Interview mit Tatwaffe über „Sternenklar“, Familienleben , Terror & AfD

WhatsApp Image 2016-08-28 at 21.01.11

Zwölf Jahre nach seinem letzten Album „Volltreffer“ meldet sich Tatwaffe mit „Sternenklar“ zurück. Im Interview mit rap.de spricht er unter anderem über Feature-Gäste, „Die Eine“ und politischen Rap.

Heute wurde dein neues Album „Sternenklar“ veröffentlicht. Du bist ja ziemlich lange dabei im Musikgeschäft. Wie ist das für dich – gehst du mit der Zeit? Wie sehr hat die heutige Musik dein Album beeinflusst?

Ich bin immer mit der Zeit gegangen, und die heutige Musik hat mein Album sehr beeinflusst. Das merkt man vielleicht auch an den Beats zum Teil, und an der Art, wie ich rappe, wie ich flowe. Ich habe aber trotzdem versucht, mich auf dem Album auch an meine Wurzeln zu erinnern und die nicht ganz links liegen zu lassen. Eigentlich ist das ganze Album ein Mix aus dem, was ich gern höre, von Drake bis Ice Cube oder N.W.A.. Deshalb hab ich auch West Coast-Beats drauf zwischendurch. Dann hört man noch meine alten HipHop/Boombap-Einflüsse, und gleichzeitig hab ich halt auch trappige Sachen, weil ich finde, als guter Rapper muss man sich treu bleiben, man muss aber auch mit der Zeit gehen. Ansonsten verliert man komplett die Relevanz in dem Game.

Du hast ja gerade schon gesagt, dass sowohl Trap als auch BoomBap auf dem Album drauf sind. Kritiker könnten sagen, dass dem Album damit ein einheitliches Soundbild fehlt. Was entgegnest du dem und wie hast du versucht, das zu verhindern?

Ich versuche auf gar keinen Fall, das zu verhindern. Das ist ja mein Soundbild, so wie ich ein Album hören will. Deshalb ist das für mich völlig in Ordnung. Den Leuten, die sagen, da ist kein roter Faden drin, weil die Musik zu abwechslungsreich oder zu verschieden ist, denen sage ich: Sorry, ich bin halt ein Künstler, der selber Alben hasst, die vom ersten bis zum letzten Song gleich klingen. Selbst bei Drake-Alben, wo sich natürlich produzentenmäßig auch ein Sound durchzieht, finde ich immer noch genug Abwechslung. „One Dance“ kann man jetzt nicht wirklich mit „Hype“ vergleichen. Ich finde es halt wichtig, dass man nicht das ganze Album über gleich klingt. Solche Alben kann ich persönlich mir nicht anhören. Bei Rap sollte man echt sein, und ich mach halt ein Album, das mir gefällt und für mich gehört dazu, dass ein bisschen Leben und Abwechslung drin ist.

Du hast die Geschichte von „Die Eine“ weitererzählt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen Track namens „Bikini“, wo du allgemein vom weiblichen Geschlecht schwärmst. Wie passt das zusammen?

Es wäre ja gelogen, wenn man sagen würde, dass man andere Frauen nicht auch hübsch findet. Die Inspiration zu dem Track kam allerdings darüber, dass ich meine Frau in ihrem pinken Bikini so geil fand, dass ich gesagt habe: Darüber muss man einen Song machen! Das ist etwas, das jeder mit Sommer verbindet. Ich hab eigentlich auch versucht, in dem Song nicht abwertend über Frauen zu reden. Das hat nicht jeder kapiert, aber das ist auch nicht so schlimm. Aber klar, ich bin ja ein Mann. Es gibt Themen, die mich interessieren, und dazu gehört das weibliche Geschlecht, das ist ja ganz normal. Die Story von „Die Eine“ erzähle ich nicht weiter. Ich hab halt einen Song über die Anfänge („Nachtflug“) und eine Liebeserklärung an sie („Halbwegs OK“), aber es ist noch nicht die Fortsetzung von „Die Eine“, die kommt erst noch.

Es steht ja bei Rappern immer irgendwie der Vorwurf im Raum, dass man kalkuliert kommerzielle Musik macht, gerade wenn man in zwei Tracks die Geschichte seines größten Hits thematisiert. Du sagst ja selber dazu, dass dich das Thema privat einfach bewegt. Würdest du sagen, dass diese Kritik gänzlich unberechtigt ist, oder kannst du das verstehen?

Ich bin ja Profi-Musiker. Wenn ich einen Song anfange, dann entsteht das einfach so von selber. Wie bei „Bikini“: Ich hab dieses Bild von meiner Frau, ich höre den Beat, und sage: Da ist es! Das ist das Bild, was zu dem Beat passt! Aber natürlich überlege ich mir dann: Wie kann man aus diesem Song ‘nen Hit machen? Klar denk ich natürlich daran, wie kann man möglichst viele Leute erreichen, weil ich ja auch sehr vielschichtig von den Themen her bin, und nicht alle Leute lassen sich gerne an nachdenklichen Rap heranführen. Die Leute, die meine nachdenklichen Texte lieben, haben gesagt: „Oh Gott? Ist das ganze Album so?“, aber ich hab halt viele neue Leute über das Lied erreicht, die werden sich mit meinem Album auch die nachdenklichen Sachen anhören, und die krieg‘ ich hoffentlich dazu, dass sie auch mal nachdenken werden.

