Interview mit Dexter über „Palmen und Freunde“

Fotos : Denis Falkenstein

Dexter, der sonst eigentlich als (ausgezeichneter, und zwar mit Gold und Platin) Produzent bekannt ist, hat nun auf seinem neuen Album viele Freunde versammelt – aber auch selbst gerappt. Sommer, Sonne, Bier und gute Laune scheinen das Konzept gewesen zu sein, welches die Grundlage für dieses Werk bildet. Wir trafen Dexter in seiner Stuttgarter Wohnung und sprachen mit dem sympathischen Schwaben über sein Album „Palmen und Freunde“, seine Releaseparty und allerlei andere Themen, die nicht minder unterhaltsam und  informativ waren.

rap.de: Erzähl doch erstmal von der kleinen, inoffziellen Release-Party gestern.Wie kam es dazu?

Dexter: Naja, gestern sind Freunde von mir auf die Idee gekommen, sich in ’nem Park zu treffen, wie früher in New York Laternen anzuzapfen – bzw. mit nem Notstromaggregat für Strom zu sorgen. Wir hatten einen Plattenspieler für die musikalische Untermalung, haben dann mit engeren Freunden ’nen netten Nachmittag bzw. Abend mit Bier und Pulled Pork verbracht. Das ganze sollte eigentlich im kleineren Kreise stattfinden, hat sich dann aber ziemlich schnell über Facebook verbreitet. Am Ende war dann sogar noch die Stuttgarter Zeitung am Start.

rap.de: Was ist Pulled Pork? Ist das vergleichbar mit dem Dampfschwein auf dem splash!?

Dexter: Ja, ungefähr so ähnlich. Pulled Pork, das ist im Smoker gegartes Schweinefleisch, welches dann sehr faserig wird und so zart, dass es quasi zerfällt und dann mit Barbecue-Soßen und Kraut im Brötchen gereicht wird. Sehr lecker und praktisch, weil Schweinefleisch nicht so teuer ist und wir so bei der Releaseparty sehr viel Mäuler für wenig Geld stopfen konnten. Ich glaube, dass dies erst so in den letzten Jahren trendy geworden ist, zumindest hört man immer öfter davon. Eigentlich kommt dieses Gericht aus den Südstaaten der USA.

rap.de: Diese Party klingt genau nach dem Flavour, den das Album rüberbringt.

Dexter: Ja total, deswegen hat das mir ja auch so viel Spaß gemacht, weil die Party so locker war, wie auch die Zeit, in der das Album entstanden ist. Man trifft sich und hängt rum, es entstehen Tracks. Und so war das auch. Niemand musste auflegen, ab und an hat sich jemand an die Turntables gestellt, danach hat man einfach einen Mix laufen lassen… Bier trinken und sich unterhalten, ’ne gute Zeit haben. Alles ganz ohne Zwang.

rap.de: Ist die Platte auch so entstanden, oder ist dieses lockere Flair auch Ergebnis harter, konzentrierter Arbeit?

Dexter: Naja, beim Arrangement und beim Abmischen geb ich mir schon Mühe. Aber beim Texte schreiben ist das Motto erstmal machen. Meistens, wenn Leute hier aufnehmen und ihre Lyrics schreiben, ist mir oft so langweilig gewesen, dass ich dachte, ich muss auch mal wieder was machen. Dann sitzt du in deinem Stuhl und denkst: Was mach ich jetzt? So hat es angefangen. Aber hab früher ja auch schon viel gerappt.

rap.de: Hauptsächlich Cyphers, oder ?

Dexter: Ja, immer krass in die Cypher gesteppt. Aber ich war auch mit Maniac und Blumentopf 2010 bereits auf Tour, davor bereits mit meinem Homie Jaques Shure ein Album gemacht. Gerappt hab ich eigentlich schon immer, aber in den letzten Jahren ging das etwas unter.

rap.de: Deswegen waren so viele überrascht, dass du ans Mic steppst und durchaus battlelastig zu Werke gehst.

