Die Rapkritikerin #4: Kollegah, SXTN, Fatoni & Juse Ju

Was versteht ihr unter dem Wort „kritisch“?
1. Einen als jugendgefährdend und bedenklich eingestuften Inhalt
2. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit bestehenden Missständen

Egal, was ihr darunter versteht: Im Rap gibt es genug Beispiele für beide Einsatzgebiete des Wortes. Deswegen stellt unsere Redakteurin Krissi Kowsky in ihrer Kolumne Die Rapkritikerin regelmäßig drei Songs vor, die entweder zur einen oder anderen Definition des Wortes passen. 

Kollegah – Psycho (feat. Farid Bang)

Niemand repräsentiert die hegemoniale Männlichkeit im Deutschrap stärker, als Kollegah. Er ist quasi die Personifikation vorherrschender Machtverhältnisse.

Die hegemoniale Männlichkeit ist eine Theorie der Soziologin Raewyn Connell aus dem Bereich der Geschlechterforschung. Darin werden Gründe und Wege aufgezeigt, durch welche Männer versuchen, ihre Privilegien gegenüber Frauen und Männern, die nicht dem Idealtypus von Männlichkeit entsprechen, aufrecht zu erhalten. Ein Weg scheint zu sein, sich möglichst genau an das aktuell vorherrschende Bild von Männlichkeit zu halten. Hier herrscht eine Art Wechselwirkung. Die Menschen haben bereits ein Bild von Männlichkeit in ihren Köpfen und Personen wie Kollegah tragen dazu bei, dieses Bild zu verfestigen und aufrecht zu erhalten. 

Die Hook aus Kollegahs Track „Psycho“ unterstreicht diese These äußerst passend:

Viel zu verlier’n ich sollte ruhig bleiben
Doch JBG steht für „Ich darf keine Furcht zeigen“
Und es ist egal, wie sie uns verurteilen
Boss und Banger sind zurück, also zur Seite

Geh zur Seite, ya kelb, es macht pow, pow, pow, pow
Ich bin Psycho wie Hulk, es macht pow, pow, pow, pow
Messer rein in dein’n Hals, es macht pow, pow, pow, pow
Geisteskrank, keine Angst, es macht pow, pow, pow, pow

Echte Männer sind also angeblich von Kopf bis Fuß trainiert, dürfen keine Furcht zeigen, sind bereit für den Kampf gegen was auch immer und fallen durch provozierendes Verhalten und Gewaltandrohung auf.
Auch visuell wird ein Klischee nach dem anderen bedient. In dem Video werden nur Dinge gezeigt, die in unserer Gesellschaft traditionell eher für Männlichkeit, als für Weiblichkeit stehen: Sportwagen, Schüsse, Feuer, Benzinfässer, Goldketten.

Eine weitere Möglichkeit, die Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, ist es, Frauen und Männer, die nicht in ihr Bild von Weiblichkeit bzw. Männlichkeit passen, herabzuwürdigen. Das passiert auch bei Kollegah:

Dieses Business fickt Kopf wie die Bitch von Rick Ross
Alles Fotzen, doch der Boss ein Mix aus Quarterback und Vorstandschef

Erst wird eine Frau als Bitch beschimpft, um anschließend die komplette Rapszene als „Fotzen“ zu bezeichnen. Nun könnte man sagen, dass hier ja primär Männer beleidigt werden, da die Rapszene nach wie vor von Männern dominiert wird. Das stimmt. Meine Kritik bezieht sich aber vielmehr auf die Auswahl des Schimpfwortes: Das Wort „Fotze“ ist eine beleidigende Beschimpfung der Genitalien von Frauen und steht für Schwäche und Verweichlichung. Dabei ist weder die Vagina noch die Vulva ein Körperteil, der für Schwäche steht, sondern vielmehr der Körperteil, der Kollegah überhaupt erst auf diesen Planeten gebracht hat. Davor scheint er wenig bis keinen Respekt zu haben. 

In diesem Track gibt es keine Passagen, welche Männer, die nicht in das vorherrschende Bild von Männlichkeit passen, herabwürdigen. Gemeint sind damit zum Beispiel Trans-Männer oder Homosexuelle. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, wie ein Mann aus der Sicht von Kollegah sein sollte, um als „bosshaft“ wahrgenommen zu werden. Hierbei dürfen wir nicht vergessen, dass die meisten Fans von Kollegah Jungs in der Pubertät sind, die ihn als Vorbild sehen und genau so sein wollen, wie er. 