Dein letztes Soloalbum „Volltreffer“ ist aus dem Jahr 2004, also mittlerweile 12 Jahre her. Warum hast du so lange gewartet auf dein weiteres Release? Siehst du das als dein großes Comeback? Wenn ja, warum erst nach so langer Zeit? Hat es eventuell etwas mit deiner privaten Situation zu tun? Mit dem Track „Family First“ machst du ja deutlich, wo deine Prioritäten liegen.

Richtig! Ich habe mittlerweile drei Kinder. Die nehmen auch viel Zeit in Anspruch. Nach meinem Soloalbum hab ich noch 2-3 Die Firma-Alben gemacht, das heißt, ich war nicht untätig. Seit dem letzten Firma-Album ist aber auch viel Zeit vergangen. Ich hab mir aber auch bei diesem Album viel Zeit gelassen, hab auch versucht, selber die Hand drauf zu halten, dass das Produkt am Ende so ist, wie ich es will, dass ich mir nicht zu viel Feedback von außen reinhole. Ich hab halt gesagt, mach dein eigenes Ding, und wenn man lange mit ‘ner Gruppe arbeitet, in der der Produzent die Geschäfte macht und so, dann ist es schon schwer, sich selbstständig zu machen. Das kann dir in jedem Beruf eigentlich jeder erzählen. Du arbeitest mit Kollegen zusammen, bist in ‘ner Firma angestellt, und sagst dann: „Ich mach’s jetzt mal alleine“, dann ist das nicht so einfach. Das geht nicht von heute auf morgen. Du musst da reinwachsen, du musst dir ‘nen Plan machen. Was kann man machen? Muss man vielleicht erst ‘ne Fanbase wieder aufbauen? Ich sehe das nicht als mein großes Comeback. Wär‘ schön, wenn es das ist, aber who gives a shit? Ich nicht wirklich. Das ist aber ein Comeback, und das ist schon ein Startschuss für viele Alben, die jetzt folgen werden. Nächstes Jahr kommt noch ein Firma-Album, noch ein Tatwaffe-Album, die Tatwaffe-EP ist schon in Arbeit. Ich bin wieder dran. Ob das groß wird, gucken wir einfach. Das entscheiden ja die Käufer und Hörer dann.

Rapper wie ASD, Curse oder die Beginner wurden für ihre Comebacks kritisiert. Kannst du diese Kritik nachvollziehen?

Ich gehe jetzt nicht auf die einzelnen Künstler ein, weil die wissen ja selber, was die machen, aber ich hab mir natürlich viele Sachen von den Künstlern, die du genannt hast, angehört, und zum Teil kann ich das verstehen. Es ist aber generell schwer. Du kommst zurück und alle erwarten was bestimmtes, der Künstler selber hat aber vielleicht ‘ne Entwicklung gemacht. Vielleicht hat er auch keine Entwicklung durchgemacht, sondern ist einfach nicht so dran geblieben, ist mit seinem Kopf woanders, seine Kumpels überreden ihn aber, und dann kommt ein Album, wo der Künstler vielleicht selber nicht genau wusste, wo er hin will, oder wo er halt Bock auf was anderes hatte, die Fans wollen aber nicht mitgehen. Das ist ja generell ein deutsches Problem. In Frankreich oder den USA hast du als Künstler mehr Möglichkeiten, auszuufern, mit anderen Leuten zu kooperieren, siehe Ty Dolla Sign mit Afrojack oder Skrillex mit Rick Ross. Die Leute sind einfach offen dafür, dass Künstler auch aus sich rausgehen und mal was anderes versuchen und trotzdem auf ihren Alben auch auf was zurück kommen, das man kennt.

Du benutzt gerne deine Musik als Sprachrohr und scheust dich auch nicht davor, Gesellschaftskritik auszuüben. Wie denkst du, wird das aufgenommen?

Von den meisten sehr gut. Mit den nachdenklichen Songs und den Songs über Liebe erreiche ich die meisten Menschen, die mit Rap nichts zu tun haben und bringe sie zu Rap, auch zu anderen Künstlern. Deshalb mache ich auch Features. Das ist nicht nur, um meine Platte aufzuwerten oder interessanter zu machen, sondern auch, weil ich meinen Hörern zeige, das sind übrigens die Leute, die ich gut finde, vielleicht hört ihr da auch mal rein. Gerade bei gesellschaftskritischen Songs, „Kein Ende in Sicht“ z.B. damals hat einfach unglaublich viele Leute dazu gebracht, überhaupt meine Musik und Rap-Musik an sich zu hören. Auch Hater lassen sich gerne mal durch ein nachdenkliches Lied bekehren. Ich bin mit politischem, sozialkritischen Rap großgeworden. Auch N.W.A. war nicht nur Straßenrap, sondern das war Rap, der darüber geredet hat, was der Staat gerade falsch macht und wie der Staat dafür sorgt, dass Probleme da sind überhaupt. Jeder, der davon nichts versteht, sollte auch nicht darüber rappen, aber alle anderen, die sich damit beschäftigen und nicht darüber rappen, weil das kommerziell nicht so cool ist, können sich mal… du weißt schon.

