittel. Insofern sollte sie auch den Anspruch haben, irgendwie ästhetisch zu sein. Ich weiß nicht, ob ein Schild, das dir in die Fresse gedrückt wird, so ästhetisch ist. Ich finde, Politik muss nicht immer plakativ und ich finde es auch oft fehl am Platz, mit der Zugehörigkeit zu irgendeiner Szene zu kokettieren. Außerdem gibt es immer Leute, die Schaden nehmen, wenn Meinungen durchgedrückt werden. Davon abgesehen hoffe ich trotzdem, dass jeder, der Rap-Musik macht ein offener Mensch ist und jeder, der sich mit Hip-Hop auseinandersetzt eine politische Einstellung hat. Sonst ist er fehl am Platz. Jeder Mensch sollte ein politisches Bewusstsein haben …