Dexter: Ja, das kann sein, aber das war so nicht geplant. Diese Tracks sind nebenher entstanden, relativ frei,  ich wusste auch gar nicht genau, was ich damit machen soll. Irgendwann ergab sich ein roter Faden, die Beats waren ziemlich locker und dann dachte ich mir einfach, lass da mal ein Album draus machen. Eigentlich wollt ich gar nicht, dass das so groß wird, wollte es einfach raushauen. Aber Ed von WSP meinte dann, da könnte man mehr draus machen. Einige der Tracks waren eigentlich auch für einen WSP-Sampler geplant, auf dem ich auch mal wieder rappen wollte. Die Jungs von WSP und einige Freunde sollten auf einem komplett von mir produziertem Album am Start sein. Aber da ich bei jedem Track mit Reimen am Start war, wurde es dann mein Solo-Album. Wir haben dann noch ein paar Sachen geändert, einiges flog runter, manches hab ich ergänzt und so entstand „Palmen und Freunde„.

rap.de: Okay, bedeutet alle Leute die jetzt auf dem Album drauf sind, sind auch Kumpels, bzw. Freunde von dir?

Dexter: Ja fast, eigentlich alle. Den einzigen den ich davor nicht so kannte, ihn aber trotzdem auf dem Album haben wollte, war Chefket.

rap.de: Echt, der kommt doch auch aus der Ecke hier. Ich dachte, ihr kennt euch.

Dexter: Ja, der ist lustigerweise auch Schwabe. Ich hab zwar schon immer halb verfolgt, was er macht, aber bekannt wurde er ja erst so vor zwei Jahren. Aber der macht ja schon ewig Mucke. Ich wurde mal für Beats angefragt, daraus wurde aber leider nichts. Ich hab dann mal einen Remix für ihn gemacht. In Kontakt gekommen sind wir aber erst letztes Jahr auf’m splash. Da haben wir uns unterhalten und gleich gut verstanden. Bei einem Track welchen ich angefangen hatte zu schreiben, dacht ich, frag ich mal den Chefket, der passt gut rein. Er hatte Bock, hat sogar die Hook gesungen. In einer Woche war der Track fertig. Mittlerweile würd ich ihn schon als Kumpel oder Freund bezeichnen. Er war auch beim Videodreh für „Dies Das“ dabei, wir sprechen öfter miteinander und ich werde für sein neues Album auch ’n paar Sachen produzieren. Aber ja, eigentlich sind es größtenteils Freunde und Menschen die ich noch aus alten WSP-Kreisen kenne, alles Menschen mit welchen ich schon lang Musik gemacht hab. Und der erweiterte Freundeskreis erstreckt sich dann so auf Leute wie Morlockk Dilemma, Audio88 und Yassin. Mit denen arbeite Ich schon ewig, die Jungs kriegen von mir immer Beats also war es klar, dass die dann auch auf meinem Album rappen müssen. Und jeder von den Jungs hatte auch wirklich Bock, ich dachte mir am Anfang schon, hmmm, Dexter ist jetzt nicht der beste Rapper… kommen die überhaupt? Aber Dilemma war sofort dabei, der Rest auch. Und auch dass sie alle auf unsere Release-Party gekommen sind, war der Hammer! Da waren so viele Leute. Ich konnte ja keine Gagen bezahlen oder sowas, nur Geld für die Fahrt und das Hotelzimmmer. Mehr nicht. Aber man merkt, da kommt halt was zurück. Ich hab damals meistens auch kein Geld verlangt für meine Beats, das ganze läuft mehr so auf Freundschaftsbasis. Man merkt halt es geht uns mehr um den Spass, was mich glücklich macht.

rap.de: Das ist ja durchaus ein bisschen eine subversive Gegenkultur. HipHop ist ansonsten derzeit schon auch viel verbunden mit Marketingplänen, Statements, 10 Wochen lange Promophasen, konstruierten Beefs…

Dexter: (lacht) Jaja, Statements und konstruierter Beef

rap.de: Ihr scheint da eine Gegenbewegung zu starten, bzw. eine Ebene zu schaffen, die nach den alten Regeln funktioniert.

Dexter: Auf jeden Fall, aber ich hab das eigentlich auch immer so wahrgenommen. Also zumindest in dem Kreis in welchem wir hier arbeiten. Diese Deutschrap Schiene mit Audio, Yassin, Morlokk Dilemma, Hiob, Fatoni, die kennen sich nun alle, obwohl sie sonst nie zu einander gefunden hätten. Waldo the Funk hätte mit Brenk auch nie was miteinander gemacht. Und nur weil es eine persönliche Ebene gibt auf welcher sich die Leute begegnen, kann sowas laufen.

rap.de: Nun sind ja auch in den letzten 2 Jahren einige Straßenrapper an dich heran getreten. Es war mal im Gespräch, du würdest für Xatar mal produzieren wollen. Hat sich da was entwickelt?

