Fundkiste #25: Wal de Mar – „Fickst du mit mir?“

Das Internet ist voller Schätze. Nicht selten stößt man auf einen wenig beachteten Rohdiamanten. Das Format „Fundkiste“ gibt eben jenen Juwelen die Möglichkeit, einem größeren Publikum vorgestellt zu werden. In unregelmäßigen Abständen werden handverlesene Künstler, Tapes oder Songs vorgestellt. Ob aktuell oder alt – Hauptsache dope.

Heute: Wal de Mar

 „Viele Tracks entstehen bei mir aber nachts, wenn ich übermüdet und fertig bin, und eigentlich schon längst schlafen gehen wollte. Dann ist der Kopf leer, ich mache Beats an und vibe einfach.“

Mit über 60.000 (mittlerweile 78.000) Klicks auf nur einen Track, der die richtige Balance zwischen ruhigen und dynamischen Passagen gefunden hat, darf durchaus schon mal von einem Phänomen im deutschen SoundCloud-Universum gesprochen werden. Besonders, wenn der Künstler selbst bisher auch nur ein einziges, kostenloses Tape veröffentlicht hat. Bei diesem Release handelt es sich um „Fickst du mit mir?“ und bei dem Künstler um Wal de Mar. Die Erklärung für die relativ große Resonanz auf nur einen Track erklärt sich Wal de Mar selbst größtenteils durch den SoundCloud-Algorithmus: „Als Yung Hurn (s/o) mir gefollowt ist und ‚Stoner Girl‘ geliket hat, tauchte der Song dann manchmal bei seinen eigenen Tracks unter den Related Tracks auf, und dann immer öfter auch bei anderen Tracks. Sonst habe ich auch keine Erklärung, außer dass es halt einfach ein Hit ist.“

Im Sommer 2014 hat er mit der Musik begonnen – aus purer Langeweile, aber mit einer schon immer vorhandenen Begeisterung für Musik: „Ich habe ein paar Leute kennengelernt die schon gerappt haben und dann hab ich das auch einfach mal probiert. Die ersten Freestyles von mir waren sehr dürftig. Dann habe ich probiert Texte zu schreiben und das funktionierte deutlich besser.“ Sein erster Text war ein Remix zu „Love Sosa“ von Chief Keef.

Seine Musik wirkt vom ersten Hören an sehr beruhigend, wofür auch die von ihm ausgewählten und zumeist mit einem dichten Soundbild versehenen Beats verantwortlich sind. Mit seinen Worten zeichnet er zum Teil Bilder, die sich während des Zuhörens direkt in den eigenen Kopf verpflanzen. „Beruhigend“ muss dabei nicht heißen, dass eine positive Stimmung mitschwingt. Auf „Fata Morgana“ beispielsweise sorgen Lines wie „Wenn ich morgen nicht aufwach ist der ganze Scheiß vorbei“, „Kein Vater, der da war“ und „Kein Geld auf dem Bankkonto“ eher für ein flaues Gefühl in der Magengrube, welches durch den trance-artigen Vibe des Beats und seines melodiösen Raps jedoch unbemerkt weggetragen wird, sodass ein Entspannungsempfinden bleibt.

Dann gibt es zwischendrin aber auch oberflächlichere Lifestyle-Tracks mit Lines zum Schmunzeln und eingängigen Hooks wie „Fire in der Trap“. Wobei es in Wal de Mars Tracks viele eingängige Melodie- oder Textsegmente gibt, auch wenn es beispielsweise nur ein „na na na na“ wie auf „Britney Spears“ ist – um einen Refrain in einen Ohrwurm zu verwandeln reicht das allemal. Oder „Auf meinem Grind“ der zwischen Selbstkritik („Ehrlich Bitch, ich bin jetzt fertig mit clever-Pizza jeden Tag, ich änder‘ dis“) und Selbstüberzeugung („Keiner so nice wie ich, ich bin nicht weitsichtig, doch sehe in der Zukunft, dass man von uns sehr lang spricht“) hin und her springt, wobei letzteres dann doch stark überwiegt.

Einer seiner älteren Tracks, „Hook & Sätze“, sticht wohl am meisten aus seinem sonstigen Soundbild heraus. Er selbst sagt auch, dass er anfangs viel auf Boom Bap-Beats geschrieben hat. Das liegt wohl daran, dass er zu seiner musikalischen Anfangszeit noch mehr aus dieser Musikrichtung gehört hat und es demnach zumindest auch mal selbst ausprobieren wollte. Das wird in Zukunft jedoch nicht so schnell wieder vorkommen, bestätigt er.

