Interview mit Joey Bargeld und KitschKrieg: „Das ist keine Internet-, sondern Livemusik“


Wer sich mit der jüngsten Generation des deutschen Rapgames beschäftigt, kommt an einigen Künstlern einfach nicht vorbei – zum Beispiel an Joey Bargeld und KitschKrieg. Seinen ersten Hype erlebte Joey mit seinem Feature auf Haiytis „Zeitboy“, aber auch allein überzeugt der Hamburger mit einem Sound, den man so noch nie gehört hat. Wenn dann Joeys Stimme, die deutlich hörbar schon unter der ein oder anderen Flasche Whiskey gelitten hat, auf das Producer-Kollektiv KitschKrieg trifft, enstehen auch schon mal 3 EPs – aber nur eine Deluxebox, die man bei Ebay ersteigern kann. 
Grund genug also, um sich mit Joey Bargeld und KitschKrieg über Boxen im Hiphop-Game, den Produktionsprozess seiner neuen EP „1“ und die Relevanz der Livetauglichkeit zu unterhalten.


Deine einzige Premium-Box, die du bei Ebay versteigerst, steht aktuell bei über 250 Euro. Hättest du damit gerechnet?

Joey: Klar, ich hab ja geboten (lacht). Nein, Spaß. Die momentane Höhe ist schon echt gut. Alles über 50 Euro ist nice. Die normalen Boxen kosten ja auch 50, deshalb war das mein Minimum, alles darunter wäre ein bisschen traurig gewesen.

Was glaubst du, steckt da für ein Typ hinter, der für 250 Euro deine Box kauft?

Joey: Weiß ich nicht. Ich denk mal einer von den Hardcorefans der ersten Stunde. Das sind jetzt auch nicht so viele, aber ein paar gibt’s da ja schon. Als ich jung war hatte ich nicht so viel Geld, deswegen denke ich da an einen etwas älteren Fan.

KitschKrieg: Vielleicht auch Spekulanten, die drauf spekulieren, dass Joey eine krasse Karriere hinlegt und dann mit den Einzelteilen auf Ebay Kasse machen wollen… Völlig neue Perspektiven!

Wie seid ihr denn überhaupt auf die Idee gekommen, eine einzige Box bei Ebay zu versteigern?

Joey: Dieses ganze Boxengame war für uns immer irgendwie ein Thema. Deshalb hab ich zu KitschKrieg gesagt: lass mal ‘ne Box machen…

KitschKrieg: Dann hat die ausgefuchste Promoabteilung ein paar Ideen gepitcht – was kann man reinmachen, was könnte lustig sein? – und dann war das halt die Box.

Wie steht ihr denn generell zu der ganzen Deluxeboxen-Sache? Viele halten das für Geldmacherei mit minderwertig produziertem Zeug. Und dann spielt so eine Box ja auch noch bei der Chartplatzierung eine extrem wichtige Rolle.

Joey: Ja, so ist es ja eigentlich auch, aber die Erfindung an sich finde ich eigentlich relativ gut. Das hat der HipHop-Industrie geholfen, wieder Umsätze zu generieren und in die Charts zu kommen und somit auch zu wachsen. Das ist ja eigentlich nicht schlecht. Doof ist nur, wenn man sich gar keine Gedanken um den Inhalt macht. Aber es gibt echt auch einige Künstler, die da gute Sachen reinmachen, über die sich der Fan dann freuen kann.

KitschKrieg: Ich finde Boxen spannend, in denen gute, exklusive Musik ist. Das hat dann auch seine Berechtigung. Es kommt halt darauf an, was du mit deiner Box machst. Wenn du nur Scheiße reinwirfst, um den Umsatz hochzuhalten, dann ist das natürlich wack.

Kommen wir zur EP selbst. Bei „Zuecho“ hast du ja mit Darko Beats zusammengearbeitet, jetzt mit KitschKrieg. Gab es irgendwelche Unterschiede zwischen den Produktionsprozessen?

Joey: „Zuecho“ ist ja jetzt auch schon länger her… da waren wir fast jeden Tag im Studio und haben mit anderen Jungs gechillt und gerappt. Jeder hat mal aufgenommen, bestimmt insgesamt fast 100 Songs.

Und wie war das dann bei „1“?