Um Teenagern und Männern immer wieder zu zeigen, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn sie weinen, kein Interesse an Kraftsport oder „Weiber“ zu haben, ist es wichtig, auch andere Formen von Männlichkeit zu zeigen. Es ist wichtig, dass sich Männer – ganz egal, ob sie eine Vorbildfunktion haben oder nicht – in der Öffentlichkeit auch von ihrer weichen, emotionalen Seite zeigen und zu betonen, dass diese Eigenschaften vielmehr mehr Stärke, als mit Schwäche verbunden sind. Denn leider braucht es in unserer Gesellschaft nach wie vor Mut, sich den Geschlechterrollen zu entziehen und nicht dem typischen Bild von Männlichkeit oder Weiblichkeit zu entsprechen. Aber mutig sind doch angeblich alle Männer, oder nicht?

SXTN – Die Fotzen sind wieder da

Lasst uns bei dem Wort „Fotze“ bleiben. Denn auch die beiden hier, Nura und Juju, schmeißen die Beleidigung gerne mal um sich. Sie haben gleich zwei Lieder, bei denen „Fotze“ im Titel vorkommt: „Fotzen im Club“ und „Die Fotzen sind wieder da“.

Warum das etwas völlig anderes ist, sollte recht schnell einleuchten: SXTN beziehen das Schimpfwort auf sich selbst. Dadurch nehmen sie sowohl dem Wort, als auch Personen, die sie „Fotze“ nennen könnten, ein Stück weit die Macht. Ähnlich wie bei Schwarzen Menschen, die sich selbst oder ihre Freunde mit dem N-Wort bezeichnen. Das heißt aber nicht, dass es dadurch in Ordnung ist, wenn weiße Menschen sich dem Wort bedienen. Genauso wenig haben andere Frauen und Männer das recht, jemanden als „Fotze“ zu bezeichnen. Schimpfwort bleibt Schimpfwort. Es geht dabei eher um die Selbstbestimmung. Darum, sich von Worten nicht degradieren zu lassen, indem man sich die Macht einfach selber krallt.

Juju hat das in einem Interview mit der Juice mal so beschrieben:

„Ich find den Begriff »Fotze« selbst nicht so schön, aber ich finde es wichtig, dass Frauen ihn benutzen. Bevor ein Typ zu mir »Fotze« sagt, mach ich lieber einen Song, in dem ich zehnmal das Wort benutze, denn wie soll der Typ da noch einen draufsetzen und ihn gegen mich verwenden? Wenn ich Kommentare lese wie: »Die zwei Fotzen schon wieder«, dann juckt mich das gar nicht. Ich hab Songs, in denen ich mich selbst als Fotze bezeichne, dadurch verletzt es mich nicht mehr, wenn andere den Begriff benutzen. Als rappende Frau muss man aber damit rechnen, als Schlampe, Fotze oder Nutte beschimpft zu werden. Und da sag ich das lieber direkt als erstes, um anderen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen.“

Deshalb bezeichnen die beiden sich in dem Track „Die Fotzen sind wieder da“ auch als „Pennerbitches“ oder „Mannsweib“. Wegen ihrer ruppigen Sprechweise wird ihnen oft männliches Verhalten attestiert und sie müssen andauernd über Feminismus sprechen. Dabei sehen die beiden sich gar nicht als Feministinnen, was sie wieder und wieder in zahlreichen Interviews betonen. Für sie ist ihr Verhalten und ihr Ausdruck nichts männliches, sondern einfach die Art und Weise, wie sie sind. Sie sind genau so und das macht sie nicht weniger weiblich. Wäre unsere Welt nicht sexistisch, würde gar nicht auffallen, dass hier zwei Frauen so rappen, wie bisher noch keine Frau in Deutschland gerappt hat, da eine solche Sprechwesise in fast allen anderen Raptexten der absolute Standard ist.

