Review: Vega – Locke

Das Rezept für ein neues Vega Album erschien bisher meist recht ähnlich. Dramatische Streicher- und Piano Beats treffen auf Vocalsamples und drückende Drums. Vega rappt mit seiner eindringlichen Stimme über Loyalität, Straße und Frankfurt. Man kommt bei der Beschreibung der Musik oft nicht um das Wort „Pathos“ herum. Das Ganze findet zwar immer auf hohem Niveau statt, doch für großartige Innovationen war Vega bisher nicht bekannt. Vielmehr galt stets das Motto: Wo Vega draufsteht, ist auch Vega drin.

Neuer alter Sound

Das soll sich mit dem neuen Album „Locke“ ändern, wie schon in den ersten Singles klar wurde. Wenn Vega im Intro mit ordentlich Druck zu marschartigen Hörnern und Chören einsetzt, zeigt das, wie der Frankfurter 2020 klingen kann. „Denn dis hier ist das Beste, was ein Straßenrapper werden kann“. Erstmal keine Einwände vorhanden. Generell ist das Soundbild wohl das größte Gesprächsthema des Albums. Die Samples unterscheiden sich kaum von früheren Alben, doch den Drums und den Arrangements ist der Zeitgeist deutlich anzuhören. Was auf den vergangenen Platten vereinzelt ausprobiert wurde, wird hier zur Tugend. Das langsamere Tempo lässt Platz für die typisch trappigen Snare-Rolls und schnellen Hi-Hats. Die Zusammenarbeit in der Produktion mit Montez und Takt32 macht sich bezahlt und verschafft Vega ein Update für das neue Jahrzehnt. Auch stimmlich wird erstmalig mit Autotune experimentiert, was in Kombination mit Vegas kratziger Stimme für überraschende Momente sorgt.

Spagat zwischen Untergrund und Erfolg

Textlich fährt Vega überwiegend seinen gewohnten Film, auch wenn an einigen Stellen mehr mit Statussymbolen geflext wird als früher. Wenn also ein „paar Scheine im Stone Island Store für ein viel zu teures Hemd aus Nylonstoff verballert“ werden, steht das beim ersten Hören im krassen Gegensatz zum Jungen mit der „Lieber bleib ich broke“-Attitüde. Doch auch Vegas Lebensrealität hat sich in den letzten zehn Jahren wohl geändert und wenn sein Label „Freunde von Niemand“ nach Jahren finanzieller Schwierigkeiten heute gut aufgestellt ist, kann sich darüber wohl niemand ernsthaft beschweren. Über den „Brillis“ und „Richard Millies“ stehen jedoch immer noch die „Brüder“, wie auf „Die niemals schläft“ mit Takt32 klar gemacht wird. Dieser kommt auf dem Song mit einem extrem starken Part um die Ecke und zeigt, warum er derzeit bei einigen Rapperkollegen so gefragt ist.

Abgesehen davon fällt auf, dass Vega in seinen Texten sehr viel ruhiger geworden ist als früher. Das hat sich schon auf den vergangenen Alben gezeigt und wird auf „Locke“ konsequent fortgesetzt. Die Phrase „erwachsen geworden“ wird im Rap oft im negativen Kontext genutzt, aber es entsteht zumindest das Gefühl, dass Vega in den Zeilen freier und unbeschwerter als je zuvor agiert. „Vor 15 Jahren noch Haschisch holen am Bahnhof / Heute schreib ich dir ein Lied aus einem Café in Positano“. Klar, es ist immer noch Straßenrap, es ist oft immer noch hart, aber die Verbitterung gegenüber der Szene, welche auf früheren Alben noch häufiger zum Vorschein kam, ist fast komplett verschwunden. Das mag nicht nur an Vegas Gefühlszustand liegen, sondern auch gesellschaftliche Gründe haben. „Heut´ ist egal, ob ich enttäuscht bin von der Szene / Denn wir haben teurere Probleme“.

Frankfurt bleibt stabil

Diesen teureren Problemen wird mit „Schwarz/Weiss“ ein eigener Track gewidmet. Man muss an dieser Stelle nicht nochmal auf die zunehmenden Probleme mit Rechtspopulismus in diesem Land aufmerksam machen. Jeder, der es bis jetzt und auch nach Hanau nicht verstanden hat, wird es vermutlich auch in der Zukunft nicht verstehen. Die Jungs aus dem FvN-Camp haben sich schon in der Vergangenheit immer wieder mit einzelnen Lines gegen fremdenfeindliche Aussagen gerade gemacht und gezeigt, wie Straßenrap mit politischem Einschlag ohne erhobenen Zeigefinger funktionieren kann. Auf „Schwarz/Weiss“ rappen Vega und Featuregast Moses Pelham darüber, wie die Multikulturalität in ihrer Heimatstadt Frankfurt das Weltbild von AfD & Co. bedroht und Moses beweist, warum er noch immer einer der besten Schreiber des Landes ist. Man könnte an dieser Stelle problemlos den gesamten Text zitieren, doch schon eine Zeile bringt die Thematik gut auf den Punkt. „Deshalb reden hier rechte Menschen von Menschenrechten.“ Word!

Wie es sich für ein Vega-Album gehört, darf auch eine gehörige Portion Pathos und Kitsch nicht fehlen. Dies mag für den einen oder anderen an manchen Stellen etwas zu dick aufgetragen sein, bleibt aber letztendlich Geschmackssache. Wenn Vega beispielsweise über die Beziehung zu seiner Frau spricht, ist zwar jedes Wort absolut glaubhaft, doch ein Song hätte vielleicht auch gereicht. „So schön falsch“ wirkt, trotz der zweifellos gut gesungenen Hook, ein wenig wie die angepasste Popvariante von „Irgendjemand wie du“.

Vega 2.0

Vega erfindet sich auf „Locke“ nicht komplett neu, jedoch bringt er seinen Sound in die Moderne, ohne sich zu stark am Zeitgeist anzubiedern. Einige Fans mag das enttäuschen, doch im Kern steckt auch in diesem Album noch der Junge von der Bushalte. „Locke“ ist sicher kein perfektes Album, doch zeigt eindrucksvoll, dass Vega auch außerhalb seiner Komfortzone keine Konkurrenz scheuen muss. „Und wenn einer besser rappen soll, dann kenn ich den Spast nicht“. Kann man ihm so durchgehen lassen.

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