Die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ ist mal wieder peinlich und „unfly“

Es gibt Dinge, die einen trotz des Vorsatzes, sie gelassen zu ignorieren, derartig belästigen, dass man sein Gehirn schlussendlich doch dabei erwischt, wie das limbische System auf „Alarm“ schaltet. Das „Voting für das Jugendwort des Jahres“ ist genau so eine Angelegenheit. Beim steten Versuch, diese Abstimmung bequem an mir vorbei ziehen zu lassen, werde ich alljährlich von einer regelrechten Flut medialer Zuwendungen zu diesem scheußlichen Votum überwältigt.

Kurz die Fakten: Zum zehnten Mal schon ruft der Langenscheidt-Verlag dieser Tage dazu auf, die originellste (und vermeintlich einflussreichste) Wortfügung, die in den vergangenen zwölf Monaten aus den Federn der lyrischen Taktgeber der neuen Generation auf die Welt entlassen wurde, zu küren.

Das wirre Gemenge aus schon zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Hochphasen lediglich mittelmäßig relevanten Twitter-Phrasen und ausdruckslosen Füllwörtern signifikant gewordener popkultureller Songtexte unser Zeit hält sich die Wage mit peinlich anmutenden Wortneuschöpfungen einer selbsternannten „Fachjury“. Laut der angebotenen Auswahlmöglichkeiten sind demnach Adjektive wie „gefresht“ und „sozialtot“ oder Tätigkeiten wie „fernschimmeln“ und „fermentieren“ derzeit in aller Munde. Mir wäre das allerdings neu.

Und als wären die 31 Vorschläge, unter denen das Ranking ausgetragen wird, nicht schon unangenehm genug, wurde jedes „Jugendwort“ zusätzlich an eine möchtergernwissenschaftliche Definition im Stile eines Rechtschreibwörterbuches gekoppelt. Danach ist ein „Teilzeittarzan“ jemand, „der sich hin und wieder wie ein Affe verhält.“ Dass jedes Wort explizit und in altehrwürdigem Behördendeutsch erläutert wird, ist in Anbetracht dessen, dass Menschen aller Altersklassen dazu eingeladen sind, sich an der Wahl zu beteiligen, durchaus einleuchtend.

Wer sich in diesen Momenten fragt, warum der Langenscheidt-Verlag überhaupt derartig krampfhafte Mühen anstellt, seine Abstimmung auf einem solch hohen und öffentlichkeitswirksamen Niveau über die Bühne gehen zu lassen, kann zum besseren Verständnis in die Hintergründe der Kampagne eingeweiht werden. Das Ganze passiert selbstverständlich keineswegs zum reinen Selbstzweck: Zwischen den Zeilen des Votings wird, mal hier mal da, Werbung für das neue „100% Jugendsprache Wörterbuch 2018“ aus den Reihen des eigenen Verlagshaus gemacht. Immerhin erfüllt die ganze Sache also einen geschäftlichen Zweck.

Während „die Jugend vor heute“, von Fremdscham gnadenlos überwältigt, in kollektive Gesichtsrötung verfallen dürfte, sorgt der halb-ironische Urnengang bei den Journalisten der fortgeschrittenen Altersklasse indessen für eine wahrhafte Hochkonjunktur: Vom Boulevardmedium über Lokalblätter bis hin zur Qualitätszeitung nimmt man die angetragenen Annäherungen an die Sprache der Adoleszenz mit offenen Armen an und ergötzt sich augenzwinkernd an der vermeintlichen Fancyness jugendlicher Mundarten. Dass der vermeintlich moderne Terminus hierbei mehr albern und abschreckend als auch nur annähernd wahrheitsgetreu ist, scheint ihnen dabei egal zu sein. Oder sie glauben den Scheiß auch noch.

Besonders bitter und qualvoll ist die Einsicht, dass deutscher Rap auch in diesem Jahr einige Meilensteine im Voting gesetzt hat und somit, wenn auch ungefragt, ein aktiver Teil dieser großen Karnevalsaktion ist.

Damit ihr mich nicht falsch versteht sage ich es in einer Sprache, die ihr versteht: Das ganze ist nicht besonders nicenstein, lieber Langenscheidt-Verlag! Spätestens jetzt sind all die Worthülsen, die ihr für euer Voting herbei halluziniert habt, hochgradig unfly. Ihr Teilzeittarzane seid einfach nicht mehr tinderjährig … Es wäre angebracht, wenn ihr das für ein und alle man ahnen würdet. Danke.

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