Realtalk von ’nem Mannsweib,
was ja doch ’n bisschen rappen kann anschein’nd

Und wir schießen auf euch wie Rammstein
und ihr rappt immer noch wie in Frankreich

Du kannst gerne mal bei mir abwaschen,
Image kann euch nicht krass machen

Letztendlich geht es beim Feminismus, genau wie beim Kampf gegen Rassismus, darum, alle als gleich UND als individuell anzusehen. Das mag nach einem Widerspruch klingen, ist aber eigentlich logisch. Jeder Mensch – egal ob schwarz, weiß, dick, dünn, groß, klein, Mann, Frau, schlau, dumm – sollte als gleichwertig akzeptiert und als Individuum verstanden werden. Egal wo sie herkommen, wie sie aussehen oder welchem Geschlecht sie angehören. Frauen müssen nicht brav sein. Männer müssen nicht stark sein. Asiaten müssen nicht schlau sein. Schwarze müssen nicht sportlich sein. Dicke Menschen müssen nicht unsportlich sein.

es sind genau diese bestehenden vorurteile, die immer wieder als Begründung zur diskriminierung dienen.

Im Kampf gegen die Diskriminierung geht es darum, Vorurteile als Vorurteile zu benennen, um sie dann ablegen zu können und Menschen als unbeschriebenes Blatt Papier zu betrachten. Da unsere Gehirne aber immer wieder nach Bekanntem und nach Verknüpfungen suchen, ist das gar nicht so einfach. Aber es ist möglich. Wir müssen die Dinge also erste benennen, bevor wir sie bekämpfen können. Wenn der Kampf gewonnen ist, können wir aufhören, über Unterschiede zu sprechen. Endlich.

Fatoni & Juse Ju – Vorurteile (prod. The Gunna)

Kein Mensch ist frei von Vorurteilen. Letztendlich erschaffen wir uns durch Kategorisierungen und die ständige Suche nach Verknüpfungen ja auch ein Stück weit unser Weltbild. Wir wägen ab zwischen Gutem und Bösem und beziehen daraus unsere eigene Position.

In dem Song „Vorurteile“ von Fatoni und Juse Ju erklären die beiden durch das raushauen von massig Vorurteilen, dass sie keine Vorurteile hätten.

Du gehst zur Universität und schreibst dich ein für BWL
Ich halte dich für einen Spasten
Du arbeitest für Firmen wie Nestlé, Bayer oder Shell
Ich halte dich für einen Spasten
Du hast dir die DVD von Mario Barth gekauft
Ich halte dich für einen Spasten

BWLer*innen sind Kapitalistenschweine, Nestlé hat so viele Skandale am Hals, dass der STERN gleich mehrere davon in einem Artikel zusammengefasst hat, Bayer sorgt dafür, dass umweltschädigendes Glyphosat auf unsere Felder gesprüht wird und sorgt dadurch unter anderem für das rasante Bienensterben, Shell betreibt Fracking, Mario Barth ist sexistisch.

Was das sind nur Vorurteile?
Ich habe keine Vorurteile
Nur Araber haben Vorurteile
Was das sind nur Vorurteile?
Ich habe keine Vorurteile
Nur Amerikaner haben Vorurteile

Manchmal bestätigen sich Vorurteile, manchmal nicht. Natürlich sind nicht alle BWLer*innen Verfechter*innen des Kapitalismus und selbst wenn, müssen sie dadurch keine Schweine sein. Nestlé hingegen könnte vor lauter Skandalen nicht mal mehr durch das Durchsetzen von Weltfrieden das Karmakonto aufbessern und ist dennoch (oder gerade deswegen) der weltweit größte Lebensmittelkonzern. Dass dieser Konzern schlecht ist, ist also kein Vorurteil, sondern ein Fakt. Dadurch sind aber nicht gleich alle Menschen, die bei Nestlé arbeiten, automatisch schlechte Menschen. Trotzdem macht ihr unreflektiertes Handeln und das sich selbst aus der Verantwortung ziehen, sie auch nicht gerade zu guten Menschen. Vielen von ihnen vertreten sicherlich die Haltung „Wenn ich es nicht tue, tut es jemand anderes“. Stimmt. Aber wenn es keine*r macht, macht es nun mal keine*r. Wir können und sollten immer für uns selbst denken und handeln.

Bei all dem deuten und werten, verurteilen und in Schubladen stecken, sollten wir aber niemals vergessen, dass wir die Geschichte hinter dem Offensichtlichen oftmals nicht kennen. Wir wissen nicht, welche Beweggründe eventuell noch hinter auf den auf den ersten Blick fragwürdigen Handlungen stecken. Vielleicht will eines der BWL-Kapitalistenschweine das Unternehmen ja auch infiltrieren und von innen heraus zerstören? Wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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