Er möchte, dass die Hörer sich zu seiner Musik entspannt bewegen können. Also ist ihm wichtig, dass sein Flow zum Beat passt, statt „Texte mit krassen Reimkombinationen und Wortspielen zu haben. Die Hooks und Flows sollen catchy sein, am Ende müssen halt Hits rauskommen.“ Daher sieht der Schaffungsprozess bei ihm oft so aus, dass er mit der Hook beginnt, um eine Grundlage für die Parts zu haben. „Manchmal setz ich mich hin mit dem Drang jetzt einen Song, oder zumindest einen Teil, zu machen, manchmal höre ich einfach Beats und irgendeiner catcht mich dann und ich fange an vor mich hinzusummen. Das nehme ich dann auf, und baue darauf die Hook auf.“ Trotzdem setzt er sich so oft wie möglich an seine Texte und feilt an ihnen solange herum, bis er eben zufrieden ist.

Einfluss auf seine Produktionen hat das, was in seinem Leben gerade vor sich geht aber auch die Musik, die er selbst hört: „Ich höre mir generell viel Musik an, es ist fast wie eine Sucht. Wenn etwas Neues rauskommt, klick ich es sofort an, egal ob Deutschrap, Amirap, R&B oder Pop. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen und werde trotzdem nie fertig. Ich höre aber auch viele ältere Musik aus verschiedenen Genres. Bei mir können mal 5 Tracks von Lil Uzi oder Young Thug kommen, dann wieder Songs von Sheryl Crow oder Mariah Carey und danach wieder Fler.“

Das, was er selbst für seine Musik erreichen will, gilt auch für die Musik, die er selbst hört: Man muss dazu viben können. „Was mich jedoch nach wie vor inspiriert und geprägt hat, ist so um die Zeit herum, zu der Kanye ‚Graduation‘ gedroppt hat. Damals habe ich viele spannende Künstler, wie Pharrell, Lupe Fiasco, Teriyaki Boyz oder Kid Cudi, für mich entdeckt, nicht zuletzt auch über meinen Bruder, der da immer mehr drinnen war als ich.“

Sein Bruder ist selbst Künstler unter dem Namen LMNOK und wird auch bald neue Musik releasen. Er hilft Wal de Mar bei einigen Songs und auch bei seinen Videos. LMNOK hat mit der Musikproduktion bereits vor seinem Bruder angefangen und auch besseres Equipment. Die Entfernung zwischen Wal de Mars Wohnort Wien und Bremen, dort wo LMNOK wohnt, macht es für die beiden jedoch nicht leicht, zusammen Musik aufzunehmen. Das ist auch der Grund, weshalb zwischen dem Track „Stoner Girl“ und dem Tape-Release so viel Zeit verstrichen ist. Doch sobald die beiden gemeinsam Zeit fanden ging alles ganz fix: „Als mein Bruder in Wien zu Besuch war, haben wir dann das Tape in einer Woche recordet und gemixt.“

Etwa einen Monat nach Relase seines ersten Tapes kam von dem Producer-Duo 101 auch schon ein erster Remix zu einem Wal de Mar-Track. „Ich habe auf Twitter Props an 101 gegeben, und Planemo (s/o) hat dann den Kontakt hergestellt. Die haben sich dann mein Tape angehört und wollten eben zu ‚Fickst du mit mir?‘ einen Remix machen. S/o auch an 101, die haben den Remix glaub ich in einer Nacht komplett mit Beat und allem gemacht, beste work ethic.“

Im Gegensatz zu vielen anderen aktuellen jungen Künstlern hat er kein Kollektiv um sich geschart. „Ich persönlich finde, dass ich in keines so richtig reinpasse und will lieber mein eigenes Ding machen, auch wenn man anfangs weniger Aufmerksamkeit und Reichweite hat. Ich starte aber demnächst mit Freunden was eigenes, das sich nicht nur auf Rap konzentrieren wird.“ Auch sein nächstes musikalisches Projekt in Form eines Mixtapes dürfte nicht mehr lang auf sich warten lassen, denn es wurde bereits für Frühling dieses Jahres angekündigt und wird den Namen „AMANDA“ tragen.

Sein noch aktuelles Tape „Fickst du mit mir?“ kann hier auf SoundCloud gestreamt oder hier kostenlos heruntergeladen werden.

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