Joey: Da wars dann halt so, dass ich KitschKrieg die „Zuecho“-EP vorgespielt habe. Und die kamen dann auf die Idee einer Zusammenarbeit.  Erst wollten wir einfach noch eine EP machen, aber dann wurden es so viele Songs, dass wir dachten: „Wir können auch ein Album machen!“ Dann haben wir uns entschieden, einfach drei EPs zu machen.
Die Produktion war eigentlich ähnlich. Außer dass ich jetzt nach Berlin fahren muss! Darko wohnt ja in Hamburg.

KitschKrieg: An Joey ist halt auch cool, dass er den Produzenten vertraut. Er macht sein Ding und schreibt den Song, kann dann aber auch loslassen. Andere Künstler sind da schon schwieriger.

Joey: Das ist ja auch ein Kollaboalbum. Es heißt schließlich „Joey Bargeld & KitschKrieg“ und nicht „Joey Bargeld prod. By KitschKrieg“.

Die erste EP heißt ja „1“, die zweite „1.1“ und die dritte „1.11.“.

KitschKrieg: Die werden halt einfach immer geiler! Das ist eine Dramaturgie – „1“ ist so eine Art Vorstellungsrunde. Die startet ja auch mit „Bargeld“, da lernen die Leute Joey Bargeld erstmal kennen. Das ist noch relativ klassischer Rap. „1.1“ wird dann ein bisschen verrückter und bei „1.11“ entgleist das Ganze dann komplett. Wir wollen die Leute mitnehmen auf eine Reise – deshalb hat jede EP ihre Funktion. Zusammengefasst: „1“ ist die Vorstellung, in „1.1.“ entfaltet sich das Drama und „1.11“ ist dann das grandiose Finale. Die Leute, die dann noch dabei sind, kommen in den Genuss ganz besonderer Lieder.

Lyrisch zeichnen sich deine Texte ja eher dadurch aus, dass du manche Phrasen oder Wörter einfach total oft wiederholst – zum Beispiel bei „Bargeld“. Hat sich das für dich als die beste Strategie herausgestellt, deine Inhalte auszudrücken?

Joey: Ich hab einfach bei mir selbst das Gefühl, dass alles über zwölf Bars zu viel ist – vor allem, wenn man sich nicht an erster Stelle über die Technik ausdrückt. Wenn Rapper eine perfekte Technik haben, steht der Text mehr im Hintergrund. Da kann auch mal ein schlechter Satz kommen. Dadurch, dass ich keine krasse Technik habe, will ich, dass meine Sätze sitzen und nicht rumschwafeln.

KitschKrieg: Das fand ich am Anfang auch so interessant – dieses „runterreduzieren“. Diese Einfachheit fand ich beeindruckend. Das ist für mich auch ein bisschen der „Punk“ daran, Joeys Musik scheißt auf die etablierten Regeln. Freut euch auf „1.11“: Da werden sämtliche Regeln mit Füßen getreten. Aber so muss das auch sein – die neue Generation muss die alten Regeln über Bord werfen und neue Styles erfinden.

Nochmal zum Inhalt: Drogen, Cash… sind das Themen, die dich als Person beschäftigen oder etwas, was zur „Kunstfigur“ Joey Bargeld gehört?

Joey: Klar, Drogen beschäftigen mich auf jeden Fall immernoch. Und sowas wie eine Kunstfigur gibt es eigentlich nicht – das bin alles ich, das sind meine Texte.

KitschKrieg: Die Musik ist halt ehrlich und das macht irgendwo den Unterschied. Das ist auch wieder das punk-rockige – Joeys Stimme kommt ja woher, die hat man nicht einfach so. Das muss man schon gelebt haben.

Joey: Whiskey…

Hattet ihr bei der Produktion auch immer im Hinterkopf, dass das auch live geil sein muss, dass es ballern muss?

Joey: Klar. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass live spielen Spaß macht. Du bist dann mit den Leuten zusammen – und zwar nicht im Internet, sondern im echten Leben. Man kann einfach den Kopf ausschalten, abfeiern und ein bisschen springen.

KitschKrieg: Wir kommen ja auch aus dieser Livesituation, deshalb haben wir während der Produktion immer die Vorstellung, wie ein Song live funktioniert. Und dann gibt es bei der Produktion auch noch diese Momente, in denen Joey sagt, er will einen Song haben, zu dem er beim Konzert mit den Leuten tanzen kann. Das sind dann Tracks wie „Bounce“.  Der hat auf der Tour mit Trettmann und Haiyti einfach funktioniert. Wie gesagt – das ist keine Internet-, sondern Livemusik.

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