Denkst du, Rap hat eine gesellschaftliche Verantwortung? Was hältst du von politischen Rappern?

Ich bin selber ein politischer Rapper, deshalb sollte klar sein, was ich davon halte. Ich finde das gut, solange man nachdenklich ist und nicht einfach nur seine Meinung rausposaunt, ohne vorher mal recherchiert zu haben. Natürlich hat Rap eine gesellschaftliche Verantwortung, aber nur in dem Sinne, dass jeder Mensch eine gesellschaftliche Verantwortung hat. Wer nur an sich denkt, ist ein Bastard. Gerade bei Rap, wo es darum geht, dass man echt ist, dass man Musik macht, die aus einem raus muss, dass man über das spricht, was man kennt, was man erlebt hat, gerade da sollte man dann doch auch seinen Blick auf die Welt mit dem Hörer teilen, und wenn man das nicht tut, dann ist man einfach nicht echt. Es sei denn, man ist ein Schwachmat und denkt an nichts anderes als Geld verprassen, koksen und ficken.

 

Glaubst du, dass die Terrorangst und die Islamfeindlichkeit generell größer geworden sind?

Ja, die Terrorangst ist natürlich größer geworden dadurch, dass es unsere Nachbarn direkt erwischt hat durch München usw. – klar, das ist allgegenwärtig. Ich überlege auch, wo ich mit meinen Kindern hingehe und wohin nicht. Man hat halt nicht mehr nur die Verantwortung für sich. Generell wird die Kluft zwischen den Religionen hochgespielt durch Medien und die Mächtigen, dass man nicht mehr weiß, ob man seinem Nachbarn, der Türke ist und bis jetzt immer dein Kumpel war, noch trauen kann. „Lässt der sich jetzt ‘nen Bart wachsen?“, diese komischen Fragen, oder mein anderer Nachbar, der mir erzählt hat: „Alex, ich hab mir jetzt ein Messer geholt wegen den Flüchtlingen, damit ich mich hier verteidigen kann zuhause“… diese Angst wird durch die Medien verbreitet, und der einfache Bürger nimmt das sofort auf und reagiert darauf. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, dann weiß man, eigentlich hat die Situation sich ganz natürlich entwickelt. An den Problemen selber wurde nichts gemacht, siehe Syrien, siehe Afghanistan, Irak usw. – es ist nichts passiert, und es ist ganz normal, dass die Reaktion darauf sich auch weiter steigert, und wo das hinführt, das ist halt die Frage, wie schlimm es noch werden kann. Es ist schlimm genug. Wir haben Glück hier, dass wir nicht direkt davon bedroht sind. Es wird wahrscheinlich auch früher oder später passieren, dass irgendwo ‘ne Bombe hochgeht oder so was, aber trotzdem werden wir immer noch das Gefühl haben, wir müssen an den Ursachen noch nichts ändern, wir haben eigentlich nichts damit zu tun. Die kommen ja zu uns und machen so was, aber dass man die Wurzel davon sucht und da versucht, was zu ändern, das wird noch dauern.

Was sagst du zum Aufstieg der AfD? Würdest du sagen, dass das ein Zeichen des gesellschaftlichen Rechtsrucks ist, oder glaubst du, die AfD ist eine reine Protestpartei?

Das ist ganz klar ein Zeichen des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Das sehen wir überall in Europa um uns rum, siehe Frankreich, siehe Österreich, usw. – eigentlich fast alle außer uns, wobei bei uns natürlich wie gesagt der Rechtsruck da ist. Ganz ehrlich, wenn ich Bundeskanzler wäre, ich hätte auch die Flüchtlinge zu uns geholt, aber ich hätte mir vorher überlegt, wie ich in den Medien vorher den deutschen Bürgern, egal woher sie kommen oder wie lange sie hier leben, das verkaufe und wie ich denen klar mache: „Das kommt jetzt!“ – aber stattdessen kommen sie alle und dann sagt man: „Jetzt müssen wir mal überlegen, was wir machen“, und das ist schon sehr dilettantisch gewesen, wie es passiert ist. Es war klar, sobald jemand mit der Angel kommt, auf der steht: „Deutschland den Deutschen“, werden die Leute, die Angst haben, die verunsicherbar sind, die Alten und die Ungebildeten, sofort dahin rennen. Das ist kein Wunder. So hat das damals auch funktioniert zu Hitler-Zeiten.

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here