Dexter: Gut bei ihm ist es schwer und etwas anders, wegen den bekannten Lebensumständen von Xatar. Da rufst halt nicht einfach mal an. Aber er hat ein Beat gepickt, der ist auch für ihn reserviert. Ed ist mit ihm in Kontakt. Was da jedoch draus wird, weiß man noch nicht. Es verpufft halt auch einiges. Schwesta Ewa z.B.. Ist manchmal ’n bissel verpeilt , lässt sich Beats schicken und findet sie dann nicht mehr (lacht). Hab sie selber nicht kennengelernt, Ed erzählte mir das. Aber ich bin da niemand der da unbedingt dahinter her ist, der da eine Kooperation erzwingen will. Ich bin einfach ein Freund davon, wenn es ganz natürlich und entspannt entsteht. Ich finde aber so Street-Sachen eigentlich schon ganz interessant und kann mir das anhören. Aber am Ende ist es wie immer. Ich lass die Sachen auf mich zukommen und wenn etwas geschieht, dann geschieht es.

rap.de: Wie findest du in diesem Zusammenhang eigentlich Reaf, der ja recht viel für die Jungs von Alles oder Nichts produziert hat und offensichtlich auch viel Wert auf dieses klassische Soundbild legt.

Dexter: Ich kenn jetzt halt hauptsächlich die Beats vom SSIO Album, sehr solide produziert und vom Flavour richtig gut den Vibe dieser Zeit eingefangen. Sehr gut. Ich selber könnte diesen Flavour glaub gar nicht so gut rüberbringen wie er.

rap.de: Mittlerweile bist du ja auch schon Platin-Produzent, beim letzten Interview war es nur Gold, mittlerweile Platin.

Dexter: (seufzt ) Hach ja, Platin, Doppelplatin sogar (für das Cro-Album, Anm. d. Verf). Weiß jetzt nicht, ob man da nochmal eine Platinplatte kriegt. Muss ich mal fragen.

rap.de: Wo hängt die Platte?

Dexter: Naja, leider ist es ja nur eine Platin-CD. Bei Casper gab es eine Platin-Platte . Aber jetzt bei dem Album von Cro nur die CD. Aber ich kann die nirgends aufhängen, deswegen steht sie aufm Boden. An der Wand hier kannst höchstens Poster aufhängen, wenn du in so ’nem Altbau ’nen Nagel in die Wand schlägst, weißt du nicht, in welchem Hohlraum du danach rauskommst.

rap.de: Du erwähnst gleich im Opener, das du mittlerweile Platin-Produzent bist. Wobei das jetzt nicht wirklich ernst gemeint rüberkommt.

Dexter: Nein, aber es ist einfach mittlerweile so, dass egal, wo ich hinkomme, überall werde ich als Gold und Platinproduzent vorgestellt. Find ich ja auch cool, aber sehe das einfach auch realistisch. Hätte ich nicht meinen Teil beigetragen, wären die Alben trotzdem Gold und Platin gegangen. Casper und Cro haben ihre Hypes auch ohne mich. Wenn du deren Fans fragst, wer für sie produziert hat, dann wird es den meisten egal sein. Ich freu mich darüber zwar, nehm es aber jetzt nicht so ernst wie vielleicht manch anderer und bilde mir nicht unbedingt viel drauf ein.

rap.de: Wenn wir gerade schon dabei sind, findest du das die Produzenten mittlerweile mehr Beachtung finden im Deutschrap? Lange Zeit hat man da nicht so drauf geachtet, heute steht zumindest meistens in der Videobeschreibung drin, wer produziert hat.

Dexter: Oder sogar bereits im Titel dahinter. Find ich gut, früher war das nicht so. Ich hab mich zwar immer für die Produzenten interessiert. Aber ich denke, das ist normal, wenn man selber Beats macht interessiert man sich auch dafür, wer die Beats für andere macht. Bei Wu-Tang dachte ich mir immer, wie dope ist dieser RZA. Aber mittlerweile ist es ja auch wirklich so, dass die Instrumental-Platten immer größeren Anklang finden. Madlib und Jay Dilla waren da die Vorreiter. Nun erfreuen sich immer mehr Leute an Instrumentals. Das hat sich soweit entwickelt, dass wir als  Betty Ford Boys nur mit ’nem Live-Beat-Set auf Tour gehen können und einfach jede Menge Leute kommen. Vor Jahren war das noch nicht denkbar. Im Mojo in Hamburg waren 600 Leute da, wir konnten länger spielen als wir eigentlich dachten, weil wir bei einem Tourauftakt nie mit so viel Resonanz gerechnet hätten. Und dann noch in so einer geilen Location. Aber es gibt ja immer neue Strömungen und Hypes, diese kommen jetzt halt dem Produzenten zugute. Aber ein Großteil derer, die diese Musik hört, macht einfach auch selber Musik.

rap.de: Auf solchen Partys rappt jeder Zweite – und jeder Dritte produziert mittlerweile ?

Dexter: Ja genau, wobei es heute einfach auch leichter ist. Als ich angefangen habe, Beats zu machen, wusste ich gar nicht, wie ich ein Beat machen muss. Es gab kein Internet, um sich zu informieren. Mein Vater hatte zwar Synthies, FM Synthese war mir aber zu hoch, es kam auch nicht der Sound raus, den ich wollte. Dann sind wir in einen Musikladen nach Stuttgart gefahren und haben gesagt, wir wollen Beats machen, wie geht das? Der hat mir dann ’ne Drummachine mit furchtbaren Drums und ein Logic verkauft mit Soundkarte. Heutzutage kannst mit deinem Laptop und Kopfhörer arbeiten, du hast ein Handy und kannst damit Beats machen die vom Klang her auf jeden Fall vorzeigbar sind. Und das machen immer mehr.

rap.de: Es hat sich viel getan. Und tut sich weiter.

Dexter: Alles wird offener, die Grenzen verschwimmen , die Leute sind auch toleranter, was verschiedene Styles anbelangt. Wenn du heute die Leute auf der Straße fragst, seien es jetzt Skater oder Hipster, was sie gerne hören, nennen sie dir fünf verschiedene Sachen aus fünf verschiedene Genres. Früher waren die Leute alle erkennbar, Skater haben Skatermucke gehört, es gab uns, die Hip Hopper, Metaller oder Punks. Und alle hatten miteinander Beef. Wir HipHopper wurden belächelt und haben selbst die Punks gehatet, weil die uns immer die Slots für die Jam-Sessions im Jugendclub geklaut haben.

rap.de: Damals waren das auch eher geschlossene Welten, oder?

Dexter: Ja, die Frage ist, war das schlecht oder gut? Ich glaub keines von beidem. Es war halt so. Aber ich will nicht beurteilen, ob es schlechter oder besser war. Aus solchen Dingen entstehen gern mal einige neue Dinge, interessante sogar, oft kommt aber leider auch nur Matsch raus. Wenn nichts klar definiert ist, wird’s oft auch einfach grau.

rap.de: Was ist jetzt nach deinem Album von dir zu erwarten?

Dexter: Beats mach ich ständig, ich plane aber eigentlich nie was. Wobei wir als Betty Ford Boys ja in einer Fischerhütte eine Woche jeden Tag nur Beats gemacht haben. Dort ist bereits schon wieder ein Album entstanden, welches im Herbst kommt. Das wird ein Instrumental und dann geht’s gleich auf Live-Beat–Tour. Und dann will ich einfach mal nix haben, was ich fertig machen muss. Ich würde auch einfach mal gern Freizeit haben. Samstags einfach mal wieder auf ’nen Flohmarkt gehen. Ich vermiss dieses normale Wochenende. Einfach mal wieder ’nen freien Kopf kriegen und nix organisieren. Ich möchte jetzt auch meine Arbeitsstelle reduzieren, was ich mir leisten kann, da es gerad sehr gut läuft mit der Musik.

rap.de: Okay, dann danke ich dir für das Gespräch, viel Glück fürs Album und deine Facharzt-Ausbildung.

Dexter:  Danke und auf bald mal.

 

Interview: Oliver Marquart